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Große Ambitionen und praktische Probleme auf dem Roskilde Festival (Teil 2)

Pfandsammeln auf Festivals


Im zweiten Teil über Pfandsammeln auf Festivals, im speziellen auf dem Roskilde Festival, geht es um die Probleme, die auftauchen, wenn ein bargeldloses Festival den gesammelten Pfand an die Sammelnden weitergeben muss und es zu technischen Störungen und Kommunikationsschwierigkeiten kommt.

interview Jonas Rogge
redaktion Tina Huynh-Le
fotos Sascha Krautz, Dominik Wagner, Lino Adriano, Alexander Schneider

Höme: Wie seid ihr zu „Responsible Refund“ gekommen?
Maria / Kopenhagen: Ich habe zusammen mit Andrea ein Infotreffen über das ‚Responsible Refund‘ Projekt besucht. Die Art, wie uns der Job beschrieben wurde, entspricht aber nicht dem, was hier passiert ist. Ich dachte, ich würde den Leuten das Pfandsystem erklären und nette Gespräche führen, die Geschichten der SammlerInnen hören. Tatsächlich musste ich die meiste Zeit beruhigen und versuchen, über ein System zu informieren, dass niemand so richtig zu kennen scheint.

Wie sah eure Vorbereitung aus?
Andrea / Kopenhagen: Wir hatten vor einem Monat ein zweistündiges Seminar. Wir wurden grob über das Pfandsystem und unsere Aufgaben informiert. Es gab auch eine 15-20 minütige Präsentation zum Thema Konfliktmanagement. Bei unserer Arbeit könne es passieren, dass Leute frustriert sind und laut werden. Ich glaube, niemand hat erwartet, dass es derartig eskalieren würde.

Ihr habt angedeutet, dass nicht alles ganz reibungslos abgelaufen ist.
A: Das Festival sollte dieses Jahr bargeldlos ablaufen, was eine gute Idee sein kann, wenn sie gut umgesetzt wird. Alle Geschäfte und Bars hier nehmen Kreditkarten an. Alternativ dazu gibt es ein internes Bezahlsystem, das über sogenannte „CashCards“ funktioniert, die du an den CashCard Stationen mit Bargeld aufladen kannst. Wir haben diese Karten kostenlos an die Sammelnden verteilt und an den Refund Stalls sollten ihre Einnahmen auf die Karten geladen werden. Die Bar-Auszahlung würde dann an den CashCard Stationen geschehen. Manche dieser Karten haben von Anfang an nicht funktioniert. Andere funktionierten beim ersten und zweiten Mal. Beim dritten Mal – es waren vielleicht schon 1000 Kronen auf der Karte – hat das Kartenlesegerät „Card Error“ angezeigt.

Behält man einen Beleg, wenn man seine Dosen abgegeben hat?
A: Manche haben die Belege gesammelt, manche nicht. Niemand hat erwartet, dass das System nicht funktioniert. Wir hatten Samstagnacht eine Schicht und eine am Montag. An den ersten Tagen waren die Leute noch sehr geduldig mit den Kartenproblemen. Am Montagabend waren wir dann kurz vor einer gewalttätigen Eskalation an unserem Refund Stall. Ca. zehn Leute haben sich mit den Volunteers gestritten. Sie wollten die Karten nicht mehr benutzen, sondern eine Quittung über das Gesammelte bekommen, mit der sie dann Bargeld bei den CashCard Stationen abheben können.

» 55 Refund Guides, die jeweils zu zweit in ihren Schichten arbeiten. Wenn du noch die Leute hinter dem Tresen zählst kommst du auf 500 Volunteers, die im Team Pfand arbeiten «

Warum ist das nicht einfach passiert?
A: Es war nicht so vorgesehen. Sie wurden angehalten immer die Karten zu benutzen, um das System mit den CashCards zu etablieren. Die Sammler sind das schwächste Glied in der Kette und mussten für die Folgen der schlechten technischen Umsetzung bezahlen. Und dabei waren sie geduldiger als ich es in ihrer Situation gewesen wäre. Du hast zwei Tage gearbeitet und Geld auf diese Karte laden lassen, in dem Wissen, dass die Karte vielleicht gar nicht funktioniert. Irgendwann wurde der Druck zu groß.
M: Uns kam es an beiden Tagen so vor, als wäre es an uns, die Probleme zu lösen. Es gab keine unmittelbare Reaktion von oben. Ich vermute, dass die Sammelnden, aus Spanien oder Italien, nichts von den CashCards wussten und dementsprechend Bargeld mitgebracht haben, um Essen zu kaufen usw. Wenn dann die Karten nicht funktionieren und keiner der Stände Bargeld annimmt, ist das schwierig. Wir hatten also eine Situation, in der um 5 Uhr morgens frierende Leute zu uns kommen und sich beschweren, dass sie nichts zu essen oder trinken kaufen können.
A: Wir haben uns an die Leute vom Refund Stall gewendet, die haben die Verantwortung auf die CashCard Stationen geschoben.
M: Die Leute wurden hin- und hergeschickt und das ist ein verdammt großes Gelände. Dabei muss man sich vorstellen, dass die SammlerInnen über 2000 Kronen inkl. Anreise investieren, um hier Geld zu verdienen.
A: Die Sammelnden haben uns nur gefragt, was das für ein schlechter Witz sei.
M: Ich verstehe nicht, wie so ein riesiges Non-Profit-Unternehmen in dieser Situation nicht unmittelbar reagieren kann. „Ok, hier stehen eine Menge hungrige, durstige Leute, die uns eigentlich einen großen Dienst leisten. Die Karten funktionieren nicht, also sorgen wir dafür, dass man mit Bargeld irgendwo etwas zu Essen bekommt“. Es gibt das „Cafe Pand“, aber das ist drei Kilometer entfernt und, wie wir herausfinden mussten, über Nacht geschlossen. Und wenn es geöffnet hat, ist das Essen dort sehr schnell verteilt. Von dem Refund Stall hier läufst du eine halbe Stunde dorthin und dann gibt es kein Essen mehr. Für mich war das eine emotional sehr aufreibende Erfahrung. Du hörst so viele persönliche Geschichten von den Sammlern. Und die haben sich mit vollem Recht unmenschlich behandelt gefühlt.

Ist das Geld auf den nicht funktionierenden Karten denn verloren?
A: Nein, man kann das mit einer Identifikationsnummer auf der Rückseite der Karte in der Datenbank nachvollziehen. Dafür müssen die Mitarbeiter bei der IT-Abteilung anrufen. Das dauert aber und die Mitarbeiter an den CashCard-Stationen haben sich oft geweigert das zu tun.

Klingt, als müsste man für Verbesserungen auf das nächste Jahr warten.
A: Soweit ich weiß, hat das Roskilde Festival vor 5-6 Jahren schon einmal ein bargeldloses System ausprobiert. Das ging schief. Dieses Jahr war schon ein bisschen besser, weil die meisten Leute zumindest bezahlen konnten. Ich hoffe, dass man aus diesem Jahr lernt und bei der Planung mehr Rücksicht auf die Sammelnden nimmt.

Sie werden ja auch gebraucht oder nicht?
A: Ja. Guck mal: Es gibt allein 55 Refund Guides, die jeweils zu zweit in ihren Schichten arbeiten. Wenn du noch die Leute hinter dem Tresen zählst (dort sind zu jeder Tageszeit min. 10 Leute) kommst du auf 500 Volunteers, die im Team Pfand arbeiten. Das ist schon ein Investment. Roskilde ist sich sehr bewusst, was für eine Rolle das Pfandsammeln für das Festival spielt.


Wollt ihr nächstes Jahr wiederkommen und wieder als Refund Guide arbeiten?
A: Das ist ein bisschen voreilig, frag mich doch nächstes Jahr im Mai nochmal.
M: Gleiche Antwort. Die Arbeit war wesentlich erfüllender und interessanter als ein Barjob. Meine persönlichen Vorurteile wurden von den ganzen Gesprächen, die ich geführt habe, so ziemlich vernichtet.
A: Die Arbeit mit den Sammelnden ist gut. Sie sind netter, als du denkst. Ich habe irgendwie erwartet, dass wir als fremd wahrgenommen würden, aber das war gar nicht der Fall. Die Mauer, die ich mir da zwischen Sammlern und uns Refund Guides ausgemalt habe, war reine Fantasie. Da sind einfach ein paar Leute, die Geld mit dem Pfandsammeln verdienen wollen, kein Drama.
M: Hätte ich persönlich diesen Stress mit dem System gehabt, wäre ich wesentlich wütender, nicht so entspannt wie die Leute hier. Ich habe 12 Jahre in der Serviceindustrie gearbeitet. Die meisten Kunden, mit denen ich zu tun hatte, haben immer ihren direkten Ansprechpartner für ihre Probleme verantwortlich gemacht. Wenn du eine Kellnerin bist, laden sie all ihre Unzufriedenheit auf dir ab. Den SammlerInnen hier war immer bewusst, dass wir nicht verantwortlich für die Probleme mit den Karten sind.

Letzte Schicht heute?
A: Nein, wir arbeiten noch heute und morgen, dann sind wir durch.


» Ich habe Zeit, bin zum Spaß hier. Für Sammelnde ist diese holprige Technik ein Stressfaktor. «

Festivals sind Orte, an denen Menschen zusammenkommen. Ungewöhnlich viele Menschen teilen für ein paar Tage Schlafplatz, Duschen, gute und schlechte Erfahrungen. Anna, die das „Responsible Refund“ Programm mitgegründet hat, möchte, dass Gruppen, die mit unterschiedlichen Interessen zum Roskilde kommen, besser zusammenfinden. Die Sammelnden und die anderen. Das Gespräch mit Maria und Andrea verdeutlicht, wie viele unterschiedliche Interessen hier zusammenfinden müssen. Neben den feiernden BesucherInnen müssen auch die verschiedenen Teams des Festivals eine Brücke zu den Sammelnden schlagen. Wenn sich aber Mitarbeiter wie Andrea und Maria auf die Seite der Sammelnden stellen, entsteht auf einmal ein Graben zwischen den einzelnen Teams. So haben es die beiden zumindest erlebt.
Das schlecht funktionierende CashCard System stellt die Volunteers vor unerwartete Probleme, Situationen, auf die sie vielleicht nicht vorbereitet waren. Während die Refund Guides immerhin eine Schulung zu Konfliktmanagement besucht haben, waren die Mitarbeiter an CashCard Stationen und Refund Stalls wohl nicht darauf eingestellt, dass eine Gruppe hungriger, wütender Menschen vor ihnen stehen würde und eine Lösung für Probleme mit nicht funktionierenden Bezahlkarten verlangt.
Ich habe selber eine CashCard benutzt und es hat oft mehrere Anläufe mit dem Lesegerät gebraucht, bis ich erfolgreich bezahlen konnte. Ich habe Zeit, bin zum Spaß hier. Für Sammelnde ist diese holprige Technik ein Stressfaktor. Zeit geht verloren, wenn man das dritte Mal die 5 Minuten vom Refund Stall zur Cash Card Station hin und her gelaufen ist.

Als wir das Gespräch mit den Refund Guides beendet haben, kommt ein junger Mann und bittet Andrea, ihn zur CashCard Station zu begleiten, weil sich die MitarbeiterInnen dort weigern, den Kontostand seiner defekten Karte manuell auslesen zu lassen. Wir begleiten die beiden und in Begleitung von Andrea wird dem Mann sein Wunsch dann doch erfüllt.

Tatsächlich wollen auch wir noch mehr Brücken schlagen bzw. weiter ausbauen. Wir ändern unsere Taktik und sprechen Leute an, die irgendwo auf dem Zeltplatz abseits der Campingpartys unterwegs sind.

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