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Mehr als eine Woche Saufen und Musik

Politik auf Festivals


Politik auf Festivals, geht das? Wir haben uns gefragt, wie sich Chelsea Manning, Debatten zum Klimawandel und kapitalismuskritische Kunstaktionen in das Gesamtgefüge aus acht Tagen Konzerten und Zeltplatzparty einfügen. Geht das alles zusammen oder ist der Bezug zu politischen Themen immer die Nadel in der utopischen Blase Festival?

text Jonas Rogge
redaktion Tina Huynh-Le
fotos Dominik Wagner, Till Petersen

Festivals werden gerne als Alternativ-Realität dargestellt. Der Wunsch danach sich zu verlieren und den Alltag zu vergessen, sind wesentliche Elemente des Festival-Narrativs. Wenn das Wochenende vorbei ist, verschließt sie sich wieder, diese andere Welt. Muss das so sein? Könnte man nicht Ideen aus der Alternativ-Realität mitnehmen und diese im sogenannten Real-Life bedeutungsvoll machen?

Das Roskilde Festival in Dänemark beantwortet diese Frage für sich mit einem eindeutigen ‘Ja, kann man’. Wir haben uns vor Ort umgeschaut.


Ungewöhnliche Headliner

Ich stecke meinen Kopf verschlafen aus dem Zelt. Keine*r da. Ich krieche raus und setze mich auf das Stück Wiese unter dem Pavillon. Ich merke gleich, dass ich eine Beschäftigung brauche. Ich weiß immer nicht so richtig wohin mit mir, wenn ich auf Festivals aufstehe und keine vertraute Runde als soziales Auffangbecken vor meinem Zelt sitzt. Schlafen die noch oder sind die schon unterwegs? Keine Uhr, mein Handy hat keinen Akku mehr. Die Vorstellung, über das Festivalgelände zu streifen, erscheint mir leichter, als mich hier im Pavillon gemütlich einzurichten. Ungelenk krame ich noch ein paar Sachen aus dem Zelt, packe sie in einen Beutel und schlurfe los.

Ich gehe zu den Bühnen. Auf einer der kleineren Bühnen, wo sonst viel Experimental und sogenannte Weltmusik läuft, spielt gerade ein älterer Mann Saxophon. Ein anderer, es könnte sein Enkel sein, drückt auf Synthesizern und Drumcomputern herum. Das Programm fängt um 10 Uhr morgens an, es ist also nach zehn. Ich hole mir einen Kaffee, eine Zimtschnecke und setze mich an die Seite. […]

Das Konzert, bei dem der Mann am Saxophon gespielt und gleichzeitig lustige Geräusche mit seinem Mund gemacht hat, ist mittlerweile vorbei. Ich sitze immer noch an der gleichen Stelle und meditiere über meinem Kaffee, als der Host auf die Bühne tritt. „Willkommen, guten Morgen! Auf den nächsten Gast haben wir lange gewartet, wir haben seit Jahren versucht, ihn zu bekommen. Er begeistert und inspiriert junge Menschen in ganz Deutschland. Ich bitte um Applaus für Gregor Gysi.“

Ein utopischer Ort, an dem ich fröhlich auf engstem Raum mit Fremden zusammen bin, die sich nicht daran stören, wenn ich in ihrem Vorgarten sitze. Gregor Gysi stört diese Utopie.

Was? Warum? Wie kann man denn hier einen Parteipolitiker auf die Bühne stellen und den auch noch ankündigen wie einen Popstar? Ich blicke mich um und suche nach Bestätigung für meine Empörung. Doch in den Gesichtern der Umstehenden und -sitzenden finde ich sie nicht. Eher Desinteresse. Leute, die sich ein paar Mal umschauen, als würden sie gleich abgeholt werden, sehe ich. Ansonsten aber vor allem freundlich lächelnde Gesichter, die interessiert auf die Bühne schauen.

Bislang war das Festival für mich ein Zufluchtsort. Ein seltener Raum, in dem ich nicht von Werbung umzingelt bin und in dem Unterschiede sozialer Herkunft in Staub und Bier gehüllt werden. Ein utopischer Ort, an dem ich fröhlich auf engstem Raum mit Fremden zusammen bin, die sich nicht daran stören, wenn ich in ihrem Vorgarten sitze. Gregor Gysi stört diese Utopie. Er bringt ein Stück trister Realität mit aufs Festival.

Zum Glück hat dieser Auftritt nicht wirklich stattgefunden, war frei erfunden. Auf dem Roskilde Festival habe ich mir aber mit hunderten anderen Begeisterten ein Gespräch mit Chelsea Manning angeguckt. Die Frage ist, ist das so ein großer Unterschied?

Chelsea Manning war nicht die einzige politisch motivierte Akteurin, der auf dem Roskilde 2018 eine Bühne geboten wurde. Es gab ein vielfältiges Programm aus Diskussionsrunden, Workshops und Kunst, das auf das Thema „Equality“, also soziale Gleichstellung ausgerichtet war. Wir haben uns einige dieser Veranstaltungen angeschaut und versucht, zu verstehen, wo dieser Unterschied liegen kann zwischen parteipolitischer Agitation und dem Aufwerfen wichtiger sozialer Fragen. Möglicherweise gibt es hier jenseits des Parteienwettstreits ein Potential zur Politisierung, das nicht verschenkt werden sollte. Kann das Festival nicht auch ein Ort sein, an dem neue Modelle des Zusammenlebens entwickelt werden, an dem Kraft für politisches Engagement im Alltag geschöpft wird?

Klimawandel auf dem Campingplatz

Montagmorgen – Die Sonne ballert auf mein Zelt. Ich habe mich noch nicht von Decathlon einfangen lassen und bewohne ein Zelt, in dem es bei diesem Wetter ab 9 Uhr ganz klassisch unerträglich heiß und stickig wird. Eigentlich untypisches Roskilde-Wetter. Ich bin schon seit 10 Tagen in Dänemark und die Sonne scheint seitdem jeden Tag so stark, als würde sie die Erde in Brand setzen wollen. Sieht so unser Ende aus?
Ich stecke meinen Kopf verschlafen heraus und freue mich über ein wenig Schatten und einen Campingstuhl unter dem Pavillon. Um 12 Uhr bin ich mit meinen Hömies verabredet. Wir wollen uns eine Diskussionsrunde mit einem Klimaaktivisten anschauen, das passt ja. Nach einem halbstündigen Spaziergang quer über das Campinggelände kommen wir beim „Flokkr“ an. So heißt das Zelt, das dieses Jahr neu entstanden ist und in dem fast alle Talks stattfinden.

Sind die meisten am Ende wegen des Schattens hier oder wollen die etwas über Klimawandel hören?

Die schattigen Sitzgelegenheiten und die Ruhe sind schon Grund genug, die Veranstaltung zu besuchen. Vor der Bühne hockt man auf Miniatur-Liegestühlen. An den Bierbänken und -tischen sitzen viele, die sich bei den naheliegenden Ständen etwas zu essen geholt haben. Sind die meisten am Ende wegen des Schattens hier oder wollen die etwas über Klimawandel hören?
Auf der Bühne erscheint der Moderator, ein freundlich lächelnder Mann Mitte 30, der Vollbart und kurze Hose trägt. Er hat eine verbeulte Trinkflasche aus Metall in der Hand. Der Moderator fordert dazu auf, seinen Arm zu heben, wenn man sich Sorgen ums Klima macht. Je höher der Arm, desto größer die Sorge. Sehr viele strecken den Arm sehr hoch. Das gleiche Spiel mit der Frage, wie aktiv man gegen den Klimawandel vorgehe? Die Arme heben sich im Schnitt auf mittlere Höhe. Es scheinen viele hier zu sein, die sich ohnehin schon für das Thema interessieren, es sind vor allem junge Frauen.

In der Gesprächsrunde stehen zwei Klimaaktivisten, Olivier Nikienta Tuina aus Burkina Faso und ein dänischer Jugendlicher, der sich für die Organisation für Nachhaltigkeit „Vedvarende Energi“ engagiert. Diese richtet auch die Veranstaltung aus. Der Vortrag des jungen Burkiners ist emotional, er berichtet von den Erfahrungen, die die Bauern seines Landes mit dem Klimawandel machen. Die Folgen ansteigender Temperaturen seien schon sichtbar, bedingten kürzere Regenzeiten und damit schlechtere Ernten. Auf die Frage nach seiner Motivation, antwortet er, dass er sich den Bauern seines Landes verpflichtet fühle, die sonst keine Stimme in der Welt hätten. Und er richtet einen klaren Aufruf an seine jungen Zuschauer*innen: „Ihr wollt nicht auf eine Jugend zurückblicken, in der ihr nur gefeiert habt. Tut etwas, auf das ihr später stolz sein könnt“. Das Publikum applaudiert, die meisten sind geblieben und wirken bewegt von dem animierenden Vortrag des Burkiners.

Nachdem die Problematik durch einen direkt Betroffenen persönlich vermittelt wurde, stellt der dänische Aktivist die Möglichkeit lokalen Engagements dar. Der junge Däne erzählt von Wegen, sich auf dem Roskilde nachhaltig zu verhalten und hebt die positiven Ansätze hervor. Die Besucher*innen hätten aber auch eine Verantwortung, die Angebote, z.B. die Recyclingstationen, zu nutzen. Das Publikum im Flokkr lässt er wissen, dass sie mit ihren Sorgen um die Umwelt nicht allein sind. Sie sollten den Mut haben, sie sichtbar zu machen, damit andere erkennen können, dass Klimaaktivismus nicht uncool ist.

Der Moderator mit der Metallflasche ist voller Pathos und spricht viel von dem „wundervollen, grünen Planeten“, von dem auch er träumt. Am Ende tanzen alle zusammen einen eigens kreierten Klimatanz: „Ja, wir wollen etwas verändern!“ Die Aufbruchstimmung kommt mir ein bisschen überinszeniert vor, die Veranstaltung ist weniger ernste Debatte als Raum der Agitation. Oder netter formuliert: Ein Ort, an dem Begeisterung vermittelt werden soll. Und vielleicht kann und soll hier auch gar nicht mehr geleistet werden. Wenn die Erinnerungen an Musik, Parties, erste Küsse und neue Freund*innen sich mit dem Thema Klimawandel vermischen, kann das ein Quell von Energie sein. Energie, sich mit dem Thema zuhause auseinanderzusetzen, zu engagieren oder einfach nur den Müll zu trennen.

Die Jungs aus Stavanger, die wir nach dem Talk zu ihrem Erlebnis befragen, sind ein gutes Beispiel für die Emotionalisierung, die bei den Besucher*innen ausgelöst werden kann.

Wie seid ihr auf die Veranstaltung gerade aufmerksam geworden? Total zufällig. Wir haben uns nur Drinks geholt und sind hier vorbeigelaufen. Wie habt ihr den Talk erlebt. Es war gut, hat Spaß gemacht. Ehrlich gesagt, hat es mich auch überwältigt, wie engagiert die Redner für ihre Sache sind. Also, mir hat es die Augen geöffnet. Ich wusste etwas darüber [über Klimawandel], aber nicht, dass es so ein schweres Problem ist. Habt ihr euch vorher mit dem Thema Nachhaltigkeit auf dem Campingplatz beschäftigt? Nein, gar nicht. Das war eine lebensverändernde Erfahrung. Du läufst hier rum, und scheiße, du bist auf dem Festival, du denkst doch nicht an den Klimawandel. Und hier wird das in den Mittelpunkt gestellt, das ist wichtig, wir brauchen das.
Wie viele Dosen Bier braucht ihr, um die Sorgen über das Klima zu vergessen? Die Beiden einigen sich auf acht.

Vielleicht ist die Begeisterung der zwei Player bald verflogen. Vielleicht werden sie nach dem Festival zu engagierten Klimaaktivisten. Das wäre schön. Ihr Beispiel zeigt aber einen weiteren Aspekt der Politisierung im Kontext Festival. Das Festival ist ein Ort der Hyperemotionalisierung. Eine Mischung aus Alkohol, wenig Schlaf und vielen schönen Erlebnissen macht Besucher*innen empfänglich, sei es für Produktwerbung oder die Setzung politischer Inhalte. Die 130.000 zu großen Teilen jugendlichen Gäste beim Roskilde sind eine attraktive Zielgruppe, sowohl für Unternehmen als auch für politische Akteure. Und das Festival ist bei Veranstaltungen wie den Talkrunden immer auf Partner*innen angewiesen, meist NGOs, die die nötige Expertise mitbringen. Ist das Risiko, dass die gebotene Plattform für einseitige Indoktrination missbraucht wird, am Ende nicht zu groß?

Antikapitalistische Fabelwesen

Francis bringt die Sache auf den Punkt: „Das Publikum ist sehr jung. Aber diese Jugendlichen gehen wählen. […] Das hier ist ein sehr guter Kontext, um neue Ideologien zu verbreiten“. Keine Ahnung, ob er darin auch ein Problem sieht oder er nur an Ideologien denkt, die er für die Guten hält. Neil ergänzt: „Oder alternative Ideologien, entgegen der Mainstream-Kultur“.

Francis ist Production Manager bei einem Workshop und einer Performance, die von den schottischen Aktionskünstler*innen Zoe Walker und Neil Bromwich geschaffen wurde. Dabei soll die „Schlange des Kapitalismus“, eine gigantische Stoffschlange, in einer Prozession über den Zeltplatz getragen werden. Die Schlange wird sich am Ende häuten, Zoe beschreibt das als einen kollektiven Akt, in dem die Möglichkeit der Veränderung durch das Ritual erlebbar wird. Der Workshop, in dem Kostüme für diese Prozession gebastelt werden können, befindet sich gleich neben dem Flokkr, in dem wir eben noch den Klima-Aktivisten zugehört haben. Auf den ersten Blick macht es nicht den Eindruck, als würde der Workshop viele Teilnehmer*innen finden. Die paar, die sich an dem großen Arbeitstisch tummeln, scheinen Teil des Teams zu sein. Francis geht um den großen Arbeitstisch und sieht mit den langen Haaren und dem bunten Umhang ein bisschen wie ein Zauberer aus.




Zoe und Neil sehen aus wie ein britisches Pärchen auf Städtetrip. Dabei haben sie in ihrer Arbeit ein ernstes Anliegen. „Der Kapitalismus ist eine Art Fiktion, an die noch alle glauben. Er ist eine müde, abgenutzte Idee.“ Sie sind überzeugt davon, dass der Kapitalismus keinen Bestand haben wird und beschäftigen sich mit der Frage, wie es weitergehen kann. Im Rahmen von Workshop und Prozession wollen sie den Besucher*innen die Möglichkeit geben, über Arbeit und Freizeit neu nachzudenken. Das Ziel sei dabei nicht die Vermittlung von intellektuellen Inhalten, sondern eine Erfahrung der Kooperation. Zum einen die Zusammenarbeit mit anderen Teilnehmer*innen und zum anderen das Zusammenwirken von Körper und Geist. Neil sieht eine besondere Kraft darin, „etwas mit seinen Händen zu fertigen und dabei gleichzeitig sein Gehirn zu benutzen. Wir tun das nicht mehr oft“. Praktisch kann diese Erfahrung ganz banal sein, so Neil: „Die Besucher müssen nicht zum Campingladen laufen, um sich lustige Brillen zu kaufen. Sie können hier ihre eigenen Verkleidungen herstellen“.

Die Kurator*innen des Roskildes wurden bei einem Kunstfestival in Edinburgh auf die beiden aufmerksam. „Sie haben die Performance mit einem Drachen gesehen und uns daraufhin kontaktiert“, erzählt Zoe. Das Ideal der Zusammenarbeit der Aktionskünstler*innen passt zum Roskilde. Das Festival wird vor allem von Freiwilligen auf die Beine gestellt, mehr als 30.000. Aus Neils Sicht wirft das die Frage auf, worin man seine Zeit und Arbeitskraft einbringen möchte und welche Gegenleistung man dafür erwartet. Hinzu kommen die DIY-Kultur und die starke Gemeinschaft, die beim Roskilde in den Camps hochgehalten werden. In den „Clean-Out-Loud-Camps“ melden sich Gruppen an, die Spiele organisieren, Feste und Paraden feiern und dabei Werbung für ökologische Nachhaltigkeit und einen sauberen Campingplatz machen. In der „Dream City“ bauen manche Camps schon Monate vor Start des Festivals an eigenen Bars, ihrer Tanzfläche oder Installationen. Dieses Jahr hinzugekommen ist die Leave-No-Trace-Area, in der sich die Camps darauf konzentrieren, ökologisch nachhaltige Lösungen für klassische Zeltplatzprobleme zu finden, wie den Roskilde-typischen Betrieb von riesigen Soundsystems. Es gibt solarbetriebene Musikanlagen, eine Crew hat ernsthaft ein kleines Windrad aufgebaut.



Visionäre, Festivalschaffende

In dem Presskit des Festivals heißt es, dass das Roskilde dazu inspirieren wolle, durch aktive Teilhabe einen Wandel zu mehr Gleichheit in der Welt zu bewirken. Konkret: „Der Wandel, der lokal ist, beim Individuum anfängt und der Wandel, der in Gemeinschaft geschaffen wird und von dort ausstrahlt“. 
Wir haben uns mit der Pressesprecherin des Roskildes getroffen und die Fragen, die uns bislang beschäftigt haben, auch ihr gestellt. Christina Bilde strahlt uns an. Sie wirkt wie eine Frau, die von ihrer Arbeit begeistert ist, sie hat eine Mission. Wenn man sie lässt, referiert sie minutenlang über die Geschichte des Roskilde Festivals, seine Ambitionen und Erfolge. Doch unterbricht man sie mit einer Nachfrage, schaut sie einen wach und konzentriert an. Schon ganz zu Anfang grenzt sie die sozial-politische Agenda des Festivals von Parteipolitik ab. Sie würden auch intern lieber von Werten reden, die in den Mittelpunkt gestellt werden, als von politischen Inhalten. Dass sie das überhaupt tun, begreifen sie als ihre Verantwortung, erzählt Christina Bilde: „Wenn wir über Gleichheit sprechen, ist da eine direkte Verbindung zu unseren Wurzeln, unserer DNA als NGO, die geschaffen wurde, um sich für das Wohl von Jugendlichen und Kindern einzusetzen“. Das Roskilde Festival arbeitet als Non-Profit Organisation. Alle Gewinne werden für wohltätige Zwecke gespendet, jedes Jahr wird eine Spendenliste veröffentlicht. Das Festival hat große Ambitionen, seine Besucher*innen zu erreichen, Aufmerksamkeit auf Inhalte zu lenken, die Management und Festival-Ausschuss für wichtig halten. Weil man den Eindruck hatte, dass man den Themen in einem Jahr nicht gerecht werden könne, wurde „Equality“ für drei Jahre Leitmotiv des kulturellen Programms, erzählt die Pressesprecherin. Sie meinen es ernst. Und sie haben ein gesundes Selbstbewusstsein für ihre Reichweite. Bevor man sich in den Dienst einer Partei stellen würde, würde man sich eher noch selbst als Partei betrachten, so Christina Bilde.

„Wir glauben, dass die Gleichstellung von Menschen und Ländern essentiell für eine nachhaltige, gut funktionierende und demokratische Weltgemeinschaft ist.“ So steht es im Presskit. Und doch, es ist eine politische Entscheidung, Gleichheit auf globaler Ebene in den Mittelpunkt zu stellen. Es ginge nicht um die Vermittlung konkreter Positionen, sondern darum, Bewusstsein für Probleme zu schaffen, Menschen zu einer aktiven Haltung in der Welt zu inspirieren. Dabei wählt das Festival aber die Probleme, mit denen sich die Gäste beschäftigen sollen. Man könnte die Aufmerksamkeit auch auf eine drohende Überfremdung lenken und das Publikum dazu inspirieren, die eigene Kultur zu verinnerlichen. Auch in Dänemark, in der die Minderheitsregierung von der rechtspopulistischen „Dansk Folkeparti“ gestützt wird, finden sich heute genug Menschen, die das für die relevanten Probleme unserer Zeit halten. Das Roskilde bietet aber Zoe Walker & Neil Bromwich, einem offen anti-kapitalistischen Künstler*innenduo, eine Plattform. Man kann sich kaum vorstellen, dass die wirtschaftsliberal orientierte Regierung das für einen wertvollen Umgang für dänische Jugendliche hält.

„Wir hatten auch schon rechte Politiker hier und was sie gesehen haben, sind junge Leute, die engagiert und freundlich sind, auch zu Menschen, mit denen sie nicht die gleiche Meinung teilen.“ – Christina Bilde

Es überrascht deshalb, dass ihnen die politischen Parteien größtenteils wohlwollend gegenüberstehen. „Wir hatten auch schon rechte Politiker hier und was sie gesehen haben, sind junge Leute, die engagiert und freundlich sind, auch zu Menschen, mit denen sie nicht die gleiche Meinung teilen. Dass wir so eine Atmosphäre schaffen, wird sehr respektiert“, erzählt Christina Bilde. Dabei hilft vielleicht auch, dass sich das Festival einer politischen Lagerzuordnung verweigert. Sie wisse zwar, dass ihre Positionen von manchen als links eingestuft würden, „aber ich habe auch schon konservative, keine extrem rechten, Schriftsteller gesehen, die anerkannt haben, dass unsere eigentliche Botschaft ist: ‚Wir glauben an die Menschen.‘ Wir glauben, dass Menschen in Gemeinschaft etwas verbessern können“. Das Roskilde ist weit davon entfernt, ein konspirativer Treffpunkt oder Schutzraum von Gleichgesinnten zu sein. Sein Potential trägt es wesentlich darin, dass es im Mainstream angeordnet ist und ein breites soziales Spektrum erreichen kann. Manche kommen wegen 8 Tagen Vollrausch und einmal Bruno Mars gucken, andere für ein herausforderndes Musikprogramm, mongolische Kehlkopfgesänge und japanische Saxophon-Experimentalist*innen.



Ein Bewusstsein für die Diversität des Publikums zeigt sich bei der Art des Zugangs, den sie für die Auseinandersetzung mit politischen Themen wählen: „Wir hatten immer Aktionen, die Bewusstsein schaffen sollten und Aktivismus gefördert haben. Diese mussten symbolisch sein, sie mussten visuell stark sein, spielerisch und einfach sein“. So kommt es, dass neben den Diskussionsrunden ein Steuerparadies-Bingo im Flokkr gespielt wird und nebenan das „Equality-Stadium“ steht. Ein Fußballfeld mit unterschiedlich großen Toren, der Boden ist auf der einen Hälfte Rasen, auf der anderen Sand, der dazu noch mit Attrappen von Landminen bestückt ist. Hier werden ungleiche Ausgangsbedingungen in einem vertrauten Kontext erlebbar gemacht.

Christina Bilde hat aber den Eindruck, dass die Art der Beschäftigung mit sozialen Themen ausgehend vom Publikum ernster geworden sei. Sie beobachte, „dass junge Leute heute mehr um die Umwelt besorgt sind und mehr soziales Bewusstsein haben als Jugendliche vor 10 Jahren“.

Politisierung muss also gar nicht aufgezwungen werden, das Interesse ist da. Bleibt immer noch die Frage nach den Inhalten, bei denen sich das Festival nicht scheut, klare (werte-)politische Position zu beziehen. Beides zeigt sich 2016, als Edward Snowden über Videoleinwand zu zehntausenden jungen Besucher*innen beim Roskilde spricht. Die Diskussion neuer Technologien und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft nehmen im Programm viel Raum ein. In einem Interview mit Wirtschaftsstudent*innen aus Kopenhagen spricht Christina Bilde davon, dass die Festivalstadt Roskilde als Testlabor für Technologien genutzt werden könne, die nachhaltige Lösungen für gesellschaftliche Fragen größeren Maßstabs versprechen.

Festivals sind anarchische Orte. Hunderte bis Hunderttausende Menschen leben gemeinsam auf engem Raum und bilden für ein paar Tage ihre eigene kleine Gesellschaft. Dabei geben Festivalveranstalter*innen den Rahmen vor, doch die Regeln auf dem Zeltplatz machen die Besucher*innen. Muss dieser Ort nicht geschützt werden? Vor Firmen, die neue Technologien oder politischen Akteur*innen, die ihre Ideologien verbreiten wollen?

*Das ausführliche Interview mit Christina Bilde gibt es HIER zum nachlesen.

Vorbilder als Headliner

Donnerstagnachmittag, vor der Gloria, der einzigen Indoor-Bühne, stehen hunderte Menschen. So viele, dass Ordner*innen aus einer Schlange zwei machen. Das vordere Tor, sonst nur Ausgang, dient als zweiter Eingang. Der Altersschnitt ist im Vergleich zu den Warmup-Tagen deutlich gestiegen. Hip gekleidete Mitt-bis-End-Zwanziger*innen dominieren das Bild.

Auf der Bühne stehen zwei Lehnsessel und eine Stehlampe, die die Szene in braun-rötliches Licht taucht. Ein etwas antiquiertes Setting für ein Gespräch mit einer Frau, deren Biografie exemplarisch drängend aktuelle Fragen aufwirft. Da ist auf der einen Seite die persönliche Frage, ob ein Geschlecht bei der Geburt von Ärzt*innen festgelegt wird und ob zwei Optionen hinreichend sind, um dem Individuum gerecht zu werden. Da sind aber auch die sicherheitspolitischen Fragen: Muss die Arbeit von Militär, Geheimdienst und Polizei transparent gemacht werden? Und welches Recht hat der oder die Einzelne in den riesigen Datenbanken, die Unternehmen wie staatliche Institutionen betreiben?

Als Chelsea Manning die Bühne betritt, brandet lauter Applaus auf. Die Gloria ist gut gefüllt, Sitzplätze gibt es nur auf den Tribünen ganz hinten und an der Seite, doch auch da stehen die Zuschauer wieder auf. Die Rednerin wird begrüßt wie ein Rockstar.

Chelsea Manning war die erste Person, die für „Whistleblowing“, das Veröffentlichen geheimer Dokumente, ins Gefängnis ging. Sie etablierte eine neue Form des Widerstands aus dem Inneren eines Systems heraus und an ihr wurde in den USA ein Exempel statuiert. Wer geheime Daten verbreitet, egal in welcher Absicht, begeht Landesverrat. Im Gespräch gesteht Chelsea Manning, dass sie gar nicht mit einer Haftstrafe gerechnet habe. Sie wusste, dass sie ihre Stellung im Militär und ihre Privilegien verlieren würde. Und dass es schwer werden könnte, nochmal eine Anstellung zu finden. Ende 2013 wurde sie zu 35 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Überraschend unstrukturiert erzählt Manning von dem Prozess, mit ihrer neuen Situation nach dem Schuldspruch umzugehen. Sie musste sich darauf einstellen, die nächsten 35 Jahre im Gefängnis zu verbringen. Da ist mehr persönliche Selbstreflexion als durchgeplante politische Slogans. Das ist angenehm, sympathisch, aber auch irritierend, weil sie doch eine Art Tournee mit ihrer Geschichte bestreitet. Einige Wochen zuvor hat sie vor tausenden Zuschauer*innen auf der Re:publica in Berlin gesprochen.

Warum sie das macht? Da ist wieder das Pflichtgefühl, das auch schon der Klimaaktivist Tuina als Motivation angegeben hat. Eigentlich habe sie sich nach der überraschenden Begnadigung 2017 vorgenommen, sich um ihr Privatleben zu kümmern. Sie betont, dass sie den Großteil ihrer Zwanziger im Gefängnis verbracht hat. Sie habe noch nie in einer eigenen Wohnung gelebt oder Steuern gezahlt. Doch die Sicherheitspolitik in den USA erinnert sie in ihrer Methodik an die Verhältnisse, die sie aus den Auslandseinsätzen, zum Beispiel in Afghanistan, kennt. Die Überwachungstechnologie, an der sie mitgearbeitet hat, werde jetzt in die USA importiert. Sie fühlt sich berufen, ihre Erfahrung zu teilen und Bewusstsein zu schaffen, für die bedrohliche Situation und für die Verantwortung jedes oder jeder Einzelnen. Bei der Regulierung des Polizeistaates könne man sich laut Manning eben nicht auf den Polizeistaat verlassen.

Chelsea Manning betont zum einen die Rolle der Softwareentwickler*innen. Die IT-Branche müsse einen Kodex entwickeln, der Entwickler*innen dazu ermutige und ermächtige, keine Algorithmen zu schreiben, deren Anwendung sie selbst für schadhaft halten. Darüber hinaus sei aber jedes gesellschaftliche Handeln politisch, jede*r könne Aktivist*in sein, zum Beispiel, indem man keine geschäftlichen Beziehungen mit Partner*innen eingeht, die den eigenen moralischen Standards nicht entsprechen. Sie sieht keinen Bedarf für Politisierung, wir handeln alle politisch. Es muss nur ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass wir Entscheidungen treffen, die die Entwicklung unserer Gesellschaft beeinflussen.

Chelsea Manning erscheint als strahlendes Vorbild für die Botschaft des Roskildes. Sie ist keine direkte Repräsentantin irgendeiner Institution, sondern ein Individuum, das bestimmte Werte vertritt und dafür ihre Karriere und ein komfortables Leben geopfert hat. Darin unterscheidet sie sich eindeutig von Parteipolitiker*innen, die allzu oft Werte für ihre Karriere opfern.

Das Roskilde bemüht sich, einer Verantwortung als NGO gerecht zu werden. Einer selbstgewählten Verantwortung, mehr zu sein, als eine Woche Saufen und Musik.

Das Roskilde sucht sich die Partner*innen selbst, die zu den von ihnen gesetzten Themen etwas beitragen können. Die Wahl der Inhalte spricht für eine Orga, die Ideale hat und verfolgt. Die vertretenen Werte und Kollaborationen werden transparent gemacht. Die Partnerorganisationen und wenigen Sponsor*innen sind auf der Homepage leicht herauszufinden. Es bemüht sich, einer Verantwortung als NGO gerecht zu werden. Einer selbstgewählten Verantwortung, mehr zu sein, als eine Woche Saufen und Musik.
Es gibt dem Potential seiner Reichweite den Vorzug, vor dem Risiko als Werbeplattform ausgenutzt zu werden. Es nutzt starke Symbolik, die vielleicht nicht immer der Komplexität eines Themas gerecht wird, die aber nötig ist, um in dem popkulturellen Kontext des Festivals zu bestehen, wo immer das nächste Konzert, der nächste Reiz wartet.
Die Mauer-Modelle sind prominent in der Nähe der Hauptbühne platziert und in ihrer Größe vereinnahmend. Es ist schwer vorstellbar, dass sie keine Diskussionen bei den Besucher*innen provoziert haben. Die gigantische ‚Schlange des Kapitalismus‘ wirkt auf mich verloren, als sie am Dienstag Nachmittag durch das ‚teenage wasteland‘ zieht. So wurde das Campinggelände auf der Eastside laut Christina Bilde einmal treffend betitelt. Viele haben hier schon drei Tage Alkoholrausch und Major-Lazer-Dauerbeschallung hinter sich. Im nächsten Moment tauchen drei offensichtlich betrunkene Jungs neben mir auf und fragen sich, ob die Schlange auf die biblische Geschichte vom Garten Eden anspielt und den Kapitalismus als das ursprünglich Böse darstellen will. Solche reflektierten Momente sind Teilerfolge für das Roskilde und dessen Haltung. Es unterschätzt seine Besucher*innen nicht. Und doch ist es selten aufdringlich. Das Festival bezieht Stellung und gibt gleichzeitig Raum, sich den politisch orientierten Inhalten im Strudel der Bierbong ganz zu entziehen.

Chelsea Manning wird vom Publikum in der Gloria begeistert verabschiedet. Im Gespräch mit Ayla und Summer, beide 17 und aus Norwegen, bekommen wir eine Idee davon, was solche Veranstaltungen bei einem Festival bewirken können. Ob dieser Einzelfall als wünschenswerte Politisierung einzuordnen ist oder als gefährliches Brainwashing, kann jede*r selbst entscheiden.

Wie seid ihr darauf gekommen, zu Chelsea Manning zu gehen?
Ayla: Wir haben darüber in der App gelesen. Sie ist ein bekannter Name und es klang interessant, ihre Geschichte direkt von ihr zu hören.
Summer: Man liest viel über ihr Leben und möchte mehr über sie wissen, über ihre Erfahrungen und was sie durchgemacht hat.

Was nehmt ihr von dem Gespräch mit nach Hause?
S: Dass wir auch etwas tun können. Dass nicht nur höhere Kräfte entscheiden, sondern dass wir im Kleinen etwas verändern können und die Welt besser machen.
A: Außerdem ist sie einfach eine inspirierende Person, zu der man aufschauen kann.

Wünsche für die Zukunft des Roskilde Festivals, sollte es mehr solcher Veranstaltungen geben?
S: Ja, ich würde gerne mehr solcher Geschichten hören. Von Menschen, die ihre Erfahrungen teilen, wie sie sich dazu entschieden haben, sich gegen etwas zu stellen und etwas zum Besseren zu verändern.

Also denkt ihr, dass Politik und Festivals zusammengehen?
S: Ja, auf jeden Fall.
A: Es kommt ja auch gut an, es waren so viele Leute hier. Auf dem Campingplatz bist du 24/7 von Musik umgeben. Es ist schön, in einen Raum zu kommen und zuzuhören, wie Menschen über ihr Leben sprechen.
S: Hier sind so viele Leute, so viele junge Leute, die Menschen brauchen, zu denen sie aufschauen können und die ihnen zeigen: „Ok, ich kann auch etwas verändern“.

Letzte Frage, wie viele Dosen Bier braucht ihr, bis ihr euch nicht mehr für Politik interessiert?
S: Ich glaube sehr viele.
A: Ja, das braucht einige Biere. Ich denke, ich müsste bewusstlos sein.

Festivalfinder

Roskilde Festival 2019

29. Juni – 6. Juli – Roskilde


Alle Infos zum Festival

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