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Pressesprecherin des Roskilde Festivals

Interview mit Christina Bilde


Ausführliches Interview mit Roskilde Pressesprecherin Christina Bilde.
Wie entscheidet sich, welche Werte und Themen das Festival nach vorne bringt? Geht es darum, sein Publikum zu erziehen? Christina Bilde erklärt das Förder-Modell Roskilde, wie kleinere Acts von den Größeren profitieren und das Festival so seine eigene Zukunft absichert.

*dieses Interview wurde im Rahmen einer Reportage über Politik auf Festivals geführt. Den kompletten Artikel gibt es HIER.

Gleichheit war das Hauptthema der letzten 3 Jahre. Auf der Webseite und im Press Kit lese ich: ‚Das Roskilde Festival glaubt an Gleichheit und die Fähigkeit jedes Einzelnen zu einer gerechteren Welt beizutragen.‘ Uns interessiert, wer die Träger dieser Entscheidungen der politischen Schwerpunktsetzung sind und wie wir uns diesen Entscheidungsprozess vorstellen können.

Vielleicht sollte ich das zuerst historisch erklären. Wir haben immer den Fokus auf Themen gerichtet, die wir wichtig fanden, nicht unbedingt auf Themen, denen zu der Zeit besonders viel Aufmerksamkeit gegeben wurde. Aber, wir haben die Stellung und die Größe, die Aufmerksamkeit auf diese Themen zu lenken.

Bislang haben wir die Themen immer intern ausgewählt. Bei der Entscheidung für Gleichheit als Thema, haben wir uns zum ersten Mal dazu entschieden, unsere Partner zu fragen, welche Inhalte in ihrer Arbeit besonders wichtig seien. Denn unsere Partner operieren nicht nur in Dänemark, viele von ihnen sind international aktiv. Wir haben einen Workshop mit ihnen organisiert und sie dazu eingeladen. Wir haben auch einige unserer Kuratoren aus dem Bereich Kunst eingeladen. Diese sollten eine Perspektive darauf geben, womit sich die Kunstszene zurzeit thematisch beschäftigt. ‚Gleichheit‘ entstand aus diesem Workshop, sehr deutlich sogar. Auf diese Art und Weise werden wir jetzt auch in der Zukunft unsere Entscheidungen treffen.

Wir haben uns entschieden ein Thema für 3 Jahre zu setzen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir bei Themen wie Gleichheit immer auf Partner angewiesen sind und selber wenig darüber wissen. Wir finden ein Thema wichtig, aber wir sind keine Experten dafür. Wenn wir uns nur ein Jahr mit einem Inhalt beschäftigen, können wir ihm nicht die Aufmerksamkeit geben, die sie brauchen. Und unser Publikum, unsere Gäste, kann das auch nicht, weil beim Roskilde soviel gleichzeitig passiert. Es sind nicht ausreichend viele Leute, die bemerken, dass wir ein Thema gesetzt haben. Außerdem ist es für unsere Partner schwer, beim Festival zu arbeiten. Wenn sie nur ein Jahr Zeit haben, ist es für alle Beteiligten eine Art Pilot-Jahr. Das funktioniert nicht so richtig. Also haben wir entschieden, dass 3 Jahre eine gute Zeit seien. Es geht darum, ein Thema einzuführen, es zu entfalten und die Auseinandersetzung damit abzuschließen, das sind 3 Jahre.

Jetzt haben wir uns dazu entschieden, uns für 3 Jahre mit einem neuen Thema zu beschäftigen. Es geht diesmal mehr darum, was wir repräsentieren und worüber wir sprechen können. Anstatt ein Thema aus einer äußeren, beobachtenden Perspektive zu behandeln. Was ist es, wofür wir mit einer gewissen Kraft Stimme sein können? Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es die Stimme der Jugend sein muss, ohne dass wir dem Thema einen konkreten Titel gegeben haben. Jugend Demokratie, Jugend Engagement, Jugend Leben und Lebensumstände. Wir werden uns damit nach diesem Festival weiter auseinandersetzen. Es gibt eine Gruppe, die damit arbeitet, darin sitze ich als Teil des Festival Managements, ein paar Roskilde people, sowohl Freiwillige als auch Angestellte, die sich im Bereich ‚Soziale Verantwortung‘ und ‚Nachhaltigkeit‘ engagieren. Und wir werden wieder Partner einladen, die für dieses Thema qualifiziert sind. Aber für das Thema haben wir uns schon entschieden. Im Vergleich zum Thema ‚Gleichheit‘ haben wir uns diesmal mehr auf uns selbst konzentriert. Wir haben uns gefragt, worüber wir als Roskilde Festival etwas sagen können. Worüber wissen wir wirklich etwas? Wo können sowohl wir als auch unsere Teilnehmer einen Beitrag leisten?

So haben wir das entschieden. Und wie ihr seht, verändert sich dieser Entscheidungsprozess immer wieder.


Wen meinen sie mit ‚Wir‘, ein kleinerer Kern aus dem Roskilde Management?

Ein kleiner Kern aus dem Roskilde Management. Natürlich wird die Entscheidung vom Management und vom Ausschuss getroffen. Der Ausschuss wird von der Roskilde Gesellschaft gestellt, die das Festival organisiert. Die müssen ein Thema absegnen.

Wie sehen sie die Entwicklung in der Beteiligung der jungen Besucher, am kulturellen Programm, am politischen Programm, aber auch an den Themen-Camps wie Clean out Loud, Leave no Trace etc.?

Sie wächst, denke ich. Wir hatten immer ein engagiertes Publikum. Wir hatten immer Aktionen, die Bewusstsein schaffen sollten und Aktivismus gefördert haben. Diese mussten symbolisch sein, sie mussten visuell stark sein, spielerisch und einfach sein. Der Zugang zu den Themen musste leicht sein. Das hatte sich in der Erfahrung mit dem Publikum bewährt. In den letzten 4-5 Jahren wurde die Themensetzung ernster. Wir haben den Eindruck, ich weiß nicht, ob das stellvertretend für eine Veränderung im jugendlichen Engagement an sich ist, aber ich denke schon, dass junge Leute heute mehr um die Umwelt besorgt sind und mehr soziales Bewusstsein haben als Jugendliche vor 10 Jahren. Zumindest engagieren sie sich auf andere Art und Weise. Das ist es, wovon wir beim Roskilde Festival erzählen können. Wir sehen junge Menschen, die sich an ernsten Diskursen beteiligen, in Gesprächen und Spielen. Es kann immernoch Spaß machen und symbolisch sein, das funktioniert sehr gut. Zum Beispiel die ‚Equality Walls‘, wir setzen sehr starke Symbole als Grundlage der Arbeit. Aber ich denke wir sehen eine Generation, die sehr besorgt ist und sich einbringt, um einen Unterschied zu machen. LNT, COL, Dream City sind Ausdruck dessen. Und, das ist das Besondere hier beim Roskilde, sie bringen sich gemeinsam ein. Die Gemeinschaft ist sehr stark hier.

Im Westen des Campingplatzes ist der Druck von Festivalseite aber recht groß. COL wurde in die Mitte des Campingplatzes gesetzt, es nimmt zusammen mit LNT viel Raum ein. Es muss eine bewusste Entscheidung dahinterstecken, im Vergleich zum Osten, der zum größten Teil noch Wasteland ist. Sitzen sie zusammen und entscheiden: ‚So, wir müssen Freiraum nehmen und dort ein COL-Schild hinstellen, um voranzukommen‘?

Wir möchten den Besuchern nicht die Freiheit nehmen. Aber wir haben festgestellt, dass die Teilnahme an Camps das Verantwortungsbewusstsein fördert. Und eines unserer größten Probleme ist natürlich das ‚Teenage Wasteland‘, wie es mal jemand genannt hat.

Das ja auch ein großer Teil der Erregung ist. Für mich war das das Größte beim ersten Mal, ich konnte ganz so leben, wie ich möchte.

Ja, genau. Ich denke COL ist ein gutes Beispiel, wie man verantwortungsvoll sein kann und Spaß haben kann. Sie haben dort eine Gemeinschaft geschaffen, die Partys organisiert und Paraden, unterhaltsame, wilde Aktivitäten, die sich wiederum mit Nachhaltigkeit beschäftigen. Es ist ein Weg zu zeigen, dass Nachhaltigkeit nicht leise sein muss und nicht langweilig. Für uns bedeutet das einen neuen sozialen Standard zu schaffen. Aber das wird, glaube ich, nie den ganzen Festivalbereich erfassen. Denn es gibt auch viel Gutes zu sagen, über die freien Bereiche, in denen kein Thema vorgeschrieben ist. Wenn man sich dort umsieht, sieht man Camps, die ihr eigenes Motto gesetzt haben und es kreativ umsetzen. Es ist nicht so, dass sie dort nur die Zelte aufbauen und verwahrlosen. Sie setzen eigene Themen.

Trotzdem, wir haben sehr bewusst mit COL gearbeitet. Wir geben dem Thema einen hohen Wert, indem wir es in eine sehr attraktive Lage setzen. Einer der höchsten Werte beim Roskilde Festival ist Entfernung und zu wissen, wo man sein Camp aufschlägt. So kann man die Bedeutung der nachhaltigen Gebiete, wie dem COL, steigern. Es ist also eine Mischung aus unserem Anliegen, diesen Aspekt zu fördern und einer Gemeinschaft der Campenden, die das COL zu etwas sehr Attraktivem gemacht haben. Und ich möchte nochmal betonen, das ist sehr wichtig, die Aktivitäten im COL sind inspiriert von anderen Camps, es ist eine zirkuläre Sache.

Wir hoffen die Leute beeinflussen zu können, dahingehend, dass sie das Festivalgelände so verlassen, wie sie es vorgefunden haben. Aber wir sehen, dass die Campkultur über viele Jahre aufgebaut wurde. Und sie wird von vielen Billigprodukten getragen, Campingstühle, Luftmatratzen etc. Es ist eine Wegwerfkultur, die überall herrscht. Sie wird nun aber herausgefordert, von einem steigendem Bewusstsein für nachhaltige Wirtschaft. Also, der Traum ist ein vollständig sauberer Campingplatz.

Kommen wir zu den politischen Aspekten. Wie wirkt sich die Entwicklung dänischer Politik nach rechts auf ihre Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen aus? Denn es gibt eine Zusammenarbeit. Gibt es da Abschätzigkeit? Das Roskilde könnte ja als linke Blase wahrgenommen werden, die wenig mit der politischen Realität in Dänemark heute zu tun hat. Wie geht ihr damit um?

Wir betrachten uns sehr bewusst nicht als partei-politisch, sondern als werte-politisch. Wenn wir über Gleichheit sprechen, ist da eine direkte Verbindung zu unseren Wurzeln, unser DNA als NGO, die geschaffen wurde, um sich für das Wohl von Jugendlichen und Kindern einzusetzen. Und das bedeutet auch, sich um die Umwelt zu kümmern.

Es gibt Leute, die uns als links einordnen. Aber ich habe auch schon konservative, keine extrem rechten, Schriftsteller erlebt, die anerkannt haben, dass unsere eigentliche Botschaft ist: ‚Wir glauben an die Menschen.‘ Wir glauben, dass Menschen in Gemeinschaft etwas verbessern können. Das könnte, denke ich, auch eine konservative Perspektive sein.

Ich denke, dass wir in ohne Zweifel eine einzigartige Alternative darstellen. Aber auf uns wird nicht herabgeschaut. Wir laden die Regierung ein, Minister kommen und schauen sich das Festival an. Wenn sie kommen, stellen wir ihnen ein Programm zusammen, dass in Verbindung zu ihrer eigenen Arbeit steht. Nicht viele Festivals könnten das, aber wir können das machen, weil wir eine Stadt sind. Wir hatten auch schon rechte Politiker hier und was sie gesehen haben sind junge Leute, die engagiert und freundlich sind, auch zu Menschen, mit denen sie nicht die gleiche Meinung teilen. Dass wir so eine Atmosphäre schaffen, wird sehr respektiert. So sehe ich das. Nicht jeder stimmt mit unserer inhaltlichen Haltung überein, aber es gibt großen Respekt für unsere Arbeit.

Wie entscheiden sie mit welchen Partnern sie im kulturellen Programm zusammenarbeiten?

Im Bereich Kunst entscheiden das die Kuratoren. Darüber hinaus haben wir herausgefunden, dass es Sinn macht, sowohl mit größeren als auch mit kleineren Organisationen zusammenzuarbeiten. Die Größeren können Themen aus der Dunkelheit heben und helfen damit auch den Kleineren, Aufmerksamkeit für ihre Arbeit zu gewinnen. Wir sehen es auch als Teil unserer Aufgaben, kleinen, wachsenden Organisationen dabei zu helfen sich weiterzuentwickeln.

Sie bringen auch Themen ein, die größere Organisationen möglicherweise nicht angreifen können.

Ja, genau. Und wir haben da tatsächlich die gleiche Perspektive bei den Partnern wie bei den Künstlern auf den Bühnen. Es gibt aufsteigende Organisationen, denen wir eine Plattform bieten und sie so voran bringen. Und es gibt die großen Headliner, die zum Einen den kleineren Acts helfen, aber auch mehr Aufmerksamkeit für die Themen schaffen können, die uns alle beschäftigen.

Uns ist ein Detail im Press-Kit aufgefallen. ‚Act Alliance‘ wurde als Partner vorgestellt, der das ‚Equality Stadium‘ organisiert. Es wurde aber nicht erwähnt, dass es eine christliche Organisation ist. War das eine bewusste Entscheidung, diesen Aspekt auszulassen?

Jetzt wo sie fragen, ich glaube nicht, es ist eine interessante Frage. Es gibt zwar Interesse an Religion, aber das Thema nimmt in Dänemark nicht soviel Raum in der Öffentlichkeit ein, wie in anderen Ländern. ‚Act Alliance‘ ist die dänische Kirchenhilfe und hängt mit der ‚Dansk Folkekirke‘ zusammen. Die meisten Dänen sind automatisch Mitglied der protestantischen Kirche, ohne das so sehr als unsere Religion wahrzunehmen. Die Handlungen der Organisation sind in Dänemark vielleicht auch weniger religiös orientiert, als die der Partnerorganisationen in anderen Ländern. Aber ja, es ist eine wichtige Frage, interessant.

Eine Frage noch, zur Werteorientierung des Musikprogramms. Schon sehr früh, ich komme seit 2006 jedes Jahr, ist mir aufgefallen, dass ihr bestimmte Künstler*innen auswählt und diese auf Bühnen spielen lasst, die viel größer sind als ihr Bekanntheitsgrad. Das sind meist Künstler*innen, die aus Krisenregionen kommen, politisch verfolgt werden oder Ähnliches. Das muss ja eine bewusste Entscheidung sein, wie sprecht ihr intern darüber und trefft diese Entscheidungen?

Es geht immer auch darum, ob die Künstler eine Bühne dieser Größe ausfüllen können. Wir würden niemanden nur aus Prinzip ein großes Publikum geben, wenn wir nicht denken, dass seine Darbietung mit der Größe der Bühne mithalten kann. Das ist erste Priorität.

Wir haben einen Satz, den wir benutzen: ‚Unsere Ambition ist es unserem Publikum das zu geben, von dem sie noch nicht wussten, dass sie es lieben würden.‘ Um das zu erreichen, stellen wir auch Künstler in den Vordergrund, die nicht so bekannt sind. Das heißt aber nicht, dass sie nicht performen können. Wir müssen sowohl in Gebieten der Welt suchen, aus denen man kaum Musiker*innen kennt, als auch aufstrebende lokale Künstler finden. Man könnte sagen, das ist Teil unserer Non-Profit-Agenda. Dass wir Menschen inspirieren und etwas verändern wollen. Veränderung entsteht nur, wenn man Neues zeigt.

So verändern wir uns auch immer selber. Wir fördern unsere eigene Zukunft. Wenn wir keinen Fokus auf aufstrebende Musiker setzen, haben wir später keine neuen Künstler für die Orange Stage. Es ist fast ein Business-Model. Wir stellen sicher, dass es auch später interessante Künstler geben wird, die vor großem Publikum spielen können.

Festivalfinder

Roskilde Festival 2019

29. Juni – 6. Juli – Roskilde


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