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Mit Bambusbesteck gegen den Klimawandel

Warum Festivals nicht nachhaltig sind


Wenn es um Nachhaltigkeit in der deutschen Festivallandschaft geht, schießen einem direkt Bilder von Müllbergen, zurückgelassenen Zelten, kaputten Pavillons, Campingstühlen und zertretenen Bierdosen in den Kopf. Und das, obwohl der Hauptgrund, warum Festivals alles andere als nachhaltig sind, ganz woanders liegt. Ich habe mit Sarah Swolinsky von Goodlive und Björn Hansen vom Futur 2 Festival über die Möglichkeiten und Probleme gesprochen, Festivals nachhaltiger zu gestalten.

text Henrike Schröder
fotos Alexander Schneider, Thomas Krey,  AirPixOneDrohnenstar, Till Petersen, Felix Strosetzki, Sascha Krautz

Nachhaltig leben ist Trend. In großen Städten machen Unverpackt-Läden auf, junge Frauen erzählen auf YouTube wie man mit Kastanien Wäsche und mit Seife Haare wäscht und wie man für’s Festival packt um vor Ort möglichst wenig Müll zu produziert. Auch die Neon gibt zehn Tipps für „nachhaltiges Feiern“ auf Festivals: Bambusbesteck und Emaille- statt Einweggeschirr, biologisch abbaubarer Glitzer und mit Bahn statt Auto anreisen. Und wenn man es dann zum Green Camping geschafft hat und instagramable in seine Karotte beißt – #zerowaste #ditchplastic #greengoals – kann man ruhigen Gewissens so tun als hätte man die Welt ein stückweit besser gemacht, während nebenan die Generatoren angeschmissen werden und sich die Parkplätze nach und nach mit Autos füllen.



Überall Müll – das kann doch nicht nachhaltig sein…

Die meisten Festivals sind weit davon entfernt nachhaltig zu sein – aber nicht, wegen dem Müll, der sich direkt neben den Zelten stapelt. Müll produzieren wir auch an jedem normalen Wochenende Zuhause. Dort liegt er nur sortiert in unseren Mülleimern und später in der Tonne im Hinterhof, wo wir ihn nicht mehr sehen müssen. Beim Festival jedoch türmen sich die Müllberge medienwirksam direkt auf dem Zeltplatz. Hier halten die Kameras drauf, damit man sich später missbilligend darüber aufregen kann: „Müll auf Festivals – Wegwerfgesellschaft hoch drei“ titelt Deutschlandfunk Kultur, und Stern schreibt „Müll: Was nach dem Festival bleibt“.

„Müll ist das optisch eindrucksvollste Phänomen nach dem Festival“, erzählt auch Björn Hansen, Veranstalter des Futur 2 Festivals. „Wieviel Energie vor Ort aufgebraucht worden ist, wieviel Öl verbrannt wurde, ist hingegen nicht sichtbar. Da kann man nur auf die Transparenz der Veranstalter*innen hoffen. Wie viel Liter Öl stecken wohl in einer Ausgabe Rock am Ring?“ Von den Bühnen, über die Gewerbetreibenden vor Ort bis zur Infrastruktur – die Energie um ein komplettes Festival aus dem Acker zu stampfen wird meistens durch Dieselgeneratoren gewährleistet. Und die stehen nicht Mitten auf dem Campingplatz, zwischen zertretenen Bierdosen und Ja!-Würstchenpackungen, sondern abseits der Kameras.

Sleepless Energy

„Ich sehe zwar, dass in den letzten Jahren das Thema Nachhaltigkeit in Deutschland auch bei Festivals auf die Agenda gerückt ist“, erzählt Björn weiter. „Trotzdem wird mit Energie wie mit einer Ressource umgegangen, die unendlich zur Verfügung steht. Ich finde es immer wieder erschreckend, wie sehr auf manchen EDM-Veranstaltungen Gigantomanie im Bühnenbau das Nonplusultra zu sein scheint. Da werden riesige Layher-Konstruktionen auf Flugplätze gebaut. Ausserdem wundere ich mich immer wieder, wie viele Lichtmasten am helllichten Tage in Betrieb sein müssen. Mir kann keiner erzählen, dass es keine technischen Möglichkeiten gibt, den Lichtmast bzw. den Generator mit einer Zeitschaltuhr an- und auszustellen. Ich glaube eher, dass das Heizöl in den Generatoren viel zu günstig ist und es daher in der Kalkulation der Veranstalter eine so untergeordnete Rolle spielt, dass hier Nachhaltigkeit schlicht und einfach vergessen wird.“

Den entscheidenden Grund bei der Energieversorgung nicht stärker auf Nachhaltigkeit zu achten, sieht Björn in der anhaltenden Verwendung von Heizöl. „Das senkt den Leidensdruck der Veranstalter*innen enorm, weil diese Ressource viel günstiger besteuert ist als Diesel. Würde also in jedem Dieselgenerator auch das verbrennen, was der Name vermuten lässt, wäre sicher mehr Bestreben im Markt, effizient zu agieren.“ Effizient bedeutet vor allem auch, mit dem tatsächlichen Strombedarf zu kalkulieren. Stattdessen nutzen Festivalveranstalter*innen in der Regel zu große Generatoren um Spitzenauslastungen im Verbrauch abfedern zu können und Stromausfälle zu vermeiden.




CO2 vermeiden, senken und kompensieren

Durch eine exaktere Kalkulation und ein effizienteres Energiemanagement könnten jedoch bereits erhebliche Treibstoffeinsparungen ermöglicht werden. Genau das ist die Grundidee vom Futur 2 Festival: „Wir haben uns jeden einzelnen technischen Stromverbraucher im Vorfeld angeschaut und den tatsächlichen Strombedarf in einen Energie-Forecast gepackt“, erklärt Björn. „Auf Basis dieser Prognosen haben wir die Energieversorgung dimensioniert. Die Prämisse ist dabei immer, dass wir mit der zur Verfügung stehenden Energie auskommen müssen.“ Und die beruht vor allem auf Solarkraft. Genauso arbeitet auch das Wacken an einem nachhaltigen Energiemodell mit Wind- und Sonnenenergie um die Energieversorgung so klimaneutral wie möglich zu halten.

Das Schweizer One Of A Million Festival nennt sich bereits seit 2017 stolz „klimaneutral“ – und das obwohl es jährlich rund 20 Tonnen CO2-Emissionen verursacht. Durch den Einkauf von Klimazertifikaten lagert es die Einsparung von Emissionen ganz einfach auf andere Projekte aus. Genauso macht es auch das OpenAir St. Gallen. Durch die Unterstützung von Klimaschutzprojekten werden die letzten CO2-Emissionen zwar nicht vom Festival selber eingespart, dafür aber an anderer Stelle kompensiert.

Lass das Auto einfach stehen

Der mit Abstand größte Teil des CO2-Fußabdrucks eines Festivals entsteht jedoch nicht durch die Energieversorgung des Festivalgeländes, sondern durch den Transport. „Die Hauptbelastung der Umwelt wird bei Veranstaltungen in der Regel durch die An- und Abreise der Teilnehmer*innen verursacht. Hinzu kommen Umweltbelastungen durch die Fahrten vor Ort“, schreibt das Umweltbundesamt im aktuellsten Leitfaden für nachhaltige Organisation von Veranstaltungen. „Die gemeinsame Anreise mit dem Auto stellt für viele die bequemere Alternative dar“, meint auch Sarah Swolinsky. Sie ist bei der Goodlive GmbH für das Thema Nachhaltigkeit beim Melt, splash! und Full Force zuständig. „Daher ist unser Ziel, Bus- und Zugreisen noch attraktiver zu gestalten.“ Bereits 2010 wurde das Melt für sein Mobilitätsmanagement ausgezeichnet. „Bis zu diesem Jahr hat sich die Anzahl der Busse für Wochenend- und Tagesfahrten zum splash! oder Melt Festival mehr als verdoppelt“, meint Sarah. „Jeder dieser Busse ersetzt circa 30 Autos. Hier kooperieren wir mit Fernbusanbietern, um unseren Besucher*innen möglichst günstige Fahrten anbieten zu können. Auch vereinfachen wir die Anreise mit dem Zug, indem wir Festivalshuttles anbieten. In Zukunft möchten wir genau hier anknüpfen, Mitfahrgelegenheiten noch stärker fördern, das Busangebot weiter ausbauen und die Zugreisen noch attraktiver gestalten.“ Gerade beim Full Force ist das Publikum jedoch von der vorherigen Location gewohnt direkt neben dem eigenen Auto zu campen.



Scheiß auf Green Camping, gründe ‘ne Fahrgemeinschaft

Wichtig ist hier, laut Björn und Sarah, die Kommunikation mit den Besucher*innen, um sie für das Thema zu sensibilisieren. „Wir möchten einen Ort für unsere Besucher*innen kreieren, an dem der Spaß im Vordergrund steht und es ein Leichtes ist, damit nachhaltiges Verhalten zu verbinden“, erklärt Sarah. „Diesen Spagat zu schaffen, ist natürlich nicht immer einfach. Durch Blogs und Online-Kanäle bringen die Besucher*innen allerdings schon ein Grundwissen mit.“ Denn gesellschaftlich steigt das Interesse an nachhaltigen Alternativen. „Warum sollte ich die Standards, die ich in meinem Alltag lebe, nun plötzlich für ein Wochenende ablegen? Auch bei dem Gedanken, meinem Alltag für ein Wochenende zu entfliehen, kollidiert dies womöglich bei vielen mit ihren Moralvorstellungen“, erklärt sie weiter. „Was an uns ist, ist dafür die Strukturen zu schaffen. Sofern das Interesse für Umweltschutz schon besteht, können wir Besucher*innen genau dort abholen und auf einer gemeinsamen Ebene in Kontakt treten.“

Tatsächlich wird die Beschäftigung mit Nachhaltigkeit im Festivalkontext aber ganz schnell auf das Thema Müll herunter gebrochen – und wesentlich wichtigere Themen wie Transport und Energieversorgung geraten in den Hintergrund. Nicht nur, weil es das medienwirksamste und damit ein Thema ist, das durch seine Sichtbarkeit am einfachsten zu fassen ist. Es ist außerdem ein Thema, das „für die Veranstalter*innen selber besonders eng mit einem finanziellen Aufwand verknüpft ist“, erzählt Björn. Schließlich muss das Festival den Müll auch wieder loswerden. „Flächen müssen gereinigt und den Eigentümer*innen am vereinbarten Tag in tadellosem Zustand zurück gegeben werden damit die angrenzende Gemeinde das Festival auch im kommenden Jahr wohlwollend begleitet.“ Um den finanziellen Aufwand möglichst gering zu halten, werden hier schnell die Besucher*innen zur Verantwortung gezogen: Müllpfand, Green Camping, Recycling, Foodsharing und Upcycling-Angebote, Zelt-Spenden für Obdachlose – nichts davon ist per se schlecht. Es lenkt nur ganz beharrlich den Blick weg von viel wesentlicheren Problemen.

Es gibt momentan keine klimaneutralen Festivals. Dafür aber unterschiedliche Ansätze, wie man Emissionen vermeiden, reduzieren oder kompensieren kann. Und klar hilft es, wenn du Bambus- statt Plastikbesteck mitnimmst und biologisch abbaubares Glitzer, statt den mit Mikroplastik verwendest. Aber das sind eben die bequemen Lösungen. Unbequem wird es, wenn du deinen ganzen Kram mit Bus und Bahn transportieren musst, ihn bei praller Sonne auf’s Festivalgelände schleppst, nur um ihn nach dem Festival sogar wieder mit nach Hause zu nehmen. Egal. Mach es trotzdem. Und hör auf dich darauf auszuruhen, dass dein Einweg-Besteck biologisch abbaubar ist!

 

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