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Über Nachwuchsförderung & Showcase Festivals

Lukas Schätzl vom Verband für Popkultur in Bayern im Interview


Gibt es Förderprogramme für Bands? Wie wichtig ist ein Auftritt bei einem Showcase Festival? Und wie steht es überhaupt um die Bedingungen für Künstler*innen in der deutschen Musikszene?

Wir haben Lukas Schätzl vom Verband für Popkultur in Bayern (vpby) nach seiner Meinung gefragt. Beim c/o Pop Festival in Köln haben wir uns mit ihm über das Nachwuchsförderprojekt by-on und über Showcase Festivals im Allgemeinen unterhalten.

text Christina Gilch
redaktion Leonie Ruhland, Johannes Jacobi
fotos Anabell Vollmer, Julian Höcher

Lukas, vielleicht stellst du dich kurz vor. Du bist ja quasi in einer Doppelrolle unterwegs.

Ich spiele Schlagzeug bei The Prosecution und das seit mittlerweile 17 Jahren. Als wir die Schülerband gegründet haben, waren wir alle 12 und in den letzten Jahren hatten wir bis zu 70 Auftritte pro Jahr. Ich kümmere mich bei der Band um einen Teil des Managements und kenne deshalb das ganze Organisatorische und auch das Tourleben ganz gut.

Außerdem bin ich beim vpby für die Projektkoordination beim Bandförderprojekt by-on verantwortlich. Ich berate Bands und schaue, wo bei ihnen Wissensbedarf besteht. Meine Hauptaufgabe ist dann, bis zu 10 Mal pro Jahr Coaching- und Workshop-Wochenenden für die geförderten Bands zu organisieren.

By-on ist betitelt als Spitzenförderprojekt für Musiker*innen und Bands. Mal angenommen, ich komme als Künstlerin auf dich zu und möchte eine Förderung erhalten – welche Voraussetzungen muss ich dafür erfüllen?

Bands können sich nicht einfach so bei uns bewerben. Sie müssen von einer Person aus dem Musikbusiness vorgeschlagen werden. Das kann jede*r sein, der irgendwas mit Musik zu tun hat, egal ob hauptberuflich oder ehrenamtlich. Oft sind es auch lokale Popbüros, wie die MUZ in Nürnberg oder das Feierwerk in München, die uns Künstler*innen vorschlagen. Dies soll eine kleine Hürde sein, damit sich nicht jede frisch gegründete Band bei uns bewirbt. Für diese wäre das Projekt einfach noch viel zu früh. Die Bands sollen nämlich schon über ein kleines, regionales Netzwerk verfügen und einfach selbst schon die ersten Schritte getan haben. Außerdem muss die Band, oder zumindest der Großteil der Band, ihren Wohnort in Bayern haben.

Und wenn das gemeistert ist, wie geht es weiter?

Einmal pro Jahr werden alle Vorschläge gesammelt, das war diesmal Ende Juli. Anschließend bekommen alle Bands einen Fragebogen und haben vier Wochen Zeit, diesen auszufüllen und ein Motivationsschreiben zu verfassen. Anhand dieser Bewerbungen treffen wir vom by-on Team eine kleine Vorauswahl. Dabei wollen wir beispielsweise erkennen: Wie ernst ist es der Band? Werden realistische Ziele verfolgt? Möchte man die Musik zum Beruf machen?

Wie viele Bewerbungen bekommt ihr so im Schnitt? Und wie viele werden am Ende gefördert?

Es waren die letzten Jahre immer rund 80 Bewerbungen, in diesem Jahr rechnen wir sogar mit über 100 Anträgen. Am Ende sollen es dann ca. 30-35 Vorschläge sein, die die Jury erhält.  Es gibt einen bestehenden Pool von aktuell 21 geförderten Bands. Jedes Jahr kommen dann ca. 8 bis 10 neue Bands hinzu. Diese befinden sich anfangs in Phase eins der Förderung, die sich dadurch auszeichnet, dass die meisten noch ohne Partner oder großes Netzwerk überwiegend in Bayern agieren. Bei den Bands in Phase 2 versuchen wir dann auf nationaler, oder sogar internationaler Ebene, zu unterstützen. Insgesamt kann eine Band maximal vier Jahre in der by-on Förderung bleiben, also sprich zwei Jahre pro Phase.

Woher denkst du, kommt der Zuwachs an Bewerbungen? Gibt es einfach immer mehr Bands?

Ich denke, das liegt daran, dass es das Projekt nun schon seit einigen Jahren gibt und sich immer mehr etabliert. Wir konnten über die Jahre unsere Arbeit auch stetig verbessern und effektiver gestalten. Ich glaube, dadurch erhöht sich schon auch die Sichtbarkeit.

Und aus wem besteht die Jury, also wer entscheidet über die Förderung?

Die Jury besteht aus verschiedenen Akteur*innen der Musikszene, von Booking oder Label über Journalismus und Kulturmanagement. Insgesamt sind es ca. 20 Personen aus ganz Bayern, die die Tätigkeit ehrenamtlich ausüben. Bewertet werden die Vorschläge dann nach einem Punktesystem.

Nächste Runde – die Jury entscheidet sich für mich und ich werde gefördert. Was passiert dann?

An einem Wochenende im Herbst werden alle neu Geförderten in die Bayerische Musikakademie Schloss Alteglofsheim eingeladen. Das kann man sich ein bisschen wie im Schullandheim vorstellen. Wir erklären den Bands, was by-on ist und wie das Ganze funktioniert. Dazu gibt es dann erste Impuls-Workshops zu Themen wie Musikrecht oder Booking. Das Coole ist, die lernen sich auch untereinander kennen. Oft stammen sie aus ganz verschiedenen Szenen und Genres, trotzdem haben alle die gleichen Probleme und connecten sich. Man tauscht sich aus und es entstehen spannende Zusammenarbeiten.

Im nächsten Schritt bieten wir finanzielle Hilfe für Supporttouren, Auftritte auf Festivals oder sogar Headline-Touren an. Wir arbeiten mit vielen Festivals, sowohl in Bayern als auch deutschlandweit, zusammen. Durch die Kooperationen versuchen wir, unsere Acts mit ins Programm zu bringen und können diese dann auch finanziell unterstützen. Dadurch, dass sich die Bands im Juryprozess schon einmal beweisen mussten, kennen mittlerweile viele Festivals die Qualität unserer Bands, dass sie beispielsweise handwerklich gut oder eben engagiert sind. Deshalb bitten wir die Bands auch immer unser Logo auf ihre Printmedien und die Homepage zu nehmen, weil man es schon so als Art Qualitätssiegel sehen kann.

Außerdem sind über das Jahr verteilt weitere Fortbildungen und Coachings zu spezifischen Themen, wie z.B. Gesang mit Petra Scheeser (Popakademie Mannheim) oder ein Workshop zu Abelton Live mit Flo König (Drums bei Cro, Lena Meyer-Landrut), usw.

…das Ziel ist es, dass wir auch jeder Person im Einzelnen die Möglichkeit geben wollen, die Musik zum Beruf zu machen und in ein professionelles Umfeld zu gelangen.

Das klingt ja ziemlich toll: von Coachingwochenenden bis hin zu monetärer Unterstützung. Wie finanziert sich das denn alles? Müssen die Bands Unkosten tragen?

Unser Projekt wird vom Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst in Bayern gefördert, d.h. für die Bands entstehen eigentlich keine Kosten, außer 50 Euro Selbstbeteiligung pro Coachingwochenende für Unterkunft und Verpflegung.

Neben den Workshops versucht ihr den Künstler*innen auch mehr Sichtbarkeit durch Auftritte zu verschaffen, sowohl auf Festivals oder auch durch Supporttouren. Wie kann ich mir das vorstellen? Geht ihr dabei auf die Booker*innen zu?

Das ist tatsächlich unterschiedlich, ganz wichtig ist aber zu sagen: Wir sind keine Booking Agentur. Die Bands ziehen alle Shows selbst an Land. Wir wollen lediglich Möglichkeiten schaffen und zeigen wie es funktioniert, sodass sie ihr Netzwerk ausbauen können. Zur Vernetzung tragen auch die Coachings bei, sowohl mit den Dozenten als auch untereinander.

Am Ende suchen sich aber natürlich auch die Booker*innen nur die Bands aus, die zu ihrem Festival passen. Bei Showcase Festivals haben wir meistens einen Abend an dem wir uns mit einigen Bands aus dem Förderprojekt präsentieren.

Muss man für so einen Showcase Abend bezahlen?

Ja. Meistens ist das in Kombination mit einem Empfang, also einer Art Präsentation unseres Verbandes. Das bezahlen wir dann.

Ist es so, dass die Bands ohne Netzwerk, also ohne Agentur, Management usw. zu euch in die Förderung kommen und es das Ziel ist, mit bspw. einem veröffentlichten Album, einem/r Manger*in und einer Plattenfirma aus der Förderung zu gehen?

Ich tue mich ein bisschen schwer, das Ziel wirklich so zu formulieren. Ich finde, es hängt immer sehr vom jeweiligen Act ab, denn es gibt ja auch Bands, die sich selber gut managen oder booken. Aber klar, man kann es schon ein Ziel von vielen nennen. Wir, also ich mit meiner Band, wir haben zum Beispiel auf dem Reeperbahn unsere Booking Agentur klar gemacht. Wir waren nämlich auch irgendwann mal in der by-on Förderung. Ich würde sagen, das Ziel ist es, dass wir auch jeder Person im Einzelnen die Möglichkeit geben wollen, die Musik zum Beruf zu machen und in ein professionelles Umfeld zu gelangen.

Letzte Frage zu by-on: Meinem Gefühl nach bekommen die Bands ja wirklich viel von euch. Müssen sie auch irgendetwas zurückgeben? Es sind am Ende ja Steuergelder, die ihr ausgebt – gibt es da einen Gegenwert, den ihr erwartet?

Wir erwarten Engagement. Es gibt Bands, die viel mit uns in Kontakt sind, die schreiben uns alle paar Wochen eine Mail oder rufen an und updaten uns, was die letzte Zeit so passiert ist. Es geht uns einfach um Zusammenarbeit und dass sich die Bands weiterentwickeln. Aber ansonsten erwarten wir nichts. Wir greifen auch in keinster Weise in den künstlerischen Prozess ein, das bleibt völlig den Bands überlassen. Aber selbstverständlich werden keine Nazi oder Grauzonen-Bands gefördert.

Ich würde auch gerne noch über das Thema Showcase Festivals mit dir sprechen. Wir sind ja hier auf dem c/o Pop Festival. Wie gefällt es dir hier?

Ich bin tatsächlich in diesem Jahr zum ersten Mal hier und fand vor allem auf der Convention die Workshops und Panels sehr stark. Es ist auch praktisch, dass alles zentral in einem Gebäude zu finden ist und grundsätzlich sehr zentriert. Ich habe auf jeden Fall viel Input bekommen.

Ich habe vorhin mal gegoogelt, was man über Showcase Festivals so im Netz findet. Der erste Artikel war von Gigmit und die schreiben:

„Es gibt zwei Arten von Musikfestivals. Gewöhnliche Festivals wollen das Publikum erfreuen. Showcase Festivals zielen darauf ab, den Musiker*innen zu dienen. Sie sind der Backstageraum des Musikgeschäfts. Der Ort, an dem die Kreativen die Fachleute der Branche treffen. Die Gatekeeper der Musikindustrie. Hier wird über Talente, (digitale) Trends im Booking, Marketing und mehr entschieden.“      

Ich finde, das trifft es schon ganz gut. Wenn ich jemandem, der nichts mit Musik zu tun hat, versuche zu erklären, was ein Showcase Festival ist, sage ich immer: Das ist wie eine Messe, nur dass keine Toaster angeboten werden, die die nächste Saison auf den Markt kommen, sondern dass sich eben Künstler*innen einem Fachpublikum präsentieren.

Findest du deutsche Showcase Festivals unterscheiden sich untereinander sehr?

Ja, ich finde, das Reeperbahn Festival, als das größte Showcase in Deutschland, ist schon eher chaotisch, allerdings trifft man auch einfach jeden. Die Ausrichtung empfinde ich dabei aber schon eher auf den mitteleuropäischen Markt zugeschnitten, wohingegen regionale Festivals, wie die Maniac Street Parade, das Nürnberg Pop oder das Impuls Passau, gerade für unsere noch unbekannteren Bands sehr relevant sind. Aber beides hat natürlich Vorteile und eben auch seine Vorzüge.

Seid ihr mit by-on auch auf Showcase Festivals außerhalb Deutschlands vertreten?

Wir sind beim Waves Vienna und dem The Great Escape in Brighton vor Ort. Wir haben aber auch schon Bands zur SXSW nach Austin gebracht. Dafür können wir dem Wirtschaftsministerium in Bayern Bands vorschlagen, die dann wiederum die Bands dorthin bringen. Sehr verrückt und ein ziemlich langer Weg.

Das ist wie eine Messe, nur dass keine Toaster angeboten werden, die die nächste Saison auf den Markt kommen, sondern dass sich eben Künstler*innen einem Fachpublikum präsentieren.

Mal eine andere Sicht der Dinge: Du als Musiker, wie hast du es mit deiner Band empfunden, auf einem Showcase Festivals zu spielen?

Ich habe mich mit der Band dabei eher überfordert gefühlt. Theoretisch kennt man ja all die wichtigen Menschen und weiß, welche Agentur welche Bands bucht. Aber dort zu spielen heißt ja auch nicht automatisch mit denen in Kontakt zu treten. Allerdings kann man sich gut vorbereiten und vorab schon die entsprechenden Personen anschreiben und Termine vereinbaren. Dann ist es nicht so: „Boah, da ist dieser krasse Booker von diesem krassen Festival und ich traue mich nicht, den anzusprechen“.

Denkst du es ist genreabhängig, ob man einen Auftritt auf einem Showcase ergattert? Hat es eine Pop-Mainstream Band leichter oder sind gerade auf Showcases vermehrt Nischenbands zu finden?

Also ich glaube jedes Festival verfolgt schon so ein bisschen einen Plan, wie es auftreten möchte. Wir bemerken aber, dass krasse Pop Bands, die sich bei uns in der Förderung befinden, auf Showcases eher nicht so gut ankommen bzw. gar nicht gebucht werden. Die Booker*innen suchen sich die Bands, die sie interessant finden, ja auch sehr gezielt aus. Man kann das schön beobachten, wie die vor die Bühne laufen, sich zwei Songs anhören, ein paar Notizen machen und dann wieder verschwinden.

Was es für eine Band ja auch nicht einfacher macht. Man muss dann in dem Moment einfach überzeugen. Du kennst das Business jetzt ja schon ‘ne Weile. Findest du es hat sich etwas verändert?

Ja, aber ich denke, eher für mich persönlich. Ich bin entspannter geworden und nehme es wahrscheinlich anders wahr. Der Druck, Kontakte zu machen, ist jedenfalls weniger geworden. Ansonsten hat sich für mein Gefühl gar nicht so viel verändert.

Am ersten Abend hat Scooter hier gespielt. Wie fandest du das? Als Newcomer würde ich den ja eher nicht mehr bezeichnen.

Ich wollte eigentlich hingehen, aber ich war dann doch lieber beim Vietnamesen. Aber klar, ein Festival ist ja trotzdem auch für Besucher*innen. Auf dem Reeperbahn hat letztes Jahr zum Beispiel Muse gespielt. Auch wenn für uns gesehen das wichtigste eher die Kontakte und das Fachpublikum sind, schauen die Verantwortlichen natürlich auch darauf, Tickets zu verkaufen und den „normalen“ Besuchenden etwas zu bieten. Ist ja auch eine wichtige Mischung, denn es wäre schlimm, wenn nur Business Leute im Publikum stehen. Es ist so schon schwierig genug für eine Band und die Fachleute wollen ja auch sehen, dass eine Band das Publikum begeistern kann.

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