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In Krisenzeiten zusammengerückt

Stromausfall beim Immergut Festival


 
 

text Johannes Jacobi & das Team des Immergut Festivals 2018
redaktion Friederike Tesch
fotos Sascha Krautz, Till Petersen

Ein komplettes Festival liegt von einem Moment auf den nächsten im Dunkeln. Keine Musik, kein Licht. Nur ein letzter Funken des Notstromaggregats. Das unwahrscheinlichste aller Szenarien. Der Ausfall aller Aggregate zur selben Zeit. Gibt es nicht – und doch passierte dem lieben Immergut Festival selbiges im Mai 2018.

 

Eine Nacht, die dem Orga-Team für immer in Erinnerung bleiben wird. Eine Nacht, die Team und Gäste auf ganz unerwartete Weise vereinte und eine Nacht, die besser hätte nicht enden können. Gemeinsam mit dem Orga-Team haben wir eben diese Nacht chronologisch aufgearbeitet und rekonstruiert. Das Kapitel Stromausfall ist hiermit abgeschlossen.

21:50

Steffi (Presse & Öffentlichkeitsarbeit, Vorstand): Drangsal läuft, alles klar, mal ins Büro gehen – Zack, Strom aus. Björn ruft laut “fuck” und das Gefühl, dass gleich bestimmt wieder alles angehen wird, schwindet. Die Erkenntnis: wir haben solche Situationen nie durchdacht. Das war’s jetzt. Nach all den Problemen in diesem Jahr wird uns hier die Entscheidung abgenommen ob es ein Immergut 2019 geben wird.

Rike (Infrastruktur & Sicherheit, Vorstand)Ich habe gerade nichts zu tun, also ab zur Fressmeile und den obligatorischen Apfelmus, Zimt und Zucker Crêpe holen. Ich bin nicht mal beim FOH der Waldbühne angekommen, als alles dunkel wird. Lampe, einer unserer Stromer, zieht im Sprint an uns vorbei und wir fangen an die eigens verlegten Kabelverbindungen im Kopf auf mögliche Schwachstellen hin zu prüfen.

Alter, das Aggregat brennt!

Marco (Grafik & Barmanagement, Vorstand)Ich schaue die zweite Hälfte des Drangsal Auftritts an. Mitten im Lied ist der Strom weg. Dunkelheit und Soundausfall. Beides kommt aber nicht plötzlich, sondern ganz sanft wie mit einem Dimmschalter runtergeregelt. Die Menge jubelt. Strom ist nicht mein Kompetenzbereich, dennoch bin ich sicherheitshalber durch die Menge nach hinten in den Backstage gerannt. Verschiedene Stromer turnen um und auf dem Aggregat herum, neugierige Menschen versammeln sich im Backstage ums Aggregat, Funken kommen aus dem Aggregat. Einer dreht sich um und sagt: “Alter, das Aggregat brennt!”

Klara (Management/Büro): Auf der Suche nach Taschenlampen (es sind keine mehr im Lager zu finden) holt Marc aus unserem Zelt unsere zwei Laternen und unsere Fahrradlichter, die wir fürs Campen dabei hatten und verteilt sie unter den Helfern.

Philipp (Infrastruktur, verantwortlich für das Strom Team): Ich stehe in der Werkstatt und wechsele meinen Akku vom Funkgerät. Das Licht geht aus. Aber nicht nur in der Werkstatt. Verdammt! 


22:00

Rike: Ok, wie hatten wir uns das in dem dann doch nicht fertiggestellten, weil eigentlich nicht vorgeschriebenen und in notwendiger Form natürlich vorliegenden, ausführlicheren Sicherheitskonzept gedacht mit der Krisenkommunikation? Megaphon? Kaputt. Taschenlampen? Leider nicht auffindbar.

Tim (Grafik & Gestaltung, Vorstand)Dass das gerade wirklich passiert ist, kommt nicht so richtig bei mir an. Es fühlt sich eher wie ein echt beschissener Alptraum an, der von Minute zu Minute schlimmer wird. Als auch nach 30 Minuten der Strom nicht wieder läuft, wird mal kurz ’ne Träne verdrückt. Ich versuche die Stage Hands von Roosevelt nach vorne zu bewegen. Die verstehen den Ernst der Lage nicht und laden weiter aus bis ich deutlicher werde.


Marco: Ich lasse mir vom Infrastruktur-Team Antworten auf die wichtigsten Fragen geben:
– Kriegt ihr das repariert?
– Unwahrscheinlich.
– Was ist mit Notstrom?
– Auch ausgefallen.
– Wo kriegen wir jetzt Strom her?
– Ersatzaggregat der Stadtwerke.
– Wie lange dauert das?
– Mindestens eine Stunde.
– Reicht das für alles?
– Nein.
– Woher kriegen wir ein großes?
– Berlin.
– Lieferzeit? 
– Fünf Stunden minimum.
– Scheiße.

Wir evakuieren trotzdem sicherheitshalber den Backstage. 

Björn (Booking & Büro/Management): Im Zelt hört man Drangsal die Zugabe spielen, besser noch: Man hört alle Gäste “Turmbau zu Babel” mitgrölen. Versuche des Neustarts des Aggregats scheitern alle. Dann plötzlich der Ruf nach Feuerlöschern. Lampe und ich sprinten los, er gen Hauptbühne und Birkenhain, ich zum Backstage-Zelt und in die Zeltbühne. In einer Minute sind acht Feuerlöscher am Aggregat – vorsorglich. “Nur” leichtes Funkensprühen, aber wir evakuieren trotzdem sicherheitshalber den Backstage. 

Tina (Gestaltung & Kiosk, Vorstand): Ich schließe den Kiosk, stürme hinaus und bewege mich gegen den kleinen Menschenstrom Richtung Backstage. An der Backstage-Schleuse angekommen will mich der Secu trotz Veranstalter*innen-Pass nicht durchlassen. WHAT? Ich muss da jetzt aber durch. Kurze Diskussion, dann doch das Go. Kaum durch die Schleuse durch, höre ich ein “Tina!” und werde postwendend von Matze wieder rausgeleitet – der Backstage wird evakuiert.

22:30

Wir wollen keine Zeit verlieren.

Philipp: Wir müssen die Lebensmittel der Stände retten. Unsere Ansprechpartner schwärmen aus, um die Info zu verbreiten, dass bald wieder Strom kommt. Das Infra-Team will helfen. Wir bereiten die Ankunft des neuen Aggregats vor. Es soll nun nichts schief gehen. Ich denke an den weichen Untergrund auf der Festivalfläche – stellenweise wie Treibsand. Wir rekrutieren ruck zuck ein Team, welches die Eskorte bilden wird. Der Radlader wird besetzt und mit einem fähigen Fahrer bestückt. Die Security an den Schleusen wird informiert, damit sie nicht überrascht sind – wir wollen keine Zeit verlieren.

Matze (Infrastruktur, Vorstand): Aufgaben werden verteilt. Steffi macht im RTW der Sanitäter sitzend Durchsagen auf dem Zeltplatz. Tina und Klara malen ein „Notfallschild“ für die Bühne. Wir entscheiden alle bereits angeschlossenen Bierfässer for free rauszuhauen. Rike klemmt die Zeltplatzbeleuchtung auf den Stromkreis des Kiosks um, damit sie wieder eingeschaltet werden kann. Marco und ich gehen auf die Bühne. Marco versucht die Infos ins Publikum zu brüllen, da die Feuerwehr ihr Megaphon nicht findet und unseres kaputt ist.


Klara: Im Dunkeln ist es gar nicht so leicht, Utensilien für das geplante Schild zusammen zu suchen. Mit blauer Farbe und auf den ovalen Pappschildern wird die Info festgehalten, wann wir wieder mit Strom rechnen – ca. 1h war am Ende dann doch zu optimistisch. Die Zeit vergeht seltsam schnell und trotzdem ewig langsam. Amelie, Tim und ich stehen hauptsächlich abwartend neben der Hauptbühne, immer das Aggregat im Blick. So hören wir auch von dem ersten Plan, die Hauptbühne wieder fit zu machen, aber alles andere abzuschalten, so könnten zumindest noch die Headliner auftreten. Doch der Plan lässt sich nicht realisieren, die Stromlast ist zu hoch für das von den Stadtwerken gestellte Aggregat.

 

22:50

Fuck yeah, let’s do it.

Tina: Für Updates treffen wir uns immer mal wieder am kaputten Aggregat. Nächste Aufgabe: Kerzen verteilen, um ein bisschen Licht ins Dunkle zu bringen. So wird der Backstage mal eben in eine romantische Szenerie verwandelt.

Björn: Nachdem dann das Aggregat der Stadt kommt und wir einen Stresstest machen, wird klar, dass wir das Programm weiterführen können. Dann ging es los: Max, der Stagemanager, und ich sprechen uns ab über die Planung des Bühnenprogramms. Wir fragen Die Nerven, Roosevelt, Ty Segall, Bayonne und Kero Kero Bonito und schauen, was möglich ist. Gemeinsam gehen wir zu Ty Segall und erklären die Situation. Nur der Birkenhain kann noch bespielt werden: “Fuck yeah, let’s do it”. Die Nerven haben sowieso Bock, wollen umbedingt spielen. Dann gilt es Roosevelt zu erklären, dass sein Auftritt nicht möglich ist. Das Setup ist schon auf der Waldbühne aufgebaut, müsste erst noch abgebaut werden und ist sowieso zu groß für den Birkenhain. Ganz geknickt sitzt er im Backstage in einem Sessel: “Ja klar, ist mega schade. Aber ich kann es verstehen”.

Rike: Team Infra verlegt im Nu mehrere hundert Meter Kabel neu, vorbei an der autobatteriebetriebenen Zeltplatzdisko (danke an die Gäste, die diese ermöglicht haben!) hin zum Trafo Häuschen. Der Zeltplatz leuchtet wieder im schönen Grün ebenso wie der Birkenhain, der dank des Notstromaggregats der Stadtwerke gerade einem Belastungstest unterzogen werden kann. Die zweite Meldung an die Polizei: „Wir haben die Situation völlig unter Kontrolle“. Die Polizistin scheint erleichtert. Ich noch nicht so richtig. 

23:30

Klara: Als Strom wieder läuft und der Notfallplan steht, trifft sich die Orgarunde auf einen Schnaps am Orgawagen. Durchatmen ist angesagt.

Steffi: Der Soundcheck von Ty Segall scheint ewig zu dauern. Ich stehe panisch vor der Bühne am ersten Bauzaun Richtung Zeltplatz – sehe unsere Fotografen, sehe Kameramann Karsten und weiß zumindest: Wenn das jetzt groß wird, dann werden es alle sehen.

Matze: Zurück im Backstage spreche ich mit den Leuten vom Strom. Aus Berlin kommt mit viel Vitamin B ein neues Aggregat. Es wird gerade verladen und wird um ca. 3:00 Uhr eintreffen. Ich denke kurz darüber nach was uns das alles kosten wird, verdränge es aber schnell wieder. The Show must go on. Alles wird generalstabsmäßig geplant.

00:30

Wir haben das tollste und einfühlsamste Publikum der Welt.

Klara: Während Ty Segall gerade den Birkenhain ordentlich einheizt, genehmige ich mir eine Tüte Pommes mit Marc. Eine Ladung fettige Kohlenhydrate ist manchmal alles was man braucht. Da die Ablöse der Nachtwache am nächsten Morgen um 7 Uhr für mich ansteht, geht es ins Bett, auch wenn an Schlafen nicht wirklich zu denken ist. Zum Glück wirkt die Erschöpfung dennoch als wirkungsvolles Schlafmittel.

Marco: Ty ist durch, ich also rauf auf die Bühne. Erstmal für den Stromausfall entschuldigen. Riesen Applaus. Dann die weiteren Durchsagen: Bayonne und Roosevelt fallen leider aus. Massenseufzen und enttäuschte Gesichter. Dann aber die guten Nachrichten: “Als nächstes spielen Die Nerven.” Jubel. “Danach Kero Kero Bonito.” Wieder Jubel. “Danach Indie-Disco” Wieder Jubel, viel Beifall und fröhliche Gesichter. Ich realisiere, wir haben das tollste und einfühlsamste Publikum der Welt.


Tim: Was? Ty spielt jetzt auf der kleinen Bühne? Das wird richtig fett. Wurde richtig fett. Eins der besten Konzerte, das ich je auf dem Immergut gesehen habe. Björn tanzt hinter mir, vor mir Laura und Andreya. Nach Ty hab ich noch ’nen Timetable gemalt, hoffe die Zeiten haben gestimmt die Björn mir gegeben hat. War alles zu aufregend. Als ich das Schild nach vorne bringe: viel Freude über Ty und Die Nerven. Das Die Nerven Konzert war auch der Kracher, meine Mutter fand die auch gut. Kero Kero guck ich mir nicht von der Seite aus an, sondern mal in der Menge für so ca. 30 Minuten, dann geht’s ins Bett.

Steffi: Ty läuft, alles groß und laut und das Herz rutscht wieder nach oben. Eine Helferin fragt mich, ob man jetzt schlafen gehen könne oder ob noch was passiert. Naja, wie wäre es denn mit Die Nerven auf dem Birkenhain? Gute Nacht. Die Bands fangen unsere Panik auf, alles easy – ich trauere ein bisschen um Bayonne, aber sonst ist alles gut.

03:00

Philipp: Das große Aggregat aus Berlin kommt an. Wieder werden Freiwillige zusammengetrommelt. Wir müssen wieder absichern. Umso mehr, da es dieses Mal ein LKW ist und kein Transporter mit Anhänger. Der Radlader wird wieder besetzt – Matze hält sich dieses Mal bereit. Erneut klappt alles reibungslos. Wir sind erleichtert. Auch dieses Aggregat wird von Rudi und dem Strom-Team in Empfang genommen. Sie werden die ganze Nacht durch arbeiten. Ich bin so froh, dass wir sie haben. Ich mache mich irgendwann auf den Weg nach Hause. Keine Ahnung wann. Ich konnte vor Ort nicht mehr helfen. Morgen früh müssen viele Dinge geklärt werden.

Ein weiterer Ausfall am Samstag wäre undenkbar.

Matze: Damit sich der Tieflader nicht auf unseren zahlreichen Treibsandfeldern festfährt, wird ein Radlader vorausfahren. Alle gehen in Position und helfen beim Eskortieren. Ich sitze im Radlader und während ich warte, sehe ich in Richtung Birkenhain. Die Nerven spielen und die Leute scheinen mega Spaß zu haben. Der LKW kommt ohne Probleme an seinem Bestimmungsort an. Das Abladen beginnt. Die Orga-Runde trifft sich. Wir entscheiden wer schlafen geht, da unsere Schichtplanung eh dahin ist und wir morgen halbwegs fitte Leute für den Samstag brauchen. Ich entscheide zu bleiben bis das neue Aggregat läuft. Ohne die Gewissheit, dass Samstag wieder alles läuft, kann ich sowieso nicht schlafen. Ich helfe beim Abladen. Alles wird verkabelt. Langsam geht die Sonne auf. Der erste Start sieht gut aus. Die Leistung sollte passen. Trotzdem wollen wir noch ein weiteres Aggregat mieten, um die Last zu verteilen. Ein weiterer Ausfall am Samstag wäre undenkbar. Pläne und To-Do’s für den nächsten Tag werden erstellt. Danach geht es erstmal ins Bett.

Tina: Es wird immer später, mir wird immer kälter. Hab aber Nachtschicht, hm. Ich verkrieche mich im Orgawagen, weil’s da noch bisschen warm drin ist. Schlafe ein. Werde kurz von Die Nerven aus der Ferne geweckt. Schlafe wieder ein. Werde von irgendwem, der reinkommt, geweckt. Schlafe wieder ein. Als ich endgültig aufwache, ist es hell und ich merke, ich habe meine Nachtschicht verkackt. Mist. #sorrymarco. Naja, trotzdem erstmal ins Bett, weil ich immer noch mega müde bin.

Rike: Ab ins Bett.


Mail vom Ordnungsamt

Betreff: Lärmmessung
Datum: Sat, 26 May 2018 04:10:29 +0200
Von: Ordnungsamt

Sehr geehrtes immergutteam,

eine Nachfrage bei der Polizei gegen 3.00 Uhr ergab keine Beschwerden aus der Bevölkerung wegen Lärm. 

Die gegen 3.30 Uhr in der Kranichstraße (Bushaltestelle) und gegen 3.45 Uhr im Schliemannweg 23 vorgenommenen Messungen wurden nicht gespeichert, da die aufgetretenen Nebengeräusche, insbesondere Vogelgezwitscher, das Messergebnis verfälschten. Es waren kaum Musikgeräusche wahrnehmbar. 45 dB(A) waren in keinem Fall überschritten. 

Aufgrund der Geräuscharmut wurde vor dem Haupteingangsbereich am Bürgerseeweg eine Probemessung versucht. Auch hier waren die auftretenden Nebengeräusche, insbesondere das vorbeilaufende Publikum, zu hoch, um messen zu können.

Die für heute mit mir vereinbarte, aber ausgefallene Messung in den Morgenstunden wird Frau Mustermann in Ihrer Bereitschaftszeit vornehmen. Sehr geehrter Herr Kagel, bitte suchen Sie mit Frau Mustermann den Kontakt. Ihre Bereitschaft beginnt am 26.05. um 20.00 Uhr.

Mit freundlichen Grüßen,
Mustermann II

Am nächsten Morgen…

Tim: Aufwachen. Ist das wirklich passiert? Hm, glaube schon. Joa ist passiert. Treffe Klara (die mich nicht geweckt hat!): „Ist das wirklich passiert?“ „Jup ist passiert.“ Erstmal Kaffee. Ab dann Angst, dass das nochmal passiert heute, bis Rike mir den Plan der Pläne erklärt, anhand von Zeichnungen auf der Rückwand des Aggregats. Cute.

Steffi: Ich gehe unsicher zurück zur Fläche: Ist alles gut gegangen? Ja. Entwarnungspostings auf den Social Media Kanälen, dem Nordkurier für die Regionalpresse erklären was passiert ist und weitermachen.

Björn: Am Orga-Wagen ankommend sehe und höre ich dann das neue Aggregat. Puh, es läuft. Mit Strom und Internet geht es dann daran die Informationen des letzten Tages zu streuen, ein großes „DANKE“ an alle Festivalgäste zu senden und alle auftauchenden Fragen zu beantworten. Auch an alle Helfer*innen soll ein „Danke“ gesandt werden, daher sammeln wir Feedback von Bands und Gästen und hängen es an die Info-Tafeln im Backstage.


Und dann läuft’s.

Klara: Normalerweise sieht man bei der Ablöse nur noch wenige, die sich den Sonnenaufgang anschauen und auf dem Weg zum Zelt sind – heute sind aber auch viele der Stromer bereits oder viel mehr noch auf den Beinen, die Nacht ist ihnen anzusehen. Alle sind ein bisschen dreckig vom Staub, alle K.O., aber alle irgendwie auch „zusammener“ und glücklich die Nacht überstanden zu haben. Der Tag beginnt wie immer, wir räumen auf, die Sonne brutzelt bereits am Morgen ordentlich vom Himmel herab. Während ich eine kurze Pause im Schatten mache, schaut der Bürgermeister der Stadt Neustrelitz bei einer morgendlichen Joggingtour vorbei, lässt sich auch noch mal über die Geschehnisse der letzten Nacht informieren. Zuspruch und tröstende Worte werden gewechselt.

Philipp: Zurück auf der Festivalfläche führe ich erste Gespräche. Die Auftritte letzte Nacht waren noch ein voller Erfolg. Ich bin erleichtert. Keine Teilnahme am Immergut Zocken Tunier für mich dieses Jahr – egal! Nun werden zur Sicherheit alle Institutionen im näheren Umfeld angerufen und gefragt, ob sie Aggregate bereitstellen können. Die meisten können und wollen helfen und liefern. 

Der Betrieb soll wieder starten – wenn auch in abgespeckter Form. Unnötige Verbraucher sollen nicht ans Netz gehen. Wir haben leider nicht genug Power. Bühnenbeleuchtung, elektrische Kochgeräte, die Backstage-Disco – überall werden Abstriche gemacht. Langsam aber sicher werden mehr und mehr Stromabnehmer zugeschaltet. Gebannt beobachten die Elektriker und ich die Anzeigen am Aggregat. Es sieht gut aus. Die Nadel der Abnahmelast steigt und steigt bis sie auf stabilem Level verharrt. Wir haben noch Luft – wir sind beruhigt. Doch was ist das? Die Nadel springt plötzlich an! Irgendjemand hält sich nicht an die Vorgaben! Ein Teil der Elektriker schwärmt aus. Der Verursacher wird gefunden. Ein Essensstand hat ein uraltes, riesiges waffeleisenartiges Gerät in Betrieb genommen. Es wird entfernt – die Nadel fällt wieder. Leider nehmen die Kollegen unsere Bitte nicht ernst. Sie nehmen das Gerät wieder und wieder in Betrieb. Oh man. Erst als wir zur Drohung übergehenden Stand komplett zu schließen, haben sie es begriffen. Und dann läuft’s.



Samstag

Steffi: Freunde, die mir begegnen haben das Bedürfnis mich in den Arm zu nehmen und immer wieder hört man, dass alles gut sei und gar nicht so schlimm.

Rike: Krisenplan für eventuell weitere Ausfälle steht, dieses Mal sind wir gewappnet: die drei Notstromaggregate (das DRK hat sich auch noch eins besorgt – danke!) plus das große Aggregat ermöglichen einen zwar angespannten, aber trotzdem wunderschönen Samstag, mit einer solch unheimlich positiven Stimmung und dem warmen Gefühl der Verbundenheit im Team als auch zwischen Festivalmacher*innen und Gästen.

Philipp:  Je später es wird, desto mehr fällt die Anspannung. Es läuft nach wie vor. Und die Gäste haben eine gute Zeit. Ich setze mich mit einem Bier und lasse meine Gedanken schweifen. Ich bin beeindruckt, wie wir als Haufen Amateure ohne wirkliche Krisenerfahrung diese Situation gemeistert haben. Ich bin stolz Mitglied dieses Vereins sein zu dürfen.

In Krisenzeiten zusammengerückt

Björn: 22:10 Uhr ist es dann so weit. Wir sagen Danke und freuen uns über freudige Gesichter, viel Verständnis, Dank und natürlich auch einen tollen zweiten Festivaltag. Danach erst einmal Pfeffi.

Tina: Vor Olli Schulz gehen wir auf die Bühne, Marco bedankt sich stellvertretend bei allen, die so toll mitgemacht haben. Entschuldigt sich auch nochmal im Namen der Orgarunde, was mit lautem Jubel beantwortet wird. Ich hab ein bisschen Pipi in den Augen. Viel Dankbarkeit auf allen Seiten und einfach viel Liebe fürs Immergut.

Marco: Alle auf die Bühne, ich muss ans Mikro. Gefühl wie damals beim Musikvortrag in der 11ten. Alles läuft. Das Publikum ist gnädig. Mehr noch: Es ist dankbar und herzlich. Viel Applaus. Sehr viel. Sentimental wieder runter von der Bühne und in den Festivalabend. Hier und da Schulterklopfer. “Kann passieren!”, “Tolles Festival trotzdem!” Hach, so nette Worte. “In Krisenzeiten zusammengerückt” – das wäre meine Überschrift zum Immergut 2018.

Festivalfinder

Immergut Festival

30. Mai – 01. Juni 2019


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