Magazin

Ein Gespräch mit Bürgermeister Thomas Hähle über das Jenseits von Millionen

Festival-Maskottchen & Melonen-Bowle


Friedland ist eine idyllische 750-Seelen-Wohlfühl-Oase ca. 100 Kilometer von Berlin entfernt. Friedland ist außerdem eine Stadt und kein Dorf. Wer Anderes behauptet, wird schnell eines besseren belehrt. Jedes Jahr im August ist Friedland außerdem die Heimat des Jenseits von Millionen Festivals.

text & fotos Nina Martach
redaktion Isabel Roudsarabi

Das Non-Profit-Festival hat sich Eines zum Ziel gesetzt: Hilfsorganisationen weltweit zu unterstützen und dabei eine nachhaltige Festivalstruktur zu etablieren. Wir haben uns mit Thomas Hähle, dem Bürgermeister Friedlands und gleichzeitig wohl bekanntesten Gesichts des Festivals in der Burgschänke in Friedland getroffen und uns erzählen lassen, warum es manchmal gut ist, Dinge einfach mal zu machen.

Das Jenseits von Millionen findet dieses Jahr zum 12. Mal statt, Veranstalter ist der Verein „Anderes Festival“. Wie bist du als Bürgermeister der Stadt Friedland bei dem Festival involviert?
Im Verein bin ich nicht involviert. Für das Festival bin ich aber schon seit vielen Jahren Schirmherr. Das Jenseits von Millionen ist ein komplettes Non-Profit-Festival. Damit die Bands auch bezahlt werden können, nehmen wir zwar Eintritt, spenden es aber dann dem Verein. Das ist die Unterstützung, die wir als Stadt Friedland dem Festival geben. 

Also hast du als Einzelperson gar keine operative Rolle bei der Veranstaltung, sondern eher die Stadt Friedland an sich?
Ja, als Stadt integrieren wir uns hier schon sehr. An heißen Tagen stellt sich die Friedländer Feuerwehr zum Beispiel hinten auf den Zeltplatz und spritzt zur Abkühlung Wasser, da können sich die Leute dann drunter stellen. Wir nehmen auch das Gelände ab, wir gucken, ob alles der Brandschutzverordnung entspricht und, dass das Festival entsprechend ausgeschildert ist. Wir müssen ja unsere Pflichten wahrnehmen.

Außerdem glaube ich, dass ich mittlerweile schon ein kleines Maskottchen für das Festival geworden bin.

Dich sieht man während der Auftritte fast immer ganz vorne an der Bühne stehen. Könnte man dich auch als Fan des Festivals bezeichnen?
Definitiv! Das ist einfach meine Musik hier. Das ist schon schick. Und die Bands werden jedes Jahr frischer. Der Verein wandelt sich auch immer und das hat sich ganz gut ausgezahlt. Ich muss sagen, die jungen Leute bringen da ganz andere Ideen rein und wenn man sich mal die letzten Jahre anguckt, da war der Spaßanteil in der Musik nicht ganz so groß. Jetzt ist mit Acht Eimer Hühnerherzen Spaßpunk dabei. Die waren ja der totale Wahnsinn. Oder ClickClickDecker – Da steckt einfach Musik drin.

Das heißt, früher standen eher ruhigere Acts auf der Jenseits-Bühne?
Nee, schon eher Psychedelisches. Singer-Songwriter war wirklich ganz früher, als alles angefangen hat. Da haben hier Thees Uhlmann, Erdmöbel und sowas alles gespielt. Wenn man mal auf die Liste guckt, welche Bands in den ganzen Jahren schon alle aufgetreten sind und was dann aus denen geworden ist: Da sind echt viele dabei, die man heutzutage gar nicht mehr buchen könnte. Die standen auf der Schwelle zum großen Erfolg, als sie hier gespielt haben, Intergalactic Lovers zum Beispiel, oder Die Sterne. Die Leute hätten niemals geglaubt, dass wir Die Sterne hierher kriegen. Haben wir aber. Unsere beiden Booker sind sehr kreativ und da ist mittlerweile echt für jeden musikalisch was dabei. Aber jetzt erst mal Prost. Herzlich willkommen in Friedland!


Danke! Wir kommen jedes Jahr sehr gerne wieder! Auch wenn du an sich nicht beim Festival involviert bist, hast du denn beim Line-Up Mitspracherecht oder machst gelegentlich Vorschläge?
Nein. Was Bands angeht, reden der Verein und ich zwar viel miteinander, aber eigentlich habe ich keinen Einfluss auf das Line-Up. Am Ende ist aber immer etwas für mich dabei (lacht). 

Wie wichtig ist es euch denn, dass auch regionale Bands auf dem Jenseits von Millionen auftreten?
Das ist schon wichtig! Wir hatten auch schon mal ein paar tschechische Bands dabei. Mir würde noch gefallen, wenn ein paar polnische Bands kommen würden. Da gibt es ein paar sehr Gute und Polen ist nicht weit von hier. Aber das muss natürlich musikalisch auch immer reinpassen. 

Beschäftigst du dich vorher mit allen Bands und Musiker*innen,die auf dem Festival auftreten?
Ja, immer. Das ist ja hier auch einfach meine Musik.

Was hörst du denn privat?
Zur Zeit vor allem Fortuna Ehrenfeld. Ich höre auch gerne mal SCHILLER. Und wen ich momentan total irre finde, ist Klaus Waldeck. Das ist ein österreichischer Produzent und DJ, der richtig coolen Elektro-Blues/Elektro-Boogie macht. Alles was deutsches Liedgut ist höre ich schon gerne. Außer Schlager. 

Bei Helene Fischer geht bei mir das Radio kaputt.

Was wäre dein Traum-Line-Up für das Jenseits von Millionen?
Oh, da muss ich erst mal nachdenken… Als Headliner würde ich mir sowas wie Saalschutz wünschen. So knallenden Elektro-Punk, bei dem auch noch was passiert. Thees Uhlmann und Olli Schulz –  ohne Frage. Ich würde mich auch nochmal über Erdmöbel freuen, die schon mal da waren. Ich bin bei der Frage aber fast überfragt, weil ich so viel unterschiedliche Musik höre, die ich gut finde. Ich bin ja auch Einer, der noch klassisch CDs kauft, weil ich finde, die Künstler haben das einfach verdient. 

Das Line-Up führt ja auch dazu, dass ein sehr breit gefächertes Publikum zum Festival kommt. Ist das auch ein Teil, der das Festival für dich ausmacht? Der Kontakt zu Leuten, die man im Alltag in einer 750-Einwohner-Stadt eher selten sieht?
Berlin, Sachsen, Rostock. Also, wenn ihr auf dem Campingplatz mal die Nummernschilder anschaut, was da alles so steht, das ist schon faszinierend. Polen, Ruhrgebiet und so weiter. Das Festival hat sich natürlich auch in Berlin immer mehr etabliert. Eine Sache macht es für mich aber besonders aus: Lebensfreude!

Wir sind eine kleine Stadt, die viele ältere Einwohner hat. Die gucken dann aus dem Fenster, begrüßen die Festivalgäste und nehmen das alles richtig gut an.

Das belebt unsere Stadt an dem Wochenende natürlich sehr. Was noch wichtig ist: Alle Leute, die herkommen, die kommen wieder, um Urlaub zu machen. Ich habe selber hier Ferienwohnungen und merke, dass die Region den Leuten schon sehr gut gefällt und dass man hier Ruhe finden kann. Wenn man auf einem Festival ist, dann hat man ja schon immer eher Stress.

Hier fühlt es sich allerdings, trotz Festival, eher wie Urlaub an. 
Das sagen die Leute immer wieder. Sie fahren tagsüber an die umliegenden Seen zum Baden oder irgendwo in die Natur. Hier kann man sich einfach sehr frei bewegen, das ist schön. Was auch schön ist, ist, dass die Kirche vom Festival eingebunden wird. Da kommen dann auch die Friedländer gerne hin. So voll wie an dem Festivalwochenende während der Konzerte ist die Kirche sonst nie. Für Friedland ist das Festival eine richtige Bereicherung. Anfangs hat man das hier schon eher kritisch beäugt. Da kamen dann so Sprüche wie: „Was macht denn der Hähle jetzt hier? Der holt die ganzen verrückten Leute nach Friedland.“

Das heißt das Festival kam durch dich nach Friedland?
Ja, ja! Damals hieß das Festival noch Mamallapuram Festival und fand auf der Burg Storkow statt. 2009 wurde ich von den den Organisatoren angerufen: „Thomas, wir müssen dich ganz dringend sprechen“.

Die hatten alle Tränen in den Augen, weil die Stadt ihnen sechs Wochen vor dem Festival die Veranstaltung verboten hat. Und dann bist du pleite.

Du kannst die gebuchten Bands und die Rechnungen nicht bezahlen und das wäre der Todesstoß  gewesen. Ja, und dann sind die zu mir gekommen und es hat nicht lange gedauert, eine Stunde vielleicht. Ich bin zur Burg gefahren, hab den Burgchef geholt und ihm gesagt: „Bring einen Zollstock mit.“ Der war ganz verstört, der wusste gar nicht was los war. Dann haben wir zusammen die Burg ausgemessen und haben noch am selben Abend die Entscheidung getroffen: Das Festival kann kommen. 

Muss man nicht ziemlich viele Genehmigungen einholen, um ein Festival zu veranstalten?
Ja, hinterher musste ich das dann machen. Aber da war es ja dann eh schon zu spät, um nein zu sagen. Da waren viele noch kritisch, aber als die Stadt dann nach dem Festival sauberer war als vorher, war alles wieder ok. Die Helfer laufen ja wirklich Tag und Nacht hier rum und gucken, dass alles in Ordnung und sauber ist. Jeder Becher wird aufgesammelt, egal, ob der vom Festival ist oder nicht. Ich glaube, das hat dann auch das Vertrauen in den Anwohnern geweckt. Nach dem Festival tagt der Verein immer um zu entscheiden, ob das Festival im nächsten Jahr wieder stattfindet. Mittlerweile sind alle schon immer ganz neugierig und fragen, wann und ob es wieder eins geben wird. Das zeigt, dass sich hier wirklich etwas gewandelt hat. 

Also erhält das Festival generell auch eher positiven Zuspruch von den Anwohner*innen, auch von den etwas älteren?
Ja, die Skepsis ist komplett gewichen. Aber klar, es gibt immer Leute, die irgendwas nicht mögen. 

Wie geht ihr mit Beschwerden seitens der Anwohner*innen um?
Die Beschwerden müssen sehr begründet sein und dann reden wir mit beiden Parteien.

Was waren das in der Vergangenheit für Beschwerden?
Überziehung der Zeit und die Lautstärke. Aber die Lautstärke wird ja eingemessen und protokolliert. Also, vom Grundsatz her gab es eigentlich nie viele Beschwerden. Anfangs haben wir öfter Gegenwind bekommen, aber mittlerweile setzen die Anwohner sich in ihre Gärten, machen eine Gartenparty und hören sich die Musik aus der Ferne an. Da klingt der Sound fast noch sauberer, als bei uns auf dem Burghof (lacht).


Oft bringen die Anwohner*innen sich auf Festivals auch richtig ein, indem sie zum Beispiel Gartenduschen für die Festivalgäste bereitstellen oder sogar kleine Yoga-Sessions für zwischendurch anbieten. Gibt es das in Friedland auch?
Hier bringen sich die Anwohner vor allem durch Spenden ein. Nicht nur finanziell sondern auch mit Materialien wie alten Bettlaken, Farbe, Werkzeug und so weiter. Aber dadurch, dass das Festival so lange schon besteht, haben wir einen Fundus an Materialien, da muss man gar nicht mehr wirklich nachladen. Der Verein hat ein großes Lager, in das all die Sachen reinkommen und was nicht kaputt gegangen ist, wird im nächsten Jahr umgebaut und wiederverwertet. 

Ist das auch ein Grund, warum ihr die Ticketpreise so niedrig halten könnt?
Ja, das hängt vor allem auch damit zusammen, dass die Mitglieder des Vereins eben alles selber machen. Wo bei anderen Festivals Unmengen an verschiedenen Firmen mitarbeiten, machen hier unsere Helfer alles selber. 

Zu deinem 50. Geburtstag hast du Spenden für ein ein Waisenhaus in Russland gesammelt. Ist das Festival deswegen auch so ein Herzensprojekt für dich, weil es hier ebenfalls viel um Charity geht?
Der Spendenzweck ist definitiv wichtig und vor allen Dingen ist Non-Profit für mich sehr wichtig. Es soll möglichst viel Geld zum Spenden eingenommen werden. 

Nach dem Festival sieht man ja auch, was in dem Jahr gut oder schlecht gelaufen ist und was man eventuell besser machen könnte. Ist das bei euch auch so, oder habt ihr mittlerweile einen Standard erreicht, mit dem ihr zufrieden seid?
Der Verein und ich treffen uns immer am Dienstag nach dem Festival bei mir zuhause.

Da koche ich dann für meine Festivalkids. Standesgemäß gibt es Melonen-Bowle mit Ingwer – Das ist eine Tradition bei uns.

An dem Abend lassen wir das Festival Revue passieren. Jeder hat da ja einen ganz anderen Blick drauf. Besser machen geht immer und wenn man ein bestimmtes Level erreicht hat, ist das erst mal gut. Wenn das so funktioniert, dann kann man da wirklich stolz drauf sein!

Gibt es die eine Sache, die ihr den Gästen nach dem Festival unbedingt mit nach Hause geben möchtet?
Die Gäste nehmen in jedem Fall das familiäre Gefühl mit. Einfach, weil das hier ein Miteinander-Festival ist. Was ich mir wünschen würde ist, dass die Leute noch etwas mutiger werden, mit Verkleidungen zum Beispiel, wie man es von anderen Festivals kennt. Der Verein ist ja mit seiner Gestaltung schon selber sehr kreativ. Ich fände es schön, wenn das noch mehr auf die Gäste abfärbt. Ansonsten freue ich mich jetzt schon auf alte und neue Gesichter beim Jenseits 2020.

Festivalfinder

Jenseits von Millionen 2020

07. & 08. August – Friedland


Alle Infos zum Festival


Teile den Beitrag