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Ein Interview über Booking, Erwartungen und Erfolge

Geschmacksfragen mit dem Wacken Open Air


 
 

text Johannes Jacobi
fotos ICS Festival GmbH

Wenn man heute aufzählt, was aus dem ersten Wacken Open Air im Jahr 1990 mit 800 Gästen entstanden ist, dann klingt das fast wie ein Witz. Aus der Metal-Sause auf dem Dorf ist eine Metal-Maschine gewachsen, mit Festivals im Schnee, auf dem Wasser, auf einer Insel und selbstverständlich nach wie vor mit dem Original in Wacken.

 

85.000 Menschen aus wirklich allen Ecken der Erde werden in wenigen Tagen zum 30. Geburtstag des Festivals zusammenkommen und einmal mehr belegen, dass das W.O.A. heute eines der beeindruckendsten Festivals auf der Welt ist. Wir haben mit Jan Quiel über die Programmgestaltung, Erwartungsdruck, Nachwuchs und Erfolge gesprochen.



Bitte stell dich doch mal kurz vor. Name, Alter, wie lange bist du schon für das Booking zuständig und wie fing alles an bei dir?
Moin! Ich bin Jan Quiel und jetzt im sechsten Jahr jetzt beim Wacken Open Air. In der Musikbranche bin ich seit 2005 tätig und habe da viel im Bereich Tourbooking und Tourmanagement gearbeitet. 2009 konnte ich erstmals eine meiner Bands zum Wacken Open Air buchen, 2013 war ich dann auch erstmals persönlich vor Ort, als ich die Band Ugly Kid Joe dorthin gebucht hatte. Die Eindrücke des Festivals haben mich umgehauen. Ich war bis dahin schon auf etlichen Festivals, aber das war wirklich besonders. Und wie es der Zufall so wollte, habe ich kurze Zeit später dort angefangen zu arbeiten.

Drei Tracks, die heute in deiner Playlist laufen?
Slipknot – Unsainted
Mantar – Age of the Absurd
All Hail The Yeti– After the great Fire

Ein Track, der in diesem Jahr bisher besonders häufig bei dir gelaufen ist?
Das ist auf jeden Fall Slipknot – Unsainted. Der Aufbau des Songs ist einfach so so gut. Und dieser Chor am Anfang! Ich habe die Band 1999 das erste Mal in der Kantine in Köln gesehen und jetzt gerade als Headliner beim Greenfield Festival in der Schweiz. Der Werdegang der Band ist wirklich beachtlich.

Wie würdest du das Rezept für euer Line-Up in einem Satz zusammenfassen?
Unser Ziel ist es jedes Jahr die bestmögliche Mischung aus Tradition und Newcomern zu präsentieren und hier eine passende Mischung der einzelnen Subgenres zu haben.

Was schätzt du, wie viele Band-Bewerbungen bekommt ihr jedes Jahr? Hörst du alle durch und sind die für euer Line-Up überhaupt relevant?
Das sind etliche. Und ganz ehrlich: Ich würde lügen, würde ich sagen, dass wir überall reinhören. Viel bekommen wir ja von Agenten und Managements, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Hier hören wir natürlich rein. Bands die aber weder Label, Agentur oder Management haben, haben es auf alle Fälle schwerer. Was nicht heißen soll, dass es absolut unmöglich ist! Am besten sind – zumindest für mich – kurze E-Mails mit ein paar Infos über die Band und dazu einen Link zu einem guten Youtube Video. Da kann ich mir am schnellsten einen ersten Eindruck verschaffen. Grundsätzlich sind wir aber sehr an Nachwuchs und Nachwuchsförderung interessiert, aus diesem Grund veranstalten wir seit 2004 den Wacken Metal Battle in mittlerweile 60 verschiedenen Ländern. Bands aus 30 verschiedenen Ländern treten jedes Jahr beim Wacken Open Air auf. Das ist super spannend!

Wie gehst du mit der Erwartungshaltung eurer Gäste um? Es ist ja unmöglich es allen recht zu machen, aber trifft dich Gemecker und Kritik persönlich?
Nein, persönlich trifft mich das nicht, ich muss aber zugeben, dass mich einige Kommentare schon ziemlich ärgern. Besonders auf Facebook und Co scheint es keinerlei Benimmregeln mehr zu geben, da gehen einige Kommentare echt unter die Gürtellinie.

Über Kommentare wie „Wacken ist kein Metal“ sehe ich schon lange hinweg. Wir machen so viel für den Nachwuchs im Metal und wir präsentieren auch gestandene Bands in einem Rahmen, wie es kaum ein anderer macht.

Grundsätzlich sind wir aber an konstruktiver Kritik sehr interessiert und stehen im engen Austausch mit unserer Community. Nicht nur online, wir veranstalten auch regelmäßige Treffen mit einigen unserer Besucher und freuen uns über Feedback aus der Sicht der Festivalbesucher. Nur so können wir uns Jahr für Jahr verbessern.


Gibt es so etwas wie deinen größten persönlichen Erfolg beim Booking der letzten Jahre? Ein Act der nach langem hin und her geklappt hat, ein Act aus eigentlich viel zu hoher Preisklasse oder ein ganz persönlicher Liebling?
Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren als deutscher Tourneeveranstalter für Therapy? aus Irland und die Band hatte sich schon lange gewünscht mal in Wacken zu spielen. 2016 habe ich die Jungs dann gebucht, allerdings hatten wir nur noch einen Slot im Zelt, parallel zum Headliner Iron Maiden. Da war die Angst berechtigt, dass die Band in einem großen, nicht allzu gut gefüllten Zelt spielen würde. Doch Pustekuchen – es war voll und die Stimmung war grandios. Die Leute haben mitgesungen und der Band einen tierisch guten Abend beschert. Da war auch ich mehr als happy, da die Band und ich eine sehr freundschaftliche Beziehung pflegen. Auch an der Band Clawfinger habe ich lange gebaggert, 2017 war es dann endlich soweit: Im strömenden Regen lieferte die Band eine mega gute Show ab.

Direkt nach dem Auftritt kam Sänger Zakk zu mir und meinte „We have to do this again next year.“ Eine Band zwei Jahre hintereinander zu buchen ist eigentlich ein No Go, aber die haben so gebrannt, dass wir sie tatsächlich 2018 wieder auf der Bühne hatten.

Es folgten Clubshows und eine weitere Tour ist im Vorverkauf.
Dieses Jahr freue ich mich persönlich sehr über eine exklusive Festivalshow von Body Count. Aber mindestens genauso auf eine kleine Band namens All Hail The Yeti aus LA. Die Band habe ich auf einer Tour mit Life of Agony kennen- und lieben gelernt. Dass wir sie jetzt in Wacken einem größeren Publikum vorstellen können, freut uns alle!

Wie viel Prozent eures Line-Ups für dieses Jahr sind schon bestätigt?
100%

Kannst du schon mehr darüber erzählen? Was wird ganz besonders gut, worüber freust du dich bisher am meisten und was kommt noch?
Ich freue mich darüber, dass es uns nochmal gelungen ist SLAYER zu buchen… Zudem wird die Show von Sabaton etwas ganz Besonderes. Persönlich freue ich mich auf Bands wie Body Count oder auch Life of Agony, mit denen ich zwischen 2008 und 2012 viel getourt bin. Parkway Drive wird mit Sicherheit auch ein riesen Abriss. Frühschoppen mit den Kassierern wird auch gut! haha…

Drei Acts aus euer Festivalvergangenheit, an die du dich besonders gern erinnerst – und warum?
Dazu gehört auf jeden Fall der erste Wacken-Auftritt von Mantar 2015 nachts im Zelt. 2008, 2009 war ich Agent von Hannos (Gesang / Gitarre Mantar) alter Band SIXXXTEN, da hatte ich schon gemerkt, dass der Typ komplett wahnsinnig ist – und unfassbar talentiert. Dass er jetzt mit Mantar eine Band hat, mit der er weltweit tourt und in einem vollen Zelt beim Wacken Open Air spielt, freut mich total. Ebenfalls 2015 hatten wir Savatage & Trans Siberian Orchestra da, die zeitgleich auf beiden Hauptbühnen die gleichen Songs gespielt haben. Das war schon sehr besonders. Zu guter Letzt denke ich sehr gerne an die Show von GHOST letztes Jahr zurück…. ein großer Spaß! Aber es gibt noch viele weitere Shows in Wacken, an die ich mich gerne erinnere.

Welches war das erste Festival, welches du selbst besucht hast und was ist dir davon besonders in Erinnerung geblieben?
Bizarre Festival 1994 in Köln mit Die Ärzte, Bad Religion, Biohazard, Therapy? , Such a Surge… ich glaube, ich war sieben Minuten auf dem Gelände und wusste, dass ich Festivals für immer lieben werde.

Drei Festivals, die dich inspirieren und deren Line-Ups wir uns unbedingt anschauen sollten?
Chicago Riot Fest
Roadburn Festival
Hellfest



Drei Festivals, die du in der Vergangenheit selbst besucht hast?
Open Air St. Gallen in der Schweiz, sehr zu empfehlen. Ein tolles Programm. Vom Singer-Songwriter über Depeche Mode bis hin zu den NINE INCH NAILS… Aber auch über die Musik hinaus hat das Open Air St. Gallen viel zu bieten.

Reload Festival in Sulingen… hier sind wir beteiligt und ich befinde mich im regelmäßigen Austausch mit deren Booker. Das Festival ist super! Mit einer Kapazität von maximal 15.000 Tickets, sehr überschaubar und dadurch sehr familiär. Ein persönliches Highlight jedes Jahr Ende August.

Download UK… als Jugendlicher habe ich vorm Fernseher geklebt, als MTV „Headbangers Ball“ vom Monsters of Rock – Donnington berichtet hat, mittlerweile heißt es Download Festival, ist aber nach wie vor in Donnington. Für den Metal ein geschichtsträchtiger Ort.

Drei Festivals, die du in der Zukunft noch besuchen möchtest?
Chicago Riot Fest
Glastonbury
– irgendein Rock- / Metalfestival in Südamerika… die Leute da sind verrückt bei Konzerten, das würde ich gerne mal mit eigenen Augen sehen.

Mit allem Geld der Welt, was wäre dein Traum-Act für euer Festival?
Natürlich wäre es mal toll, wenn Metallica in Wacken spielen oder Rammstein nochmal kommen würden. Aber das ist es nicht, was das Wacken Open Air ausmacht. Das Gesamtpaket an Bands, Produktion, Gelände, Wetter, etc. muss einfach stimmen. Das Wacken Open Air steht nicht für den einen großen Headliner. Aber:

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, wäre es ein Traum AC/DC in Wacken zu haben!

Auf welchen Wegen findest du neue Musik?
Tatsächlich nutze ich hier viel das Internet, stöbere stundenlang auf Spotify, YouTube etc… natürlich tauschen wir uns hier im Team auch untereinander aus und empfehlen uns gegenseitig Musik. Am schönsten ist es allerdings immer noch, wenn ich bei einem Festival oder einem Konzert eine neue Band für mich entdecke. Mein Highlight 2018: All Hail The Yeti als Support von Life of Agony.

Zum Abschluss verrate uns doch noch bitte deinen Geheimtipp für 2019. Welchen Act sollte sich niemand entgehen lassen?
Auf die Gefahr hin mich hier zu wiederholen: All Hail The Yeti sind schon cool und wer auf Bands wie Down, Pantera gepaart mit einem hohen Anteil Eigenständigkeit steht, sollte sich die Band mal ansehen. Dann bin ich mir sicher, dass SLAYER legendär wird. Schließlich wird das ihre letzte Festivalshow in Deutschland bevor sie in den Ruhestand gehen. Wobei das SLAYER jetzt natürlich kein Geheimtipp sind.
Um starke neue Bands zu entdecken kann ich jedem nur empfehlen mal beim Metal Battle reinzugucken!!

Festivalfinder

Wacken Open Air 2019

01. – 03. August – Wacken


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