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Ein Interview über genrefreies Booking und Destiny's Child

Geschmacksfragen mit dem Pferdefest


Selten lässt die Genrebeschreibung der Acts auf der Programmseite eines Festivals so tief Blicken, wie beim Pferdefest. Hier wird jährlich mit Humor und Selbstironie, aber vor allem auch mit viel Geschmack und Bauchgefühl, ein einzigartiges Line-Up gezaubert.

text Johannes Jacobi
fotos Philipp Haas, Marc Föhr Photography

Nintendocore, Kaffee-und-Kuchen-Rock, Maschinenkonzert,  70s synth-phonic Soul, Schlager, DnB-Punk, Acid Space Funk… Was klingt, wie ein Haufen Klamauk, ergibt am Ende ein stimmiges, hochwertiges Programm. Wir wollten mehr erfahren und haben nachgefragt.

Bitte stellt euch doch mal kurz vor. Name, Alter, wie lange seid ihr schon für das Booking zuständig und wie fing alles an bei euch?
Lena: Hi, ich bin Lena Roegler und 31 Jahre alt. Seit 2016 bin ich in unserem Booking-Team aktiv. Vereinsmitglied war ich schon länger. Als ich mal ’ne gute Band vorgeschlagen habe, war ich schnell im Team. Alle Entscheidungen werden hier gemeinsam getroffen, auch wenn Einigkeit kein Kriterium ist. Unsere Geschmäcker sind sehr heterogen. Deswegen kommen oftmals Vorschläge auf den Tisch, mit denen man selbst erst gar nicht so viel anfangen kann, die man am Ende aber richtig geil findet.

Michael: Hallo zusammen! Mein Name ist Michael Bastgen, ich bin ebenfalls 31 Jahre alt. Beim Pferdefest bin ich seit der ersten Stunde dabei, habe aber zunächst andere Aufgaben übernommen und nur ab und an Vorschläge eingebracht. Seit fünf Jahren bin ich fest beim Booking dabei. Auch mir ist Vielfalt im Programm wichtig. Man lernt, den anderen zu vertrauen.

Drei Songs, die heute in eurer Playlist laufen?
Lena: RAS – Ashqelon
Reva DeVito & Ruane Namuh – Champagne (Hot16 Remix)
S&W – Cashmere Green

Michael: Erobique & Jacques Palminger – Wann Strahlst Du?
Iorie ft. Zazou – I Move
Johnny „Guitar“ Watson – A Real Mother For Ya

Ein Song, der in diesem Jahr bisher besonders häufig bei euch gelaufen ist?
Lena: Altın Gün Cemalım
Michael: Carl Bean – I Was Born This Way (12″ Vocal)

Wie würdet ihr das Rezept für euer Line-Up in einem Satz zusammenfassen?
Lena: Pferde + Happiness + X = Line-Up. Eine einfache Gleichung.

Michael: Musikalische Qualität mit einem Mix aus Tanzbarkeit und positiven Vibes oder eine außergewöhnliche bis abgefahrene Bühnenperformance, das wäre meine weniger metaphorische Beschreibung.


Was schätzt ihr, wie viele Bandbewerbungen bekommt ihr jedes Jahr? Hört ihr alle durch und sind die für euer Line-Up überhaupt relevant?
Michael: Wir bekommen sehr, sehr viele Bandbewerbungen, was uns natürlich sehr freut! Leider schaffen wir es nicht immer in alles reinzuhören, was uns wiederum leid tut. Wir geloben aber Besserung!

Lena: Was uns hilft ist ein Video-Mitschnitt von einem Konzert. Ein noch so gut produzierter Track sagt nämlich leider nicht immer etwas über die Qualität der Live-Performance aus. Manche Acts leben gerade von ihrer Bühnenpräsenz und der Interaktion mit dem Publikum, was wir im Team sehr schätzen.  

Wie geht ihr mit der Erwartungshaltung eurer Gäste um? Es ist ja unmöglich, es allen recht zu machen, aber trifft euch Gemecker und Kritik persönlich und hat es Einfluss auf euer Booking?
Lena: Unser Publikum kennt das Pferdefest mittlerweile und weiß die Vielfalt des Bookings zu schätzen. Das hoffe ich zumindest! Viele mögen den Blumenstrauß verschiedenster Musikrichtungen. Und wer sich im entsprechenden Genre auskennt, weiß, dass immer Perlen dabei sind. Wenn man drei Tage Techno hören möchte, ist man bei uns eben nicht richtig und das ist völlig okay. Einen guten Rave wird es aber immer geben!

Michael: Natürlich kann man es nicht allen recht machen und das darf auch nicht die Zielsetzung sein. Dann wird die Musik beliebig. Tatsächlich freue ich mich, wenn wir uns selbst und gegenseitig überraschen. Deswegen buchen wir explizit genrefrei. Ich selbst höre z.B. kaum Hip-Hop, bin aber immer wieder begeistert, was unser Team an Gigs aus dem Hut zaubert. Da sind richtige Bretter dabei! Wenn man offen ist und es schafft, sich gehen zu lassen, wird man sicherlich seinen Spaß mit der Musik haben.

Lena: Ja, außerdem arbeitet der gesamte Verein ja ehrenamtlich und für umme. Deswegen können wir auch zugeben, dass wir uns oft eigene Wünsche erfüllen.

Gibt es so etwas wie euren größten persönlichen Erfolg beim Booking der letzten Jahre?
Michael: Mein persönliches Highlight war der Auftritt vom Stärksten Mann der Welt! Der tolle Vater eines Freundes sieht genauso aus, wie man sich den Schausteller auf einem Jahrmarkt malen würde: leicht untersetzt mit prächtigem Moustache. Er hat dann tatsächlich eine Hantel mit 2000 kg gestemmt, auch wenn das nicht alle glauben wollten. Seitdem wird er im Heimatstädtchen von groß und klein als Stärkster Mann der Welt erkannt. Aber gehört das überhaupt zum Booking?

Lena: Klar, auf jeden Fall zu unserem! Mein Highlight war allerdings etwas klassischer: Wenn die Hamburger Clubkoryphäe Erobique und die Punklegenden von Slime nacheinander auf derselben Bühne stehen, weiß man, dass sich der Aufwand gelohnt hat.

Michael: Wir mögen auch einfach die Hamburger Szene. Dieses Jahr ist Knarf Rellöm mit seinem Arkestra da und wir hoffen, irgendwann einmal Die Goldenen Zitronen begrüßen zu dürfen.

Lena: Ach, fast vergessen! Die Gänse natürlich… Das war der teuerste Gig letztes Jahr. Und das Beste ist, dass das tatsächlich die Wahrheit ist.

Wie viel Prozent eures Line-Ups für dieses Jahr sind schon bestätigt?
Lena: 100 Prozent. 

Könnt ihr schon mehr darüber erzählen? Was wird ganz besonders gut, worüber freut ihr euch bisher am meisten und was kommt noch?
Lena: Shacke One wird heftig! Ich war letztens erst auf einem Konzert seiner Shackitistan Tour. Danach war klar, dass wir ihn nicht auf der Hauptbühne rappen lassen, sondern in unserem Zirkuszelt platzieren. Da kann ein richtig schöner Kessel entstehen. 

Michael: Ich bin gespannt auf mot. – ein 10-köpfiges Künstlerkollektiv aus Arnhem in den Niederlanden, in dem ein Freund von uns mitwirkt. Eine Mischung aus Konzert, Visuals und Cinematography. Mal sehen, was sie für uns vorbereitet haben.

Lena: Wir buchen eben nicht nur klassische Bands, sondern auch Aktions- und Installationskunst. Noise du Chocolat etwa erzeugen aus rhythmisch angesteuerten Geräten wie Häcksler, Flex und Druckluftkompressoren ein Maschinenkonzert. 

Noise du Chocolat – Pferdefest 2015

Michael: Die Berliner Chinaski in Space werden mit den preisgekrönten Artisten The Funky Monkeys kollaborieren und dabei Funk mit Akrobatik kombinieren – das wird sicher ein Highlight!

Lena: Und natürlich sind Meine Rock Kwien Rica wieder dabei – eine inklusive Band, die seit Jahren ihren festen Platz bei uns hat und mittlerweile sogar Teil unseres Vereins ist. Aber auch andere inklusive Projekte wie Popfred supporten wir gerne. 

Drei Acts aus eurer Festivalvergangenheit, an die ihr euch besonders gern erinnert?
Michael: Retrogott & HulkHodn. Ich bin wie erwähnt gar nicht so affin für Hip-Hop, aber was die beiden da abgebrannt haben, hat mich nachhaltig zum Fan werden lassen. Das ist für mich erstklassiger Rap.

Bummskarusel. Ein paar Freunde von uns und dem Pferdefest hatten in ihrer WG aus Spaß ein paar Punksongs aufgenommen, die beispielsweise von ihrer Katergeilheit handelten, Miau Miau. Wir haben sie spontan zu einem Auftritt eingeladen, obwohl sie keinerlei Bühnenerfahrung hatten. Keiner wusste daher, wie sie sich schlagen würden. Dass Benni bei seiner ersten Show zum asozialsten Frontmann in der Jizzpunk-Geschichte aufsteigen würde, hätte keiner ahnen können. Das war schon sehr cool…

Hush Moss. Ein Freund aus Stockholm meinte nach dem Konzert zu mir, es sei das beste gewesen, das er je gesehen hat. Das war zwar die hocheuphorische Aussage eines Angetrunkenen, aber trotzdem ist etwas Wahres dran: Sie machen mitreißende Musik voller Energie und haben dazu eine unglaubliche Präsenz auf der Bühne. Ihr Sänger ist der Prototyp einer Rampensau! Zumindest auf der Bühne, denn ansonsten ist er – wie die ganze Band – sehr umgänglich. Ihnen hat das Drumherum so gut gefallen, dass sie am Samstagmorgen noch einen Jam gespielt haben. Das war der Hammer! Ich bin froh, dass sie dieses Jahr wieder dabei sind.

Lena: Haha, ja. Und mich haben sie danach mehrfach auf die Toulouser Gänse angesprochen! Die  waren also nicht nur mein Highlight…

Alice Phoebe Lou. Wir haben sie um 1 Uhr auf unser immer… nennen wir es mal “weinseliges” Publikum losgelassen – oder eher umgekehrt? Kurz vorher hatte noch Meneo die Bühne abgerissen. Sie hatte zunächst selbst Zweifel, ob eine Songwriterin an dieser Stelle funktioniert. Aber die Frau hat so eine unglaubliche Power, dass es ein wunderbar energetischer Auftritt wurde! Die perfekte Show, bevor die Hauptbühne zumachte.

CYMBA. Die zwei Sympathen haben mich auf dem letzten Pferdefest echt umgehauen. Sie hatten 2015 schon ein Abriss-Nanoloop-Set bei uns gespielt. Mir war nicht klar, welche Schippe sie in der Zwischenzeit draufgelegt haben. Wer Bock auf potenten Acid Techno hat, sollte sich ihr Live-Set vom Pferdefest 2018 auf Youtube zu Gemüte führen. 

Egotronic. 2009, das Pferdefest fand damals noch in der Güterhalle statt. Frontmann Torsun schrieb danach in seinem Blog, dass das Pferdefest das Irrste gewesen sei, was er mit Egotronic je erlebt hätte und ich bin sicher, die haben schon einiges erlebt! Mehr brauche ich wohl nicht sagen.

Welches war das erste Festival, welches ihr selbst besucht habt und was ist euch davon besonders in Erinnerung geblieben?
Lena: Mit 16 war ich auf der Nature One. Ich hatte gerade meine Liebe zu elektronischer Musik entdeckt und das Festival war nur eine Stunde von unserem Heimatort entfernt. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir wohl diverse Tanzstile.

Michael: Dass ich selbst kostenlos nicht mehr zu Rock am Ring möchte. Wir sind als Schüler zweimal dorthin gedüst. Da wir die Mondpreise nicht zahlen wollten, sind wir über den Zaun geklettert, was zu wilden Verfolgungsjagden mit der Security führte. Wenn sie dich erwischen, fahren sie dich ein paar Dörfer weiter und schmeißen dich da raus… 
Das war aber nicht der Grund: Du musstest dort schon Stunden vorher versuchen, vor den Wellenbrecher zu gelangen. Als ich das nicht rechtzeitig schaffte, erwischte ich mich selbst, wie ich Metallica auf den Bildschirmen schaute, weil die Mannequins auf der Bühne so winzig waren. Ich entschied: Solche Massen sind nichts für mich. Ich liebe Konzerte, möchte es aber persönlicher.

Drei Festivals, die euch inspirieren und deren Line-Ups wir uns unbedingt anschauen sollten?
Lena: Das Appletree Garden. Die haben immer ein paar Rosinen im Line-Up und ein gutes Gespür für Bands, die durch die Decke gehen. Wie Parcels zum Beispiel, die dort schon 2016 gespielt haben. Oder Altın Gün, die ich mir für dieses Jahr sehr gewünscht hätte. Leider hat es wegen ihrer US-Tour nicht geklappt.

Michael: Man kann sicher sagen, dass die nahe Lott viele von uns geprägt hat. Damit meine ich eher den lockeren Vibe, denn das Line-Up hat eigentlich nichts mit unserem gemein. Das Familienfestival wird auch von einem Kulturverein getragen und ist vollständig ehrenamtlich und unkommerziell aufgebaut. Das lernt man besonders zu schätzen, wenn man einmal die Melkmaschinen der Festivalbranche besucht hat. Auf der Lott gab es bis vor ein paar Jahren weder Zäune noch Taschenkontrollen. Leider machen die ziellosen Sicherheitsauflagen der Behörden den Leuten dort das Leben unnötig schwer. Es ist traurig mit anzusehen, wie sich eine freie Gesellschaft ein paar idiotischen Terroristen unterordnet.

Drei Festivals, die ihr in der Vergangenheit selbst besucht habt?
Michael: Lott, Fusion, Igloofest.
Lena: Fusion, Pitch, Lott.

 Drei Festivals, die ihr in der Zukunft noch besuchen möchtet?
Lena: Das Appletree Garden.
Michael: Da komm ich doch einfach mit, Lena! Darf ich?
Lena: Klar, ich nehme Sekt! Ansonsten hätte ich Lust auf einen Amsterdam-Trip inklusive Dekmantel-Festival. Alleine für Nu Guinea und Ahmed Fakroun würde es sich dieses Jahr schon lohnen.

Michael: Ich möchte schon länger zum Tropen Tango, der leider immer eine Woche vor uns stattfindet. Ein guter Bekannter und Freund des Pferdefests erzählt mir jedes Mal, dass die einen ganz ähnlichen Spirit hätten und möchte uns gerne connecten. Das würde mich freuen. Mal sehen, wann’s klappt.

Mit allem Geld der Welt, was wäre euer Traum-Act für euer Festival?
Lena: Destiny’s Child
Michael: Parcels 

Zum Abschluss verratet uns doch noch bitte eure Geheimtipps für 2019. Welche Acts sollte sich niemand entgehen lassen?
Michael: RAS sind die ultimative Groove-Maschine, die niemanden still stehen lassen wird. Iorie singt live auf seine facettenreichen, endstufe-produzierten Slow-House-Beats – das geht durch Mark und Bein. Zudem ist er ein richtiges Schätzchen. Auf beides freue ich mich sehr!

Lena: Steam Down! Ihr Album ist noch nicht veröffentlicht, aber nächstes Jahr wird sie jeder kennen – versprochen. Von Jazz FM wurden sie schon mit dem “Innovation Award” und dem “Live Experience of the Year Award” ausgezeichnet. Das hat einen Grund!

Festivalfinder

Pferdefest 2019

09. – 11. August – Piesport bei Bernkastel-Kues


Alle Infos zum Festival

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