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Artlake Festival 2018

Generation Realitätsflüchtling


Vergessen. Tanzen. Lieben. Träumen. Auf einem Festival lässt man den tristen Alltag vollständig hinter sich. Doch worin genau besteht für uns der Reiz, in eine Parallelwelt abzutauchen? Wovor flüchten wir? Und macht eine viertägige Auszeit am Ende irgendetwas besser? Inspiriert von der bunten Artlake-Welt am Bergheider See ist dieser Artikel ein Versuch, ein Phänomen zu erklären, das zwar nicht neu ist, vielleicht aber relevanter denn je.

text & fotos Ann-Sophie Henne
redaktion Tina Huynh-Le, Verena Simon

Der Science-Fiction-Autor Phillip K. Dick hat einmal gesagt: „Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört, daran zu glauben“. Doch was, wenn sich genau nach diesen Maßstäben für ein paar Tage unsere Realität in etwas Traumhaftes verwandelt? Wenn das Wunderland, wie bei Alice, plötzlich zur Wirklichkeit wird und einem das alltägliche Leben  wie eine entfernte Erinnerung erscheint?

Beim Artlake Festival in der Niederlausitzer Heidelandschaft in Brandenburg ist das gesamte Setting darauf ausgelegt, uns in eine Parallelwelt abtauchen zu lassen. Bunte Lichter, optische Täuschungen, Nebel, märchenhaft dekorierte Bars, Floors und Essensstände. All das steht in atemberaubender Wechselwirkung mit der Natur: dem Mondlicht, dem See, den Sanddünen und den Kiefernwäldern.

Ein sonntägliches Bad nehmen, während Koletzki auf der Seebühne auflegt.

Das Tagesprogramm unterscheidet sich signifikant von dem, was die meisten von uns als ihre Realität bezeichnen würden. In Workshops werden Yoga, Meditation und Mindfulness-Inputs angeboten. Man kann malen und batiken, sich Kunst ansehen, in der Hängematte liegen, im See baden oder im Schatten der Bäume den Schlaf nachholen, für den die Nacht zu kurz war.

Natürlich gibt es rund um die Uhr Beschallung auf die Ohren, von avantgardistischem Pop über elektronische Musik bis hin zu Indie-Gitarren, Slow Beat, Disco und Techno. Die wabernden Bässe und blitzenden Lichter der Station Endlos, die aufgeheizte Stimmung auf dem Disco-Floor oder ein erfrischendes Bad, während Koletzki sonntagmittags auf der Seebühne auflegt, bleiben mir allzu lebhaft in Erinnerung.

Das sind Rahmenbedingungen, die nicht sonderlich nach Realität klingen. Zumindest nicht nach meiner.


Stellen wir uns dagegen den durchschnittlichen Alltag eines 29-jährigen Creative Directors in Berlin vor. Er arbeitet zehn Stunden in der Agentur, nach Feierabend ist es noch eine halbe Stunde mit der Bahn nach Kreuzberg. Halbherzig spielt er mit dem Gedanken, sich noch mit einem Freund auf ein Bier zu treffen. Zu stressig. Eine Stunde später sitzt er mit seinem Standard-Gericht vom Koreaner auf der Couch und schläft erschöpft ein, noch während irgendein Arthouse-Film auf dem Laptop läuft. Am nächsten Morgen dreht sich das Hamsterrad von vorne; er freut sich aufs Wochenende, an dem er endlich mal wieder richtig aufdrehen will. Es ist Dienstag.

Erich Fromm hat in seinem Buch Die Kunst des Liebens geschrieben: „Der moderne Kapitalismus braucht Menschen, die in großer Zahl reibungslos funktionieren, die immer mehr konsumieren wollen, deren Geschmack standardisiert ist und leicht vorausgesehen und beeinflusst werden kann. Er braucht Menschen, die sich frei und unabhängig vorkommen und meinen, für sie gebe es keine Autorität, keine Prinzipien und kein Gewissen – und die trotzdem bereit sind, sich kommandieren zu lassen, zu tun, was man von ihnen erwartet, und sich reibungslos in die Gesellschaftsmaschinerie einzufügen […].“

Manchmal habe ich das Gefühl, dass das einzige, was sich seit 1956 in dieser Hinsicht geändert hat, unsere Bedürfnisse und die Art unserer Arbeit sind. Nach wie vor oder mehr denn je sind wir von der Wirtschaft gesteuert, deren Ziel es ist, dass wir als Arbeitskräfte funktionieren, während wir selbst nach immer mehr Besitz streben. Das unstillbare Bedürfnis nach Konsum ist das, was eine Leistungsgesellschaft wie unsere am Leben hält.

Natürlich sagt dir die Werbung, dass dein Glück im nächsten Cappuccino mit Hafermilch liegt.

Warum das so ist? Meiner Meinung nach hat das denselben Grund wie vor 50 Jahren. Wir suchen verzweifelt, unser lang ersehntes Glück in einem Produkt, im neusten iPhone, im Fitnessstudio-Abonnement, einem skandinavischen Designerschrank, der nächsten Hot-Stone-Massage oder dem perfekten Cappuccino mit Hafermilch. Genau damit spielt ja die Werbung.

Dass das mit dem Glück in der Regel etwas anders läuft, weiß ich natürlich sehr gut. Was ich nicht weiß, ist, warum ich gestern trotzdem über Instagram auf einer Travel-Gadgets-Seite gelandet bin und mir schließlich voller Vorfreude ein Traum-Schal-Reisekissen für 18,95€ bestellt habe, das laut Hersteller „den Kopf und Nacken in einer besseren ergonomischen Position hält als ein herkömmliches U-förmiges Reisekissen.“ (Achtung: Wenn ihr jetzt denkt, dass ihr auch so etwas haben wollt, sind eure Seelen verloren.)

Jeden Tag werden wir mit Anzeigen konfrontiert, die auf uns zugeschnittenen sind und Bedürfnisse in uns wecken, die wir vor uns selber eigentlich gar nicht rechtfertigen können. Influencer*innen bringen Kleidung, Uhren und Kosmetik an die Zielgruppe und werden dafür von Großunternehmen mit sechsstelligen Gehältern bezahlt. Nichts scheint mehr echt zu sein, jeden nervt das irgendwie, und doch spielt sich ein Großteil unserer Leben auf den sozialen Netzwerken ab. Nicht nur um sich den Urlaub von schönen Freund*innen und die Stories peinlicher Ex-Kommiliton*innen anschauen zu können, sondern auch, um denselben Leuten das eigene geile Leben zu präsentieren.

Aufbegehren gegen Kapitalismus, Gentrifizierung, Rechtspopulismus und Krieg

Schon klar, ihr wollt euch mit einem Bericht über das Artlake Festivall aus der Realität flüchten und keine Meckertiraden über den Kapitalismus und die sozialen Medien lesen. Und ihr wollt auch nicht darüber nachdenken, was momentan sonst noch so schiefläuft in der echten Welt: Gentrifizierung durch ständig steigende Mieten, ein in der Mitte der Gesellschaft angekommener Rechtspopulismus, ein bedenklich fortschreitender Klimawandel und anhaltende und aufkeimende Kriege.

Was ich mit alldem sagen will: Kann es uns irgendjemand verübeln, dass in uns regelmäßig das Gefühl erwacht, aus dieser Gesellschaft ausbrechen zu wollen? Ein Gefühl von Freiheit zu kreieren, ein Aufbegehren gegen das System, gegen alles, was unserer Meinung nach falsch läuft?


Adieu, Selbstverwirklichung!

Ein Festival ist dann ein Protest der Liebe, der Positivität, gesellschaftlich betrachtet ist es in vielerlei Hinsicht eine vorgelebte Utopie. Das „Projekt Ich“ wird für ein paar Tage auf Eis gelegt. Klar, man trinkt drei bis fünfzehn Wodka Mate über den Durst, tanzt ein paar Nächte durch und vergisst zwischendurch vielleicht auch mal seinen Namen. Doch es wird ja nicht nur vergessen und getanzt. Es wird Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gelebt und vorausgesetzt, sie sind die Basis für das starke Zusammengehörigkeitsgefühl, das man hier verspüren kann.

Der oder die Coolste hier ist nicht, wer am meisten Geld hat, die meisten Instagram Follower*innen oder den angesagtesten Job. Keiner spricht über Bitcoins, keiner hat Empfang, und keiner fragt, was man beruflich macht. Gemeinsam kann man abtauchen in eine glitzernde, bunte und klangvolle Welt, in der man sich gegenseitig vertraut und respektvoll behandelt. Darüber hinaus habe ich das Gefühl, als könne die Politik solchen Festivals sowieso immer seltener fernbleiben. In zahlreichen Workshops wird auf dem Artlake über Gesellschaft diskutiert und an Lösungsmodellen gebastelt.

Realitätsflüchtlinge gibt es auf beiden Seiten.

Vielleicht kann man deshalb ein Festival wie dieses überhaupt nicht als eine reine Realitätsflucht betrachten, sondern mehr als eine Art Gegenstück zur Gesellschaft da draußen. Denn die Auseinandersetzung mit wichtigen sozialen Themen stellt eigentlich viel mehr eine Gegenmaßnahme zur Realitätsflucht dar, die viele von uns im Alltag betreiben.

Flucht, Engagement oder beides: Ich glaube, es kommt ganz darauf an, was Besucher*innen daraus machen. Realitätsflüchtlinge gibt es auf beiden Seiten.

Für mich selbst gilt wahrscheinlich ein Mittelding: Auch wenn ich eher nicht zur Kategorie der Festivalbesucher*innen gehöre, die sich um Punkt 14 Uhr zu einer feministischen Diskussion über die andauernde Sexualisierung der Frau einfindet, bin ich auch nicht hier, um die Realität da draußen mit möglichst viel Bass und Tanzen auszublenden. Am reizvollsten empfinde ich die völlige Aufgabe der Person, die man in der Realität ist. Man lebt in einer Blase und für ein paar Tage kann man sein, wer immer man möchte. Man wird in keine soziale Rolle gedrängt, sondern ganz einfach als Teil der Gemeinschaft wahrgenommen. Es gibt nur ein Wir.

“But I don’t want to go among mad people,“ Alice remarked. „Oh, you can’t help that,“ said the Cat: „we’re all mad here. I’m mad. You’re mad.“ „How do you know I’m mad?“ said Alice. „You must be,“ said the Cat, „or you wouldn’t have come here.”
Lewis Carroll, Alice in Wonderland

Doch mit der Festivalblase verhält es sich ein bisschen wie mit der Immobilienblase, der Spekulationsblase oder auch einer Seifenblase – irgendwann muss sie platzen.

Warum das so ist? Ich glaube, weil wir die Utopie viel länger nicht aufrechterhalten können. Nach drei Tagen feiern bröckelt bereits die zuvor so eifrig gelebte Nächstenliebe und auch auf die Umwelt wird immer weniger geachtet – durch Schlafmangel, Hitze und einen durchgehenden Kater hat man einfach zu wenig Kraft.

Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört, daran zu glauben.

Vielleicht kann auf dem Festival nur eine Traumwelt entstehen, weil alle Festivalbesucher*innen gemeinsam daran glauben? Ist im Umkehrschluss der verlorene Glaube der Grund, warum in der Realität Werte wie Nächstenliebe und Umweltbewusstsein gefühlt weniger gelebt werden?

Ich lege den Stift beiseite, um ein letztes Mal in den „Artlake“ zu springen. Was mir persönlich von diesen vier Tagen bleiben wird, sind Erinnerungen an eine Art alternative Realität, die mir Hoffnung geben. Ich habe jede Menge hilfsbereite, offene und inspirierende Menschen kennengelernt. Die sich bei einer Mahlzeit stören lassen, um uns Starthilfe zu geben, die bei einem Regenschauer von ihrem trockenen Platz unter der Plane weichen, um mehr Leuten Platz zu machen, die mich beim Acro-Yoga sichern, auch wenn sie selbst kaum stehen können, und die sich einfach immer entschuldigen, wenn man gegeneinander läuft.
Wir haben gemeinsam in dieser märchenhaften Parallelwelt gelebt, gemeinsam fest an sie geglaubt, und das Allerschönste ist doch das: Wenn jeder von uns einen Teil dieser Liebe mit zurück in die Ellenbogengesellschaft nimmt, dann wird die Welt davon ganz sicher ein bisschen besser.

Festivalfinder

Artlake Festival 2019

8. 11. August – Bergheider See


Alle Infos zum Festival

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