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Ein Blick hinter die Kulissen am Bergheider See:

Das Feel Festival im Interview


 
 

interview Johannes Jacobi
redaktion Robin Hartmann
fotos Felix Strosetzki, Kathrin Leisch, Jean-Paul Pastor Guzmán, Blackwork / P.Diercks, I AM JOHANNES, Stephan Flad

Das Feel Festival geht ins 7. Jahr und hat sich seit 2013 von einer kleinen Sause zu einem der beeindruckendsten Festivals des Landes gemausert. Das ohne Frage wunderbarste Festivalgelände des Landes wird im Juli wieder mit mehreren hundert Acts auf unzähligen, in liebevoller Handarbeit gebastelten Floors bespielt – und inzwischen gibt es zusätzlich zum elektronischen Programm auch jedes Jahr ein paar der größten Bands des Landes auf der Hauptbühne, quasi als Bonbon obendrauf.

 

Wir wollten wissen, wie ein Gelände dieser Größe mit all seinen Floors und Programmpunkten noch zu überschauen ist und wie die Planung dafür abläuft. Ein Gespräch mit Martin Salchow, Mitbegründer und einer der Köpfe hinter dem Feel.



Was war das letzte, was du vor diesem Interview gemacht hast?
Ich bin gerade noch dabei den gestrigen Höme Festival Club zu verarbeiten. Ein schöner Abend, nette Geschichten und gute Leute. Der Motor stottert daher heute Morgen noch etwas.

Wenn wir auf das komplette Jahr schauen, welche Phasen durchläuft die Orga des Feel Festivals?
Die Phasen sind wahrscheinlich kaum unterschiedlich zu anderen Festivals hier zu Lande.
Ich schätze mal spätestens ab September, wenn der Abbau geschafft und die Aufräumarbeiten erledigt sind, ist bei uns erst einmal Off. Das Team zerstreut sich dann kurzzeitig in alle Himmelsrichtungen, man versucht noch einmal für sich zu rekapitulieren was eigentlich im Sommer passiert ist, was gut oder schlecht war, wo man Themen sieht, die man vllt. anders machen möchte oder ergänzen mag. Genau in diese Phase schlägt dann das Reeperbahn Festival rein und man ist gefühlt sofort zurück, alle reden über die NEUE SAISON – es geht schon wieder los. Wir nehmen uns dann noch ein paar Tage länger und ab Oktober starten wir wieder richtig durch. In dieser Phase planen wir die größeren Bookings, loten aus was möglich ist und was nicht, besprechen den Aufbau der Bühnen, tauschen uns aus. Unser Vorverkaufsstart ist immer im Dezember, bis dahin sammelt sich einiges an.
In den Wochen und Monaten darauf versuchen wir unsere Ideen, Vorstellungen und Wünsche in die Realität umzusetzen. Das kann mehrere Facetten haben, kompliziert sein, jedoch haben wir bisher immer Lösungen gefunden. Seit März sind wir regelmäßig auf dem Gelände am Bergheider See, bereiten vor und schaffen die Infrastruktur für die Crews und Kollektive.
Die spannendste Zeit des Jahres beginnt genau jetzt und es kehrt Leben zurück an den Bergheider See. Der Prozess und die Phase der Umsetzung sind großartig, wenn auch stressig. Aber es macht einfach Spaß on the ground zu sein. Und dann ist es so, als würde man noch drei Mal schlafen und es geht los…

Wo steckst du aktuell gerade die meiste Zeit rein?
Aktuell sicherlich in die Behördenkommunikation, den Aufbau der Infrastruktur und die Finalisierung des Timetables.

Was läuft aktuell besonders gut und was sind eher unangenehme bzw. nicht so gut laufende Baustellen?
Die letzten Jahre waren geprägt von Learnings – auf gute und auf schlechte Weise. Mittlerweile können wir mögl. Probleme relativ gut antizipieren und versuchen diese einfach nicht wieder aufkommen zu lassen. Was am Ende immer fehlt, ist Zeit, daher fangen wir schon frühzeitig an intensive Themen zu bearbeiten, sodass wir hoffentlich nicht in Hektik verfallen müssen. Insofern sind wir auf einem guten Weg.

Schauen wir nochmal auf das Feel 2018 zurück: Wie viele auftretende Künstler*innen auf wie vielen Bühnen/Floors?
2018 hatten wir 23 Spots die programmatisch von über 400 KünstlerInnen bespielt wurden.

Was sind die Höhepunkte an die du dich selbst noch erinnern kannst?
Da gab es sicherlich einige. Im letzten Jahr die Beatsteaks auf’s Feel zu bekommen, die nettesten Dudes ever by the way, ist schon ziemlich weit oben. Das gefühlt kein Ende nehmende Closing von Pan-Pot am Montag und alles fällt so ein wenig von einem ab – überragend. Die Action-Lesung von Tiere Streicheln Menschen, damals noch am Kiekebusch See, und gefühlt alle Gäste sitzen im Sonnenschein vor der Bühne und lachen. Oder auch die erste Afterparty am Bergheider See, die in unserer Küche stattgefunden hat… Es gab viele gute Momente 😉



Mit all den Floors und allem was bei euch gleichzeitig passiert, ist es unmöglich alles mitzubekommen. Besteht da die Gefahr, die Verbindung zum Geschehen zu verlieren, oder hast du ein paar Kniffe, mit denen du das Gefühl der Übersicht beibehalten kannst?
Der Trick ist überall gleichzeitig zu sein :).  Mittlerweile ist das Gelände so weitläufig, dass man das nur in Teams schaffen kann. Man hat überall seine Augen und Ohren…

… ein Besuch beim Artistcare Team hilft immer um die Stimmungslage mitzubekommen …

… ähnlich ist es auch bei den Stages direkt. Man ist immer unterwegs, spricht mit allen und so ergibt sich am Ende ein Gesamtbild über die Situation. Die internen Abläufe via Funk geben einem – in Ergänzung zu den regelmäßigen Meetings – während des Festivals dann immer den Status quo, so ist in der Produktion eigentlich jeder im Bilde. Mit jedem Festivaltag spielt man sich weiter ein, natürlich kennen wir die Abläufe nach all den Jahren auch ziemlich gut.

Kannst du uns von einem Moment aus den vergangenen Jahren erzählen, in denen du das Gefühl hattest, dass die Kacke richtig am Dampfen ist und du am liebsten alles hinschmeißen würdest?
Das Gefühl hinzuschmeißen hatten wir – ich bin ziemlich sicher, dass ich hier für alle im Team sprechen kann – noch nie. Es war mit Sicherheit nicht immer einfach, gerade in den letzten Tagen kurz vor dem Start und man das Gefühl hat man könnte gerne noch 1-2 Wochen Zeit haben, aber im Umkehrschluss weckt es in uns auch immer wieder den Ehrgeiz es jetzt erst recht zu schaffen.
Zum Beispiel 2017, da hat es zwei/drei Wochen lang vorm Festival aus allen Eimern geschüttet, man stand teilweise bis zu den Knien im Schlamm und hatte auch eigentlich nie das Gefühl mal trocken zu sein. Zum Festival hatten wir dann jeden Tag Sonnenschein und 25 Grad, auf einmal war die Welt in Ordnung und die Wochen davor vergessen.
Es gibt so viele Unwägbarkeiten:

Das Wasser läuft nicht, Stromausfälle auf Bühnen, ein
Aggregat schmiert ab, KünstlerInnen verspäten sich oder verpassen den Flieger, Acts
sagen kurzfristig ab, Unwetter zwingt einen zu Spielpausen – all das passiert, man muss
es dann nur gut moderieren und alles wieder ins Laufen bekommen, dann wird alles gut.



Im Gegenzug bitte noch ein Moment, der für dich aus all den anderen heraussticht. Ein Moment, in dem dir mit Wucht bewusst wurde, dass eure Arbeit und das Festival durchaus besonders ist und es den ganzen Stress Wert ist. 
Es sind ja nicht nur die glücklichen BesucherInnen, es sind auch die ganzen Kollektive, KünstlerInnen, das Team, das das ganze Jahr darauf hinarbeitet und allen kann man ansehen, dass sie ein wenig stolz sind auf ihre Arbeit, dass ihre Ideen wertgeschätzt werden. Jede*r Einzelne entwirft ja ein Stück Utopie und am Ende ist es real. Das ist ja das Großartige am Feel. Ich empfinde daher unendlich viel Stolz und Dankbarkeit für alle Mitwirkenden. Das alles in einen Moment zu packen, würde für mich nicht funktionieren.

Wie können wir uns den Bauprozess bei euch vorstellen? So viele verschiedenen Bühnen und Floors benötigen viel Planung und auch Zeit und Kraft. Wie kommt ihr auf die Ideen, mit wem setzt ihr sie um und wie schaut der Prozess von Idee bis zum Bau und dem bespielen der Floors aus? Grundlegend natürlich kompliziert 🙂 . Es ist ein Zusammenspiel mit vielen Kollektiven, die an den Bühnen und Installationen beteiligt sind. Es gibt viele Ideen, Konzepte, jede*r darf sich einbringen und am Ende beschließen wir gemeinsam, was wir davon umsetzen können.

Das ist nicht immer einfach, weil wir uns natürlich auch oftmals in Utopien verlieren und dann den Schritt zurück in die Realität finden müssen.

Über die Jahre hinweg hat sich dafür aber bei fast allen ein gutes Verständnis entwickelt. Und dann kommt der komplizierte Teil: die Bauphase. Die Materialschlacht, die Zeit und ab dann wird es spannend…

Führen die Floors jeweils eigenes Booking durch und ihr kümmert euch dann um die großen Acts auf der Hauptbühne? Oder wie läuft der Prozess beim Feel?
Die Hauptbühne ist fest in unserer Hand und wird von unserem Team gebucht. Die restlichen Bühnen koordinieren wir mit den Crews und Kollektiven zusammen, jeder darf Vorschläge und befreundete KünstlerInnen mit einbringen, das Wichtigste ist eine klare Regelung, wer mit welcher KünstlerIn oder welcher Agentur spricht.

Das war mitunter sehr chaotisch in der Vergangenheit und es gab auch schon den Fall, das eine KünstlerIn von zwei Kollektiven und uns angefragt wurde.

Das sorgt dann kurzzeitig für Verwirrung. Das gehört aber auch der Vergangenheit an und ist heute deutlich besser strukturiert.



Hast du eine witzige oder weniger geile Geschichte aus dem Booking der Vergangenen Jahre? 
Ich glaube da gibt es in beide Richtungen viele Geschichten. Zum Beispiel die Jungs von Milliarden, die man dann über drei Ecken von Freunden kennt und dann feststellt, dass man sich ja auch noch von früher kennt und schwups standen sie bei uns auf der Bühne.
Auch die Zusage der Beatsteaks im letzten Jahr war großartig, auch weil das ganze Prozedere von Anfrage, Abspachen und Zusage innerhalb von drei oder vier Tagen erledigt war und es kein langes Bangen oder Warten wurde.
Es gibt auch Künstler an denen man jedes Jahr arbeitet, es immer wieder versucht und dann klappt es endlich. So wie bei einem Künstler in diesem Jahr, da spreche ich bestimmt seit 2016/17 mit dem Agenten und jetzt haben wir es endlich geschafft. Im gleichen Atemzug gibt es auch einen Künstler, der es seit zwei Jahren nicht auf unsere Bühne schafft, weil an unserem Wochenende IMMER ein Urlaubswochenende eingeplant wurde.

Euer Gelände ist einmalig – und genau deswegen gehen immer wieder Gerüchte rum, dass es gekauft oder bebaut werden soll und das Feel damit Geschichte wäre. Kannst du dazu was sagen?
Generell gibt es für den Bergheider See von der Gemeinde einen Plan, wie es einmal aussehen und touristisch erschlossen werden soll. Das wird auch sicherlich irgendwann passieren, aber das heißt nicht, dass wir dann Geschichte wären, sondern viel mehr, dass wir uns weiterentwickeln können, neue Flächen erschließen können, es neue Floors geben könnte. Gerüchte wird es immer wieder geben, aber wenn es etwas zu berichten gibt, dann lassen wir es euch schon wissen!

Was wird 2019 anders oder neu sein zu 2018? Was wären die größten Änderungen?
Wir ändern ja im jeden Jahr das Design der Strandbühne, hier darf man also gespannt sein. Der Goa Floor bekommt ein völlig neues Gesicht und auch der Exit Floor wird ein nettes Facelift bekommen. Die restlichen Bühnen werden selbstverständlich auch optisch aufgepeppt und weiterentwickelt, thematisch tauschen 1-2 Bühnen untereinander die Stilrichtungen. Es darf also gespannt und voller Neugier auf Entdeckungsreise gegangen werden!

Wo geht es hin mit dem Feel Festival? Was sind eure Wünsche und Pläne für die kommenden Jahre?
Es gibt noch viele Ideen und Wünsche, an denen wir immer weiter arbeiten werden. Gesellschaftliche Themen werden mehr in den Fokus rücken. Wir möchten natürlich insgesamt noch viel nachhaltiger werden. Ökologisch stehen daher Plastik- und Müllvermeidung stark in unserem Fokus sowie effiziente Energienutzung, wo wir auch darauf hoffen, dass alternative Energien im Eventbereich leistungsfähiger werden und konventionelle ersetzen können. Gender Equality steht groß auf unseren Fahnen, im Orga-Team leben wir das von Beginn an, das wollen und müssen wir jetzt auch noch stärker auf die Bühnen bringen! Das Rahmenprogramm soll informativer werden und neben der Unterhaltung auch etwas Anregung zum Nachdenken mitgeben. Im Team erörtern wir intern angeregt das Thema Inklusion. Gemeinsam eruieren wir potentielle Möglichkeiten unseres Geländes für einen barrierefreien Zugang. Wir möchten auch noch viel bunter und diverser werden, offen sein für neue Stilrichtungen und immer wieder experimentieren und die Freude bei all dem nicht vergessen! Es gibt so vieles, das noch vor uns liegt…




Festivalfinder

Feel Festival 2019

11. – 15. Juli – Bergheider See


Alle Infos zum Festival

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