Magazin

Erinnerungen vom Hurricane Festival

Ein allerletztes Mal


 
 

text Jens Grabietz
redaktion Robin Hartmann
fotos Till Petersen

Hast du, oder hab ich ich mich verändert?
Was klingt wie die gängigste aller Fragen vergänglicher Beziehungen, lässt sich ebenso auf Festivals übertragen. Man hat auf einem seiner ersten Festivals den Stein ins Rollen gebracht: Sich zum ersten Mal verknallt, Erfahrungen gesammelt und die große Ambivalenz erkannt. Dann kommt man ins Grübeln, ins Abwägen, Erinnerungen werden melancholisch verklärt und schließlich spricht man es an:
Bist du oder bin ich älter geworden?

 

Oh, wie schön: Diese Verlockung, diese Freiheit, diese Menge an Gleichgesinnten, dieses Angebot, diese Lichter, dieses Riesenrad, diese Möglichkeiten, dieses unfassbare Line-up, diese Parties, dieser Exzess. Die ganzen grenzenlosen Superlative. 
Mit dieser Vorstellung besuchen wahrscheinlich die meisten Menschen in ihrer Sturm und Drang-Phase das erste Festival. In jedem Fall wünscht man sich seine Lieblingsband als Headliner und ein paar Tage Ausbruch aus dem Alltag.

Ich denke, dass in meinem Kopf ähnliche Gedanken herumschwirrten, als ich 2008 zum ersten Mal das Hurricane Festival besuchte. Ich hatte damals schließlich schon von Freund*innen gehört, was man dort alles erleben könne und dass das Line-up in den ersten Jahren gerade durch die Breite der Genres interessant war. Das klang schon mal fantastisch. Also kratzte ich meine letzten 70 Euro zusammen, packte meine Gummistiefel ein und machte mich auf den Weg…

Elf Jahre später besuche ich zum siebten Mal den Eichenring bei Scheeßel, blicke auf mein früheres Ich zurück und weiß nicht mehr, was ich darüber denken soll. Ich versuche herauszufinden, ob ich mich schämen soll, über die dümmliche Naivität und den Übereifer, oder ob ich mich darüber freuen soll, dass ich meine ersten Festivalerfahrungen gerade mit dieser Naivität sammeln konnte. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, dass dies mein letztes Mal auf dem Hurricane Festival werden sollte und ich das Ganze eher als eine Art Feldstudie betrachten würde: Ist das überhaupt noch was für mich? Komme ich noch aus mit den ganzen Karnevalist*innen, Abiturient*innen, Alko-Pop-Warriors und Schützenfestler*innen? Was mache ich eigentlich, wenn die Welt durch einen Wolkenbruch wieder untergeht? Ich habe doch gar keine Gummistiefel mehr. Und überhaupt: 

Bin ich zu alt, zu abgewandt vom Konsum? Oder einfach mittlerweile total verkrampft?

Zum dreiundzwanzigsten Mal findet das Hurricane Festival zwischen Bremen und Hamburg, in Fußläufigkeit des kleinen Örtchens Scheeßel, statt. Um die Dimensionen nochmal zu verdeutlichen: Neben einer Kleinstadt mit rund 13.000 Einwohnern baut sich für ein Wochenende eine Großstadt mit 65.000 Besucher*innen und 4.500 Mitarbeiter*innen auf. Diese Stadt kann sich durch den eigenen Supermarkt, diverse Foodstände, Bars und Sanitäreinrichtungen grundsätzlich selbst versorgen. Das führt dazu, dass je nach Campingplatz-Abschnitt kleine Utopien mit vollkommen eigenen Regeln entstehen. Alle Gäste eint jedoch der Drang zu feiern, eine freie Zeit fernab vom Alltag zu erleben und beim Konzert der Lieblingsband unvergessliche Erinnerungen zu sammeln. 


Konsistenz darf niemals siegen. Oder?

Ich muss ehrlich zu mir selbst sein: Das Line-up ist fast immer ein überzeugendes Argument Jahr für Jahr zurückzukehren. The Cure spielen ein zweistündiges Set und wenn man Robert Smith in den letzten Jahren mal live gesehen hat, kann man sich in etwa denken, wie lange das noch so weitergeht. Muff Potter hingegen spielen ihre erste Festivalshow seit neun Jahren, nachdem man noch bis vor kurzer Zeit dachte, dass es diese Band nie wieder geben wird. 

2019 präsentierte das Hurricane insgesamt 87 Bands auf vier Bühnen im Infield, sowie einer neuen Bühne im Herzen des Campinggeländes. Möchte man simpel kategorisieren, lassen sich hier Acts aus Hardcore, Rock, Punk, Pop, Rap und Electro finden. Als Headliner standen die Toten Hosen, Tame Impala, Mumford & Sons, Steve Aoki, The Cure sowie die Foo Fighters auf den Bühnen.

2008 habe ich hier bei Scheeßel das erste Mal Radiohead gesehen. Nachdem ich all’ meine Freund*innen verloren hatte, saß ich im Sonnenuntergang hinter der Bühne und lauschte dem Donnern einer sich nähernden Gewitterwolke, deren Sound mit Thom Yorke’s Stimme verschmolz. Unvergessen. Weitere große Bands folgten und in den Jahren darauf konnte ich zudem viele Acts in der Lowercard sehen, die man dann später ganz groß geschrieben als Headliner auf diesem und anderen Festivals bestaunen konnte.

Möchte man das Line-up in seiner Gänze bewerten, gäbe es eigentlich wenig Grund zur Beschwerde. Es besticht zwar nicht mehr, wie einst, unbedingt durch den Support vieler kleinerer Newcomer*innen und wirkt entsprechend repetitiv, dafür erfüllt es mittlerweile jedoch in viele Richtungen der Populärmusik den Konsens des kleinsten gemeinsamen Nenners. Das soll ausdrücklich nichts Schlechtes heißen: Man bekommt Größen der Musik, fantastische Live-Acts und zumindest auch noch den ein oder anderen minder bekannten Act zu sehen. Durch die Diversität der Musikrichtungen kann man also noch immer über Künstler*innen stolpern, mit denen man sich vorher nie auseinandergesetzt hat, jenseits von Genres in denen man sich heimisch fühlt. In jedem Fall bietet sich das ausgewogene Roster dazu an, Freund*innen zum Mitkommen zu überreden, die vielleicht weniger mit Festivals vertraut sind oder sich nicht öfter mit Musik beschäftigen als durch ihre Spotify-Playlist auf dem Weg zur Arbeit. Und selbst wenn einem all das zuwider scheint, gibt es abseits der Bühne einen unfassbar riesigen Campingplatz, der alle zehn Meter zu aberwitzigen, lauten Partys einlädt. 

Selten niveauvoll, fast immer aber unterhaltsam.

Cats & Dogs

Markenzeichen des Festivals ist schon seit vielen Jahren das traditionell schlechte Wetter. “Schlechtes Wetter” ist dabei aber eigentlich eine besondere Untertreibung. In den letzten drei Jahren kam es, aufgrund anhaltender Regenfälle, wiederholt zu Programmausfällen, 2016 musste gar mehr als ein Drittel des Bühnenprogramms abgesagt werden und das Gelände blieb für einen Tag gesperrt. Was für ein Festival einen großen finanziellen Schaden bedeutet, da nicht nur Kosten zur Bewältigung des Zustandes anfallen, sondern sich auch Einnahmen aus den diversen Verpflegungs- und Unterhaltungsangeboten erübrigen, war in meiner verklärten Erinnerung eine der besten Festivalerfahrungen meines Lebens.

Wie unsere Großeltern schon zu sagen pflegten: “Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung”. Für mich war es also eher eine Herausforderung, die es zu bewältigen galt; ein richtiges kleines Abenteuer. Zugegeben, viele Gäste waren dazu gezwungen ihre Zelte abzubrechen, da sich auf dem Campinggelände binnen weniger Stunden ganze Seen gebildet hatten. Für mich und meine Camping-Crew setzte damals nach der Verkündung, dass der Festival-Samstag abgesagt würde, eine kurze Ernüchterung ein, auf die jedoch sofort eine neue, Energien-freisetzende Kompromisslosigkeit folgte. Gefühlt waren wir in unserem Campingabschnitt die Einzigen mit einem noch standfesten Pavillon-Komplex. Also wurde rasch ein Feuer angezündeten, dass schließlich unsere Campingnachbar*innen anzog wie das Licht die Motten.

Es wurde zu einer langen, (nicht nur metaphorisch) feuchten Nacht, gekrönt durch die ihr eigene Fuck-Off- und Jetzt-Erst-Recht-Mentalität.

Nicht nur bei uns schuf die Not Kreativität, auf dem ganzen Gelände konnten Kuriositäten beobachtet werden: Surfen auf Dixi-Türen, Hochzeiten im Schlamm, Fortbewegung via Schlauchboot und weitere einfallsreiche Überlebensstrategien. Es war für mich und die vielen anderen Gäste nicht nur ein Erlebnis, sondern wurde zum lehrenden Beispiel dafür, wie man herausfordernde Situationen auf eine bestimmte Art in etwas Positives umwandeln kann. Heute schaue ich mit mindestens einem lachenden Auge darauf zurück.

Nach mehreren Jahren also, in denen das Wetter dem Festival und seinen Besucher*innen große Probleme bereitete, wurde mittlerweile in ein neues Kanalisationssystem unterhalb des Festivalgeländes, sowie in erweiterte Rückhaltebecken investiert. Dadurch können nun große Wassermassen eines anhaltenden Regens schneller abfließen. Die Infrastruktur soll auch in den kommenden Jahren weiter verbessert werden.

Danke für’s Kümmern.

Schlechtes Wetter kann natürlich trotzdem schnell zu Unfällen führen. Auch hier konnte ich in den letzten zehn Jahren lernen, wie man mit kleineren und größeren Weh-Wehchen umgehen kann, wann man im Zelt bleiben sollte oder doch besser schnurstracks die Sanitäterstation aufsucht.
Hochgehende Campingkocher und starke Verbrennungen? Schnellster Weg zum Sannizelt und eine Woche Krankenhaus. Geringere Verbrennungen der Zu-Nah-Am-Feuer-Sitzenden? Sanitäter aufsuchen, danach kann es weitergehen. Nasenbruch durch das Ausrutschen im Schlamm und einer gezielten Landung auf einem Zelthering? Ab ins Krankenhaus. Am nächsten Tag kann man dann mit hübscher neuer Nase direkt weitertanzen.
Zu viel getrunken? Ausschlafen. 

Die Sicherheitskonzepte des Festivals sind inzwischen stark angepasst. Ich kann mich erinnern, dass es zu einem mehr als unangenehmen Gedränge in früheren Jahren kam, wenn man versuchte, während einer Headlinershow vor den ersten Wellenbrecher zu gelangen. Heute entsteht in den seltensten Fällen noch ein Stau. Jetzt wird höchstens (lieb-gemeint) maximal gekuschelt.

Wir sehen uns?

Hatte ich zum siebten Mal eine gute Zeit auf dem Hurricane?
Natürlich, man ist mit den besten Freund*innen unterwegs, man sieht fantastische Shows – Erlebnisse und Momente, an die man sich jahrelang erinnert. Das alles funktioniert solange, wie man sich darauf einlässt. Das eigene Alter, die Moralvorstellung, vielleicht auch die lästig-angewachsene Abgeklärtheit haben zugenommen; das Ziel, Spaß zu haben, auszubrechen aus der Realität, wenn auch nur für ein Wochenende, ist geblieben. Im Rückblick kann ich aber auch sagen: Wenn man das erste mal auf einem Festival war, das aus ehrenamtlicher Hand organisiert wurde, ohne große Banner, dafür mit viel Liebe zum Detail, beginnt ein Umdenkprozess. Man erkennt, dass es eben nicht immer nur um das Erlebnis geht, sondern lernt zu schätzen, dass Leidenschaft und Herzblut vieler Menschen in diese Veranstaltungen fließt. 

Vielleicht ist es gut, dass die Bedingungslosigkeit der jungen Jahre ein wenig dem Bewusstsein für eigene und kollektive Verantwortung gewichen ist. 

Trotzdem bin ich dem Hurricane Festival ausdrücklich dankbar, dass es die Tür für mich geöffnet und meine Begeisterung für die Festivallandschaft geweckt hat, durch die ich dann andere Festivals wohl erst besucht habe. Diese Tür führte zum Rest: Einem Verständnis für Nachhaltigkeit und Diversität, einem Wunsch nach der Erhaltung von kulturellen Spielstätten.

Mittlerweile ist mir das Hurricane viel zu bunt, viel zu überladen, viel zu konsumlastig. Natürlich hat aber auch diese Art von Veranstaltung ihre Daseinsberechtigung. Sie ist ein Gegenpol, eine Alternative, oder eben einfach ein Einstieg.

Ob ich noch einmal am Eichenring vorbei schauen werde? Vor dem Festival dachte ich noch, es würde wirklich das letzte Mal gewesen sein. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher. Zwei Wochen nach dem Festival treffe ich zum ersten mal einen Freund wieder, mit dem ich auf dem Hurricane Festival über Jahre zwischen Feuer, Unwetter, Freaks und Gleichgesinnten getanzt und gefeiert habe. Das erste was er sagte, war: “Lass uns mal etwas Entspannteres suchen.” Vielleicht hat er Recht, in Zukunft kleinere Festivals zu besuchen, klingt gar nicht so schlecht. Vielleicht sagen wir uns aber doch irgendwann wieder: ”Weißt du noch?… ach komm, jetzt noch ein letztes Mal.”

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