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Appletree Garden, Rocken am Brocken und SNNTG Festival über die Bedeutung von Corona für die Festivallandschaft

Das Grundrauschen eines ungewöhnlichen Sommers


Am Freitag den 13. schließen in Berlin die Clubs, etwa einen Monat später – es ist der 15. April – wird auch für Festivals die unfassbare Befürchtung zur traurigen Realität. Großveranstaltungen sind bis mindestens Ende des sonst durchtanzten Sommermonats August verboten, verkündet die Bundesregierung. Sachte aus der Schockstarre gelöst, wagen wir einen schüchternen Blick in die Zukunft: Ein Lagebericht zu Chancen und Ängsten eines festivallosen Sommers 2020.

text Lara M. Gahlow
redaktion Isabel Roudsarabi
fotos Dominik Wagner, Sascha Krautz, Elena Prudlik, Merlin Schoenfisch, Johannes Krüger, Peter Diercks

lesezeit 8 Minuten

Explosionsartig frei sein oder:
Wohin fliehen, wenn das Festivalgelände geschlossen bleibt?

Unsere kleine Konferenz muss ohne eine herzliche Umarmung oder einen festen Handschlag auskommen. David Binnewies vom Appletree Garden Festival, Markus Blanke vom Rocken am Brocken Festival und Arne Mertens vom SNNTG Festival können sich nur digital, aber nicht minder herzlich begrüßen. Johanna, ebenfalls Teil des SNNTG-Teams, moderiert unsere digitale Krisensitzung, während ich in der Doppelmission als Teammitglied des Rocken am Brocken und als Redakteurin mitdiskutiere. Gemeinsam blicken wir auf das Heute und Morgen der Festivalbranche. Kamera an, Mikro getestet, los geht’s. 

Johanna beginnt und spricht aus, was wir alle denken: „Ein Sommer ohne Festivals, das war bis vor kurzem unvorstellbar“ und fragt nach der Bedeutung, die Festivals unserer Meinung nach für unsere Gesellschaft haben. Markus, der seit 14 Jahren das Rocken am Brocken Festival organisiert, weiß eine Antwort:

Festivals sind eine Parallelwelt zum Abschalten. Viele Menschen sind mit dem Alltag sowieso überfordert und gerade darum liegen Festival als Urlaub momentan so im Trend: Um explosionsartig frei sein zu können.

Also genau das, was gerade verboten ist. Denn Festivals sind Eskapismus im Kleinen – und wären nach den sozialen Entbehrungen der letzten Wochen wohl wichtiger denn je. Nicht nur wir Organisator*innen fragen uns also, wohin wir diesen Sommer entfliehen werden, wenn es nicht in den turbulenten Mikrokosmos ist, der auf den Wiesen und Weiden dieses Landes jedes Jahr entsteht.

Ein Blick in die Glaskugel: Wie sich Festivals nach Corona verändern werden

In einer Runde voller Veranstaltenden fällt es erstmal leichter, über den Festivalsommer 2021 zu sprechen, als das Brachland des diesjährigen Sommergeschehens zu betrachten. Doch auch hier sieht es alles andere als rosig aus. Markus gibt zu bedenken: „Erstmal muss man schauen, welche Festivals überleben, da werden auf jeden Fall einige auf der Strecke bleiben. Und je nachdem, wie lange die Pandemie in diesem Extrem gelebt wird, werden sich auch die Menschen verändern und sehr viel mehr Ruhe zu schätzen wissen. Es kann also sein, dass 2021 dieser Drang gar nicht mehr so groß ist, auf Festivals gehen zu wollen.“ Arne, der seit dessen erstem Jahr das SNNTG Festival in Hannover mitveranstaltet, widerspricht: „Es gibt in meinem Umfeld – und auch bei mir selbst – aber auch stark die Lust auf Zusammensein, auf soziale Kontakte, auf das Miteinander. Natürlich boomen die sozialen Medien gerade, aber es werden genauso Bereiche aufgezeigt, wo sie mit dem direkten Kontakt nicht mithalten können und das finde ich eigentlich eine sehr positive Entwicklung von diesem ganzen Mist.“
Dass 2021 niemand mehr Lust auf Festivals hat? Unvorstellbar, auch für mich. Doch welche Veränderungen werden die Festivallandschaft erschüttern oder – im besten Fall – aufrütteln? 

David vom Appletree Garden Festival gibt zu bedenken, dass das Verhalten von Gästen und der Kulturlandschaft momentan von Unsicherheit geprägt sei, weswegen ein Blick in die Zukunft heute schwerfalle. „Das ist ein Blick in die Glaskugel“, bestätigt Markus. Doch David kann in dieser Glaskugel doch eine Tendenz erahnen: „Ich kann mir vorstellen, dass sich zum Beispiel das Programm verändert. Wir werden ein viel nationaleres Booking erleben, denn viel weniger internationale Bands werden verfügbar sein.“ Hier ergibt sich vielleicht auch eine Chance für kleinere, unbekanntere Künstler*innen und solche, die sonst weniger Gehör finden. Ich muss an mein eigenes Verhalten in häuslicher Isolation denken: Endlich noch mehr weibliche Acts für mein Booking entdecken, das Ohr auch in andere Teile dieser Welt richten. Chancen einer Diversifizierung des Line-ups bestehen also – ein erster Lichtblick, der da in der Glaskugel aufblitzt.

Kleiner aber feiner – das Portfolio der Major Festivals

Wo sich die langjährigen Veranstalter David und Markus einig sind: Die großen Festivals werden es noch ein wenig schwerer haben im Vergleich zu den kleineren, größtenteils ehrenamtlich veranstalteten Festivals, von denen sich einige an diesem Samstagmorgen digital zusammengefunden haben. Hier gibt es zwar auch ein finanzielles Grundrauschen, die Ausgaben der Majors bewegen sich jedoch in einem anderen Rahmen. David spekuliert: „Man kann nur gespannt sein, ob die großen Veranstalter weiterhin an dieser Anzahl an Festivals festhalten oder einige Produktionen abstoßen und weniger auf Risiko und Wachstum, sondern mehr auf Stabilität setzen.“ Die Pandemie könnte so als grobmaschiges Netz einer Branche funktionieren, die gerade im Bereich kleinerer Festivals in den letzten Jahren einen enormen Zuwachs erfuhr. Es fischt in einem Becken aus großen Haien und kleinen Fischen, in dem es mitunter bereits zur Kannibalisierung kam. Das ist eine Chance für die, zum Teil seit vielen Jahren existierenden, Independent- und Boutiquefestivals, die auf Ehrenamt basieren und eine experimentelle Spielwiese ohne viel finanzielle Sicherheit darstellen – zumindest dann, wenn es sie im nächsten Jahr noch gibt.


Von höherer Gewalt: „Wir hätten das Corona-Zusatzpaket sowieso nicht gebucht“

Es wird angeregt diskutiert, Konsens herrscht jedoch hier: Mit einer solchen Krise hat niemand gerechnet. Natürlich habe man sich schon einmal über den Ausfall eines Festivals Gedanken gemacht. Ich erinnere mich direkt an die Hitzewelle vor zwei Jahren. 2018 flimmerte über Wochen die heiße Luft über dem Asphalt deutscher Straßen. Das Rocken am Brocken, am Rande des Nationalpark Harz gelegen, sah sich mit einer äußert hohen Waldbrandgefahr konfrontiert. Auf einmal konnten unsere Besucher*innen nur noch an Rauchertonnen rauchen und am gemeinsamen Grillplatz grillen, statt ihre Kugelgrills in der Campmitte aufzustellen. „Das kommt einem heute aber wie eine Lappalie vor“, sage ich zu den anderen. Diese Situation hat jedoch gezeigt, was auch während der Pandemie zu beobachten ist: Die Solidarität der Gruppe kann über den Bedürfnissen des Einzelnen stehen. 2018 wurde diese Disziplin mit dem reibungs- oder eher feuerlosen Ablauf des Festivals belohnt. Dass das Rocken am Brocken, aber auch viele andere Festivals, stattfand, war damals auch eine Entscheidung der Veranstaltenden selbst. Dieser Ermessensspielraum ist in diesem Jahr – zumindest bis September – auf die Größe eines Dixiklos geschrumpft. Ein bisschen erleichtert sind die Organisator*innen dann aber doch, denn der Beschluss auf politischer Ebene erlässt ihnen die persönliche Entscheidung für oder gegen eine Absage, die mit großer Verantwortung und finanziellen Konsequenzen einhergeht. 

Doch wie sieht es mit der grundsätzlichen Risikobereitschaft der Festivalschaffenden aus? Arne erinnert sich an die Anfänge des SNNTG, das als „Hauruck-Aktion“, wie er die Organisation des Festivaldebüts nennt, entstand. Die Frage und Sorge, ob die Veranstaltung stattfinden könne und dürfe, begleitete das Team also von Anfang an. „Das erste Festival entstand auch unter großem finanziellen Risiko für uns als Privatpersonen“, erzählt Arne. Das Team lies also von Anfang an lieber Vorsicht als Nachsicht walten und schloss jährlich eine Ausfallversicherung ab. Markus wird hellhörig: „Ihr hattet also für 2020 die Ausfallversicherung?“ Arne lacht und gibt zu: „Die hatten wir natürlich für dieses Jahr noch nicht abgeschlossen. Die Pandemie hätte sie aber sowieso nicht enthalten.“

Corona wäre nicht versicherbar gewesen.

Auch David erzählt, dass das Appletree Garden in den letzten Jahren eine Ausfallversicherung abgeschlossen habe. Und das zurecht: „Wir haben ja in den letzten fünf bis sechs Jahren von Unwetter bis Terror fast jeden Fall gehabt, aber eine Pandemie war noch nicht dabei.“ Das extra Corona-Paket hätte das Festival aus Niedersachsen ebenfalls nicht abgeschlossen. Auch das Rocken am Brocken sitzt im gleichen Boot – weil sich hier Jahr für Jahr doch für den Headliner statt für den Versicherungsschutz entschieden wird.

Wünsche an die Politik: Rettungsschirm, Anerkennung und Klarheit

Was ich während der letzten Wochen und in diesem Gespräch merke: Die Kommunikation und Solidarität, gerade unter den kleinen Festivals, ist auch in der Krise ungebrochen. Doch wie sieht es in der Politik aus – Johanna fragt nach Wünschen an Bund und Länder während COVID-19. Auch hier gibt es verschiedene Ansatzpunkte, die von finanziellen bis ideellen Zuwendungen reichen. Festival Kombinat und LiveKomm versuchen etwa gerade, einen Rettungsschirm für Festivals von der Regierung zu erhalten. Dieser setzt bei 10 % der letztjährigen Einkünfte der Festivals an, um bestehende Fixkosten im festivallosen Jahr decken zu können. „Das wäre schonmal eine große Erleichterung“, sagt Markus. Denn selbst wenn die Bauzäune hiesiger Festivals dieses Jahr verschellt bleiben, fallen Kosten für Lagerflächen, Vereinsräumlichkeiten, Versicherungen und andere Grundkosten an.

Mir geht es jedoch nicht nur um finanzielle Hilfen, sondern auch um Anerkennung im politischen Diskurs. Gerade am Anfang der Coronaausbreitung ließ mich mein Handy über kleine Push-Nachrichten nicht vergessen, wie schlimm es um den deutschen Fußball stehe. Um Geisterspiele und einen Abbruch der Saison ging es. Dass unsere Entertainmentlandschaft aus mehr besteht als nur Rundem, das ins Eckige muss, wurde selten thematisiert. Kürzlich hat Gesundheitsminister Jens Spahn in einem Interview dann konkret Festivals in den Fokus genommen.

 

Allein, dass das Wort in der Berichterstattung fällt, ist sehr wichtig, um Awareness für die Bedürfnisse der Festivallandschaft als bedeutenden Teil der hiesigen Kultursphäre zu kreieren.

Doch nicht nur Geld und Aufmerksamkeit, sondern auch Klarheit ist eine Währung in dieser Zeit. David ergänzt, dass eine transparente Kommunikation der Behörden für die nächsten Monate entscheidend sei. Beispielsweise erlaubt das Land Niedersachsen grundsätzlich Großveranstaltungen bis 1000 Menschen, konkrete Auflagen seien jedoch noch nicht definiert, so David. Ob er hier noch einen Weg für eine kulturelle Zusammenkunft im kleinen Stil sieht? Ich spüre die Fühler eines Veranstalters, die auch durch eine weltweite Pandemie nicht zum Stillstand kommen. 

Auf Zoom statt beim Bier überzeugen:
Ohne eine neue Generation wird es nicht gehen

Rettungsschirm hin oder her: Alle Festivals, die sich heute austauschen, sehen sich nicht in ihrer finanziellen Existenz bedroht – anders sieht es an der Front des freiwilligen Engagements aus. Arne erklärt: „Nachwuchsarbeit muss jetzt ganz oben auf der Liste stehen. Wichtig ist das Empowerment von jungen Leuten. Wir müssen ihnen klarmachen, dass sie es hinbekommen, ein Festival zu organisieren.“ Auch das SNNTG Team hat sich mit viel Motivation und wenig Erfahrungen in die Organisation gestürzt. „Und da befürchte ich, dass das schon immer besser bei einem Bier, als in einer Zoom-Konferenz geklappt hat“ – diesen Kommentar kann ich mir nicht verkneifen, obwohl auch das Rocken am Brocken dieselbe Frage umtreibt. Geht es um Nachwuchsarbeit, nicken Markus und mein Kopf synchron aus den kleinen Bildschirmquadraten der Onlinekonferenz. Ehrenamt basiert auf treuen, engagierten Menschen, die an ein Projekt glauben und bereit sind, Zeit und Energie zu investieren. Die Motivation hieraus entsteht vor allem aus den intensiven Tagen und Wochen, die man gemeinsam auf dem Gelände verbringt. Nachdem man nächtelang nicht geschlafen, unzählige Kilometer im Laufschritt zurückgelegt hat, spürt man, warum es sich lohnt. Wir müssen Wege finden, dieses Gefühl aufrecht zu erhalten und bis 2021 zu speisen. 

Digitale Formate: Streaming vom Gegenpol

Wenn es um die Übertragung dieses einzigartigen Festivalgefühls – ob im Team oder auf dem Zeltplatz – ins Digitale geht, scheiden sich an diesem Samstagmorgen die Geister. Klar, man sieht momentan mehr Notifications über Livegänge verschiedenster Kulturschaffenden auf dem Display als Menschen in der Innenstadt. David und Arne sehen Konzertmitschnitte und Streamingangebote jedoch kritisch.

Ich persönlich sehe uns Festivals genau als Gegenpol zu digitalen Strukturen

, sagt Arne mit der Überzeugung, dass sowieso schon genug Aspekte unseres Lebens digital stattfinden. Mit Blick auf die eigene Agenda lässt sich in der Tat feststellen: Zwischen Telkos und Netflix, Online-Banking und Zoom-Spiele-Abend verbringen wir mehr Zeit denn je vor dem Bildschirm. Auch David ist wenig überzeugt: „Diese digitalen Formate können nur kurzfristig helfen, wir sind aber eine analoge Form der Veranstaltung. Es ist reine Überbrückung und kein Ersatz.“ Uns ist allen klar, dass an das echte Festivalerlebnis kein digitales Format herankommen kann. Aus Markus Zoomfenster sprüht jedoch eine andere Energie, gegen die niemand in der Konferenz ganz immun ist. Zunächst gibt er David recht, dass der Sommer den Freund*innen und der Sonne gehöre. Aber: „Dann triffst du dich mit Freunden im Garten und dabei hast du den Live-Stream laufen, in dem das Appletree Garden mit dem Rocken am Brocken zusammen die tollsten Ecken unserer Kunstform zeigen. Wie geil schmeckt denn dann das Bier?“ Da mag er recht haben. Es ist Samstagmittag, 11.30 Uhr und ich habe ein bisschen Lust auf Bier.

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