Magazin

Green Berlin in Bonn

Zwischen Lücken und Liegestühlen


 
 

text & fotos Chiara Baluch
redaktion Isabel Roudsarabi

Erst schienen Autokinos die einzige Option zu sein, sich im Wahnsinn der vorherrschenden Pandemie ein Stück Konzert-Normalität zurückzuholen. Durch Lockerungen ist es Veranstaltenden jetzt aber wieder möglich, Events unter freiem Himmel, ohne den schützenden Blechkäfig eines Autos, stattfinden zu lassen – mit fest zugewiesenen Plätzen und Abständen, natürlich.

 

Was passiert mit der Stimmung, wenn Konzertbesucher*innen, die sich sonst im Rausch der Endorphine in Moshpits drängeln nun auf Liegestühlen verbannt werden? Die Geschichte eines Konzerts in Bonn, zwischen Abständen und dem Ende des Festivalheimwehs.

Mein Mundschutz sitzt fest. Ich bekomme jetzt schon schlecht Luft. Und das wird sich für die nächsten Stunden auch nicht ändern. Ich habe extra noch drei Masken in Reserve dabei, sollte die jetzige schon nach kurzer Zeit von meinem warmen Atem durchgeweicht sein. Denn an diesem Samstag ist es besonders heiß und die Nachmittagssonne gibt sich noch mal richtig Mühe ihre letzten Reserven über uns zu ergießen.
Ich betrete das Konzertgelände am Bonner Rheinufer. Erste kleine Gruppen tummeln sich bereits auf Liegestühlen, die in einzelne Parzellen aufgeteilt und mit Seilen von einander getrennt wurden. Dahinter reihen sich Biertische und Bänke aneinander. Umrahmt wird das Ganze von begrünten Hängen, auf denen es sich die Besucher*innen mit Decken gemütlich machen können.

Green Berlin, das von Marteria gegründete Musiker*innen-Kollektiv, tritt heute im Rahmen von Bonn Live das erste Mal seit Corona auf. Ohne Autos. Ohne Livestreams.


Ich treffe mich kurz vor Beginn mit Veranstalter Julian Reininger, der neben Bonn Live auch alljährlich das Green Juice Festival auf die Beine stellt. Nur dieses Jahr nicht, aus bekannten Gründen. „Mit der Absage vom Green Juice saßen wir zu Hause und dachten, das wird der erste Sommer nach dreizehn Jahren an dem wir die Füße hochlegen und nichts machen können. Dabei ist es so, dass wir noch nie so viel gemacht haben wie jetzt. Das ist richtig verrückt“, erzählt er mir, mit coronagerechtem Abstand, im Backstagebereich.

Auf meinem Weg hinter die Bühne zeigen mir Einbahnstraßenschilder die Richtungen an und ich laufe gegen kleine Stoppschilder, die mir den Weg versperren.

Auch das eine zusätzliche Maßnahme, unnötigen Kontakt der Gäste zu vermeiden. Zwischendrin immer wieder Plakate, die mich daran erinnern sollen, meinen Mundschutz zu tragen. Das gilt natürlich für alle Besucher*innen. Erst auf den Plätzen darf die Maske abgenommen werden. „Wir haben extra einen Warmupper, der gleich hier auf die Bühne geht und den Leuten 15 Minuten lang die Regeln erklärt. Mit ein bisschen Witz dabei, dass das Publikum ihm auch wirklich zuhört. Er redet denen ein bisschen ins Gewissen, nach dem Motto „Leute ihr müsst euch einfach an die Regeln halten, nur dann könnt ihr euer Lieblingskonzert hier sehen“, erleutert Julian das neue Prozedere. Da ich mich die meiste Zeit mit meiner Kamera auf Achse über das Gelände befinde, muss meine Maske dran bleiben. Verständlich natürlich – nervig aber trotzdem. Zusätzlich trage ich eine Presse-Weste damit die Security sofort erkennt, dass ich die Erlaubnis habe mich „frei zu bewegen“. Es gibt wohl nichts Schöneres, als Nicht-atmungsaktives-Plastik bei 27 Grad und praller Sonne auf der Haut zu tragen. Doch mein Konzerthunger ist nach vier Monaten Abstinenz trotzdem größer.

Als das Konzert beginnt, ist der vordere Bereich, in dem die Liegestühle stehen, gut gefüllt und auch die Stimmung der Gäste ist ausgelassen. Man kann spüren wie lange die meisten danach gelechzt haben, wieder ein Konzerterlebnis geboten zu bekommen, dass sich nicht in den eigenen vier Wänden mit einer schlechten Zoom-Verbindung abspielt. Ein Pluspunkt: Getränke und Snacks werden direkt an die Parzellen geliefert. Denn wegen der Verordnung sollen die Gäste ihre Plätze so selten wie möglich verlassen. Als ich die ersten Mädels mit Jeansshorts und Crop Tops auf dem Boden sitzend Pommes essen sehe, kommt bei mir leichtes Festival-Feeling und damit ein bisschen die Wehmut auf. Auch bei Julian. „Ich glaube Ende Juli, wenn das Green Juice normalerweise stattfinden würde, gehe ich mal in den Park und zünde ’ne Kerze an. Aber das hier alles ist schon geil.

Man kann einmal am Tag aufs Dixi gehen. Man hat ’ne Bühne. Man hat Soundchecks. Man trifft all die Leute, die sonst bei unserem Festival auch am Start wären.

Statt Green Juice bekommen die Leute aber heute die Acts von Green Berlin geboten, zu denen unter anderem Kid Simius, Chefket und als Special Guest SSIO gehören. Nicht gerade ein Line-up, bei dem es sich anbietet, zu sitzen, denke ich mir. Das merke ich auch dem Publikum an. Immer wieder hält es vereinzelte Fans nicht mehr auf ihren Liegestühlen. SSIO ermutigt bei seinem Auftritt die Crowd zum Mitmachen und Aufspringen. Doch die kurze Euphorie ist schnell verflogen, denn ein Ordner kommt sofort mit ermahnenden Handzeichen, das den Leuten suggeriert: „Sitzen bleiben!“ Das gefällt natürlich nicht allen und mit steigendem Pegel sinkt bei vielen eben auch die Toleranzgrenze. Aber leider gehört es zur Verordnung, die die Veranstaltenden einhalten müssen, damit ein solches Konzert überhaupt stattfinden darf. Trotzdem sieht es Julian positiv: „Das Publikum genauso wie die Künstler müssen sich natürlich damit arrangieren. Wir haben halt diese strickten Regeln. Doch die Künstler wissen natürlich, dass alles hier nur funktioniert, wegen dieses Hygienekonzepts. Sie wertschätzen das, weil sie hier natürlich auch ein paar Euro mit nach Hause nehmen können. Dieses Konzept ist auf jeden Fall ein Schritt in Richtung „normale“ Konzerte.“ 


Chefket kommt während seines Slots kurzerhand in die Reihen des Publikums gesprungen. Performend zwischen Bänken und Liegestühlen, vermittelt er so ein kleines bisschen Nähe in dieser Zeit, die von Abständen und Distanzen geprägt ist. Auch andere Mitglieder von Green Berlin wie Pete Boateng kommen immer mal wieder zu den Leuten und verteilen kleine Goodies und Kamelle, wie man in Kölle sagt. Die Stimmung ist gut. Trotz Sitzgebot und Tanzverbot herrscht hier mehr als eine „Besser als nix- Mentalität“. Auch, wenn es das natürlich gewissermaßen ist. Ein Kompromiss. Doch auf jeden Fall ist es schon ein Schritt weiter zur Normalität im Vergleich zu den vor Wochen noch reichlich gefüllten Autokonzerten. Für Veranstalter Julian stehen diese auch nicht mehr zur Debatte: „Das Thema ist jetzt durch. Damals hatten wir damit zu 100% das richtige Timing erwischt. Gefühlt waren wir auch da die Ersten, die es „richtig“ gemacht haben. Und dann hat man gesehen, wie in ganz Deutschland auf einmal überall Autokinos zu Autokonzerten wurden. Es ist eben auch viel ansprechender, als nur einen Film zu gucken. Aber wir haben dann auch den richtigen Zeitpunkt gefunden zu sagen „Das war’s es jetzt“ und dann direkt mit dem jetzigen Open-Air Konzept weitergemacht.“

Für die meisten Besuchenden und auch für mich ist es das erste Konzert seit der Pandemie. Ich bin beeindruckt wie schnell ein Team ein neues, Corona-gerechtes Veranstaltungskonzept umgesetzt hat. Ein Konzept, das funktioniert. „Das alles haben wir hier irgendwie in zwei Wochen runtergerockt. Da ist der entscheidende Punkt echt die Effizienz. Wenn man will, kann man alles einfach viel viel schneller machen. Durch Corona haben wir das krass gelernt“, erzählt Julian.

Auch wenn der Wunsch da ist, nach drängenden Menschen und Tanzen, ganz weit vorne an der Bühne – die große Konzert-Sehnsucht konnte gestillt werden. Zumindest ein bisschen. Und auch das Team von Green Berlin sitzt zum Ende ihrer Show am Rand der Bühne und guckt zufrieden Richtung Publikum, das begeistert die Arme zum Himmel streckt. Denn das ist, trotzt strengen Corona-Regeln nach wie vor erlaubt. Als ich das Gelände verlasse, ziehe ich erleichtert meine Maske vom Gesicht. Auch hier sind die Wiesen gepflastert mit kleinen Menschengruppen, die der Musik lauschen und wie ich das Gefühl haben: „War ein ziemlich guter Abend.“ 

Image

Chiara Baluch

Hey, ich bin Chiara und meine Liebe zu Musik und Festivals hat so richtig begonnen, als ich frisch aus dem Studium zum Intro Magazin gekommen bin (möge es in Frieden ruhen). Seit dem befasse ich mich nicht nur textlich mit dem Thema Musik und Popkultur, sondern bin auch mit meiner Kamera bei diversen Konzerten am Start. Die Mischung macht es ja bekanntlich.
Höme ist eine neue Liebe, obwohl es sich anfühlt, als wären wir schon alte Bekannte. Zwei die sich gefunden und der Magie von Festivals, seine Musik, den Menschen und der euphorischen Gespräche um 3 Uhr morgens Richtung Zeltplatz verschrieben haben. Darum bin ich hier. Mit der Kamera um den Hals, ner Limo in der Hand und dem Traum, irgendwann mal Wanda auf Tour zu begleiten.

Mehr von Chiara Baluch:

Teile den Beitrag