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Zwischen bezaubernden Performances und politischen Statements

Ist die Fusion die bessere Realität?


 
 

text Anna-Charleen Klahölter
redaktion Tina Huynh-Le
foto Kathrin Leisch

Ob der Verzicht auf Sponsoring, die Vielfalt an Unterhaltungsmöglichkeiten oder die Auswahl an Toiletten: mit ihrem unkonventionellen Konzept ist die Fusion eine Ausnahme auf dem deutschen Festivalmarkt. Für viele ist sie eben nicht nur irgendein Festival, sondern die Chance einmal im Jahr für ein paar Tage aus dem gewohnten Umfeld auszubrechen und sich in einer utopischen Welt zu bewegen.

 
Der Grund dort hinzufahren sollte mehr sein als Feuer und Performances.

Nachdem ich nun wieder in der Realität angekommen bin, mit beiden Beinen wieder Tag für Tag Großstadtboden unter meinen Füßen spüre, auf die U-Bahn warten muss und akzeptiert habe, dass der geradezu perfekte Ort nun wieder ein Jahr auf sich warten lässt, bin ich jetzt auch physisch und psychisch bereit, darüber zu reflektieren. 

Nicht jede*r, der oder dem ich von meinem Vorhaben, über dieses Festival zu schreiben, erzählte, war davon so begeistert wie ich es bin. Denn einen wunderbaren Ort wie diesen wollen viele Leute nicht teilen – aus Angst, er könnte sich vielleicht verändern. Aber so wie The Beachs Trauminsel Ko Phi Phi kein Geheimtipp mehr ist, ist auch die Fusion keiner mehr und jede*r hat das gleiche Recht, dort hinzufahren und in einem gewissen Maße auch in Wort und Schrift darüber zu erfahren. 

Aus Respekt und Liebe zu diesem Festival möchte ich euch mit so wenig gedanklichem und realem Bildmaterial füttern wie möglich, denn der Grund dort hinzufahren sollte mehr sein als Feuer und Performances. Es sollte eine friedliebende, tolerante und neugierige Einstellung mit sich bringen und die Bereitschaft, alle Normen über Bord zu werfen und mit einem Haufen fremder Menschen gemeinsamen einen freundschaftlichen, bunten Kosmos zu bilden. Außerdem werdet ihr es mir danken, wenn ihr mit etwas Glück schon nächstes Jahr ohne konkrete Vorstellung von der Schönheit dessen überwältigt werdet. 

kein Ort wie jeder andere

Ich möchte darüber erzählen, inwieweit die Fusion vielleicht eine zweite, ja bessere Realität darstellt und ob sie für den oder die ein oder anderen sogar die Flucht vor dieser bedeutet.
Mein aufgeregtes Herzchen, das mir schon Wochen davor in unregelmäßigen Abständen kleine Infarkte der Freude bereitete, wusste die Antwort schon von Anfang an, daher habe ich mir mehrere Unterpunkte vorgeknöpft, um euch zu zeigen, warum die Fusion wirklich eine harmonische, freie Gesellschaft bietet und somit ihrem Ruf von einer wunderbaren Parallelwelt gerecht wird.

Tickets

Schon gleich zu Anfang wird klar, dass die Fusion kein Ort wie jeder andere ist. Und trotzdem ist sie einer, zu dem jedes Jahr knapp doppelt so viele Leute hinpilgern möchten, als das riesige Gelände umfassen kann. Somit wird hier schlicht und einfach ausgelost, was natürlich wehtun kann – im Endeffekt aber fairer ist als jedes andere System. Leider existieren jedoch genug Menschen, die Kapital aus dem starkem Wunsch anderer schlagen wollen. Um das zu verhindern, lassen sich keine Karten übertragen. Dranbleiben lohnt sich aber in jedem Fall und Groll macht nur alt und Magenschwüre.

Grenzen im Kopf: Pfui! Grenzen um Freiraum, um vor allem Sicherheit zu garantieren: Einfach notwendig!
 

Sauberkeit

Auch die Grenzen der Hygiene liegen oft im Auge des Betrachters oder der Betrachterin und mit jedem Bändchen an deinem Handgelenk sinkt vielleicht der Anspruch und steigt vielleicht die Liebe zum Leben im Dreck. So geht es mir nämlich tatsächlich. Zu Hause in meiner Wohnung in der Stadt liebe ich die Ordnung. Kein Patscherchen auf dem Spiegel oder Frühstückskrümel in der Holztischkerbe ist vor mir sicher. Genau deswegen liebe ich es, auf einem Festival Schmutz mal Schmutz sein zu lassen.
Wovon ich rede sind staubige Füße, von Matsch und Grasflecken übersäte Hosen und vermutlich landet auch mal das eine oder mehrere Getränke auf dem Shirt, nevermind!
Aber um auf den Punkt zu kommen: Die Fusion ist das sauberste Festival, das ich bisher besucht habe. Ich rede nicht nur von herumliegendem Schokoladenpapier oder Bierbechern, Raviolidosen und Kippenschachteln – nein auch die Vielfalt an Toiletten (es gibt 4 Variationen, also für jeden Geschmack etwas dabei) haben einem wirklich einen angenehmen Aufenthalt, manchmal sogar einen richtigen Ort der Ruhe bescheren können.

Der Grund dafür war nicht nur, dass viele freiwillige Helferlein gut gelaunt(!) für Ordnung gesorgt haben, sondern lag es vor allem daran, dass die Besucher*innen weitestgehend Rücksicht genommen und Kants kategorischen Imperativ á la “handle so, dass du dir wünschen kannst, dass es ein allgemeines Gesetz für jeden wird“ auch für Sanitäranlagen angewendet haben. Alle für eine*n und eine*r für alle!

Unterhaltung

Wie man es mittlerweile auch von vielen kleineren Festivals kennt, sind diese nicht nur ein Ort zum Springen und Tanzen, Feuerzeug zur Melodie schwingen oder für Pogo im Matsch.
So auch nicht in Lärz, Freund*innen: Basteln, tüfteln, Pinsel schwingen – für jeden kreativen Head, dem das alles noch nicht bunt genug ist oder der das ganze Aufgesogene mal zwischendurch schöpferisch verarbeiten möchte, ist hier ein Stand zum Austoben zu finden.
Politische und nichtpolitische Dokumentationen mit anschließenden Gesprächsrunden sowie wirklich wunderschöne Theater und Schaustellungen machen jeden Tag zu viel mehr als das Wort „Festival“ überhaupt vermitteln kann. Gleich am ersten Tag bin ich über eine Performance gestolpert, die so mitreißend und abgefahren gewesen ist, dass ich meine eigentlichen Vorhaben völlig über Bord geworfen habe und über eine Stunde mit offenem Mund und einer Träne im Knopfloch gestaunt habe. Dabei war ich nüchtern. 

Politik

Eine ganz klare Angelegenheit, die keinen Diskussionsspielraum bietet, ist die politische Einstellung und ihre Präsentation. Antikapitalismus lautet hier eines der dick unterstrichenen Zauberwörter, denn das Festival verzichtet auf jegliche Art von Werbung, Sponsor*innen oder sonstige kommerzielle Attribute. Diese sind weder bei Speis & Trank, noch bei der Verzierung der Bauzäune zu finden. Auf letzteren wird Künstler*innen mit Stift und Dose das Feld überlassen.
Jede*r, der oder die durch jegliche Form von Rassismus, Homophobie, Sexismus oder andere Anzeichen der Diskriminierung auffällt, kann damit rechnen, sich schnell im Zug Richtung Heimat wiederzufinden.

Ebenso unerwünscht sind patriotische Kleidungsstücke, Accessoires, Flaggen. Das heißt, dass diejenigen, die nicht auf den „deutsch-nationalen Lifestyle“ mit Bucket-Hat, Blumenkette & Co. im Koffer verzichten können, zu Hause bleiben müssen. 

Drogen

Jetzt mal Karten auf den Tisch. Jede*r der oder die hier herkommt, ist frei in seinen oder ihren Entscheidungen, solange er oder sie sich an oben genanntes hält und niemandem schadet. Somit ist jede*r auch frei, durch Substanzen verschiedenster Art seine Realität zu verschieben, zu erweitern oder einfach ein paar Stunden länger den Floor in Schach zu halten – und sei es auch bis in den Morgen. Dass es Leute gibt, die über die Stränge schlagen ist hier vermutlich genauso unvermeidbar wie in jeder konservativen Dorfdisco. Was die Leute wollen – das kriegen sie auch schon irgendwie hin. 

Wir würden nicht wie gebannt in der U-Bahn auf unsere Smartphones starren und den Mond bereist haben, wäre unsere Art nicht so erfinderisch. Hier besteht einfach der Unterschied darin, den Menschen machen zu lassen. Und wenn das auch bedeutet, die Wirklichkeit oder seinen Schlafrhythmus neu zu erfahren, dann sollten wir das vielleicht nicht weiter hinterfragen.

Das Gefühl von Gleichgesinntheit und Miteinander ist zu jederzeit spürbar.

Ein Festival dieser Art ist mehr als feiern und Musik. Mehr als Drogen und mehr als Blümchenkränze auf dem Kopf und Glitzer im Gesicht. Alles dort zu finden, keine Frage – aber was diesen Ort so einzigartig macht, ist die Liebe zum Detail und die Liebe zum Spektakel. 

Der Ideenreichtum der vielen Freiwilligen, die das ganze Jahr über an neuen Installationen, Geschichten und Dekorationen tüfteln und damit für einen einmaligen Zauber jedes Jahr aufs Neue sorgen. Das Gefühl von Gleichgesinntheit und Miteinander ist zu jederzeit spürbar, jede*r kümmert sich um jede*n und jede*r hat die Mission, sorgsam und achtsam miteinander umzugehen. 

Daher ist die Fusion für mich in jedem Fall und in jeder Hinsicht eine bessere Realität.

In einem „Ferienkommunismus“ wie diesem kommen alle gut zusammen und haben eine glückliche Zeit, obwohl der Handyempfang auf dem alten Militärflugplatz gegen Null geht und der Großteil der gesellschaftlich vermeintlich richtigen Konventionen ihm gleich hinterher. 

Könnte dieser Ort vielleicht ein Beispiel für die aktuelle Gesellschaft sein? Vermutlich schon, aber wie wir alle schon lange wissen, ist das in einer Welt wie unserer leider bisher nicht immer möglich gewesen. Aber man kann es ein wenig umdrehen und somit ist die Fusion vielleicht ein Ort, der auf die ein oder andere Weise sogar uns zu besseren Menschen machen kann? 

Vielleicht merken einige, dass Vegetarier nicht nur Tofu und Tomaten essen, wie gut eine Mahlzeit ohne Fleisch schmecken kann (und es schmeckt wirklich sehr (!) gut dort), vielleicht entwickeln die anderen mehr politisches Engagement und manche sind vielleicht auch manchmal einfach nur ein bisschen netter zueinander. 

Daher ist die Fusion für mich in jedem Fall und in jeder Hinsicht eine bessere Realität. Ich kann mich hier zurück in der Stadt definitiv nicht von allen Lastern freisprechen, spüre dort in Lärz aber immer wieder aufs Neue, wie unwichtig Besitz, Äußerlichkeiten und jede Form von Chi Chi und Tam Tam eigentlich sind. Ob diese fünf wirklich magischen Tage eine Flucht vor der Realität sind, lässt sich nur schwierig beantworten. Nachvollziehbar wäre es in jedem Fall und darum würde ich der Frage gerne etwas an Trübsinn nehmen. 

Ein Tapeten- und Perspektivwechsel tut bekanntlich uns allen hin und wieder mal ganz gut und ein Ort, der so viel Wärme und die Möglichkeit sich neu zu erfinden gibt, der Menschen zusammenbringt und an dem beispiellos gute Musik das ganze Spektakel untermalt, bietet vielmehr als eine Flucht, er bietet ein Ankommen. 

Festivalfinder

Fusion Festival

26. – 30. Juni 2019 – Lärz


Alle Infos zum Festival

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