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Ein Tag auf dem KOSMOS Chemnitz 2019

Wir werden immer mehr bleiben


August 2018: Am Rande einer Kundgebung einer rechtsradikalen Bürgerbewegung fanden auf den Straßen von Chemnitz menschenverachtende Hetzjagden statt. Die Bilder gingen durch ganz Deutschland und machten es vielen Menschen einfach – wieder mal „Dunkeldeutschland“, „Der Osten“ und dann auch noch Sachsen – das war ja nicht anders zu erwarten.

text Sonni Winkler
redaktion Isabel Roudsarabi
fotos Ernesto Uhlmann

lesezeit 5 Minuten

In Folge der Ereignisse organisierte die Band Kraftklub zusammen mit der Stadt Chemnitz in wenigen Tagen eine solidarische Großveranstaltung, die unter dem Credo #wirsindmehr ein Zeichen setzen sollte. Ein klares Bekenntnis, dass es sie eben gibt – die Mehrheit, die sich laut gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ausspricht. Schnell trommelten sie alte Bekannte zusammen und am Ende versammelte das Line-Up alles, was die deutsche, populäre, linke Musikszene zu bieten hat. Mit dabei waren K.I.Z, Feine Sahne Fischfilet, oder Die Toten Hosen.

65.000 Menschen: Ein Signal das vielen wieder Mut gegeben hat. Doch die Veranstalter*innen beließen es nicht dabei – am 4. Juli 2019, ein Tag vor dem, wie sich noch herausstellen sollte, letzten Kosmonaut Festival, fand KOSMOS Chemnitz statt: Ein innerstädtisches Festival, das mit einer vielleicht noch viel wichtigeren Botschaft einher ging, denn:

Wir sind nicht nur mehr,
sondern #wirbleibenmehr.

Musikalisch mit Leuten wie Herbert Grönemeyer, Tocotronic oder Alligatoah wieder unfassbar hochkarätig besetzt, war es an diesem Tag jedoch nicht das große Bühnenspektakel, was mich so begeisterte.

Als ich mir ein paar Tage zuvor das Programm durchlas, war ich schon ein wenig erstaunt und verwirrt, über die unüberschaubar vielfältige Programmplanung. Doch dieses Erstaunen und die vermeintliche Verwirrung wandelten sich nach wenigen Minuten vor Ort in schiere Begeisterung.
Ich schloss meine Sachen ein und machte mich mit dem ersten Bier im Bauch und dem zweiten in der Hand auf den Weg durch die Chemnitzer Innenstadt. Genau kann ich gar nicht sagen woran es lag, dass die Umgebung an diesem Nachmittag ein bisschen mehr strahlte als sonst – vielleicht war es einfach die Ballung an glücklichen und positiven Menschen, die Sonne oder das klare und entschlossene Gefühl von Gemeinschaft.

Während der ersten Stunde meines Spaziergangs fühlte ich mich wie auf einem Jahrmarkt. Überall gab es Dinge zu tun, Sachen zu entdecken, Menschen zu beobachten. Auf einer kleinen Bühne tanzten Kinder, ein Stück weiter spielte der Chemnitzer Basketballverein zusammen mit Zusatzbesetzung Felix Kummer. Um die Ecke dröhnten die Leoniden aus einem kleinen Dönerladen und 20 Leute tanzten mit Lahmacun in der Hand drum herum.


Irgendwann trieb es mich dann auch zum berühmten Kopp (von Karl-Marx versteht sich). Dort war ich mit Lucia verabredet. Sie war von Seiten der Stadt für einen großen Teil der Programmplanung zuständig. Während wir kurz quatschten, versammelte sich neben uns ein spontanes Bier-Yoga-Gemenge. Wir gingen an einigen der Stationen vorbei, für die sie zuständig war.
Am Wandmosaik sprach ich mit ein paar älteren Herrschaften des ortsansässigen Naturschutzverbandes. Es fühlte sich gut an, denn wir berichteten uns gegenseitig von unserer Begeisterung über das, was hier und heute von so vielen tollen Menschen auf die Beine gestellt worden war. Wir gingen weiter und Lucia kehrte hier ein paar Scherben auf, brachte dort ein paar Schlüssel vorbei und grüßte auf dem Weg alle Menschen, die uns entgegen kamen mit Namen.

Auf dem Weg erzählte sie mir davon, dass es für die Stadt Chemnitz durchaus eine enorme Anstrengung gewesen war, eine Veranstaltung dieser Größenordnung und mit so vielen Akteur*innen zu planen. Doch sie und ihre Kolleg*innen beschwerten sich nicht, sondern machten einfach.

Irgendwann kamen wir im Waschsalon an. Dort wurde gerade eine Dia-Vorstellung mit Bildern, die die Entwicklung von Chemnitz in den Jahren seit der Wiedervereinigung dokumentierte, beendet. Ich unterhielt mich mit einer Kollegin aus dem Stadtmarketing. Sie sprach mit einer so überzeugenden Selbstverständlichkeit von der engagierten Kunst-und Kulturszene der Gegend, dass ich mich zwischenzeitlich fragte, warum es so schwierig war, diese auch für Außenstehende sichtbar zu machen. Kein Wort von „es ist hier gar nicht so schlimm“ oder „die Leute müssten ja nur mal herkommen“.

Lucias Highlight des Tages fand an diesem Nachmittag an einem der höchsten Punkte der Stadt, in der obersten Etage eines Hotels, statt: Ein Vortrag über die Ausbaupläne eines stillgelegten Gebäudes in der Chemnitzer Innenstadt. Völlig außerhalb der Welt dieses Tages wäre das vielleicht nicht die Veranstaltung gewesen, die trinkwillige Festivalbesucher*innen aus der Reserve gelockt hätte. Doch als wir ankamen, erfuhren wir von den Mädchen am Eingang, dass bereits ein Einlassstopp verhängt wurde. Oben angekommen war der gesamte Konferenzraum bereits mit angetrunkenen, grinsenden und glitzernden Leuten gefüllt. Der Mann, dem bald die Aufmerksamkeit dieser Menschen gehören sollte, war sichtlich überrascht über diesen Umstand.
Das reizvolle an der Location? Von dort oben konnte man über ganz Chemnitz blicken.

Als Lucia davon sprach, dass sie auch nie damit gerechnet hätte irgendwann hierher zu ziehen, dachte ich darüber nach, wie es bei mir war. Auch ich bin im „Osten“ geboren und groß geworden, kenne die Vorurteile genauso wie die wirklichen Probleme. Aber im Gegensatz zum klaren Bekenntnis der Kraftklub-Jungs, bin ich irgendwann nach Berlin gezogen. Auch Lucia hat dort schon gelebt, fände es aber nicht das “einzig Wahre”. Sie wüsste gar nicht, was die Leute finden würden, Arschlöcher gebe es überall, man müsse nur laut genug sein, egal wo man ist. Auf die Frage, wie denn der Alltag hier sei, wenn nicht Tausende Gleichgesinnte in die Stadt strömen, lachte sie. Klar ist es teilweise ein wenig ruhiger, aber keinesfalls so, wie es sich manche Menschen aus anderen Teilen Deutschlands das vorstellen.

Nachdem wir uns verabschiedet haben, schaute mich noch ein bisschen um. Kurz schwärmte ich aus der Ferne Dirk von Lowtzow an, freute mich über die vielen Menschen vor der Bühne, die gerade zu den Helden ihrer Jugend tanzten und ging weiter. In einer kleinen Galerie unterhielt ich mich dann mit einem älteren Herrn.

Während er sprach, verstand ich endlich, was es war, das mich den ganzen Tag schon so begeisterte.

Er erzählte, wie er schon seit seiner Jugend malt und immer schon nicht verstand, warum die Leute sich so über die Meinung der anderen ärgerten. Auch er wisse, dass Rechtsradikalismus immer noch ein vermehrtes Problem in Ostdeutschland und vor allem Sachsen sei, doch das hielt ihn nicht ab davon hier zu bleiben. Es gefällt ihm hier und da müsse man jetzt aber auch nicht so viel Brimborium drum machen. Nichts desto trotz ist er auch schon ziemlich gerührt davon, was hier an diesem Tag alles so passierte und wie viele Leute das Festival in sein schönes Chemnitz getrieben hat. 

Genau das ist es eben. Natürlich sind die Leute laut gegen Hass und Rassismus und zeigen, dass diese Stadt wirklich so viel mehr zu bieten hat, aber gleichzeitig hatte ich den ganzen Tag nicht das Gefühl, dass man „den Anderen“ irgendwas hätte beweisen müssen. Viele Chemnitzer*innen haben einfach das gezeigt, was sie sonst auch seit vielen Jahren tun, nur sind es eben nicht die weltoffenen Initiativen und Projekte, die man in den Nachrichten sieht. 

Es wurde Abend, die Musik wurde lauter, es wurde noch mehr getanzt und ich ging zu meiner letzten Station. In einem leerstehenden Kaufhaus schaute ich mir unten im Foyer eine interaktive Galerie an, die als Chronik des bisherigen Tages diente. Oben hörte ich den letzten Minuten eines Live-Podcasts zu. Es ging um das kürzlich erschienene Album von Felix Kummer – “Kiox”. In der ersten veröffentlichten Single “9010” erzählt er von seiner Jugend in Chemnitz, von der alltäglichen Konfrontation mit Neo-Nazis in seiner Heimat. Doch er empfindet Jahre später keine Rachsucht, sondern viel mehr Mitleid für die hängen-gelassenen Menschen.

Im Foyer traf ich dann Lucia wieder. Wuselig, schnell und wie immer heiter, erklärte sie, wer das Exquisit denn heute abschließe: Der Herr Bonitz. Aha – kommt mir irgendwie bekannt vor der Name. Lucia erzählte, dass es der Vater von Johann sei, der jetzt doch mit den Kummer Schwestern in so einer Band spiele. Stimmt.

Chemnitz ist eben auch nur ein Dorf, aber ein strahlendes und vor allem ein weltoffenes.
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Sonni Winkler

Hello, ich bin Sonni von Höme – Wat’n Satz. Ich weiß noch wie ich im Winter 2018 völlig zerstreut und aufgeregt immer wieder über meine Bewerbungsmail gegangen bin und mich nicht getraut habe sie abzuschicken. Plötzlich saß ich bei Isi und Jojo und trank das erste Bier im Büro in Berlin (ahhh Alliteration, toll). Seitdem brennt es in mir. Es ist einfach nur ein Traum mit all diesen traumhaften und unheimlich smarten Leuten zusammen an dieser Riesenutopie rumzutüddeln. Ich selbst schreibe ab und zu, mache dies und das – sehe mich aber eigentlich als unautorisierte Feel-Good-Managerin. Momentan bin ich outgesourced in Köln und versuche mich hier in die Film-und Fernsehbranche zu schmuggeln. Das Allerbeste ist, dass mit den Hömies nicht nur das gemeinsame Trinken Freude bringt, sondern auch, vielleicht sogar vor allem, der kollektive Kater morgens im Zelt.

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Festivalfinder

Kosmos Chemnitz

04. Juli 2019 – Chemnitz


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