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Erinnerungen vom Zelt-Musik-Festival 2019

Wenn du jeden Sommer wiederkommst


 
 

text Till Bärwaldt
redaktion Henrike Schröder
fotos Till Bärwaldt, Klaus Polkowski

Das Freiburger Zelt-Musik-Festival gilt als Institution in Südbadens Konzert- und Festivalszene. In seiner langjährigen Geschichte hat das ZMF viele Probleme abwenden können und sich stets weiterentwickelt. Eine Beobachtung der Idylle zwischen zwei Konzerten von Balthazar und von Foals.

„Zuhause – wenn du jeden Sommer wiederkommst“. Überall taucht es auf, das diesjährige Leitmotiv des ZMF: auf dem dicken DinA4-Programmheft, den schönen Festivalplakaten im brandneuen Design oder als Sticker auf dem Gelände. Das begleitende Symbol ist der Storch – ein Zugvogel, der eben auch jedes Jahr aufs Neue wiederkehrt. Wie der Storch, so auch der Exil-Freiburger, dessen mindestens halbjährige Rückkehr in die Heimat im Sommer natürlich mit dem ZMF-Zeitraum abgestimmt werden muss. Wie prägend ist es schließlich gewesen, dieses so schön pragmatisch benannte Zelt-Musik-Festival. Jeder musikinteressierte Teenager Freiburgs, wenn nicht gar jede*r, hat diesem mindestens einen Besuch abgestattet. Gut zwei Wochen Programm, jeweils ein kostenpflichtiges Konzert im großen Zirkuszelt und eines im schnuckeligen Spiegelzelt, dazu ein regional versiertes, kostenfreies Action-Programm: Eine interessante Show war immer dabei. Und wenn nicht, ging es eben zum entspannten Atmosphäre-Schnappen auf das frei zugängliche Gelände am Mundenhof, auf dem im restlichen Jahr diverse Tiere hausen und als Familienattraktion dienen.


Für mich ist das ZMF eine Konstante. Jedes Jahr gönne ich mir ein, zwei, drei Fürstenberg vom Fass, eine Spätzlepfanne dazu. Der Geländeplan verändert sich nicht groß, Neuerungen beschränken sich auf kleine Areale. Seit 37 Jahren hat das Festival jedes Jahr ausnahmslos stattgefunden, hinter den Kulissen ist jedoch einiges passiert. Vom besuchertechnisch und finanziell schwachen WM-Sommer 2006 fast ausgeknockt hat sich das ZMF in den Folgejahren unter neuen Gesellschaftern professionalisiert, wie Alex Hässler es ausdrückt. Der jüngste Booker im Bunde ist zwar erst seit Herbst 2017 mit im ZMF-Boot, ist aber bereits seit längerer Zeit in Freiburg als Veranstalter aktiv. Ihm ist es zu verdanken, dass das Programm in den letzten Ausgaben musikalisch facettenreicher geworden ist. Zu einigen kommerziellen Acts gesellen sich immer mehr Finessen der Indie-Musik, die es sonst nicht so schnell nach Südbaden verschlagen würde. 2019 waren das zum Beispiel John Butler Trio, Metronomy, Roosevelt, Sophie Hunger, Zeal & Ardor, Foals und Balthazar. Umso trauriger fällt die Bilanz aus: ein hohes Minus und einige Shows mit zu wenigen Gästen. So kann es nicht lange weitergehen, tönt Festivalchef Marc Oßwald gegenüber der Badischen Zeitung.

Insbesondere jene Abende für das vermeintlich jüngere Indie-Publikum sind Teil des Problems. Erklären lässt sich das nicht ohne Weiteres. Man überfordere die Freiburger*innen mit dem Programm, lautet eine Vermutung. Auf die Show von Balthazar trifft das mitnichten zu. Eine fantastische Band, sagt auch Alex Hässler, die er seit Jahren für das Spiegelzelt auf dem Zettel hatte. Tatsache, die Truppe passt perfekt in das Zelt. Durch die eingefärbten Fenster fällt eingangs noch Tageslicht in das Zelt und die durch und durch langhaarigen Belgier beginnen ihr Set knisternd und geheimnisvoll mit neueren Songs. Mit der Dunkelheit werden die Tracks älter, der Groove dynamischer – im Publikum tanzen die jungen Studis mit Hornbrille sowie die gut gekleideten Musikliebhaber der älteren Generation.

Es ist ein großartiges Konzert, die astrein ausgearbeitete Dramaturgie lässt die Intensität peu à peu hochkochen und mündet in einem wilden Abschluss unter der Diskokugel des Spiegelzelts.

Glücklich stolpert das Publikum zurück auf den Platz und lässt sich trotz Regen mehrheitlich noch zu einem Bier hinreißen. Aus dem Zirkuszelt tönen weiterhin Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi, deren ausufernde Show die Masse begeistert.

Einen Abend später stehen auf eben jener größeren Bühne die Foals – und vor ihnen leider ein nicht mal halb gefülltes Zelt. Die Engländer sind Vollprofis und lassen sich nichts anmerken. Schon früh hüpfen die vorderen Reihen ganze Songs durch, die leeren Ränge verlieren im Konzertmoment sowieso an Bedeutung. Nach sphärischen Zwischenparts rund um das Doppel aus „Black gold“ und „Spanish sahara“ tritt die Truppe um Yannis Philippakis das Gaspedal richtig durch. Ein fulminanter Höhepunkt aus „Inhaler“, „What went down“ und „Two steps, twice“ lässt den Moshpit wachsen und die Münder offen stehen. Für Irritation sorgt hingegen, dass danach ohne Zugabe Schluss ist. Das um einige Songs gekürzte Set kommt nur auf gut 70 Minuten, die verständliche Erklärung dafür – Krankheit – nuschelt Sänger Yannis kaum hörbar vor dem intensiven Abschluss ins Mikrofon. Blöd gelaufen. So ist bei vielen Konzertbesuchenden eher die kurze Spielzeit Nach-Konzert-Thema als die durch und durch überzeugende Darbietung.

Umso ernüchternder ist das Ergebnis für das ZMF-Team: Das Festival kommt auf unter 1.000 Besucher*innen. Im Vorfeld sowie im Zelt erklingt immer wieder der Vorwurf, dass die Ticketpreise mittlerweile zu hoch sind. Zugegeben sind über 50€ inklusive aller Gebühren eine stolze Summe, vor allem für die anvisierte Zielgruppe. Nur kommt dieser Preis nicht von ungefähr, verdeutlicht Alex Hässler im Gespräch. Der lang andauernde Aufbau der Location, die steigenden Gagen, die nochmal zunehmen, sobald der Booker das Wort „Festival“ droppt… alles Gründe, weshalb das ZMF preislich über vergleichbaren Einzelshows in Clubs und Hallen liegt. Viel lässt sich hier nicht machen.




Wie kann es also weitergehen? Schon länger steht die Idee im Raum, ein größeres Zelt zu nutzen. So könnte man noch bekanntere Künstler*innen in den Freiburger Westen holen, um wirtschaftlich sicherer aufgestellt zu sein. Schließlich bedeute Festivalbooking auch immer Risiko, meint Alex Hässler und vergleicht den Prozess mit einer Wette. „Man kalkuliert ja, dass eine bestimmte Anzahl Leute kommen. Und manchmal kommen sie eben, manchmal nicht.“ Derzeit freut sich das Team noch über die Möglichkeit, eben jenes Risiko eingehen zu können. Wenn es dann mal ins Auge geht, wie mit den Foals, sind da Rücklagen, die Einnahmen der anderen Veranstaltungen und andere finanzielle Standbeine wie das Sponsoring oder der Getränkeverkauf.

Der Hilferuf von Marc Oßwald ist aber dennoch keinesfalls zu unterschätzen. Stillstand, so Alex Hässler, ist unmöglich und ein Festival muss sich – selbst wenn es gut läuft – ständig weiterentwickeln. Dass die Diversifizierung des Bookings und das Buchen exklusiver, stark umworbener Acts Teil des Problems wird, ist zumindest besorgniserregend. Mehr Verständnis und Wertschätzung von Seiten der musikinteressierten Freiburger*innen wäre womöglich angebracht aber schwer kommunizierbar.

Auch eine verstärkte Förderung von Stadt oder Land, welche bisher fast ausschließlich das eintrittsfreie Action-Programm subventioniert, würde helfen um die steigenden Ticketpreise etwas zu drosseln.

Möglichkeiten gibt es einige und nicht nur die vielen Künstler*innen der Region, unter denen das ZMF ein einzigartiges Prestige besitzt, würden sich freuen; auch die guten alten Störche oder jene, die erst noch treue Zugvögel werden. Damit der stilvolle Hinweis auf die kommende Ausgabe – in Form eines Ortsschildes platziert am Festivalausgang – noch möglichst häufig die Zukunftspläne für den nächsten Sommer anstößt: „Zuhause – wenn du jeden Sommer wiederkommst.“

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