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Als Volunteer auf dem Reeperbahn Festival 2019

Was man beim Aufkratzen von Sauerkraut über Solidarität und Leidenschaft lernt

Vom Info Desk, über die Tresen bis hin zu den Backstages der Republik – überall sorgen ehrenamtliche Helfer*innen dafür, dass man jedes Jahr wieder unbeschwert im Taumel der Festivals versinken kann. Um das nicht zu vergessen, lohnt sich ein Perspektivenwechsel.

text Sonni Winkler
redaktion Isabel Roudsarabi
fotos Till Petersen 

lesezeit 5 Minuten

Freitag, der 27. Juni 2014 war der Tag an dem ich mein erstes Festivalbändchen bekommen habe. Wie damit eine große Liebe begann, ist eine andere Geschichte. Wichtig für diese hier ist die Person, die mir das Bändchen um mein Handgelenk gebunden hat, nachdem sie meinen zusammen-gemurksten Muttizettel abgesegnet hat: Klara, eine freiwillige Helferin aus Chemnitz. Ich habe mich damals in meinem jugendlichen Biertaumel nur kurz mit ihr unterhalten, aber umso länger sollten mir ihre leidenschaftlichen Beschreibungen über die Arbeit von Volunteers auf Festivals im Kopf bleiben. Damals habe ich mir vorgenommen, auch irgendwann einmal freiwillig auf einem Festival zu arbeiten. 

Immerhin ein halbes Jahrzehnt später, dafür aber mit ungebremster Motivation, trete ich also meine erste Schicht als Volunteer auf dem Reeperbahn Festival an.

Nachdem ich am Donnerstagabend noch vor den Bühnen und Theken des Hamburger Stadtfestivals verbracht habe, beginne ich am Freitagnachmittag meinen ersten Dienst hinter dem Info Desk. Die ein bis zehn Astra Rakete von letzter Nacht hängen mir noch spürbar im Kopf. Beim Anblick meiner Kolleg*innen sehe ich aber, dass wir wohl alle ein ähnliches Schicksal teilen. Irgendwie habe ich mich beim freundlichen Beantworten der Fragen ein bisschen wie in der Schule gefühlt, als man mich zum Tag der offenen Tür mal wieder als Infotante für die Eltern auserkoren hatte. Mein tatsächliches Wissen zur Veranstaltung selbst eigne ich mir allerdings in einer 5-minütigen Studie des Infoflyers an. Nach kurzer Zeit stellt sich jedoch glücklicherweise heraus, dass der Satz: „Nee Tickets und Bändchen gibt’s leider nicht bei uns, nur im Festival-Village am Heiligengeist-Feld. Dafür müssen sie nur 400 Meter die Reeperbahn runter laufen bis zur U-Bahn Station St.Pauli, dann sehen Sie es schon auf der linken Seite.“ in 70% der Fälle die Lösung des Problems war.

Zwischenzeitlich sieht es fast aus, als versuche man mit einem überdrehten Theaterstück der Außenwelt zu verdeutlichen, was alles so in Produktionsbüros passiert.

Besonders im Vergleich zu den beiden Volunteer-Koordinatorinnen, fällt mir schnell auf, wie entspannt meine Arbeit tatsächlich ist. Man kann den beiden zusehen, wie sie kaum zwei Zigarettenzüge Zeit haben, bis der nächste Anruf kommt. Während sie reden füllen sie gleichzeitig stapelweise Listen aus. Zwischenzeitlich sieht es fast aus, als versuche man mit einem überdrehten Theaterstück der Außenwelt zu verdeutlichen, was alles so in Produktionsbüros passiert. 

Die zweite Schicht am Samstag beginnt ziemlich entspannt und endet dafür umso ereignisreicher. Am frühen Abend bekomme ich einen Stapel Flyer mit der Bitte, sie in einigen verbliebenen Spielstätten zu verteilen. Kein Ding – ich setze mich in die Hamburger S-Bahn und fahre ein bisschen durch die Gegend. Während ich an den Landungsbrücken vorbei tuckere, verstehe ich so langsam, was die Leute an der Stadt so mögen. 

Ich ziehe ein bisschen durch die Straßen und versuche den Kunsthallen, Cafés und Bars meine Flyer aufzuquatschen – leider will sie keiner so recht haben. Also fahre ich mit meinem Stapel Flyer wieder zurück und werde an der Basis schon mit offenen Armen empfangen. Aus der Abendschicht haben sich fünf Leute mit spontaner Magen-Darm-Grippe entschuldigt – ganz schlechtes Timing. 


Für mich bedeutet das eine zusätzliche Schicht als Food-Runnerin, also quasi Festival-internes Lieferando. Ich bekomme von den verschiedenen Stage-Manager*innen und den jeweiligen Künstler*innen eine Bestellung, die ich vom Catering abholen und zu ihnen bringen muss. Konkret bedeutete das mit einem Fahrrad und dem typisch viereckigen Lieferservice-Rucksack bewaffnet durch Hamburg, vorrangig über die Reeperbahn zu radeln. Meine wirklich nur sehr lauwarmen Fähigkeiten in der Stadt Rad zu fahren plus den Fakt, dass ich an jeder Straßenecke auf’s Handy schauen muss, um den Weg zu finden, machen das Ganze anfangs zu einem kleinen Abenteuer. Doch Bestellung für Bestellung, Lieferung für Lieferung machen mich immer mehr mit den einzelnen Begebenheiten vertraut. Im Cateringzelt treffe ich immer wieder auf Helga – ich lerne sie kennen, sie lernt mich kennen. Helga ist es auch, die mir eine sehr essentielle Sache zeigte: die richtige Verschlusstechnik der Assietten, so dass eben irgendwann nicht mehr das Joghurtdressing zusammen mit der Mascarpone den Boden des Rucksacks bedecken. Mein persönlicher Höhepunkt des Abends ist die letzte und gleichzeitig simpelste Bestellung der Schicht. 5x Fleischgericht – Bratwurst mit Sauerkraut für den Gruenspan – ein Hamburger Club mit dazugehörigen Künstlern, die heute Abend dort auftreten sollen.

Doch als ich da so rumhänge und Sauerkraut vom Boden kratze, finde ich das schon, auf irgendeine merkwürdige Art, wirklich geil.

Ich komme in den zum Glück noch leeren Club und treffe auf dafür umso vollere Musiker. Ziemlich freudig über die fünf Assietten in meinen Händen begrüßen sie mich mit ausladenden Gesten. Dabei fallen mir zwei Packungen aus der Hand und verteilen ihren Inhalt auf dem Boden. Die Clubmanagerin schaut mich nur kurz an und gibt mir mit einem Grinsen im Gesicht und einem Lappen in der Hand zu verstehen, dass sie es nicht als ihre Aufgabe ansieht jetzt den Boden zu wischen. Doch als ich da so rumhänge und Sauerkraut vom Boden kratze, finde ich das schon, auf irgendeine merkwürdige Art, wirklich geil. Auch ich trage einen kleinen Teil zum Gelingen des Reeperbahn Festivals 2019 bei – wenn auch nur als kleiner Fleck auf dem Clubboden. Schließlich habe ich schon so viele unvergessliche Stunden verbracht, die ohne die Arbeit anderer nie hätten passieren können. Eigentlich ist es nur fair sich dafür immer mal wieder ein klein bisschen zu revanchieren. 

Ich habe in den zwei Tagen Leute in den Produktionsbüros gesehen, die tagsüber alles andere als glücklich aussahen, aber dann beim Feierabendbier wieder davon schwärmten, wie großartig sie ihren Job finden. Ich konnte einen Eindruck bekommen, was es braucht, damit jeden Sommer tausende Menschen die Zeit ihres Lebens auf einem Festival erleben können. DANKE dafür!  

Ganz viel Liebe und Küsse an alle Veranstalter*innen, Mitarbeiter*innen und Helfer*innen, die jedes Jahr immer wieder mit so unglaublicher Leidenschaft am Start sind! 

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Sonni Winkler

Hello, ich bin Sonni von Höme – Wat’n Satz. Ich weiß noch wie ich im Winter 2018 völlig zerstreut und aufgeregt immer wieder über meine Bewerbungsmail gegangen bin und mich nicht getraut habe sie abzuschicken. Plötzlich saß ich bei Isi und Jojo und trank das erste Bier im Büro in Berlin (ahhh Alliteration, toll). Seitdem brennt es in mir. Es ist einfach nur ein Traum mit all diesen traumhaften und unheimlich smarten Leuten zusammen an dieser Riesenutopie rumzutüddeln. Ich selbst schreibe ab und zu, mache dies und das – sehe mich aber eigentlich als unautorisierte Feel-Good-Managerin. Momentan bin ich outgesourced in Köln und versuche mich hier in die Film-und Fernsehbranche zu schmuggeln. Das Allerbeste ist, dass mit den Hömies nicht nur das gemeinsame Trinken Freude bringt, sondern auch, vielleicht sogar vor allem, der kollektive Kater morgens im Zelt.

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Reeperbahn Festival 2020

16. – 19. September – Hamburg


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