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Camp Clean Beats auf dem Shambhala Festival

Was ist ein Festival ohne Rausch?


Das „Camp Clean Beats“ auf dem kanadischen Shambhala Festival bietet Menschen, die keinen Alkohol oder andere Substanzen konsumieren wollen oder können, einen Raum zum Nüchternsein. Bis in die frühen Morgenstunden getanzt und gefeiert wird dort trotzdem. Das Camp ist ein Prototyp dafür, wie Festivals auch aussehen können: Ohne Rausch, ohne Zerstörung, dafür mit umso mehr Zusammenhalt und Mut zur Utopie.

text Ann-Sophie Henne
redaktion Leonie Stege
fotos (Symbolbilder) Till Petersen, Florian Anhorn, Jean-Paul Pastor Guzmán, Sascha Krautz

lesezeit 6 Minuten

Nathalie ist 21 Jahre alt, als sie das erste Mal an einem AA-Meeting (AA = Anonyme Alkoholiker) teilnimmt. Seit einigen Monaten ist sie clean, die Umstellung hat ihr keine Probleme bereitet. Jetzt ist Natalie auf einem Festival, dem Shambalah im kanadischen Salmo. Dort ist sie vielen verschiedenen Bewusstseinszuständen ausgesetzt, fühlt sich unwohl und fremd. Ich blieb so ziemlich die ganze Zeit in meinem Zelt. Ich habe es einfach nicht genossen und wusste nicht, wie ich es genießen sollte“, erinnert sie sich später.

Etwas macht Klick...

Durch eine E-Mail der Veranstaltenden hat Nathalie damals von „Camp Clean Beats“ erfahren - einem Ort auf dem Festivalgelände, der Menschen Unterstützung bietet, um nüchtern zu bleiben. Als ihr Partner, ebenfalls seit einiger Zeit clean, dort Hilfe in Anspruch nehmen will, begleitet sie ihn.

Sie brauchen lange, bis sie den Ort endlich finden. Das kleine Camp befindet sich am Waldrand, weit abseits der großen Hauptstraße des Festivals, die zu den Bühnen führt. Sie müssen quer über die Wiese laufen, einen gepflasterten Weg dorthin gibt es nicht. Als sie ankommen, erwartet sie eine gemütliche Couch unter einer provisorisch errichteten Plane und zwei Menschen, die sie lächelnd und herzlich begrüßen.

Die beiden nehmen an einem Meeting teil, das sich am sogenannten 12-Schritte Programm der Anonymen Alkoholiker orientiert. Schritt eins: Anerkennen, dass man seinem eigenen Problem gegenüber machtlos ist, und zugeben, dass man seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann. Das klingt erstmal ziemlich krass, aber es ist auch nicht unbedingt der Inhalt des Meetings, der Nathalie bewegt. Ihr wird an diesem Tag zum ersten Mal bewusst, dass es um das Thema Abstinenz eine richtige Gemeinschaft geben kann – und dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein ist. 

Etwas macht „Klick“ an diesem Tag: Nathalie hat das Gefühl, dass diese Leute sie wirklich verstehen. Sie verstehen, dass sie sich abgesondert fühlt und dass sie Schwierigkeiten hat, auf dem Festival Anschluss zu finden. Gleichzeitig erscheinen ihr diese Menschen so glücklich. Es ist das erste Mal, dass sie einem Menschen dieses Glück auch abkauft.

Schadensbegrenzung

Dieser Moment wird ihr Leben stark beeinflussen. Im darauffolgenden Jahr kommt sie als freiwillige Helferin zurück. Heute, neun Jahre später, gehört sie zu den Hauptverantwortlichen des Camps.

Warum ist Nathalie zurückgekommen? Kann ein Festival für cleane Menschen nicht zur Qual werden? Ist die eigene Nüchternheit nicht konstant in Gefahr?
Natalie erzählt, sie habe früh in ihrer Nüchternheit gelernt, dass man überall auf der Welt hingehen könne und sicher sei, solange man einen Sinn habe. Sie selbst habe diese Gemeinschaft als Sinn und als ihren Anker gewählt. Natürlich sei die Musik wichtig und auch ihre vielen anderen Freund*innen dort. aber dieser Anker  könne auch in den Momenten helfen, in denen nicht alles nach Plan laufe: „Diese Leute kennen mich. Es braucht nicht viel, dass sie mich ansehen und wissen, dass etwas nicht stimmt. Dann fragen sie: Hey, was brauchst du gerade, wie kann ich dir helfen? Das tun wir füreinander.“

Das versteckte, kleine Camp mit Couch und Plane hat sich über die Jahre zu einem etablierten Angebot des Shambhala Festivals entwickelt, das mittlerweile direkt an der Hauptstraße liegt und für jede*n gut ersichtlich ist. Für Nathalie ein bedeutendes Signal:

"Es ist so wichtig, dass die Dienstleistungen, die zur Harm Reduction zählen - darunter eben auch wir - auf alle Arten zugänglich sind. Einschließlich des Standorts."

Unter die sogenannten Harm Reduction [dt: Schadensbegrenzung] Services fallen Maßnahmen, Programme und Praktiken, die in erster Linie darauf abzielen, die negativen gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Konsequenzen des Gebrauches von legalen und illegalen Drogen zu reduzieren. Eine Reduzierung des Drogenkonsums gehört nicht zwangsläufig dazu. Solche Angebote können zum Beispiel Drug Checking, HIV-Prävention durch sichere Nadeln, Drogenkonsumräume, Substitution uvm. umfassen. Auf dem Shambhala Festival gibt es davon eine ganze Zahl.

Das Camp sieht sich als ein Teil der Harm Reduction Kette, ohne dabei besser oder schlechter zu sein. Schon gar nicht soll Abstinenz dabei als eine Art „Endergebnis“ betrachtet werden. Denn für manche Menschen träfe das eben einfach nicht zu, so Nathalie:

"Meine Position dazu ist, dass jeder Mensch, der um Hilfe bittet, eine sicherere Option verdient, und dabei selbst entscheiden darf, wie diese für ihn oder sie aussieht. Abstinenz ist nur eine dieser Optionen."

Eine enge Zusammenarbeit mit den anderen Harm Reduction Services sei deshalb wichtig und wertvoll, denn so könnten Hilfesuchende auch untereinander vermittelt werden. Es sei beispielsweise öfter passiert, dass eine Person am vorherigen Tag wegen eines schlechten Trips beim Awareness Team gewesen ist und dort beschlossen hat, von jetzt an ganz nüchtern zu bleiben. Diese Person könne dann ans Camp verwiesen werden und am nächsten Tag eine entspannte Zeit ohne die Allgegenwärtigkeit von Substanzen verbringen oder auch an einem Meeting teilnehmen.

Wer nach einem Tag Pause dann genug hat und seine Party wieder anders feiern will, kann das natürlich tun. „Das Einzige, worum wir bitten, ist, dass die Person zum Zeitpunkt des Besuchs nüchtern ist. Diese Bedingung ist notwendig, um die anderen Menschen im Camp zu schützen. “

Immer mehr Gäste des Shambhala Festivals nehmen das Angebot mittlerweile in Anspruch. Etwa 50 Menschen campen dort fest, über 100 weitere schauen zwischendurch zu einem Meeting vorbei.

Nicht jeder dieser Menschen habe dabei ein Suchtproblem, manche davon nicht einmal ein problematisches Verhältnis zu bewusstseinsverändernden Substanzen.

Nathalie erklärt: „Es kann sein, dass sie einfach beschlossen haben: Hey, auf diesem Festival will ich das nicht machen. Also kommen sie mit.“

Support Meetings finden dort mittlerweile mehrmals täglich in einem geschützten Rahmen statt, in einem großen Zelt mit Wandteppichen, lustiger Deko, Lichtern und nie endenden Kaffee-Vorräten. Jede*r kann an den Meetings teilnehmen und diese auch leiten. Die 12-Schritte-Struktur der Anonymen Alkoholiker, an der sich das Camp einst orientierte, hat das Team schon lange hinter sich gelassen. Die Meetings sind völlig offen und sollen ein sicherer Ort für alle sein, die das Gefühl haben, Unterstützung zu brauchen oder außerhalb der alltäglichen Gespräche zu reden. 

Zwischenfragen oder blöde Kommentare gibt es dabei nie. Wer das möchte, kann seine Gefühle also in dem Wissen teilen, dass niemand etwas darauf erwidern oder nachfragen wird. Das Gesagte bleibt an diesem Ort, und dann ist die nächste Person dran. “Und das ist alles, was es ist”. 

Loslassen ohne Kontrollverlust

Haben die Leute im Camp Clean Beats trotzdem eine ähnliche Festivalerfahrung, wie die übrigen Besuchenden? Wie oft verlassen sie den Safer Space des Camps, wie oft erleben sie wirklich Konzerte, tanzen bis in die Morgenstunden und verlieren sich in der Gemeinschaft? Was bedeutet Loslassen ohne Kontrollverlust?  

Für Nathalie Fragen, die jede und jeder für sich selbst beantworten muss. An Spaß und Ausgelassenheit mangele es in ihrem Camp jedoch nicht: „Wir sind teilweise eine ziemlich bunte und wilde Truppe und natürlich auch auf dem Festivalgelände und Konzerten unterwegs. Es gibt viele, die um 5 Uhr morgens noch ohne Anzeichen von Müdigkeit ins Camp marschieren. Das liegt vielleicht daran, dass bei uns der Kaffee nie ausgeht.“ Aha. Irgendeine Droge braucht es eben doch. Was wäre, wenn es ein ganzes Festival ohne Drogen gäbe? Würde das Menschen, die nüchtern bleiben wollen, nicht enorm entgegenkommen? Könnten sie nicht unbeschwerter sein, wenn das ganze Festivalgelände in dieser Hinsicht ein Safer Space wäre? Nathalie kann sich so ein Festival gut vorstellen. „Ich kenne Menschen, die mit dem Gedanken spielen, so etwas zu veranstalten. Ich bin mir sicher, dass es großen Spaß machen würde und wir eine ziemlich gute Party hätten.“

2020 konnte das Shambhala Festival aufgrund der Corona-Pandemie nicht stattfinden, auch 2021 musste es abgesagt werden. Doch wenn Camp Clean Beats 2022 das nächste Mal die Zelte aufschlägt, ist Nathalie vor allem eins wichtig: Wirklich jede*r ist hier willkommen, selbst wenn es sich nicht so anfühlt, als hätte das ganze Thema etwas mit einem selbst zu tun. Denn vielleicht, so Nathalie, kommt irgendwann der Tag, an dem eine Person aus dem eigenen Umfeld diese Information braucht.  

Das Wissen um einen solchen Safer Space könne Sicherheit bieten und auch die Kreation weiterer solcher Orte inspirieren. Auch bei uns in Deutschland, findet Nathalie. „Nicht, dass es die beste Option für jeden ist. Aber jeder verdient zu wissen, dass es möglich ist, das Festival auf diese Weise zu genießen. Ich denke, das ist wirklich wichtig.”

*das Interview fand auf Englisch statt und wurde ins Deutsche übersetzt.

Was Ann-Sophie an Festivals am besten gefällt, ist das Gefühl, Teil einer gesellschaftlichen Utopie zu werden. Annsi schreibt auch abseits von Höme viel über das Thema Nachhaltigkeit und reist gerne, zuletzt nach Indien. Sie liebt es, auf Festivals neue Erfahrungen zu machen und hat so zum Beispiel mal bei einem schamanischen Vergebungsritual mitgemacht.