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Wie sicher ist unser Festivalsommer 2021?

Von Mutationen, PCR-Tests und Sicherheitskonzepten


Ein paar Monate sind es noch, bis normalerweise die ersten Festivals der Saison stattfinden. Wie auch im letzten Jahr ist aber die Zukunft des Festivalsommers aktuell noch ungewiss. Welche Faktoren eine Rolle spielen und mit welchen Szenarien wir rechnen können.

text Isabel Roudsarabi
redaktion & grafik Jannis Burkardt, Kristina Guhlemann
fotos Jean-Paul Pastor Guzmán

lesezeit 10 Minuten

382 Tage ist es her, dass in Deutschland die erste Covid-19 Infektion nachgewiesen wurde. 338, seit das Berghain geschlossen ist, 309, seit die Fusion ihre Absage für 2020 verkündete. Seitdem ist es still im Land. Der Sommer, ein kleiner Lichtblick in einer so grauen Zeit. Menschen sitzen in Gruppen am Spreeufer, Bars haben geöffnet, Autokinos finden ihren Weg zurück aus den Erzählungen der Boomer-Generation in die Realität und Clubs bieten Austanzen im Freien. Fast hat man die letzten Monate schon wieder aus dem Gedächtnis verdrängt. Und dann geht es wieder los. Wir wussten es doch, aber niemand hat damit gerechnet. 96 Tage Lockdown. Kein Ende in Sicht.

Es fühlt sich merkwürdig an, das letzte Jahr in einen Absatz zu quetschen, wenn zwischen den Zeilen Leben und Lebensgrundlagen verloren gehen. Wenn Menschen seit Monaten darum bangen, ihre Miete bezahlen zu können, ihre Vereine vor dem Ruin stehen oder sie die Industrie, die sie so lieben, verlassen müssen, weil sie keine andere Wahl haben. Es fühlt sich merkwürdig an, weil sich alles gerade merkwürdig anfühlt.

So viel zu dem was war. Aber wenn es das gewesen wäre, wäre es wenigstens überstanden. Nur das ist es leider immer noch nicht. Wir blicken auf einen Sommer, der sogar noch ungewisser ist, als der letzte. Die ersten Absagen flattern bereits in die Facebook Timelines, jeden Tag gibt es neue, gute oder schlechte Erkenntnisse, Rückendeckung ist da, aber sie reicht hinten und vorne nicht. Neue Mutationen des Virus und schleppende Impfungen haben endgültig die Hoffnung auf einen halbwegs normalen Festivalsommer zerstört. Aber trotzdem muss es irgendwie weitergehen, damit die Branche am Leben gehalten wird.

Abhängigkeiten

Zuallererst sind die Veranstaltungen von einem möglichst niedrigen Inzidenzwert abhängig. Im letzten Jahr waren so bei einem Wert von unter 35, in Brandenburg etwa Veranstaltungen mit bis zu 1.000 Gäst*innen möglich. Zur Zeit der Milden Möhren im August, lag der Inzidenzwert bei unter 10. Damit läge dann auch eine Nachverfolgung von Kontakten wieder deutlich im Rahmen des Möglichen. Um dort hinzukommen, ist aber auch notwendig, jetzt noch ein wenig auszuhalten und den Lockdown nur stufenweise und kontrolliert aufzulösen und je nach Infektionsgeschehen zu justieren, wie es die Regierung auch bereits angedacht hat

Außerdem müssen Mutationen eingedämmt werden, günstige und schnelle PCR Tests zum Standard und Planungssicherheit durch Ausfallkostenerstattung die Regel werden. 

Weniger entscheidend wird vermutlich die Impfquote sein.

Denn der Impfstoff braucht auch nach der zweiten Impfung noch zwei Wochen um seine volle Wirkung zu entfalten. Solange ist eine Infektion nicht ausgeschlossen. Außerdem schütze beispielsweise der Astra Zeneca Impfstoff wohl nicht hinreichend gegen alle Mutationen, wie etwa die Variante B.1.351.

Zudem ist klar: Die jüngere Zielgruppe, die vornehmlich auf Open Air Festivals zu finden ist, ist als letztes dran (laut Regierung spätestens im September), der Impfstatus also mindestens in diesem Sommer noch eher zu vernachlässigen.

Laut Forum Veranstaltungswirtschaft, einem Zusammenschluss sechs verschiedener Verbände in Deutschland (BDVK, EVVC, ISDV, VPLT, LiveKomm) spielen aber auch die jeweiligen Sicherheits- und Hygienemaßnahmen eine Protagonist*innen-Rolle. Wenn Tests, besondere Kontakterfassung (also nicht nur “Wer ist da?”, sondern auch “Wo hat er/sie sich aufgehalten?”), umfangreiches Infektionsschutz- und Hygienekonzept und Hygieneverantwortliche*r gewährleistet sind, könnten in ein paar Monaten unter besonderen Bedingungen sogar Veranstaltungen in Regionen mit recht hohen Inzidenzen, mit bis zu 5.000 Teilnehmenden stattfinden. Das Forum hat jüngst eine Matrix ausgearbeitet, die zukünftig Veranstaltenden bei der Planung und Behörden bei der Zulassung helfen soll. Und zwar nicht nur in den nächsten Monaten, sondern auch darüber hinaus, solange, bis sich die Lage wieder vollkommen normalisiert hat. Seit letztem Montag (08.02.2021) liegen die Dokumente auch Politiker*innen vor, mit Hilfe derer nun die Anwendbarkeit des Konzepts besprochen werden soll. 


Auch viele Niedersächsische Festivals, darunter Rocken am Brocken, SNNTG Festival oder Appletree Garden, haben sich zusammengeschlossen, um an Politik und Behörden zu appellieren. In ihrem Positionspapier, gestärkt durch Erfahrungen aus dem letzten Sommer, fordern sie vor allem einen klaren Handlungsrahmen und Planbarkeit, wie es sie etwa in Mecklenburg-Vorpommern bereits gibt.

Dort können nämlich bis zu 95% der bereits entstandenen Kosten bei Absage der Veranstaltung durch das Land getragen werden.

Außerdem wünschen sich die Open Airs eine individuellere Bewertung der Events, die etwa mit der Matrix des Forums Veranstaltungswirtschaft möglich werden könnte. Gleichzeitig sollten finanzielle Stützen und Genehmigungsverfahren nicht föderalistisch, sondern über die Bundesländer hinweg ganzheitlich formuliert werden, damit niemand aufgrund von Ländergrenzen Nachteile hätte.

Nicht vernachlässigen darf man natürlich auch die allgemeine Bereitschaft von Festivalfans, überhaupt wieder Großveranstaltungen zu besuchen. Trotz Studien, die diese Bereitschaft als eher gering einschätzen (höchstens ⅓ würde wieder Großveranstaltungen besuchen, Stand Nov. 2020), behielten viele Ticketkäufer*innen 2020 ihre Karten für eine Ausgabe in diesem Jahr. Einige Veranstaltungen sind für 2021 sogar bereits wieder ausverkauft (oder “ausreserviert”), so auch die vier Wochenenden der Electricity, die beiden Feel Festival oder Fusion Ausgaben. Gleichzeitig sind die gestiegenen Ticketpreise natürlich eine Barriere für viele Besuchende und durch das insgesamt geringere Angebot scheint die Nachfrage vielleicht auch höher, als sie eigentlich ist. 

Mutationen & Tests

Das wahrscheinlich größte Problem der nächsten Monate, wird die Eindämmung der Virusmutationen sein.

Diese könnten nämlich bei einer zu frühen Öffnung des Lockdowns schnell zu einer dritten Welle führen.

Allen voran die Mutante B.1.1.7, die bereits Anfang des Jahres nach Deutschland geschwappt ist. Ende Januar gab es zudem neue Erkenntnisse, dass die Mutation nicht nur 70% ansteckender, sondern auch etwas tödlicher sein soll, als das Ursprungsvirus.

Daten für Nordrhein-Westfalen etwa, berechnet von Professor Thorsten Lehr von der Universität Saarland, zeigen deutlich, wie gefährlich die Mutante ist. Bei einem dauerhaften R-Wert von 0,9, könnte die Kurve nach Ostern wieder rasant ansteigen und zu einer Inzidenz von fast 300 im Juni führen. Lediglich ein R-Wert unter 0,7 könnte die Mutation bremsen.

Bisher gibt es auch noch keine einfachen Tests für die neue Variante. Um sicherzugehen, dass eine Infektion mit B.1.1.7 besteht, muss eine aufwendige Genomsequenzierung durchgeführt werden. Schneller gehe nur ein Punktmutations-Tests, bei dem die durch den PCR Test gewonnene Probe punktuell auf Mutationen getestet wird. Dieser wird allerdings aktuell lediglich bei einem sowieso positiven PCR Test durchgeführt und dauere deshalb logischerweise länger, als ein einfacher Test. Ob diese Varianten vor Ort umsetzbar sind, ist also noch nicht endgültig geklärt. Einfache Antigen-Schnelltests sind da die unkompliziertere Lösung. Sie kosten etwa 5-15€ pro Person, benötigen allerdings auch mindestens eine Transitzone vor dem Einlass und medizinisches, bzw. eingewiesenes extra Personal. Dafür gibt es bereits Veranstaltungen bei denen ihr Einsatz mit positiven Ergebnissen vertestet wurde, etwa in Barcelonas Apollo Theater. Hier wurden die Musikfans allerdings nicht vor Ort, sondern eine Woche vor und am Tag der Veranstaltungen außerhalb der Location getestet. Die Erkenntnisse zeigen aber: Tests können eine große Stütze bei den Veranstaltungen sein und werden in diesem Sommer eine deutlich wichtigere Komponente, als etwa der Impfstatus.

Unterstützung

Deutschland schneidet zwar im Ländervergleich recht gut ab, was finanzielle Unterstützungen von Seiten der Regierung angeht, richtig zufrieden sind die Veranstaltenden allerdings trotzdem nicht. Immer wieder fallen Events durchs Raster, Förderungen werden viel später als versprochen ausgezahlt und so langsam geht auch denjenigen, die Überbrückungshilfen erhalten haben die Luft aus. Kein Wunder, nach fast einem Jahr ohne jegliche Einnahmen.

Alle aktuellen Förderungen vom Bund findet man auf der Website der Bundesregierung oder gebündelt bei der Livekomm

Dazu gehören seit neuestem auch Förderungen für Kleinst-, Eintages- und Umsonst & Draußen Festivals, sowie eine weitere Milliarde, die in alle bereits bestehenden, aber auch neu entstehenden Töpfe des Neustart Kultur Programms einfließen soll.

Die beinhalten neben Livemusik-Veranstaltungen allerdings auch Kinos, Museen und Literatur, wie viel dann schlussendlich bei den Festivals hängenbleibt, ist also schwer zu sagen. Eine bundesweite Regelung zur Kostenerstattung für nicht stattfindende Events wäre zudem ebenfalls wünschenswert. Finanzminister Scholz kündigte dafür bereits Ende 2020 einen Fonds an, wie es ihn in Österreich, den Niederlanden oder Norwegen schon gibt, der bis heute aber nicht weiter definiert ist.

Entscheidungen

Bleibt die Frage: Wann müssen sich Veranstaltende in Deutschland für oder gegen ihre Festivals entscheiden? Denn es gibt natürlich Produktionskosten, die auch Wochen vor dem Festival schon anfallen. Aus einer Umfrage der LiveKomm vom 27. Januar, geht hervor, dass aktuell 22% der befragten Veranstaltenden mit einer normalen Ausgabe ihres Festivals planen. 43% organisieren eine Alternative, 5% sind sich bereits sicher, in diesem Jahr auszusetzen. Alle anderen sind sich immer noch unsicher.

Im Best Case (Ausfallkostenerstattung, Inzidenz im April unter 35, klare behördliche Auflagen) könnten sich gerade kleinere Festivals mit der Entscheidung auch noch bis kurz vor dem Festival Zeit lassen. Denn je höher die finanzielle Sicherheit, desto später können Entscheidungen für oder gegen die Veranstaltungen getroffen werden. Majors haben hingegen lange Aufbauzeiten, die sich bei einer Absage kurz vor knapp kaum lohnen würden. Sie müssen ihre Entscheidungen also schon deutlich früher treffen. Ohne Planungssicherheit von Behörden und Regierung und mit höheren Inzidenzen wird es aber auch für die Kleinen schwierig.

Außerdem: selbst wenn die Weichen für ein Festival gelegt sind und Planungssicherheit gewährleistet, stehen die Veranstaltenden vor Kosten für neue Infrastruktur und komplexere Sicherheitskonzepte. Tests vor Ort erhöhen den Bedarf von Personal und um Abstände einhalten zu können benötigt es mehr Platz in Eingangsbereichen oder vor den Bühnen. Auch könnten viele der Veranstaltungen dann recht gebündelt gegen Ende des Sommers stattfinden, wodurch Engpässe bei Dienstleistungen (Sanitären Einrichtungen, Technikanbietern, etc.) entstehen könnten. Zusätzlich könnten behördliche Auflagen, wie ein Verbot des Alkoholausschanks zur Redizierung relevanter Einnahmen führen. Und gerade für Festivals deren Besuchende und Künstler*innen nicht unbedingt aus der eigenen Region kommen, könnten Reiserestriktionen und Maßnahmen anderer Länder oder Bundesländer zum Problem werden. Eine Garantie dafür, dass solche Veranstaltungen dann trotz Rückendeckung der Regierung stattfinden können, gibt es also auch nicht.  

Ausblick

Wie könnte nun also der Festivalsommer 2021 in Deutschland aussehen? Realistisch sind etwa ab Juni Festivals mit unter 1.000 Besuchenden, die mit Schnelltests, besonderen Sicherheits- und Infektionsschutzmaßnahmen und Kontaktverfolgung stattfinden. Auch Open Airs mit bis zu 5.000 Gäst*innen wären Ende des Sommers denkbar, wenn sich die Situation in den kommenden Monaten schrittweise verbessert, oder Alternativkonzepte, wie Auto- oder Strandkorb-Festivals, veranstaltet werden, bei denen ausreichend Abstand eingehalten werden kann. 

Für alle größeren Veranstaltungen sieht es zum jetzigen Zeitpunkt nicht besonders gut aus.

Durch die Mutationen ist das Infektionsgeschehen wieder unsicherer geworden und Tests vor Ort würden bei 60.000 Besuchenden einen enorm hohen Infrastruktur- und Personalaufwand bedeuten, dessen Kosten vermutlich als erstes an die Besuchenden weitergegeben werden müssten. Nach der Absage des Markerfestivals Glastonbury und der Verschiebung des Coachella auf einen unbestimmten Zeitpunkt, werden positive Nachrichten für die Majors also immer unwahrscheinlicher. 

Alle Hoffnung auf ein paar Festivals in diesem Sommer ist trotzdem noch nicht verloren. Um daran festzuhalten, müssen wir allerdings zusammenarbeiten. Und zwar nicht nur die Veranstaltenden, Dienstleistenden und Verbände, die seit Monaten unermüdlich an Lösungen feilen, sondern auch die Politik, die ihrer Kultur Sicherheiten für die Zukunft schuldet und jede/r Fan oder Festivalbegeisterte, der oder die im Sommer die Coronazeit wenigstens mal für ein paar Stunden zwischen den Bauzäunen vergessen möchte. Es wird wohl so oder so wohl noch eine Weile dauern, bis wir uns morgens wieder zum Frühstücksbier vor dem Zelt treffen, in Moshpits die Zähne ausschlagen, und vier Tage ungeduscht am Sonntagabend unsere Lieblingsband bestaunen können.  Aber der Tag wird kommen und es wird ein schöner Tag sein. Vielleicht sogar der Schönste.

Hallo, ich bin Isi. Seit ein paar Jahren verbringe ich meine Sommer am liebsten zwischen Zeltstädtchen, Bühnen und an der Schlange vorm Dixiklo, manchmal in der Produktion, manchmal, um später etwas über diese zauberhaften Ereignisse zu berichten zu können. Zwischen Weinschorle, Trichtern (kann ich nicht, ist aber immer lustig, wenn andere davon kotzen), dem Trällern großartiger Evergreens (beispielhaft zu nennen wäre hier das gesamte Repertoire des High School Musical Casts), und ungemütlichem Zelt-Sex sind Festivals Utopie und Freude und immer wieder Orte, an denen wir uns neu erfinden können oder genau so bleiben, wie wir sind. Sie sind Zuflucht und Save Space und ganz viel Liebe. Ende 2017 habe ich angefangen ein bisschen was für Höme zu schreiben. Irgendwie bin ich dann nach Berlin gezogen und jetzt bin ich hier.