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Von Idylle und Eskalation

Die Geschichte vom Pferdefest


Warum heißt das Pferdefest eigentlich Pferdefest? Hat das was mit Pferden zu tun? Dies sind oftmals die ersten Fragen, wenn man vom Pferdefest hört. In diesem Jahr wird das unkonventionelle Festival der Pferdepunks vom 10. bis 12. August auf einer Halbinsel der Mosel stattfinden, Campen und Tanzfahrt auf dem Moselschiff sind erstmals inklusive. Nicht die erste Metamorphose, der sich das Pferdefest seit seinem Start 2007 unterzog. Wir wollen erfahren: Warum verkleiden sich die Gäste des Pferdefests, was ist ein Pferdepunk und was hat der Schlagersänger Roy Silberschweif damit zu tun?

text Michael Airy
fotos Artur Feller, Philipp Haas, Stefan Heinz

Wie alles begann

Bernkastel-Kues, Perle der Mittelmosel, Magnet für Frührentner, Kurgäste und holländische Bustouristen. Der Sommer an der Mosel ist schön. Jedes Dorf flussauf- und -abwärts hat sein eigenes Wein- und Straßenfest. Irgendjemand ist immer verwandt mit einem der dortigen Weingüter. So kommt man schon in jungen Jahren in den reichhaltigen Genuss von bestem Wein, schönen Ausblicken und lauen Sommerabenden. Es fühlt sich im Nachhinein etwas nach Cornern an, was im urbanen Umfeld als cool gilt. Doch die Pferdepunks kommen vom Land. Sie sind keine 60, sondern gerade 18 und haben so viel Bock auf Weingüter und Straußwirtschaften wie die meisten 60-jährigen auf einen illegalen Rave unter einer Autobahnbrücke. Während sie beisammensitzen und saufen, müssen sie entweder die Musikkapelle des oberbayerischen Partnerdorfs oder eine semiprofessionelle Coverband aus der Eifel ertragen. So kommt man ziemlich schnell auf die Idee, etwas Eigenes zu starten. Etwas Lauteres, etwas Anderes, etwas Kontroverses.

Nach mehreren kleinen Feten wurde 2007 das erste Pferdefest in der städtischen Veranstaltungshalle abgehalten. Es sollte vor allem eines: provozieren. Genug vom Idyll. Deutschpunk, Techno, riesige Papppimmel, aufreibende Plakate und Mahatma Hitler sorgten für ein Aufwachen im verschlafenen Bernkastel! Die gewollte Eskalation in der gutbürgerlichen Kleinstadt – sie gelang. Die Veranstalter waren mitunter die Besoffensten, etwa die Hälfte des Publikums verließ die Veranstaltung. Der Blogeintrag von Torsun Burkhard, Frontmann der für ihre exzessiven Auftritte berüchtigten Berliner Electropunk-Band Egotronic, kam einem da Ritterschlag gleich: „das pferdefest war so ziemlich das irrste, was ich mit egotronic bisher erlebt habe.“ Das geteilte Video spricht Bände.



Die Pferdepunks mochten schon immer die Inszenierung und Verkleidung. Die Geburtsstunde der allgemeinen Kostümierung auf dem Pferdefest aber war, als eine Kiste mit den sehr sehenswerten Outfits einer verstorbenen Oma aus dem Hunsrück in die tobende Menge geworfen wurde, die diese dankbar verwertete (klingt zugegeben etwas makaber). Die Gäste hatten Gefallen daran gefunden.
Schon im zweiten Jahr war etwa die Hälfte kostümiert, seit dem dritten Jahr war zivile Kleidung eher die Ausnahme, ohne dass je ein direkter Aufruf erfolgt wäre. Imbiss Bronko aka King OrgasmusOne und Alexander Marcus fegten in den übrigen Jahren durch den heilklimatischen Luftkurort. Es war das erste Konzert des Internethypes überhaupt.

Wie ging es weiter?

Nach vier Jahren in der Stadthalle waren die Zügel endgültig überspannt, die Behörden und Stadtoberen hatten genug. Um dem exzessiven aber friedlichen Treiben im Zentrum der gutbürgerlichen Kleinstadt den Garaus zu machen, wurden die Auflagen derart erhöht, dass eine Fortsetzung faktisch unmöglich war. Das Pferdefest wurde abgesagt und lag am Boden. Vorerst. Denn die Lust zum Feiern war nach wie vor groß. Recht spontan und ohne größere Werbung wurde das Pferdefest drei Monate später im Garten eines Ausflugslokals im Weinberg mit traumhaftem Blick über das Moseltal nachgeholt.

Die Tanzwanderung

Seitdem beginnt das Pferdefest nicht ganz zufällig vor dem Rathaus der pittoresken Touristadt. Die vielen Hundert verkleideten und feiernden Gäste treffen sich auf dem mittelalterlichen Marktplatz zu einem ersten Rave. Eine Parade durch die Weinberge führt sie anschließend in einem kurzweiligen, feuchtfröhlichen Hike auf den Berg oberhalb der Reben, begleitet von mehreren mit von DJ bis Punkband bestückten Festwagen. Die dabei auf dem Weg getankte Energie aus Sonne, Lust und Freude (und jeder Menge Alkohol) sorgt dafür, dass alle BesucherInnen etwa zwei Stunden später aufgeladen und feierwütig am Festivalgelände ankommen. Die erste Band wird daher nicht auch, sondern besonders frenetisch gefeiert! Die Stimmung steigert sich nicht wie auf Festivals gewohnt mit dem langsamen Eintrudeln der Gäste vom Zeltplatz, sondern findet gleich zu Beginn ihren ersten Höhepunkt!


Die Idee zum bildwirksamen Umzug entstand zwar aus Pragmatismus, da mitten in den Weinbergen schlicht nicht ausreichend Wege und Parkplätze zur Verfügung stehen. Die Tour hat aber enorme Auswirkung auf die Atmosphäre der gesamten Veranstaltung. Tatsächlich um 14 Uhr stehen alle zum Feiern bereit, da sich keiner die gemeinsame Wanderung entgehen lassen möchte. Um weiter von dem antreibenden Effekt zu profitieren, wird in diesem Jahr nach dem Rave in der Stadt auf einer der wohlbeschallten Schiffe bei einer Moselrundfahrt abgefeiert. Ein Probelauf erfolgte bereits 2013.

Das Pferdefest reift

Was als die perfekte Eskalation startete, hat sich über die Jahre weiterentwickelt, ist zu einem Mix aus Musik, Kunst, Klamauk und Satire geworden. Es ist kultureller und sozialer, ohne durch eine künstliche Bedeutungsschwere seinen natürlichen Enthusiasmus zu verlieren. Das heißt die Papppimmel sind geblieben, aber es gesellten sich Muschis hinzu. Seit 2013 diente das Anwesen eines ehemaligen Jugendstil-Hotels samt seinen Gartenanlagen als Location, die oberhalb der mittelalterlichen Burgruine einen kitschig-schönen Ausblick bietet. Es war eine Chance, das Pferdefest in einer Region weiterzuentwickeln, die die New York Times 2016 zu den Top-Reisedestinationen der Erde zählte (und die National Geographic zu den weltweit 17 Romantischsten <3). Es hat ein besonderes Flair, den Blick über die linke Schulter bei einem Glas bestem Wein der involvierten lokalen Familienbetriebe über das vor 2000 Jahren durch die Römer kultivierte Moseltal streifen zu lassen, während der Blick über die rechte Schulter eine verkleidete und ausgelassen zu Italo-Disco tanzende Meute offenbart, die zum Mitmachen und Ausrasten antreibt. Auch für Artisten und darstellende Künstler war fortan Raum, die dem abenteuerlichen Gelände den letzten Schliff verleihen sollten.



Ein Gewinn und Unikum für die Veranstaltung sind die szenischen Trailer des Regisseurs Felix Schon. Sie sollen ein großes Fragezeichen hinterlassen, Bock auf mehr machen, ohne zu verraten, auf was eigentlich genau. Das „explodierende Partymofa“ wurde 2015 mit dem kurzundschön-Preis der Kölner Kunsthochschule und dem WDR ausgezeichnet. Auch das geniale Designduo Foreal ist glücklicherweise langjähriger Freund der Veranstaltung.

Musik und Programm

Charakteristisch für die musikalische Gestaltung sind die gewollte Genrefreiheit und die nicht parallele Bespielung der verschiedenen Bühnen. Von House über HipHop bis Punk ist alles vertreten. Das Pferdefest will nicht ausschließlich Rave, Discoschwof oder Rockkonzert sein, auch wenn dort alles möglich ist. Die BesucherInnen sollen sich explizit für andere Genres und Subkulturen öffnen, was durch die sorgfältige Auswahl in aller Regel gelingt. Neben musikalischer Qualität ist für das Booking ein Mix aus positivem Mood, Tanzbarkeit und der Bühnenperformance ausschlaggebend. Die Drum´n´bass Gigolo Gore Grind Band Spasm ist dafür ein perfektes Beispiel. Die vielen inszenierten Kuriositäten und Vorführungen dürfen zum Lachen und Nachdenken anregen. Als Werbung für Vielfalt, Offenheit und Toleranz spiegeln sie Wesenszüge der Veranstaltung wider und werden aktiv vorgelebt.

Das Motto: Feiere deinen Nächsten wie dich selbst

Auch die Einbindung von Menschen mit Behinderung ist dem Pferdefest seit jeher ein Anliegen. Die ansässigen Einrichtungen werden als Gäste eingeladen, inklusive Bands und Tanzgruppen bekommen bewusst die Primetime zur Verfügung gestellt (ja tatsächlich hat vor Egotronic eine inklusive Band gespielt). Die Gäste zahlen es zurück. Sie feiern die Bands ohne Ende und geben den Menschen das Gefühl von Anerkennung und Zusammengehörigkeit. Der soziale Gedanke überträgt sich auch anderweitig auf die Gäste. So sind nach der ausgelassenen Wanderung Marktplatz und Wanderstrecke sauberer als vorher. Was selbstverständlich sein sollte, wird auf dem Pferdefest Realität. Keiner lässt seinen Müll liegen. Auch auf dem Festival wird es kein Müllpfand geben, sondern darauf vertraut, dass die Leute verstehen, dass es um das Gemeinsame geht und man einen Platz in der Natur nicht einfach dreckig hinterlässt.

Das musikalische Konzept hat sich über die Jahre gehalten, das Booking ist jedoch dezidierter und internationaler geworden und hat das Pferdefest in der Musikszene zu einer festen Größe gemacht: Alice Phoebe Lou, Retrogott & Hulk Hodn, Hush Moss, Le Gros Tube, Spasm, Cuthead, Chefdenker, Coma, Alec Troniq & Gabriel Vitel, Infidelix oder der nackte Pferdefest-Dauergast und 8Bit/Gameboy-Ikone Meneo. Als einen besonderen Coup durften die Pferde feiern, dass die Hamburger Clubkoryphäe Erobique und die Punklegenden von Slime nacheinander auf der Hauptbühne standen.

Nicht fehlen darf der Schlagersänger Roy Silberschweif. Der Hallodri ist eine bühnenerfahrene Stimmungskanone, die die Atmosphäre auf dem Pferdefest aufzuheizen weiß – gerade nach einer guten Flasche Wein der Mosella. Mit seinem Schmisser „Mademosella“, einer Liebeserklärung an die Region, ist er schnell zum lokalen Star avanciert. Sein Song lief im Radio und er durfte mehrfach die Eröffnung des traditionellen Weinfestes der Mittelmosel besingen – begleitet von seinen „Instrumentalisten“ Roger Zabrese, Hansi und Gregor Vanderweide. Keiner dieser Virtuosen hat auch nur eine Ahnung, wie er das Instrument richtig halten könnte. Die Musik kommt aus der Dose, die Musiker geben aber mimisch und gestisch in bester Musikantenstadl-Manier alles bei der lebhaften Performance. Ernst und Satire verschwimmen soweit, dass die WeinfestbesucherInnen entweder fröhlich mitträllerten und schunkelten oder sich lauthals über die mangelnde Musikalität beschwerten.

Fraglich ist, wer von beiden Gruppen der personifizierten Persiflage der eigenen Erwartungen eher auf den Leim gegangen ist. Denn Roy Silberschweif ist eigentlich eine der Kunstfiguren aus Pferdepunk TV, dem YouTube-Channel der Veranstalter. Eine Kostprobe aus den 28 weiteren Folgen improvisiertem Nonsense, der in Form von fingierten Investigativberichten mit Laien vor und hinter der Kamera zum Hassen oder Lieben verleitet, gibt es hier. Und wer den Moselsong wirklich in der 8-Bit Version (xxwo bekomme ich das?) hören möchte, kann sich hier den Remix von Meneo reinziehen!



Woher kommt der Name Pferdefest?

Zurück zum Anfang. Abgeleitet ist dies aus dem Wort Pferdepunk. Pferdepunk? Zur Erinnerung, wir befinden uns auf dem Land. Auch dort gibt es sowas wie subkulturelle Strömungen bei Jugendlichen. Punks, Emos, Skater, Hip Hopper usw.. Eine Gruppe Dorfpunks, bestens ausgestattet mit Nietengürtel, EMP-Shirt und Irokesenschnitt, ging weiter ihrem Sport aus Kindheitstagen nach und nahm gerne hoch zu Ross Ausritte durch die Ortsmitte vor. Die wohlklingende Bezeichnung als Pferdepunk für sie wurde zum geflügelten Wort. Als dann der Name für das Festival gesucht wurde, der möglichst nicht cool klingen sollte, kam irgendjemand darauf: Pferdefest. Heute bezeichnen sich die Veranstalter selbst als Pferdepunks: „Pferdepunk sein ist wie verliebt sein. Man spürt, wenn man es ist!“

Wer und Warum?

Im Kern ein Freundeskreis spüren immer mehr Menschen dieses Verliebtsein. Der gegründete gemeinnützige Kulturverein wächst. Niemand hat einen kommerziellen Eigennutzen, Orga und Ablauf erfolgen ehrenamtlich. Wachstum und Kommerzialisierung waren nie gewollt, Sponsoren gibt es nicht wirklich. Das verbindende Ziel ist die Verwirklichung der eigenen Vorstellung von einem Festival und alle Leute dazu einzuladen. Nicht was am besten ankommt oder gerade im Trend ist, sondern worauf die Beteiligten Bock haben, wird umgesetzt. Das Pferdefest spaltet nach wie vor, auch wenn das Leitbild der Veranstaltung heute ein anderes ist als mit Anfang 20. Die Pferdepunks kommentieren das so: „Wenn wir 50 sind, soll es weiter unser Festival sein! Mal sehen, was dann so geht.“

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