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Interview mit einem Zeitzeugen des Festivalkult Umsonst & Draußen

Vom Heranwachsen der Festivalkultur


Das Festivalkult Umsonst & Draußen Festival in Porta Westfalica ist eines der ältesten Musikfestivals in Deutschland. Entstanden aus unterschiedlichen Jugendbewegungen und deren Wunsch nach Freiheit in einer gleichgesinnten Gemeinschaft, gab es sein Debüt im Jahr 1975.
Wolfgang Kuhlmann, von Anfang an Mitgestalter des Festivals sowie Gitarrist der Ur-Krautrock-Band Hammerfest erzählt uns von den Freiheiten und Schwierigkeiten, die ein Festival, das es seit über 40 Jahren gibt, erleben kann. Eine Geschichte von einer Bewegung, Rückschlägen, Solidarität und einem Gemeinschaftsgefühl.

interview Jens Grabietz
redaktion Jonas Rogge
fotos Geschichtswerkstatt Exter

lesezeit 9 Minuten

Wie ging es damals mit dem Festivalkult Umsonst & Draußen los?
Wolfgang: Um genau zu sein, gab es die ersten Vorläufer bereits 1971. Norbert Hähnel, der wahre Heino – damals mit den Toten Hosen rumgetourt – hatte in diesem Jahr mit ein paar anderen Leuten den Versuch gestartet, ein großes Festival in Bünde zu veranstalten. Dort waren etwa Embrio und viele Topbands der damaligen Krautrock-Szene ansässig. Wir, eine Gruppe junger Leute um die 20, haben 1975 dann in Vlotho auf dem Winterberg versucht ein ähnliches Festival auf die Beine zu stellen. Wir hatten Verbindungen zu unterschiedlichen Jugendzentren der Umgebung. 

Wir hatten das große Glück, dass ein WDR-Journalist bei uns mitgemacht hat, der natürlich gute Kontakte zu den Medien und internationalen Bands hatte. Wir selbst waren ja auch zu Teilen Musiker und kannten viele  Bands, die sich dazu bereit erklärten mitzuspielen. Allen war ganz klar: Das wird eine eintrittsfreie Festivalgeschichte. Wir waren immer noch infiziert von Woodstock, dem Isle of Man und den riesigen Festivals, die es damals gab.

Ihr ward also inspiriert von der 68er-Bewegung?
Genau, das darf man jetzt nicht vernachlässigen. Wir sind sozialisiert in den 60ern, auch politisch. Wir trugen alle die gleiche Uniform: Die Haare bis über die Schultern, lange Bärte, wie die Menschen damals eben so aussahen.

Das Ganze hing nie an einer Einzelperson, die Gruppe stand immer im Vordergrund.

Das war auch noch lange vor der Vereinsgründung, wir waren ja irgendwie Hippies. Alle althergebrachten Strukturen haben wir abgelehnt. Wir wollten ja eine neue Gesellschaft schaffen und diese neue Gesellschaft hatte Gleichheit als oberstes Prinzip. Niemand ist der große Macker, Basisdemokratie ist sehr wichtig. 
Auf unseren Festivals war es auch immer friedlich, da im Publikum Leute wie wir standen – junge Menschen, die sich auch eine neue Gesellschaft wünschten. 

Das kann man mit der jetzigen Gesellschaft gar nicht vergleichen. Wir sind erzogen worden von Lehrenden, die durch die Nazi-Zeit geprägt waren. Da wollten wir eben auch klar Stellung beziehen. Es ist kein Zufall, dass viele Kollegen, die damals bei uns mitgewirkt haben später in der Sozialpädagogik tätig geworden sind – wir alle hatten einen missionarischen Eifer.

Das ist bis heute ja oft noch so, dass man mit dem Willen, etwas verändern zu wollen, in die Sozialpädagogik geht.
Richtig, da ist noch viel Gemeinsamkeit, aber was sich schon geändert hat, ist das ganze Umfeld. Wenn man bedenkt wie sich die Festival-Organisation entwickelt hat. Zum Beispiel hatten wir einen Kollegen der Kontakte zu LKW-Verleihern hatte, also haben wir einen LKW hingebracht, der als Bühne diente. Den Strom haben wir uns über lange Kabeltrommeln von den Nachbarn geholt. Die Essensversorgung lief zum Großteil über riesige Grills. Heute würde das alles absolut nicht genehmigt. Die Gäste haben in den Wäldern um das Gelände herum wild-gecampt, das war damals auch irgendwie kein Problem. So lief es in den ersten Jahren.

Das Festival wurde dann von Jahr zu Jahr immer größer. Von 20.000 Besucher*innen 1975 steigerte es sich in vier Jahren auf 80.000. Wie kam das?
1975 ist das erste Festival zu unserer Überraschung großartig über die Bühne gegangen. Der Höhepunkt war 1979, und es war eine kontinuierliche Entwicklung bis dahin.
Das hatte viele Gründe: Es gab viel weniger Konzerte, und es war einfach total “In” dort hinzufahren und nicht nur zu konsumieren sondern auch mitzumachen. Es entstand ja damals die Jugendzentren-Bewegung, viele  autonome Vereine haben sich gegründet, die Lehrlings-Bewegung, die Frauen-Bewegung, die ökologische Bewegung… All das entstand ja in den 70ern und diese Leute waren auch alle bei uns vertreten.



Wie wurde eure Veranstaltung denn überhaupt so bekannt?
Das war Mund-zu-Mund. Die Kommunikationssysteme waren ja auch ganz anders als heute. Natürlich funktionierte es aber auch über die Medien. Wie gesagt, dieser Radiokontakt war natürlich sehr wichtig, und nach dem 75er Festival gab es mehrere Radiosendungen: im WDR, bei Radio Bremen und dem NDR und die haben ziemlich gut berichtet. Wir haben auch Interviews gegeben, sind dann in die Studios gefahren. Das hat natürlich auch einen großen Teil ausgemacht, weil die Öffentlich-Rechtlichen damals noch viel stärker präsent waren als heute, die hatten ja keine Konkurrenz. Wenn man im WDR war, konnte man davon ausgehen, dass wirklich Millionen Menschen zuhörten.

Wie hat es sich dann weiterentwickelt?
Es ging erfolgreich weiter. 1977 sind wir allerdings in Vlotho, dem damaligen Austragungsort, auf Probleme gestoßen.

Ein Teil der Anwohner war etwas schockiert, weil die langhaarigen Hippies nackt im Brunnen gebadet haben. 

Darauf hin wollte der Stadtrat uns nicht mehr da haben. Es gab jedoch einen sehr klugen Stadtdirektor in Porta-Westfalica, der sich sofort an uns gewandt hat und meinte: “Ihr könnt zu uns kommen, wir haben da eine alte Kiesgrube.” Er kannte den Besitzer der Kiesgrube gut. Dann sind wir ‘78 und ‘79 nach Porta Westfalica in die Kiesgrube gegangen und es war noch mal eine größere und ganz andere Dimension. Ein riesiges Gelände in einer Kiesgrube, also ein Loch in der Erde und drumherum ganz viel Wald. Es bot sehr viel Platz: 1978 müssen es 70.000 Besucher gewesen sein, genaues weiß man nie, es gab ja keine Eintrittskarten, dementsprechend immer nur Schätzungen der Polizei. 1979 gab es dann das legendäre 100.000-Leute-Festival. Die Musikzeitschift Sound hat uns zum beliebtesten Festival in Deutschland gewählt und das ZDF hat gefilmt und berichtet. ‘79 war eine sehr große Sache.


Ich stelle mir ‘79 wie den sehr romantisierenden Film “Taking Woodstock” vor. Ist das vergleichbar?
Es war zum Teil sehr chaotisch, aber immer positiv. Situative Entscheidungen standen immer ganz vorne. Wir hatten einen Mitarbeiter der Stadt Porta Westfalica der für uns zuständig war, die Kerngruppe aus OWL, aber auch Leute aus Berlin und München. Die Musiker selbst haben auch mitveranstaltet und das bedeutete auch, dass wir keine Technik mieten mussten, weil jeder seine eigene mitbrachte, die wir dann zusammengebaut haben. Heute natürlich völlig undenkbar, aber damals war das schon okay. 

Es hat sich also einfach alles gefügt?
Ja, es hat alles zusammengepasst. Das Publikum hatte wenig Ansprüche und alle haben mitgeholfen.  Wir hatten kein Müllsammelsystem wie wir es heute haben, sondern es gab Ansagen von der Bühne: “Leute, wir müssen Mal wieder Müll sammeln.” Dann haben wir hunderte blaue Müllbeutel verteilt und die Leute sind brav losgegangen um aufzuräumen. Das waren schon andere Zeiten, man fühlte sich als Festivalbesucher ein bisschen als Teil einer neuen Gesellschaft, die auf solche Dinge achtet und Solidarität zeigt. Das klingt ein bisschen verklärt, aber es hat funktioniert.

Ich finde nicht, dass es verklärt ist. Selbst heute merkt man immer noch den Spirit und die Hilfsbereitschaft unter allen Beteiligten – ausgeprägter als auf anderen Festivals. 
Das ist definitiv so, dieser Geist ist immer noch da und der trägt das Festival, sonst wäre das nicht möglich. Wir hatten bis vor 20 Jahren kein Sicherheitssystem, also keine Securities, wir haben das alles selbst gemacht. Es hat auch keine wirklich großen Konflikte gegeben. Wenn es Probleme gab, sind die Besucher aktiv geworden und haben versucht zu helfen oder zu besänftigen. Natürlich hatten wir das DRK und die Feuerwehr dort, aber der schlimmste Vorfall war ein Beinbruch von jemanden, der unbedingt die Kiesgrube runter rennen wollte. 
Natürlich gab es, und das möchte ich auch gar nicht leugnen, einige Drogenprobleme. Das ist bei dem Publikum ja durchaus nachvollziehbar – es  waberte immer ein gewisser Duft über dem Festivalgelände. Uniformiert haben die Polizisten keine Präsenz gezeigt, aber Beamte des Rauschgift-Dezernats waren in Zivil vor Ort, haben aber mehr beobachtet als eingegriffen.

Wir haben also für zwei Wochen eine große Stadt aufgebaut und haben da nach unseren eigenen Gesetzen gelebt. Wir hatten sogar unseren eigenen Radiosender – alles natürlich nicht legal – aber es hat funktioniert.

Dann gab es in den 80er Jahren eine ganz große Pause. Das Schöne an dieser Geschichte in den 70er Jahren war allerdings, dass die Umsonst&Draußen-Bewegung gestreut hatte. Überall in Deutschland, von Husum bis zu den Alpen gab es Umsonst&Draußen-Festivals in allen Größenordnungen. Genau das wollten wir erreichen, und es war eine schöne Erfahrung, dass die Bewegung in den 80er Jahren auch ohne Vlotho beziehungsweise Porta weitergelaufen ist.

1990 ging es dann bei euch weiter…
Die Initialzündung gab es von Gästen von früher aus der Berliner alternativen Musikszene. Zum Glück kamen kontinuierlich neue Leute hinzu. 1990 in Porta Westfalica war dann wieder ein großer Erfolg. Wir konnten jedoch nur ein Jahr den Platz in Porta Westfalica nutzen und so hat sich die Stadt Vlotho, mit einem Platz direkt an der Weser in den Jahren ‘91 bis 93’, als guter Partner bewiesen. In Folge dessen haben wir auch den Verein [Umsonst & Draußen Kultur e. V.; Anm. d. Red.] gegründet.

Ein weiteres wichtiges Ereignis war die 25 Jahre-Jubiläumsfeier. Kannst du darüber ein bisschen was erzählen? 
Leider hatten wir in diesem Jahr ein riesen Problem mit dem Wetter. Beim Aufbau lachte noch die Sonne, ab Veranstaltungsbeginn hörte es dann aber nicht auf zu regnen. Drei Tage Regen, das Gelände war völlig versumpft, es war äußerst schwierig, die Wohnwagen und Autos von den Parkplätzen zu bekommen. Es war wirklich chaotisch und hätte uns fast das Genick gebrochen.
Das Festival finanziert sich im Wesentlichen durch Einnahmen aus dem Getränkeverkauf, den Parkplatz- und Wohnwagengebühren und durch die Platzgebühren der Händler. Die Händlergebühren sind die einzige sichere Einnahmequelle, reichen aber nicht aus wenn das Wetter schlecht ist und zu wenig Besucher kommen. Uns fehlen dann die Einnahmen, wir haben aber trotzdem die Ausgaben.

Damals war ich Vorsitzender des Vereins und habe nach der 2000er Ausgabe eine Woche nicht geschlafen.

Ich habe mich in der Zeit beraten lassen, es ging auf Insolvenzverschleppung zu, die hätte man dem Vorstand anlasten können. Zum Glück konnten wir gut nachweisen, dass die Planung korrekt durchgeführt wurde.

Das Schöne, was dann passierte, war die Solidarität, die uns wirklich umgehauen hat. Wir haben eine fünfstellige Summe an Krediten zinsfrei von Menschen erhalten, die einfach das Festival und unsere Arbeit mochten. Es gab ganz viele Bands, die uns unterstützten und es gab über mehrere Monate Benefizkonzerte in ganz Deutschland. Das bedeutete: Wir konnten alle unsere Gläubiger bezahlen, jede Rechnung wurde beglichen.
Seit 2007 finden wir direkt am Kraftwerk in Porta Westfalica statt. Die Betreiber haben uns dort mit offenen Armen empfangen. Es ist das beste Gelände, das wir je hatten.


Das erste mal, als ich bei euch zu Besuch war, habe ich sofort gemerkt, dass die Grenzen zwischen Schaffenden, Helfer*innen und Besuchenden deutlich schwächer sind, als auf anderen Festivals.
Man spürt so eine Atmosphäre. Also wie man angesprochen wird, wie man behandelt wird. Man kann sich bei uns super frei bewegen. Schön ist auch, dass die Bevölkerung uns unterstützt – das ist eigentlich das Wichtigste. 
Die Menschen in Porta Westfalica sagen: „Das gehört zu uns. Das sind Leutem die gehören zu uns. Das ist kein Ufo, das einmal im Jahr da landet und dann wieder losfliegt.“ Wir haben auch viele Mitarbeiter aus der Region. Man kennt sich persönlich seit vielen Jahren, es sind immer die gleichen Akteure. Die Feuerwehr, die Polizei, das DRK, all die freiwilligen Helfer die überall mit anpacken, genauso wie Besucher, die gerne unterstützen. Das ist ein Teil dieses großen Gemeinschaftsgefühls, das zwischen Veranstaltern und Besuchern herrscht. Das ist toll. Das kann man eigentlich nur auf einem Festival erleben, glaube ich. 
Wenn man Esoteriker ist, würde man sagen “Hier sind die positiven Schwingungen in der Luft.” Jeder Mensch wird anders definieren, was da passiert, aber er wird das gleiche fühlen. Das ist, was es so einzigartig macht.

Deswegen mache ich das mit meinen 66 Jahren immer noch mit, weil ich süchtig nach diesem Gefühl bin und, weil ich begeistert bin, dass dieser Gedanke immer noch lebt.

Mir ist immer aufgefallen, dass Momente entstehen, bei denen eine gewisse Melancholie fast greifbar ist. Das kenne ich von anderen Festivals kaum.
Für mich ist der ergreifendste Moment immer der Abschluss. Das Gefühl ist fast immer identisch. Wenn die letzte Band auf der Bühne steht und die vielen Helfer auf die Bühne kommen, entsteht ein Dialog zwischen Musikern, Helfern und Publikum. Es gibt in diesem Augenblick ein Gemeinschaftsgefühl und eine Emotion, die tausende Menschen umfasst. Die Menschen spüren, dass sie Teil von etwas Großem sind: “Das, was in meinem Kopf vorgeht, das geht in den Köpfen der anderen Menschen auch vor.”

Festivalfinder

Festivalkult – Umsonst & Draußen

Porta Westfalica


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