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Über die Arbeit von Musik Export Büros & die belgische Musiklandschaft

“Uns gibt es, damit der Markt besser funktionieren kann”


Fast jede:r, der oder die in der Musikindustrie arbeitet, hatte schonmal Kontakt mit einem Export Büro. Auf Konferenzen, Festivals, im Booking, als Künstler:in oder Band. Wie sich die Arbeit dieser Institutionen genau gestaltet erzählen Julien Fournier, Leiter des Export Office Wallonie-Bruxelles Musiques (WBM) und Nico Kennes, International Relations Manager für Rock, Pop & Alternative bei VI.BE, dem Vermittler in Flandern & Brüssel. Außerdem geben sie uns einen Einblick, in die gespaltene Musikkultur Belgiens.

text Isabel Roudsarabi
redaktion Sonni Winkler
fotos Knelis Meijer (Lous and the yakuza at ESNS 2020),
Julien Fournier

lesezeit 7 Minuten

Wie das heutzutage so ist, treffen wir Julien Fournier online, über Zoom. Er sitzt in seinem Büro am Eugène Flagey Platz in Brüssel, neben ihm Aktenberge, draußen scheint die Sonne. Es ist Mitte Februar im zweiten Corona-Jahr, Stimmung: bescheiden, aber wenigstens Zeit, sich mit Themen auseinander zu setzen, für die man sonst wenig Zeit gefunden hat. Zum Beispiel Export Büros. Fast jedes Land hat mindestens eins, es gibt sie für alle möglichen Kunstformen. Aber was machen die eigentlich genau? 

Wie man Künstler:innen exportiert

Julien erzählt, dass sie vor allem Hilfestellung für Künstler:innen und Bands oder deren Agent:innen geben, die im eigenen Land bereits einen gewissen Status erreicht haben und den Sprung in internationale Musik-Gewässer wagen wollen. Diese Hilfen bestehen, je nach Projekt, aus Marketing, Vermittlung an Booking Agenturen, internationale Festivals und individueller Beratung. Beim Genre ist WBM, das Musik Export Büro in Belgien für die Wallonie [eine Region Belgiens, Anm. d. Red.]  und Brüssel, nicht festgelegt, nur Original muss die Musik sein, mit Coverbands oder DJs arbeiten sie derzeit nicht. 

Bevor Julien zu WBM kam, hatte er ein eigenes Label, VLEK, dass er 2010 gründete. Nebenbei bespielt er außerdem einmal die Woche seine eigene Radiosendung. Für ihn war das Musikbusiness, Bands zu unterstützen und aufzubauen, schon immer seine Leidenschaft, selbst macht er keine Musik. Juliens Telefon klingelt. Er geht kurz ran, entschuldigt sich, sammelt sich kurz, bevor er weiter spricht. 

 
 

Den Mechanismus ölen

Es sei nicht schlimm, dass viele ihre Arbeit nicht verstehen würden oder Export Büros nicht wirklich wahrnehmen, erzählt er. “Wir sind nicht hier um uns irgendwie im Markt zu platzieren. Uns gibt es, damit der Markt besser funktionieren kann. Wir sind diejenigen, die den Mechanismus ölen, damit die Maschine sich besser vorwärts bewegen kann. Wir gehen auch nicht aktiv auf Künstler:innen zu, sondern bieten einen Service, bei dem sie sich melden können.” Manchmal könnten sie auch nicht helfen. Wenn ein Projekt, dass noch nicht bereit dafür ist, zum Beispiel auf eine Welttournee gehen möchte. Dann passen auch die Werkzeuge nicht, die das Export Büros anbieten kann. Andere Bands wiederum, bräuchten auch gar keine Unterstützung, weil sie von selbst gut funktionieren. Alle anderen können sich mit ihren Ideen und Wünschen bei Julien und seinem Team, das aus vier weiteren Personen besteht, melden und dort auch nach finanziellem Support fragen. Der wird dann von einer Musik-Expert:innen Jury vergeben. 

Das Geld für ihre eigene Arbeit kommt zum Großteil aus öffentlichen Mitteln, denn Export Büros sind fast immer öffentliche Services. Dazu kommen Showcases, die Belgium Booms, etwa auf dem Eurosonic Noorderslag, die sie zusammen mit ihren flämischen Landsleuten organisieren. Außerdem, seit letztem Jahr, das europäisch geförderte Projekt MEWEM, dass Künstlerinnen und Mentorinnen zusammenbringt, um Frauen in der Industrie zu stärken. 

Von Flamen und Wallonier:innen

Belgien ist mit knapp 11,5 Millionen Einwohner:innen ein recht kleines Land, deshalb ist auch der Absatzmarkt nicht der größte. Die Arbeit von Export Büros ist dort also besonders bedeutend.

Der erste Schritt für Süd-belgische Projekte, die im Ausland Fuß fassen wollen, sei häufig Frankreich. Wegen der Sprache, klar. Aber auch Französisch sprechende Teile von Afrika oder Quebec funktionieren gut. Für Nord-belgische, also flämische Bands, sind es dann eher die Niederlande. Im Ausland trete man aber, zum Beispiel bei den gemeinsamen Veranstaltungen, als Einheit auf, weil dort die kulturellen Unterschiede im Land “niemanden interessieren.” Die sind aber in Belgien selbst mehr als offensichtlich. “Wir haben erstmal die Sprachbarriere, also die niederländischsprachigen Flamen im Norden und die Französisch sprechenden Wallonier im Süden. Und wenn man rauszoomt, auf ganz Europa, sieht man auch, dass in unserem Land zwei Pole aufeinandertreffen: die Latino Kultur und die germanische. Und diese beiden radikal unterschiedlichen Kulturen müssen irgendwie zusammen ein Land bilden. Da muss man schon sehr viele Kompromisse machen. Das bedeutet, dass es keine wirkliche belgische Musikindustrie gibt.” Man merkt Julien an, dass ihn das Thema umtreibt, dass es ihn in seiner täglichen Arbeit beschäftigt. Wenn er vom Süden spricht, seiner Heimat, erzählt er begeistert, dass die Atmosphäre in der Branche sehr familiär ist, jeder und jede kenne sich untereinander. Natürlich gäbe es Wettbewerb, aber am Ende seien alle recht locker im Umgang miteinander. 

In Flandern baue man dahingehen vor allem auf Tradition, so Nico Kennes, International Relations Manager von VI.BE, dem Export Büro in Norden, der uns nach dem Gespräch mit Julien noch ein paar Fragen per Mail beantwortet hat. Vor allem die Festivalkultur sei lang gewachsen, etwa mit dem seit 1975 stattfindenden Rock Werchter Festival, dass bereits Bands wie Radiohead, The Killers oder Coldplay eine Bühne bot. Hier spielen auch besonders kleine Bars, Jugendclubs und lokale Promoter:innen eine große Rolle für die Grassroots-Entwicklung, also den Aufbau von Newcomer:innen, die, häufig auch aus dem Ausland kommend, hier einen Zwischenstopp auf dem Weg von London nach Paris oder Berlin einlegen. “Mittlerweile hat sich das Ganze zu einem sehr weiten und professionellen Netzwerk von Clubs in der Region entwickelt.”, erzählt Nico.

Familiär und herzlich im Süden, professionell im Norden? Was wie ein Klischee klingt, bestätigen beide Seiten. Und Brüssel, im Norden gelegen, aber von Julien und seinem wallonischen Team mitbetreut, ist dann die Verschmelzung beider Kulturen, aller Kulturen, wenn man so will, ein Melting Pot mit internationaler Strahlkraft. Dort kommen Einflüsse aus aller Welt zusammen, die sich häufig auch in der belgischen Musik widerspiegeln.

Die eigene Identität finden

Die Einflüsse aus andern Ländern, wie Frankreich, können aber auch anstrengend für die Arbeit in der belgischen Musiklandschaft sein. Sie hätten zwar eine gute Beziehung zu ihrem Nachbarland, aber die sehr stark von dort geprägte Kultur stünde im Weg eine eigene Identität zu bilden. Häufig wäre es sogar so, dass ein:e Künstler:in erst in Frankreich erfolgreich sein muss, um im eigenen Land als “gut” anerkannt zu werden. Insgesamt sei der eigene, der belgische Sound aber eher “edgy”, meint Nico: “Wir kreieren immer etwas neues, etwas besonderes. Vielleicht ist es unsere surrealistische belgische Natur, die uns immer wieder dazu treibt, nach Ecken und Kanten zu suchen, diesem merkwürdige Twist, der unsere Musik zu etwas Besonderem macht.”

Ein bisschen habe sich die Beeinflussbarkeit in den letzten Jahren aber bereits verringert. "Ich glaube, vieles davon lässt sich auf Stromae zurückführen”, berichtet Julien. Es sei irgendwie ein Klischee über ihn zu sprechen, aber er hat damals sein belgisches Team behalten, auch als er international erfolgreich geworden ist. So sei er immer mit seinem Heimatland verwurzelt geblieben. Seine Geschichte habe Belgien empowered: “Wir können in die Welt rausgehen und aus fucking Brüssel 40 Wochen in China auf Platz 1 stehen.”

Und so soll es im besten Fall auch weitergehen. “Es ist unsere Ambition, dazu beizutragen, dass Export Werkzeuge noch besser auf unseren eigenen Musiksektor zugeschnitten sind”, erklärt Nico. Wie diese Werkzeuge genau aussehen und wie man sie umsetzt, müsse man jetzt in enger Zusammenarbeit mit der Branche herausfinden. Auch die internationalen Netzwerke der Büros helfen dabei, ihre Arbeit voranzutreiben. “Aber wenn es eins gibt, was sicher ist, dann, dass wir unser Bestes geben werden, um unsere geliebt Musik mit ganzem Herzen und so gut es geht zu unterstützen.”

Favoriten

Zum Schluss fragen wir Julien noch nach seine aktuellen Musiktipps. Er zögert kurz. "Wir sollten ja als öffentlicher Service Anbieter keine Favoriten haben." Er nennt trotzdem ein paar, seine eigenen, persönlichen. Besonders der flämische Hip-Hop habe es ihm gerade angetan. Für ihn sei das auch eine gute Möglichkeit die Sprache zu lernen. Am Ende einigen wir uns darauf, einfach seine Radioplaylist und die seines Export Büros zu veröffentlichen. Da hört man auch die Leidenschaft, die Herzlichkeit und die unglaubliche Diversität der Branche des Landes und lernt vielleicht auch das ein oder andere über die belgische Musikidentität.


Hallo, ich bin Isi. Seit ein paar Jahren verbringe ich meine Sommer am liebsten zwischen Zeltstädtchen, Bühnen und an der Schlange vorm Dixiklo, manchmal in der Produktion, manchmal, um später etwas über diese zauberhaften Ereignisse zu berichten zu können. Zwischen Weinschorle, Trichtern (kann ich nicht, ist aber immer lustig, wenn andere davon kotzen), dem Trällern großartiger Evergreens (beispielhaft zu nennen wäre hier das gesamte Repertoire des High School Musical Casts), und ungemütlichem Zelt-Sex sind Festivals Utopie und Freude und immer wieder Orte, an denen wir uns neu erfinden können oder genau so bleiben, wie wir sind. Sie sind Zuflucht und Save Space und ganz viel Liebe. Ende 2017 habe ich angefangen ein bisschen was für Höme zu schreiben. Irgendwie bin ich dann nach Berlin gezogen und jetzt bin ich hier.