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Ein Gespräch mit dem Artlake Festival

Über Kunst, Kreativität und gesellschaftliche Verantwortung


 
 

interview Ann-Sophie Henne
redaktion Sonja Winkler, Jonas Rogge
fotos Ann-Sophie Henne, Angelina Ganzak, Piet Diercks

lesezeit 8 Minuten

Das Artlake-Festival am Bergheider See in Brandenburg begeistert jährlich tausende Besucher*innen. Neben der Musik legt das Festival einen starken Fokus auf Kunst und ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm.
Welche gesellschaftliche Verantwortung das Festival in seiner Reichweite sieht und wie diese in den eigenen Strukturen, im Programm und im Booking gelebt wird, erzählt die Programmleiterin Kira Taige im Interview.

 

*Dieses Interview hat im Februar 2020 stattgefunden, noch bevor Kultur und Festivals von Einschränkungen aufgrund des Corona-Virus betroffen waren. Da am 15. April eine Verlängerung des Verbots für Großveranstaltungen bis 31. August beschlossen wurde, hat nun auch das Artlake Festival seine Absage bekannt gegeben. Weitere ausführliche Informationen über das weitere Vorgehen, Tickets und einen neuen Termin findet ihr in den nächsten Tagen auf den Social Media Accounts und im Newsletter des Festivals.

Wir wünschen trotzdem viel Spaß mit dem Interview, hoffen es macht euch Freude in dieser merkwürdigen Zeit und zaubert euch wenigstens kurz ein Lächeln aufs Gesicht!*

Hallo Kira. Schön, dass du dir Zeit für das Gespräch genommen hast. Du bist ja als Programm-Leiterin beim Artlake tätig. Das klingt nach einer spannenden Aufgabe, erzähl uns ein wenig darüber.
Meine Aufgabe ist es, die konzeptionelle Ausrichtung des Festivals zu überwachen und zu koordinieren – bei mir fließen also alle künstlerischen Bereiche zusammen. In diesem Jahr fing es damit an, das Festivalmotto zu entwickeln und Schwerpunkte zu setzen, und diese dann ganzheitlich auf das Festival zu übertragen. Diese einzelnen Bereiche sind dann zum Beispiel der Bau, das Booking, die künstlerische Gestaltung und vor allem natürlich auch das Rahmenprogramm.

Was macht dir daran am meisten Spaß?
Zum Beispiel, dass ich mit jungen, aufstrebenden Künstler*innen gemeinsam Konzepte entwickeln und umsetzen darf. Hierbei ist uns vor allem wichtig, eine Plattform zu schaffen, auf der sich sowohl etablierte als auch unerfahrene Künstler*innen entfalten können.

2019 gab es zum ersten Mal ein Festivalmotto: „FREE THE FUTURE“. Warum ein Motto und warum dieses?

Wir haben uns aufgrund der sich aktuell zuspitzenden politischen und gesellschaftlichen Lage gefragt: Wo liegt hier als Kunst- und Kulturfestival unsere Verantwortung?

Durch unsere Social-Media-Kanäle und die Besucher*innen vor Ort haben wir ja eine relativ hohe Reichweite. Mit der wollten wir uns vor diesem Hintergrund verstärkt dafür einsetzen, die Werte für eine offene Gesellschaft weiterzutragen und aktiv in den Dialog mit Expert*innen, Künstler*innen und unseren Gästen zu gehen. Deshalb haben wir entsprechende Schwerpunkte im Programm gesetzt und zur inhaltlichen Schärfung eben auch das Motto „FREE THE FUTURE“ entwickelt – um darüber zu sprechen, wie eine solidarische Zukunft aussehen könnte, oder wie sie eben auch gerade nicht aussieht.

Darunter kann man sich ja relativ viel vorstellen.
Ja. Uns ist es sehr wichtig, dass unser Motto offen formuliert ist, um vielseitige Interpretationen zuzulassen und zu fördern. Das Motto soll nur dabei helfen, etwas mehr Struktur zu schaffen und die Kunst und das kreative Schaffen in eine Form zu gießen. Ich finde es so schön zu sehen, wie ein Thema von unterschiedlichen Künstler*innen auf ganz unterschiedliche Weise aufgefasst und umgesetzt wird.

2019 gab es zum ersten Mal auch eine Frauenquote von 50 Prozent im Booking und für die Künstler*innen. Hatte diese Änderung auch mit dem Motto zu tun?
Indirekt schon. Wir haben uns natürlich überlegt, wenn wir diese Grundstrukturen einer offenen Gesellschaft und von Diversität, Toleranz und Gleichberechtigung verstärkt darstellen, überbringen und darüber diskutieren wollen, dann muss man da natürlich auch in den eigenen Strukturen anfangen. Bei uns im Büroteam war der Frauenanteil tatsächlich schon weit über 50 Prozent *lacht*.
Bei Kunst und Booking weiterzumachen, war einfach der nächste Schritt. Das Ganze könnte man jetzt natürlich noch weiterspinnen bis zu den Techniker*innen – das ist aber sehr schwierig umzusetzen, da wir nicht direkt in die Strukturen von externen Dienstleister*innen eingreifen können.

Gibt es an einer Quote deiner Meinung nach auch Nachteile?
Natürlich kann man über die Vor- und Nachteile einer Quote diskutieren – der Begriff ist ja mittlerweile auch etwas negativ besetzt. Aber wir haben uns dafür entschieden und zwar bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich Frauen und queere Personen in diesem Bereich mehr etabliert haben und eine starke Präsenz ganz normal geworden ist.

Ich finde einfach, auf einem Festival ist vor der Bühne so eine große Diversität vertreten, die sollte sich doch auch auf der Bühne widerspiegeln.

Wie ist das Feedback zu all diesen Umstrukturierungen ausgefallen?
Von offizieller Seite haben dafür letztes Jahr zum Beispiel den Helga! Festival Award gewonnen. Aber auch das Feedback der Besucher*innen in unserem Panel “Artlake behind the scenes”, in dem wir uns den Fragen und Wünschen der Besucher*innen gestellt haben, war sehr positiv. Wir haben eine deutlich höhere Teilnahme am Programm neben den musikalischen Darbietungen wahrgenommen.

Was war 2019 deine persönliche Lieblingsinstallation?
Eine meiner liebsten war „Fortress Europe – the grass is always greener on the other side“ von Robin Gommel. Die Installation setzte sich mit der politischen Lage von Geflüchteten auseinander, die über das Mittelmeer versuchen, vor allem nach Europa zu gelangen. Die Europäische Union hat zwischen 2016 und 2018 sechs Milliarden Euro an die Türkei gezahlt, um die Weiterreise der Flüchtenden nach Europa zu unterbinden. Damit haben sie sich auch gleichzeitig ein bisschen von der weltpolitischen Verantwortung losgekauft und die Grenzen verlagert. Die Installation bestand aus einer Mauer, die diese Grenze nach Europa darstellte. Im oberen Teil der Mauer hat Robin geschreddertes Geld eingebaut, was eben diese 6 Milliarden Euro darstellte, und darüber war NATO-Draht gewickelt und eine Europa-Flagge innendrin. Die Message dahinter: Die Mauer hat die Europa-Flagge eingekesselt und damit auch die Idee von einer sicheren und besseren Welt eingeschlossen. Außerdem stand die Mauer natürlich dafür, dass den Geflüchteten die Möglichkeit verwehrt wird, nach Europa zu kommen.



Ich erinnere mich auch an mehrere interaktive Installationen im letzten Jahr. Werden diese von den Gästen „weiterentwickelten“ Werke irgendwo dokumentiert und dargestellt?
Das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt, an dem wir momentan noch arbeiten. Es sind ja nicht nur die künstlerischen Arbeiten, die wir gerne im Nachgang auswerten würden. Auch auf den Talks, den Panels und Diskussionen wird ja unglaublich viel konstruktiver Inhalt generiert. Es ist zwar schön, wenn diese Aspekte „Mund zu Mund“ weitergetragen werden, aber es wäre natürlich auch schön, wenn andere Menschen, die nicht auf dem Festival sein konnten, das vielleicht auch mitnehmen können und sich daraus sogar noch etwas entwickelt oder daran weitergearbeitet wird.
Da überlegen wir momentan, welche Möglichkeiten es gibt, das Ganze visuell einfach aufzubereiten und natürlich gleichzeitig auch die Privatsphäre von jeder Person zu achten.

Der Auswahlprozess für das Programm 2020 unter dem Motto „ACT WOW“ hat ja bereits begonnen. Wie läuft so etwas ab?
Anfang November haben wir das Festivalmotto veröffentlicht, kurz darauf auch den Open Call. Hier fordern wir die Künstler*innen, Aktivist*innen Utopist*innen, Kulturschaffenden, aber auch Wissenschaftler*innen dazu auf, sich kreativ mit dem Thema auseinanderzusetzen. Damit die Bewerber*innen nicht bis zum Ende der Bewerbungsfrist auf eine Rückmeldung warten müssen, haben wir uns dafür entschieden, jeden Monat alle bisher eingegangenen Bewerbungen auszuwerten.
In die Bewertung fließt dann mit ein: Passen die eingereichten Arbeiten zum Motto und den Schwerpunkten? Sind die einzelnen Projekte umsetzbar? Wie teuer ist es, sie umzusetzen bzw. finden wir im Zweifelsfall für sehr kostenaufwendige Materialien eine Alternative?


Was gab es denn schon für kreative Alternativen?
Wir hatten in einem Jahr ein Künstler*innen Kollektiv aus Hamburg, das einen großen Würfel aus Plexiglas bauen wollte. Der Plan war, ihn falsch herum mit Spiegelfolie bekleben, sodass man von außen nach innen, aber von innen nicht nach außen schauen konnte. Innen sollte dann ein selbstgedrehter Film zum Thema Überwachung im öffentlichen Raum gezeigt werden.

Diejenigen, die sich den Film im Cube anschauen würden, sollten also gleichzeitig am eigenen Leib fühlen wie es ist, wenn man sich zwar unbeobachtet und sicher fühlt, in Wahrheit aber von außen beobachtet wird.

Diese Analogie fanden wir so gut, dass wir es unbedingt machen wollten. Statt dem teuren Plexiglas haben wir dann die Rückwand aus einer recycelten Plexiglasscheibe gebaut, den Rest aus alten Fenstern. Das war dann vielleicht nicht ganz diese White Cube Installation, wie man sie in einer Museumsausstellung gefunden hätte. Aber so macht diese finanzielle Restriktion, die wir als selbstorganisiertes, unabhängiges als Kunst- und Kulturfestival nun mal haben, auch irgendwie kreativ, und oft haben wir aufgrund unserer Erfahrungen irgendeine Idee, wie man die Arbeit trotzdem umsetzen könnte. Das bedeutet, der Kostenfaktor allein sollte niemanden zu sehr abschrecken, sich zu bewerben.

Was genau bedeutet eigentlich „ACT WOW“?
*lacht* Was bedeutet es denn für dich?

Ich habe die ersten Male immer „ACT NOW“ gelesen. Daran ist es wohl angelehnt, aber WOW klingt eben irgendwie… ein bisschen mehr nach Festival und Glitzer?



Ja, mit ACT NOW hat es auf jeden Fall zu tun. Zurzeit wird ja immer dazu aufgerufen, dass schnell etwas getan werden muss, auf ganz vielen verschiedenen Ebenen. Wir haben uns überlegt, es ist ja nicht nur wichtig, jetzt zu handeln, sondern auch, etwas zu machen, das wirklich einen Effekt hat und eine Veränderung mit sich bringt. Wir wollen also dieses Jahr in den Diskursen und Workshops gemeinsam effektive Handlungsstrategien entwickeln, die auch über die Festivalgrenzen hinaus gelten.

„ACT WOW“ bedeutet für mich auch, ökologische Nachhaltigkeitsstrategien zu entwickeln. Wie sieht es in euren Strukturen mit der Nachhaltigkeit aus?
Wir versuchen im Rahmen unserer technischen und finanziellen Möglichkeiten sehr, uns für dieses Thema einzusetzen, auch wenn wir wissen, dass ein Festival nie nachhaltig sein kann. In vielen Bereichen ist es aber einfach schwierig. Die Shotbecher sind zum Beispiel ein Riesenthema. Da benutzen wir zwar schon PLA Produkte, aber weil es in Deutschland momentan noch nicht die Möglichkeit gibt, dieses PLA solange rotten zu lassen bis es sich zersetzt hat, werden die Becher eben am Ende im Wirtschaftskreislauf mit dem normalen Plastik verbrannt und haben somit nicht den gewünschten nachhaltigen Effekt. Das gleiche gilt für das Thema Strom. Wir nutzen schon unheimlich viel Fest- und Solarstrom, aber an manchen Stellen kommt man um Generatoren einfach nicht drumherum. Dieses Jahr werden aber immerhin zum ersten Mal von der Go-Group entwickelte Wasserstoffgeneratoren getestet. Beim Thema Ökotoiletten greift einerseits der finanzielle Faktor, denn herkömmliche Dixi-Toiletten sind leider dreimal so günstig. Es gibt zwar immer mehr Ökotoiletten-Anbieter auf dem Markt, aber dieser Zweig ist noch so im Wachstum, dass es gerade zur Festival-Hochzeit leider nicht immer klappt, das ganze Festival damit auszustatten.

Bei weiteren wichtigen Bereichen, wie „Müllmanagement“ und „An- und Abreise“ sind wir dann außerdem auf die Mithilfe unserer Besucher*innen angewiesen. Die Müllsäcke, die wir zurückbekommen, sortieren wir im Nachgang noch einmal selbst, allerdings sind die Mülltonnen auf dem Festivalgelände bereits zum Trennen da, was leider oft nicht so gut klappt. Für die An- und Abreise, welche den größten Anteil des ökologischen Fußabdrucks ausmacht, stellen wir unseren Gästen den Bassliner sowie Shuttle Busse vom Finsterwalder Bahnhof zur Verfügung und freuen uns natürlich sehr, wenn das genutzt wird. Für diejenigen, die mit dem Auto kommen, wünschen wir uns, dass Fahrgemeinschaften gebildet werden.

Hoffen wir, dass die Besucher*innen euch in diesem Jahr dabei unterstützen! Kannst du einen Ausblick ins Programm 2020 geben?

Wir wollen auf jeden Fall den Bereich Female Empowerment und die queere Szene weiter stärken.

Auf mehreren Bühnen soll einen Tag oder eine Nacht dem Themenbereich „queer“ gewidmet werden. Außerdem soll dieses Jahr nochmal ein eigener Safe Space errichtet werden, also ein Ort für sehr intime Workshops, in denen es beispielsweise um Body Positivity und Sexualität geht. Auch Themen wie ökologische und soziale Nachhaltigkeit werden natürlich wieder viel vertreten sein. Wer sich mehr dafür interessiert, der kann gerne auf unserer Homepage und unseren Social-Media-Kanälen vorbeischauen – dort wird nämlich Stück für Stück veröffentlicht, wer mit dabei sein wird.

Was ist das Artlake für dich in drei Worten?
Shape. Create. Participate.

Vielen Dank für das Gespräch, Kira. Du hast es geschafft, dass ich mich jetzt schon aufs Artlake 2020 freue.
Sehr gerne.

Festivalfinder

Artlake Festival 2020

6. – 9. August – Bergheider See, Lichterfeld


Alle Infos zum Festival


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