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Über die Bedeutung von Festivals


Neulich bin ich aufgewacht und habe mich ein bisschen wie Festival gefühlt.

text Isabel Roudsarabi
redaktion Johannes Jacobi
foto Dominik Wagner

lesezeit 4 Minuten

Die Sonne, die morgens durch mein Fenster auf der Ostseite meines Zimmers auf meine Beine knallte, abartig dröhnende Kopfschmerzen - ausgelöst von der Flasche Sekt am Vortag - und die übliche Friedrichshain Hintergrund-Geräuschkulisse: spielende Kinder, deren Eltern sich schon um 9 den ersten Aperol Spritz des Tages gönnen, viel zu laute Vögel und die eine WG im Nachbarhaus, die jedes Wochenende drei Tage lang so laut schlechten Goa auflegt, dass die ganze Straße damit beschallt wird. Ich fand es gut. Ein vertrautes Gefühl.

Auch wenn das letzte “richtige”, “normale” Festival jetzt schon eine Weile her ist. Deshalb gerade noch mal die Aftermovies aus den letzten Jahren rausgekramt, die Fotos und verwackelten Moshpit Videos und ein bisschen zurückgeträumt. Das hilft, besonders in Zeiten, in denen man sich sonst irgendwie sehr hilflos fühlt. Kaum noch Maskenpflicht, obwohl die Zahlen wieder steigen, Geflüchtete am Bahnhof, die gerade alles verloren haben und man selbst als recht privilegierte Person, nicht wissend, ob es nicht ein bisschen anmaßend ist, sich im Moment über oder auf etwas so scheinbar banales wie Festivals zu freuen.

Alternative

Wie geht man also um mit diesem Gefühl? Nun ja, da gibt es mehrere Optionen: Mensch kann sich von einem Nervenzusammenbruch zum nächsten schleppen, schlussendlich den Job kündigen, irgendwas “sinnvolles” machen, irgendwas, “das anderen hilft”, Krisenreporter*in werden, Krankenpfleger*in, Sozialarbeiter*in. Das ist vermutlich und zumindest im Kopf die einfachste Möglichkeit, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Pluspunkte gibt’s außerdem dafür, dass man den Eltern dann nicht immer erklären muss, was man eigentlich mit der eigenen Zeit anfängt, dass man nicht um sieben Ecken gedacht etwas für die Gemeinschaft tut, sondern ziemlich direkt. Option zwei: Kopf in den Sand stecken. Ein bisschen leichter gesagt als getan, so richtig viel Sand gibt es nämlich gar nicht mehr, wenn das Einigeln bedeutet, sich zuhause auf der Couch durch den mit News und Fakenews gespickten Instagram Feed zu scrollen oder bei jedem Smalltalk dann doch unweigerlich am Ende auf Corona oder den Krieg zu kommen.

Bleibt also eigentlich nur noch Option drei. Mit dem was man hat versuchen etwas zu verändern.



“Niemand sieht so wie wir”

- den Satz habe ich mal aufgeschrieben, als ich angefangen habe, bei Höme zu arbeiten. Gemeint habe ich damit ganz viele Dinge, aber vor allem, dass wir damals als einzige gesehen haben, was für ein gesellschaftsbildendes Potential in Festivals steckt. Das stimmt natürlich nicht, das weiß ich jetzt, denn es gibt da draußen unzählige Veranstaltende, die genau das schon lange vor uns erkannt haben und ihre Festivals zu Orten machen, die wichtig sind - über ihre Bauzaungrenzen hinaus. Festivals, die Zusammenhalt leben, Werte vermitteln und einem das Gefühl geben, Teil von etwas zu sein.

Diese Veranstaltungen und die Leute, die dahinter stecken, bedeuten etwas.

Sie sind sich ihrer Verantwortung und dem Potenzial ihrer Festivals der Welt gegenüber bewusst und sie gestalten Zukunft. Und vor allem sind sie ein kleiner Hoffnungsschimmer. Wenn der Weltschmerz mal wieder überhand gewinnt und man vor einer Bühne steht, die Band beim Soundcheck den ersten Ton anspielt - fühlt man sich, wenigstens ganz kurz, unsterblich.

Aber nicht nur das Gefühl, was uns Festivals vermitteln, dieser ultimative Glücksmoment, ist entscheidend. Festivals tragen auch dazu bei, dass wir einander besser verstehen. Sie setzen Diversität, ökologische und soziale Nachhaltigkeit, Inklusion und Gerechtigkeit auf die Agenda und inspirieren ihr Publikum, etwas mitzunehmen - und das in den seltensten Fällen mit erhobenem Zeigefinger, eher mit einem Augenzwinkern. Sie können dazu beitragen, dass Menschen sich identifizieren, repräsentiert fühlen und einen realistischeren Blick auf die Welt werfen, um ihn dann mit so viel flüssiger Fantasie wie möglich zu überschütten.

Neben all diesen, zugegeben vielleicht etwas langsamen Prozessen, Gedanken und Ideen anzustoßen, vergisst man (ich) auch manchmal, dass Festivals auch sehr direkt Gutes tun. Sie sammeln spenden für Kriegsopfer und humanitäre Hilfen, für den Ausstieg aus der Rechten Szene, die Seenotrettung. Sie helfen ländlichen Regionen in Sachen Wirtschaftlichkeit, schaffen Arbeitsplätze. Deshalb sind diese Orte auch heute wichtiger denn je.

Wirst du ein Teil des Ganzen, wird alles ein Teil von dir

Jedes einzelne Festival hat also die Chance, etwas zu verändern. Besser wird’s nur, wenn sich alle zusammenschließen, gemeinsam an Dingen arbeiten. In den letzten Monaten haben wir gelernt, dass Gemeinschaft im digitalen Zeitalter auch ohne analoge Zusammenkünfte funktionieren kann. Wir haben beobachten können, wie solidarisch die Festivals einander zur Seite stehen und warum aus einer Pause, so unfreiwillig und schrecklich sie auch sein mag, Bewegungen und Chancen entstehen können. Nach dem Luftanhalten des initialen Schockmoments haben sie weitergemacht, die Branche ist zusammengewachsen auf eine Art, an die in normalen Zeiten vielleicht nicht zu denken gewesen wäre.

Wir haben über die letzten Jahre viele Veranstaltende, Fans und Branchenleute gefragt, warum sie das eigentlich machen, warum sie auf Festivals arbeiten oder sie besuchen und ihre Antworten sind eigentlich alles, was man braucht, um die Aufgabe von Festivals in unserer Gesellschaft zu verstehen:
“Kultur aufs Land bringen”, “Beweisen, dass man auch, wenn man sehr nachhaltig ist, keine Abstriche machen muss”, “lokalen, kleineren Künstler*innen eine Bühne bieten”, “dass Menschen zusammenkommen, sich erleben, nett zueinander sind”, “’ne tolle Zeit haben”, “Weg aus dem Alltag”, “Freiheit, Teilnahme am Leben”, “Spaß haben, dazugehören”, “Sachen umsetzen, die in der Gesamtgesellschaft nicht umsetzbar sind, kleine Utopien bilden”

“Gemeinschaft, Lebensgefühl”

“Freiheit, Freude, Glück & Erlebnisse”, “Treffpunkt für die ganze Branche und die ganze Szene”, “Spannung, weil man nie weiß, was passiert”, “Erfahrungsgenerator - bei jeder Aufgabe dazulernen”,“Selbstverwirklichung”, “Nachwuchs unterstützen”, “gleichberechtigt, frei von Diskriminierung und zugänglich für alle Menschen”

Festivals sind also ganz viele Dinge, aber vor allem sind sie uns allen wichtige Orte des Austauschs, der Erfahrungen, der Utopie und Freude, sie lassen uns jemand anderes sein, oder genau so bleiben, wie wir sind. Und diese Orte sind es wert geschützt und gefeiert zu werden, auch, oder eben besonders in Krisenzeiten.

Es wird Zeit, dass das alle verstehen.

Hallo, ich bin Isi. Seit ein paar Jahren verbringe ich meine Sommer am liebsten zwischen Zeltstädtchen, Bühnen und an der Schlange vorm Dixiklo, manchmal in der Produktion, manchmal, um später etwas über diese zauberhaften Ereignisse zu berichten zu können. Zwischen Weinschorle, Trichtern (kann ich nicht, ist aber immer lustig, wenn andere davon kotzen), dem Trällern großartiger Evergreens (beispielhaft zu nennen wäre hier das gesamte Repertoire des High School Musical Casts), und ungemütlichem Zelt-Sex sind Festivals Utopie und Freude und immer wieder Orte, an denen wir uns neu erfinden können oder genau so bleiben, wie wir sind. Sie sind Zuflucht und Save Space und ganz viel Liebe. Ende 2017 habe ich angefangen ein bisschen was für Höme zu schreiben. Irgendwie bin ich dann nach Berlin gezogen und jetzt bin ich hier.