Magazin

Von der Panke bis zur Mosel

Mit Shacke One auf dem Pferdefest


 
 

text Jonas Rogge
redaktion Isabel Roudsarabi
fotos Philipp Haas

Drei Tage für ein Festival – ein ungewöhnlich großer Zeitaufwand auf Tour. Berliner Battle-Rap mit Bier-Bezug zu Gast in einer Weinregion an der Grenze zu Frankreich. Ein Festival organisiert von einem lokalen Kulturverein – über Genres und die Weinberge der Mosel erhaben.
Wir haben Shacke One auf dem Pferdefest begleitet und uns im Vorfeld mit ihm beim Winzer getroffen, zur Verkostung und einem ausführlichen Interview, über geschmacklose Musik, Bier und Unabhängigkeit.

 

Erstes Mal Künstlerinterview, erstes Mal an der Mosel Autofahren. Ich hole den Photographen Fitz bei seinen Eltern ab und setze den Peugeot Kombi meines Vaters, den ich heute zum ersten Mal fahre, beim Ausparken fast gegen ein Mäuerchen. Die Mosel ist geprägt von Weinbergen, die Straßen der Küstendörfer ziehen sich in Serpentinen an den Steilhängen hoch. Nicht ideal, wenn man es schon auf flacher Strecke geschafft hat, den Motor absaufen zu lassen. Mit der beruhigenden Ansprache von Fitz schaffen wir es dann aber nach Kues, dem zweiten Teil der Doppel-Stadt Bernkastel-Kues. Dort ist Shacke mit Baggage im Brauhaus zum Ankunftsschmaus eingekehrt. Wir haben uns mit ihm, einen Abend vor seinem Auftritt beim Pferdefest, zu Gespräch und Weinprobe verabredet.

Wie sich herausstellen wird, ist das sehr unüblich, dass man schon einen Tag vor dem Auftritt am Ort des Geschehens eintrifft. Außerdem sind die beiden anderen am Tisch wesentlich mehr als Baggage. Sie sind der harte Kern des Shacke-One-Einsatzkommandos – alle drei Gründungsmitglieder der Nordachse, eines jungen Labels aus Berlin, das unter anderem vom Rapper Shacke One vertreten wird.
Achim Funk ist Produzent und DJ, hauptverantwortlich für die Beats auf den Alben. Ivo, den ich als Booker und Organisator kennenlerne, hat, wie sich auf der Bühne zeigen wird, auch noch einige andere Talente. Wenn ich mit meiner Rolle des Interviewenden schon vertrauter wäre, hätte ich vielleicht vor der Liveshow Samstagabend herausfinden können, dass Ivo mit auf der Bühne stehen wird.
Es regnet aber in Strömen, ich bin noch nie mit voll besetztem Auto gefahren und unser nächstes Ziel, die Künstlerherberge, liegt oben auf dem Berg über der Stadt. Ich bin also mehr mit dem drohenden Personentransport beschäftigt als mit meinen Interviewpartnern. Kaum im Brauhaus angekommen, gehe ich mit Fitz raus vor die Tür, mir die Lage betrachten. Er erklärt sich direkt bereit, die nächste Etappe der Fahrt zu übernehmen, danke! Ich kann mich jetzt endlich auf die Protagonisten dieser Story konzentrieren.


Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse –
Fahrradfahrer dieser Stadt

Auf der Fahrt frage ich die Jungs nach Ihrem Bild von Deutschland, ob man eher Vorurteile auf- oder abgebaut habe, bei der Erkundung der BRD. Als Musiker bereist man ja mehr Regionen des Heimatlandes, als es der viel erwähnte Durchschnittsdeutsche jemals tun wird. Vorurteile habe man eher abgebaut, meint Shacke, und man ist sich einig, dass es überall coole Leute gebe, aber in Berlin immernoch am schönsten sei. Nach Freiburg wollten sie gerne mal, da solle es schön sein.


Die Jugendherberge hat die Atmosphäre eines Landsitzes und überzeugt mit großen und gut gepolsterten Aufenthaltszimmern. Shacke, geplättet vom Sauerbraten, fläzt sich auf ein Sofa. Er könne auch gut noch ein Nickerchen machen, meint er. Macht er aber nicht und erzählt stattdessen seine musikalische Coming-of-Age-Geschichte.

„Also, pass auf, das war so: Ich war 12, 7. Klasse, und hatte angefangen, auf irgendner Bravo-Hits ein Tupac-Lied zu hören, hatte Rap also schonmal wahrgenommen. Da meinte ein Kumpel aus meiner Klasse, Horst: ‚Du musst mal Hip-Hop Soundgarden hören.‘
Das gab es früher immer auf Fritz – Hip-Hop Soundgarden mit André Langenfeld, dienstags von 20-22 Uhr. Ich hab das dann an dem Tag gehört und mich vorbereitet, hab alles auf Kassette aufgenommen. Das war für meine Hip-Hop-Entwicklung ’ne bahnbrechende Folge, weil da die ersten Hip-Hopper aus Berlin waren. Die haben ’ne Oldschool-Sendung gemacht und die ersten Songs gespielt, die aus Berlin jemals auf Platte erschienen sind und Rap-Kontext hatten. Das waren Sachen, die kennt immer noch keine Sau. Geiler Scheiß, sowas wie ‚Hui Bu‘ von DJ Quiz – ’83, ’86, so die Zeit und die Sendung hat mich total geflasht. Da habe ich angefangen Musik anders zu konsumieren, sie auch verstehen zu wollen, sie zuordnen zu können. Das ist vielleicht auch gar nicht gut, dass man es dann anders wahrnimmt, weil es ja verfälscht…“

„Diese Sendung, diese Hip-Hop-Soundgarden Sendung, war jedenfalls übelst king. Kurz davor, hab ich noch so Chart-Mucke gehört als 12-Jähriger. Bin immer nach Hause und hab mir aus dem Videotext die Charts abgeschrieben. Es hat damit angefangen, dass ich ‚Mambo No.5‘ von Lou Bega so geil fand und ich hab verfolgt, wie lange der auf Platz 1 ist. Und dann hab ich angefangen – weiß nicht wie lange, halbes Jahr, ein Jahr – jede Woche die Charts aufzuschreiben. Also ich war schon da ein Musiknerd.“

Im Nachbarzimmer entwickelt sich zwischen Achim und Ivo eine Jam-Session mit Drums und Gitarre, richtigen Instrumenten. Wie verhält es sich damit eigentlich bei dem Hip-Hop-Label Nordachse?

Spielt jemand von euch ein Instrument?
Shacke Ne, oder? (fragt in den Nachbarraum)

Wer ist der Musikalischste?
Shacke
Ich (lacht). Nein. Der Musikalischste, gute Frage. Wenn man kein Instrument spielt, woran misst man das dann? Am Rhythmusgefühl oder am Verständnis für Sounds? Oder ob man halt Musik herstellen kann, dann sind es natürlich die Produzenten. Hip-Hop ist ja zum Großteil so, dass die Leute nicht viel Ahnung davon haben, wie Instrumente funktionieren, sondern es eher aus dem Gefühl heraus machen und ja eh viel samplen und damit klauen. Von daher ist Achim Funk da schon der Musikalischste, oder Klaus Layer.
Ich glaube auch, dass ich musikalisch bin, ich kann nur keine Musik herstellen, außer halt mit meiner Stimme. Ich hab auch ein gutes Rhythmusgefühl. Oder ist Ivo gerade der Anwärter der Musikalischste zu sein? (Drumsolo im Hintergrund) Der kann nämlich auch Gitarre spielen, vielleicht ist es Ivo. Der macht aber eigentlich sonst gar keine Musik, das wär ja lustig.
(ruft) Ivo, du bist schon der Musikalischste bei der Nordachse oder? Ist gut, dass du keine Musik machst.
Ivo Was ist?
Shacke Gut, dass du keine Musik machst.
Ivo (lacht) Gut für euch, ja.

„Ich will ja nicht nur der Graffiti-Rapper sein und ich will auch nicht der Sauf-Rapper sein. Ich mag das dazwischen zu sein.“

Wie wichtig sind dir denn die Texte im Verhältnis zur Musik?
Shacke Na, ich glaube meine Rap-Mucke funktioniert schon relativ viel über meinen Flow. Ich versuche natürlich auch zu erreichen, dass die Leute sagen ‚Schreibst voll die geilen Texte und voll die geilen Lines und so‘, aber man hört viel, dass bei mir Flow und Stimme besonders herausstechen.
Ich selber, wenn ich Musik konsumiere, achte ich mehr auf die Sounds als auf den Gesang. Ich hör ja eher Mucke, wo gesungen wird, höre jetzt nicht soviel Rap. Und da habe ich dann mitgekriegt: Was ist ein Rapper ohne Beats, die geil sind?
Wir stecken mehr Arbeit in die Beats, als in die Texte, weil das trägt es halt. Kann man noch so geil rappen, wenn der Beat scheiße ist, ist der Song scheiße. Wenn aber der Beat geil ist und der Rap ok, dann funktioniert das trotzdem irgendwie. Ich finde wir haben immer übelst die geilen Beats und die kommen ja nicht von ungefähr. Da stecken wir echt viel Zeit rein, und viel Liebe.

Fühlt man sich da manchmal missverstanden oder ist das überhaupt wichtig, sich verstanden zu fühlen? Wenn man viel Arbeit in die Musik steckt und dann als Sauf-Rapper gebrandet wird?
Shacke Das sortiert sich schon von Zeit zu Zeit immer mehr aus. Ich bin echt happy, ich hab übelst coole Fans. Manchmal habe ich das auch, dass nach dem Konzert Fans ankommen und sagen ‚jetzt noch n Feature mit dem und dem‘, und ich denke mir so: ‚Sachma digger, geh mal weg Alter!‘
Aber das hab ich sehr selten. Ich glaube, da haben andere Rapper mehr mit zu kämpfen, weil die halt andauernd Zweckfeatures machen. ‚Ich mach jetzt mit dem ’n Song, weil der ist grade angesagt‘ – ich mach das ja eh nicht, daher habe ich nicht viele Fans, die irgendwie sagen ‚Shacke macht jetzt Saufrap‘. Natürlich, um mich einzuordnen, fällt der Begriff dann schonmal, und das ist ja auch ok, guck mal mein T-Shirt an, ich sauf ja auch gern. Aber ich bin nicht so ein Image-Schubladen-Typ, deswegen bin ich vielleicht auch immernoch mehr underground, weil ich nicht nur in eine Sparte reinwill. Ich will ja nicht nur der Graffiti-Rapper sein und ich will auch nicht der Sauf-Rapper sein. Ich mag das dazwischen zu sein.
Ich betone ja auch mehr als andere den Hip-Hop Style. Weil wenns jetzt auf einmal keiner mehr so macht, dann steh ich mehr dazu. Als ich Nordachse I gemacht habe, da wollten wir auch nicht ‚Hip-Hop‘. Da waren wir halt Atzen aus Berlin, die Rap machen und Graffiti machen und pöbeln. Jetzt denke ich mir aber: Guck mal, ich bin DJ, ich bin Musiker, ich mach Graffiti schon mein Leben lang, und Rap.
Natürlich, wenn man sich anguckt, was die anderen für Rap-Mucke machen, den ganzen Pop-Rap und so, bekenne ich mich schon mehr zu dieser Hip-Hop-Komponente. Um das nochmal kurz zu beantworten, ich find das auch nicht schlimm, wenn jemand sagt ‚Öh, Shacke ist son Sexrapper‘ oder ‚Saufrapper‘ oder ‚Graffitirapper‘, werden bestimmt auch Leute sagen, weiß ich was, oder ‚der rappt immer nur über Berlin‘. Dann sollen die Leute das halt machen, das interessiert mich nicht, was die da denken. Ist mir scheiß egal.



Meinst du, man muss musikalisch breit aufgestellt sein, um gute Musik zu machen? Oder kann man sich auch, Tunnelblick, mit einem Genre beschäftigen?
Shacke Ich bin selber übelster Musiknerd. Ich hör übelst viel Musik und hab auch viel Verständnis für verschiedene Sounds. Außer wenn es um zu viel moderne Musik geht, die mir dann doch nicht gefällt.
Wo ist da so die Grenze zeitlich?
Shacke Da gibts keine Grenze, aber mir gefällt schon viel von moderner Musik nicht so gut. Ich hör viel 70er- und 80er-Schmalz.
Wie bist du dazu gekommen, zu dem Schmalz, schon als Kind?
Shacke Zu der Mucke? Ne, also von meinem Elternhaus habe ich da wenig mitbekommen. Die haben nur ne Rammstein CD gehabt, ne Kuschelrock CD, das war jetzt nicht so doll. Ich bin einfach selber drauf gekommen, weiß auch nicht.
Du meintest ja, du hast dir Listen mit den Charts gemacht, bist du generell ein Typ für Listen und Statistik?
Shacke Kennst du Discogs? Das ist meine Welt. Ich hab einen Großteil meiner Plattensammlung dort eingetragen und ich kann mir das voll krass merken. Ich kann mir sonst viel nicht merken, vom Vorabend und so vergess ich viel, aber bei Discogs habe ich 4700 Platten in meiner Wunschliste und 1600 in meiner Collection eingetragen. Also da bin ich voll hinterher, da bin ich relativ akribisch, ja tatsächlich.
Bewertet man bei Discogs auch Musik?
Shacke
Das mach ich ganz selten. Wenn dann gebe ich nur volle Punktzahl. Nur bei Songs, die ich übelst feier, habe ich ein paarmal einfach draufgedrückt.
Findest du es generell Quatsch, Musik zu bewerten?
Shacke Alles wird doch bewertet. Ich finde es wenn dann interessant, mir anzuhören, was die inhaltlich darüber reden. Aber deren Meinung, die würde mich jetzt nicht interessieren. Das habe ich früh mitbekommen beim Rap hören. Denn in der Backspin – früher habe ich mir immer die Backspin gekauft, oder geklaut – gab es immer diese Plattenkritiken. Das war der größte Schrott. Ich war 14, 15, die haben ein Album übelst zerrissen und ich fand das aber voll geil und dann habe ich gedacht ‚Das ist doch voll der Müll, was da irgendsoein…‘
Ich find das schon gut, die sollen ja ihre Meinung sagen und die sollen auch versuchen, unabhängig davon zu sein, wie erfolgreich jemand ist. Also nicht, dass die sagen, ‚Das neue Capital Bra Album ist so übergeil!‘, weil ja alle das geil finden. Der soll schon auch sagen, wenns scheiße ist. Aber wen interessiert das im Endeffekt? Soll mich das berühren, wenn da irgendson Redakteur aus irgendner Agentur irgendeiner Meinung ist?

Das letzte große Konzert, wo wir waren, war DJ Bobo.

Wir bewegen uns jetzt auch ins benachbarte Musikzimmer. Shacke greift sich ein Akkordeon und fängt an zu spielen. Wir machen ein paar Fotos, die sein Balkanfaible unterstreichen. Letzte Woche sei er noch in Georgien gewesen, erzählt er. Ans Losgehen ist noch nicht zu denken, es regnet faszinierend doll. Da die Jugendherberge oben auf dem Berg über Bernkastel-Kues liegt, kann man die Wetterlage von hier gut beobachten. Dichte Nebelwolken legen sich zwischen die umliegenden Hügel und wir fragen uns, ob das Pferdefest schon abgesoffen ist. Also machen wir noch ein paar Fotos, beschäftigen uns mit dem Minderheitenquartett und anderen Geschmacklosigkeiten.

Gibt es Sachen, die ihr geschmacklos findet?
Shacke
Ähh, gibt schon Sachen. Rin ist schon frech. Bei Max (MC Bomber, Anm. der Red.) gibts auch n paar Sachen. Ja, Bomber ist schon ziemlich geschmacklos (lacht). Nein, Quatsch.
Achim Das letzte große Konzert, wo wir waren, war DJ Bobo.
Shacke Das war auch schon geschmacklos. Ich hab jetzt so an Alltagssachen gedacht, aber natürlich, Deutsch-Rap ist zu 85 Prozent geschmacklos.

Was haltet ihr von Halb-Playback bei Hip-Hop-Shows?
Shacke
Find ich voll kacke, sonst würde ich nicht zum Konzert gehen. Ich find das schon langweilig. Ich war ja aufm Spektrum. Das hat sich verlagert, was die Leute jetzt wollen und was die spannend finden: Wie groß ist der Moshpit, wie viele Leute springen da rum? Ich find das schon auch geil, wenn ich irgendwas geboten kriege, was nicht einfach nur die CD abgespielt ist.

Aber ihr geht schon manchmal auf Hip-Hop-Konzerte?
Shacke
Ne. Bei Gzuz war ich, weil ich da mitgeschliffen wurde. Das war ok. Aber insgesamt langweilt das doch. Freiwillig auf ein Hip-Hop-Festival würde ich gar nicht gehen. Beim Splash! würde ich übelst das Kotzen kriegen. Gar kein Bock als Gast dahinzugehen und mir die ganzen Idioten anzugucken.

Shacke spielt noch ein bisschen an den Drums rum und stellt fest, dass das sehr einfach ist. „Halt mal die Stöcker über Kreuz, dann sieht’s noch cooler aus“, empfiehlt Ivo, ein echter Marketingprofi. Von Promostrategien hält Shacke aber insgesamt nicht so viel.

Wer sagt, das aufm Festival spielen wichtig ist?
Fler würde das nicht sagen.

Sagt man sich denn in der Szene, dass das wichtig ist, Festivals zu spielen?
Shacke
Ist ja die Frage, wer sagt was. Jeder hätte uns gesagt: Du musst dis und dis als Promo machen. Im Endeffekt soll jeder machen, wie er es für richtig hält. Wenn man das konsequent macht, kann sich alles durchsetzen. Wichtig ist nur, dass die Mucke geil ist und den Leuten gefällt, so.
Wer sagt, das aufm Festival spielen wichtig ist? Fler würde das nicht sagen.
Ivo Man erreicht halt schon Leute, die einen vorher nicht aufm Schirm hatten, aber das ist so ein geringer Anteil, glaube ich.
Shacke Nö, das kann auch schon viel hergeben. Das ist wie Promo, das ist wie Interviews machen, ist genau das Gleiche. Muss halt jeder für sich selber wissen. Aber ich muss nicht auf Biegen und Brechen Ivo immer Druck machen, ‚Dikka ich muss auf übelst vielen Festivals spielen, ich will Leute erreichen!‘ Mir selber macht es mehr Spass, wenn ich meine eigene Show hab. Da können alle auf der Bühne, passiert nicht immer, aber immer öfter, ’ne besondere Energie erzeugen, die die Leute richtig krass feiern, was ich auf Festivals nicht so schaffe. So ein Song wie ‚Untergrundhaft‘, das ist halt son Song fürn Club, so richtig ‚Bamm!‘
Und nicht aufm Festival, wo die dann noch mit ihren Regenschirmen oder so, das passt dann vielleicht nicht so. ‚Lalala‘ passt auf ein Festival zum Beispiel.

Aber ein Festival ist doch ein lustiger Ausflug mit der Crew, oder?
Shacke
Ich finde, dass es teilweise vor den Auftritten ganz schön langweilig geworden ist. Nach den Auftritten ist eigentlich immer geil. Ich find das vorher auch angenehm. Aber war schonmal bisschen wilder, viele sind vergeben so.
Achim Wir stellen uns halt auch öfter mal ein rin wa?
Shacke Ja, aber dicka, Shackitistan-Tour war nicht so wild wie die ‚Bossen & Bumsen‘ Tour.
Ivo War ja auch die Erste.
Shacke Hat ja auch einen Namen, dem man gerecht werden will. Shackitistan war jetzt schon ne reifere Version, überlegtere. Wir machen schon immer Halligalli, im Vergleich zu anderen. Wir fahren jetzt nicht mit ner Sauerstoffmaske im Tourauto. Ich finde aber nicht, dass es im Backstage immer übelst krass ist. Backstage ist total langweilig teilweise, dann chillen alle da mit ihrem Handy rum und gucken irgendwie, wie sie ihren neuesten Post machen können. Vor der Show, nach der Show ist was Anderes. Auf Tour gibts immer drei Teile.
Achim Ich will auch meine Ruhe haben, vor der Show.
Shacke Na gut, aber wir könntens auch anders machen, wir könnten auch vor der Show koksen und übelst krass saufen und uns Weiber in den Backstage holen. Könnten wir auch vor der Show machen, wenn wir wollen. Alle ausser ich, ich muss ja arbeiten.

Alle haben Angst, wenn Achim Funk ein Machtwort ergreift.

Graffiti-Rap-Kneipe – das ist alles so ein Raushau-Milieu…
Achim Unser Tourmanager ist auch schlagfertig.

Ist das auch mal anstrengend?
Shacke Wie gesagt, man macht worauf man Bock hat. Wenn ich nicht schlagfertig genug bin, dann übernimmt das Ivo. Oder meine Tür. Ich hab ja auch immer Sicherheit dabei, die sich darum kümmert, dass genug kalte Getränke da sind.

Also wenn ihr mit der Crew zurück nach Berlin kommt, trefft ihr euch trotzdem am nächsten Tag wieder in der Kneipe?
Ivo Meistens am gleichen Abend noch.
Shacke Meistens, wenn wir in Berlin einfliegen, trinken wir noch n Absacker oder so. Ja schon, aber manchmal ey, jetzt nach der Tour konnte man auch mal ’ne Pause machen. Man muss jetzt nicht jeden Tag miteinander saufen, aber schon viel, klar. Wir sind ja ne Gang, normal. Gestern waren wir auch zusammen saufen und da haben wir nicht gerappt. Mit Bomber unterwegs, Tiger, Ivo war auch da, da haben wir einen drauf gemacht, klar.

Und Autorität? Greifst du auch durch?
Shacke
Ne, brauchen wir nicht. Also, alle haben Angst, wenn Achim Funk ein Machtwort ergreift. Und das regelt sich bis dahin immer schon selber. Wenn man mitkriegt, es naht, er wird ganz ruhig, dann weiß man ‚Uh jetzt ist aber gut hier‘.

Mittlerweile hat der Regen doch nachgelassen und wir beschließen, zum Winzer zu fahren. Auf dem Weg wollen wir noch ein paar Porträt-Fotos auf einer schicken, alten Stahlbrücke machen, damit man ein Gefühl dafür bekommt, wie weit das hier von der Panke weg ist und wie schön die Umgebung beim Pferdefest. Als ‚märchenhaft‘ beschreibt Achim die Landschaft später am Abend, Shacke stimmt zu ‚Ja,märchenhaft triffts gut.‘
Wie durch ein Wunder erwischen wir 15 Minuten Regenpause und klaren Himmel, bevor die nächste Wolkenfront aufzieht. Wir hechten ins Auto. Der Himmel verdunkelt sich jetzt in Weltuntergangstöne und wir fahren, immer an der Küste entlang, nach Piesport, Standort des Weinguts Hoffmann-Simon und des Festivals Pferdefest. Kurz noch bei der Tanke Kippen holen – das Treffen, das anfangs auf maximal 2 Stunden geschätzt war, fühlt sich langsam richtig nach Roadtrip an – sorry Jungs!



An der Mosel gedeiht kein guter Battlerap

Erstes Mal Weinprobe – wir wissen alle nicht, was uns beim Winzer erwartet. Ausgemacht ist das wir ein bisschen Wein zum Probieren zu bekommen, um das Kontrastprogramm zu Panke und Bier zu verstärken. Wir werden in einem großen Schankraum empfangen und setzen uns an eine große Tafel. Neben uns sitzt noch ein älteres Pärchen an den Resten einer Käseplatte.
Man bemüht sich, alles richtig zu machen, ‚Darf man nach Wasser fragen? Darf man das Weinglas für das Wasser benutzen? Nein, da kommen noch andere Gläser, ok. Und wie probiert man jetzt richtig?‘ Alle drei Nordachse-Vertreter sind neugierig und weil der Winzer sich richtig Zeit genommen hat, probieren wir bestimmt einmal das ganze Riesling-Sortiment von 2018 durch. Dabei lernen wir, dass unterschiedliche Böden, die der Winzer bewirtschaftet, unterschiedlich schmeckende Weine erzeugen. Ob auf dem Moselboden auch guter Rap gedeihen könnte? „Jedenfalls nicht im gleichen Stil“, meint Shacke und vergleicht das mit seiner Zeit als Student in Chile: „Da war ja auch immer Sonne, gute Laune, viel zu wenig, worüber man sich aufregen kann.“
Aufgeregt sind dafür die Weinprinzessinen, die zufällig zu Gast sind, als sie erfahren, dass hier Musiker-Prominenz aus Berlin zu Tische ist. Die beiden werden vom Winzer eingeladen, sich dazuzusetzen und mitzuprobieren. Dass man sie noch auf die Gästeliste setzen könne, wollen sie zuerst kaum glauben, verrückt. Verrückt finde ich, in Piesport zu wohnen, und das Pferdefest einfach an sich vorbeiziehen zu lassen. Ich hoffe das wird euch eine Lehre sein, liebe Weinprinzessinnen.



Wir arbeiten uns von den trockenen Rieslingen langsam Richtung ‚Weine mit Restsüße‘ vor. Prädikat Kabinett, Spätlese, Auslese – so heißen die, nicht lieblich. Und die Nordachse ist von den Weinen zunehmend begeistert, Shacke fängt an Fotos von seinen Favoriten zu machen, um sich später noch die richtigen Flaschen mitzunehmen. Das Gespräch fällt natürlich auch auf die Bierproduktion der Nordachse-Crew. Shacke hat sich zusammen mit seinen Kollegen nicht nur ein eigenes Label, sondern auch eine eigene Biermarke aufgebaut. Angefangen hat das als Schnapsidee eines Hobbybrauers, der Shacke kontaktierte: ‚Sag mal, Shacke, haste nicht Bock n Bier zu machen?‘
„Der hat gedacht das macht man mal so als Promoaktion. Und da habe ich mich mit dem getroffen und meinte: Pass mal auf, lass das mal richtig machen.“

Muss jeder immer selber wissen.

Entstanden ist der Anspruch, „ein gutes Pils“ zu machen. Ein bisschen besser und besonderer, als die Produkte der Großbrauereien, aber nicht so ausgefallen und elitär wie andere Berliner Craft-Biere, irgendwo dazwischen. Man ist mit der Produktion in die Nähe von Chemnitz gezogen, weil es zuhause nicht das richtige Angebot gab: „In Berlin gibt es nur ganz kleine Craftbeer-Brauereien und es gibt den Radeberger-Kram, wo die vier großen sind. Das ist auch noch ne kleine Brauerei, aber das ist schon groß, für uns ist das schon groß.“ Mit der Mucke verhält es sich so ähnlich – Shacke erklärt dem Winzer ihren Bekanntheitsgrad:

„Ist jetzt nicht, dass wir voll unbekannt sind, wir sind aber auch keine Superstars. Es gibt ja in Deutschland wirklich krasse Rap-Stars, die megaberühmt sind. Das werden wir nie sein. Da musste halt auch die ganzen Teenager kriegen. Wir sind schon sehr idealistisch mit unserer Musik. Wir haben bei keinem großen Label angeheuert, wir haben unser eigenes Label aufgebaut. Niemand redet uns rein in unsere Kunst, wir können zu hundert Prozent das machen, was wir für richtig halten. Dafür gehen wir auch nen längeren Weg und bauen uns das nach und nach auf, jetzt sind wir schon ganz gut dabei. Aber bei dem Bier ist das Verhältnis bisschen anders. Weil wir sagen natürlich, wenn wir damit was verdienen wollen, dann muss das schon ein bisschen Mengen umsetzen. Also: ‚Mir egal, welcher Laden das jetzt verkauft‘, mehr oder weniger.  Das ist kein Sellout, aber natürlich wollen wir das Bier loswerden.
Im Rap gehen ja auch viele ran und sehen das Business in erster Linie. Die gucken ‚was ist angesagt, was funktioniert‘, ‚ich mach das auch so, ich hab das richtige Image, mach die richtigen Videos‘, dann kann das ja auch schnell gehen. Muss jeder immer selber wissen.“

Wir sitzen mittlerweile seit drei Stunden im Weingut, probieren und unterhalten uns darüber, welcher Wein jetzt besonders gut schmeckt und warum. Shacke ist von der Situation ein bisschen überrascht.

Shacke Das war heute schon ein bisschen speziell. Wir fahren eigentlich fast immer für einen Tag hin, machen die Show und fahren zurück, weil wir ja auch viel zu tun haben. Hier wurden wir so ein bisschen überredet. Wir wurden von Festivalseite so heiß gemacht, dass wir hier 3 Tage bleiben. Wir waren vorher so anderthalb Monate auf Tour, nicht durchgehend, aber halt jede Woche 3-4 Gigs und da haben wir gesagt, das ist so ein bisschen der Abschluss, dass wir zu dritt ein bisschen abspannen. Die haben hoch gestapelt, ‚das wird so geil‘ und meine Kumpels in Köln haben gesagt ‚macht das mal‘. Wir spielen auch unter unserer normalen Gage, oder?
Ivo Ist schon ein bisschen weniger als normal. Aber es ist halt ein Verein und wir finden das Konzept gut.
Shacke Wir haben Bock drauf.

Die Verabschiedung mit dem Winzer fällt herzlich aus, Shacke fasst zusammen: „Schön, auf jeden Fall, vielen Dank. Was dazugelernt, und dennoch dabei getrunken, super.“

Wir haben jetzt auch Bock, endlich mal das Festivalgelände zu sehen. Das ist zwar im gleichen Ort, bedeutet aber nochmal 20 Minuten in Schlangenlinien den Berg hochfahren. Das Gelände thront auf einem waldigen Plateau hoch über der Mosel, wie man am nächsten Tag sehen wird. Die Nordachse-Crew ist ja eigentlich zum Abspannen gekommen und tritt deshalb den Rückzug zur Künstlerherberge an, während ich mich noch auf dem offensichtlich nicht in den Fluten untergegangenen Festivalgelände umschaue. Bis ich die Jungs das nächste Mal wiedersehe, vergehen einige Stunden.

Mitternachts-Showdown im Zirkuszelt

Samstag Abend – Kurz nach 23Uhr schaue ich ins Backstage-Zelt hinter der Bühne, auf der Alice Phoebe Lou grade ihr neues Projekt Strongboi vorstellt und oben ohne mühelos die neue Rolle der Funk-Sängerin ausfüllt. Shacke sitzt mit Ivo, Achim und den Freunden aus Köln am Tisch und trinkt Whiskey. Alice kommt rein, jetzt wirds voll in dem kleinen Zelt, und begrüsst Ivo euphorisch ‚whatthefuck – what are you doing here? (…) ah rap, beautiful‘. Bemerkenswert, dass sie grade mit ihrem Auftritt ein feministisches Statement gesetzt hat und sich danach mit Team ‚Bossen & Bumsen‘ im Backstage abklatscht. Aber ‚Bossen & Bumsen‘ ist der Vorgänger, das neue Album heißt ‚Shackitistan‘ und Frauen tauchen jetzt deutlich seltener als Sexobjekt auf als auf dem zweiten Album.
Später beim Auftritt höre ich, wie Shacke in der Hook von ‚Boss von der Panke‘ statt einmal ‚Boss von der Panke‘ und einmal ‚Boss deiner Schlampe‘, zweimal ‚Boss von der Panke‘ rappt. Vielleicht war das ein Versehen, vielleicht ist er da auch nach dem Gefühl gegangen.

Shacke richtet sich nach eigener Aussage viel nach seinem Gefühl. Das habe ihn auch oft davon abgehalten, Interviews zu machen. Mit Beurteilungen, damit Normen aufzustellen, ist er sehr zurückhaltend. Viele seiner Antworten enthalten ein ‚ist mir egal, muss jeder selber wissen‘.
Es ist aber eben nur egal, was andere meinen oder machen. Was die Nordachse macht, muss vor Ihnen selber Bestand haben. Auf der Bühne merkt man, dass sie ihre Sache sehr ernst nehmen, dass sie eine Show abliefern wollen, die sie auch selber feiern würden. Und dass sie dabei die Hip-Hop-Komponente mehr betonen als andere, ist untertrieben. Der Auftritt auf dem Pferdefest ist eine Paradevorstellung von Hip-Hop-Kultur. Achim spielt die Songs von echten Platten ab, Ivo enttarnt sich als Wunderwaffe mit Breakdance-Power-Moves und Beatbox. Shacke rappt live, akkapella, freestyle und double-time. Im Zusammenspiel der Drei entwickelt sich eine mitreissende Energie. Irgendwann tauchen auch tatsächlich die Weinprinzessinnen auf, die zu ‚Lalala‘ auf die Bühne gebeten werden, einem Song mit echten Dorffest-Qualitäten.

Das Publikum bekommt wie geplant eine Zugabe, mit dem in der ersten Reihe schon viel gewünschten ‚Kings aus Prinzip‘ als Höhepunkt. Mittlerweile ist es weit nach 2 Uhr, weil die Umbaupause aus unklaren Gründen anderthalb Stunden gedauert hat und Shacke erst nach 1 Uhr auf die Bühne konnte. Das Zirkuszelt ist zwar nicht mehr rappelvoll, wie zu Beginn der Show, aber die, die noch da sind, sind noch hundert Prozent am Start. Das ganze Zelt singt jetzt die ‚Kings aus Prinzip‘-Melodie weiter.
Shacke hat eigentlich schon abgeschlossen und steht am Hinterausgang vom Zelt. Erst winkt er ab, als Ivo meint, dass sie noch einen spielen sollten. Die Atmosphäre im Zelt ist aber eindeutig. Die Drei gehen nochmal hoch und spielen ein Best-Off inmitten der Crowd, die jetzt die Bühne erobert hat.


Nach 2 Songs legen Bierduschen das Soundsystem lahm. Achim hilft dabei  die 1210er mit Handtüchern abzudecken, dann tritt ein Mann auf die Bühne, schließt seinen Gameboy an und fängt an, Pop-Klassiker in 8-Bit-Dance-Versionen abzufeuern. Die Nordachse-Crew bleibt neben der Bühne stehen und schaut neugierig zu, wie der Gameboy-Mensch die von ihnen aufgeheizte Meute weiter bespaßt. Ich frage Shacke, ob das jetzt der Standard sei oder schon eine besondere Show? „Am Ende war schon schön.“


Shacke One


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