Magazin

Roskilde Festival 2019

Romantik, Entstellung und Familie


 
 

text Isabel Roudsarabi
fotos Till Petersen

Eigentlich möchte man nur jeden Menschen auf der Welt einmal auf dieses Gelände schubsen und dazu bringen, sich dort treiben zu lassen, sich umzusehen, einmal einzuatmen. Es ist Endzeitstimmung und Wiedergeburt, Neuanfang und Apokalypse. Alles passiert in Zeitlupe und alles was passieren kann, passiert auch hier. Beim Roskilde steht die Zeit still.

 

Eine Aneinanderreihung kitschiger Klischees, in denen aber so viel Wahrheit steckt: Rechts kotzt ein Mensch gerade gelbe Flüssigkeit während eine Traube anderer ihn anfeuert, links wird eine Performance im Flokkr (eine kleine Zirkuszeltbühne auf einem der Campingplätze) aufgeführt, bei der ein paar Tänzer*innen, die aussehen als hätte man sie gerade beim Holi Festival mit einer Menge Farbe beschmissen, herumschwirren und Besucher*innen verwirren. Willkommen in Dänemark.

Willkommen beim Roskilde.


Wenn man das Glück hat diese Veranstaltung zu besuchen, dann kann man man ein ganzes Leben in 8 Tagen erleben. Vom Ankommen und Zelt aufschlagen in einer völlig neuen Welt, über das Erkunden eines Ortes der einem alle Möglichkeiten bietet – frei ist und gleichzeitig Schutzraum. 

Wer sich das, mit umgerechnet etwa 300€ zugegeben recht teure Ticket, nicht leisten kann, der hat zum Beispiel die Möglichkeit die Eintrittskarte in Raten zu zahlen oder sich ein Tagesticket für etwa 150€ zu besorgen. Die schönste und günstigste Variante ist allerdings, sich als Volunteer für das Festival einzutragen. Dabei kann man sich für eines von zig verschiedenen Teams mit unterschiedlichen Aufgaben entscheiden und bekommt neben dem freien Eintritt oft auch noch Mahlzeiten und ein paar Feierabend-Biere obendrauf. Man kann etwa im Recycling-Team ein Auge auf die Sauberkeit des Festivals haben, bei Foodständen oder dem Aufbau aushelfen. Dafür darf man dann mehr als eine Woche feiern – vier Tage mit offiziellem Programm und vier mit inoffiziellem, aber mindestens genau so aufregendem auf den Campingplätzen. Und man wird direkt Teil der Festivalfamilie.

Wenn vor der Öffnung der Campingfläche am Samstag Mittag das Gelände noch leer ist, strahlt es so viel Ruhe aus, man möchte meinen, man befinde sich am idyllischsten Ort der Welt. Die Sonne strahlt, das Gras so grün, als hätte vorher schnell noch jemand drübergepinselt, damit auch alles perfekt aussieht. Der größte der Campingplätze ist in akkurate Rechtecke eingeteilt, an manchen findet man Schilder mit Campnamen, an anderen steht einfach “Leave No Trace”. Dieses besondere Areal ist offen für diejenigen, die sich dazu bereit erklären ein nachhaltigeres Festival zu gestalten. Jedes Camp setzt also eine Idee um, etwa einen veganen Kochworkshop, Stromgewinnung durch erneuerbare Energien oder Fahrradtouren zum Festival. 

In der Dream City können Teams schon Mitte April anfangen, ganze Gebäude oder Installationen zu bauen, sie mit DJ-Pulten auszustatten und sich ein Motto zu überlegen, dass ihre Fläche besonders macht. Der „Zoo“ ist so zum Beispiel schon lange eine feste Größe und bietet Platz für Tausende tanzwütige Besuchende, die vor Infield-Öffnung am Mittwoch schonmal ein bisschen Energie rauslassen wollen. Es gibt ein Spiele-Camp in dessen wunderbar gemütlicher Holzhütte man mit der ein oder anderen Runde Monopoly im Handumdrehen Freundschaften zerstören kann, oder ein – zugegeben ein bisschen makaberes – Vietnam-Camp, in dem eine Gruppe Menschen in Tarn-Uniformen Paintball spielen. Diese Community an Camps baut also praktisch nochmal ihr eigenes, komplett selbst gestaltetes Festival, vor den Toren des eigentlichen. Alle übernehmen Verantwortung füreinander, jeder hilft den anderen Gruppen, wo er kann und auch hier gibt es Regelungen, die den Müll auf dem Gelände in Grenzen halten sollen.

Das Roskilde ist seit Jahrzehnten Vorbild für andere Festivals in Sachen Fortschritt und Zukunftsvisionen.

Jeder dritte Gast hat eine Aufgabe, unterstützt, ist mit-verantwortlich für das Gelingen der Veranstaltung. 

Weiter vorne, am Eingang, warten bereits Hunderte auf den Startschuss. Manche kommen eine Woche vorher, campen schonmal am Zaun, um sich die besten Plätze in der Schlange zu sichern und ihren Urlaub ein bisschen auszudehnen. Einige haben Wagen dabei, auf denen Anlagen stehen, die ohne Weiteres mit so mancher kleinen Festival-PA mithalten könnten, tragen Kostüme oder Caps mit ihren Campnamen, die teilweise schon seit Jahrzehnten existieren. Schon bevor der oder die Erste auch nur einen Fuß auf das Gelände gesetzt hat, spürt man es schon, dieses Orange Feeling

Wenn dann über die Lautsprecher durchgesagt wird, dass das Areal eröffnet ist, wird gerannt. Und zwar so schnell, wie einen die Beine nur tragen. Aus der Ferne, hinter der Absperrung, erinnert das ein bisschen an eine Herde wilder Wasserbüffel.

Das Getrampel übertönt jede Musik, die schon aus den Boxen ertönt, der Boden wird aufgewühlt und es entsteht eine Staubwolke, die einem auch ein paar hundert Meter weiter noch die Nasenlöcher verklebt.

In den nächsten paar Stunden wird dann erstmal aufgebaut, sich ein Snack an einem der wirklich unglaublich zahlreichen, meist von ehrenamtlichen Vereinen betriebenen, Foodstände geholt und schonmal die erste Dose Tuborg aufgemacht. Die kann man hier palettenweise vorher bestellen und sie dann mit einem Voucher vor Ort einfach abholen. Die Herde stärkt sich am Wasserloch.


Die Tage der Campingplatz-Parties vergehen schnell. Anziehen, (optional Duschen), Kaffee, tanzen, das ein oder andere Somersby vernichten, tanzen, staunen, tanzen. Trotz der vielen, denen hier Nachhaltigkeit kein Fremdwort ist, pflastern am zweiten Tag schon zertretene Bierdosen, benutzte Tampons und Berge aus Kippenstummeln, die aussehen wie zufällig arrangierte kleine Städtchen, das gesamte Gelände. 
Auf zwei Bühnen gibt es auch schon Programm, und zwar hauptsächlich Newcomer aus Dänemark und Skandinavien. Wer hier nach Genre-Grenzen sucht, der sucht vergeblich, denn obwohl das Festival vor 50 Jahren mal mit einem Rock-Fokus gestartet ist, findet man hier heute auch alles andere.

Das man auf einem Festival in eine Parallelwelt hineinplumst, das ist fast überall so. Die Roskilde-Welt besitzt sogar ihre eigene Sonne, strahlend, angebetet von tausenden, bespielt von den größten Künstler*innen der Welt. The Cure, Cardi B, Travis Scott und Underworld geben sich hier 2019 das Mikro in die Hand.

Am Mittwoch spielen Christine & The Queens den Closing Slot auf der größten Zeltbühne, der Arena, in der über 17.000 Menschen Platz finden. Wie man so unglaublich neckisch und zugleich elegant mit Gender-Identitäten spielt, eine Show auf die Bühne bringt, die fast genau so aufwendig wie anspruchsvoll produziert ist wie das nächstbeste Broadway Musical, und gleichzeitig aufwühlende und emotionale, nachdenkliche und euphorische Momente schafft, wie Héloïse Letissier, ihre Band und Tänzer*innen, bleibt ein Mysterium – ein zauberhaftes. Das ganze Set fühlt sich an, wie der Augenblick, in dem man eine verlorene Wimper wegpustet – keine Ahnung was das jetzt bedeutet, aber es geht ja ums Feeling.


Bei der Londoner Neo-Soul Band Jungle ist es so voll, dass man die Bühne schon gar nicht mehr richtig erkennen kann, Bob Dylan plänkelt auf der Orange Stage am Nachmittag ein bisschen zu entspannt seine Hits vor sich hin und The Cure sehen bei ihrem Auftritt, trotz des fortgeschrittenen Alters, deutlich gesünder und freudiger auf als noch einige Wochen zuvor beim Hurricane.
Die Headlinerin am Freitag, die schwedische Künstlerin Robyn, deren Song auch schon beim Soundcheck der Orange Stage durch die Boxen waberte, schafft, zusammen mit dem Publikums-Chor, einen unvergleichlichen Moment. Es fühlt sich an, als würde das komplette Festival zusammen singen, als sie Dancing On My Own anspielt. Und obwohl der Bühnenaufbau ein bisschen so aussieht, als hätte man sich schnell noch dazu entschieden ein paar weiße Laken über die Instrumente zu schmeißen, konnte sich wohl jede*r der/die irgendwann im Leben schonmal den ein oder anderen Liebeskummer erleben musste, ein bisschen Wut und Trauer von der Seele schreien.

Die junge Grime-Künstlerin Flohio, die erst wenige Minuten vor ihrem Auftritt auf dem Festival ankommt, sorgt dann am Samstag dafür, dass die komplette Apollo-Stage den Hip-Hip-Arm erhebt und war so authentisch und energiegeladen, dass man nach ihrem Auftritt keinen Zweifel mehr daran hatte, dass auch die Zukunft der Musik in sicheren Händen liegt. Roskilde ist mutig.

Wenn der Kopf sich von alleine schüttelt, weil man nicht glauben kann, dass man gerade selbst mitten in diesem Moment steht, dann ist das Liebe. Und pure Begeisterung. 

Und vergessen von allem, was nicht genau hier,
genau jetzt ist.

Und wenn man dann, nach dem letzten Konzert, noch die letzte Zigarette des Abends raucht, sich ein entspanntes Plätzchen sucht, und die zum Campingplatz strömenden Besucher*innen beobachtet, dann bekommt man Gänsehaut am ganzen Körper. Dieses weiche-Knie und pumpendes-Herz-Gefühl.

Natürlich ist das hier nicht perfekt.

Natürlich gibt es besoffene Idioten, Dreck, beschissene Situationen und schlechte Bands. Aber auf dem Roskilde existieren Gedanken an eine selbstverständlichere Gesellschaft schon seit 50 Jahren und hier werden sie (von den meisten) gelebt. Hier werden verlorene Handys oder 2000 Euro Kameras noch am Lost & Found abgegeben, hier teilt man sich brüder- und schwesterlich seine letzte Tuborg Dose oder diese ein wenig zu grünlich aussehende Vodka-O Mische. Hier wird einem aufgeholfen, wenn man sich mal wieder (unabsichtlich) im Matsch längs hingelegt hat, es wird gefragt, ob alles okay sei, wenn man am Rand kurz pinkeln geht, weil man so aussah, als würde man kotzen müssen. Es gibt Performances, riesige Skulpturen aus Holzstämmen, die symbolisieren  das “Me” und “We” zusammengehören. Roskilde ist Politik und Miteinander.

Neben der Musik sind da dann noch hunderte von Kunstwerken. Fast jede Wand ziert ein Graffiti, es gibt Jams, bei denen man sich selber ausprobieren kann und auch die Bühnen, sind Werke für sich. Jede hat ihr eigenes Lichtkonzept, was schon ohne den Sound zum Staunen bringen kann und mit ihm zu einer Einheit verschmilzt, von der man gar nicht mehr loskommt.

Wenn einem, aus unerfindlichen Gründen, dann doch mal langweilig wird, kann man sich beim Hip-Hop Battle anderen Camps stellen oder beim Naked-Run an die Startlinie treten. Man kann bei Workshops über Geschlechterrollen lernen oder einen Vortrag über die Außenpolitik Dänemarks anhören.

Wenn man irgendwann mal sterben muss, dann hier, zwischen den besten Musiker*innen der Welt, zwischen Feierlaune und Politik, zwischen Teenies, die gerade zum ersten Mal ein Festival erleben und Menschen die schon seit 30 Jahren herkommen und immer neue Bühnen und fantastische Camps bauen. Zwischen Liebe und Hass, Romantik und Entstellung. Zwischen Dreck & Eskalation. Das hier ist Kultur und Gesellschaft. Die Definition von Festival.

Es ist eine 135.000 Menschen große Familie. Und sie hört nicht auf Familie zu sein, auch nicht nach dem Festival. Man träumt sich zurück mit Videos und Fotos, erinnert sich an Gerüche, an dieses unvergessliche Lächeln, an die Umarmungen vor der Bühne, die sich so viel magischer anfühlen als irgendwo sonst. An die Menschen und die Klänge am schönsten Ort der Welt.

Festivalfinder

Roskilde Festival 2020

27. Juni bis 04. Juli – Roskilde, Dänemark


Alle Infos zum Festival

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