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Interview mit Gitarrenbacklinerin Lisandra Fiedler

"Plötzlich hab ich dann Gitarrenbau gelernt"


In einem normalen Jahr, ohne Pandemie, verbringt Lisandra Fiedler einen Großteil ihrer Tage on the road. Als Gitarrenbacklinerin ist sie sowohl vor, als auch während und nach dem Konzert für das Gitarrenarsenal zuständig.

text Johannes Jacobi
redaktion Sonni Winkler, Isabel Roudsarabi
fotos Till Petersen

Die richtige Gitarre, richtig gestimmt und gepflegt hat im richtigen Moment zum richtigen Song in der Hand des oder der Musiker*in zu landen. Viel Druck, viel Verantwortung aber eben auch viel Spaß. Beim Touren mit Olli Schulz oder Milliarden zum Beispiel kann das auch mal bedeuten, dass Lisandra sich beim Crowdsurfen wiederfindet…

Wir haben sie beim Haldern Pop Festival bei ihrer Tätigkeit als Gitarrenbacklinerin für Gisbert zu Knyphausen begleitet und wollten wissen, wie sie zu ihrem Job gekommen ist und wie das eigentlich so ist mit dem Tourleben.

*Das Interview wurde vor Covid-19 geführt und dreht sich daher Inhaltlich nicht um das Ausfalljahr 2020.

Das sieht schon fast nach Tourmanagement aus, wenn du hier so rumwuselst. 
Das stimmt. Ich bin natürlich nicht nur Gitarrenbacklinerin, sondern mach‘ auch viele andere Sachen wie Tourmanagement oder Produktionsleitung.

Mit wem bist du unterwegs? 
Meistens mit Olli Schulz, heute mit Gisbert zu Knyphausen, manchmal mit Milliarden und teilweise auch als Vertretung bei anderen Bands.

Wie kamst du dazu? 
Eigentlich fing das verrückt an … ich war mit einem Musiker zusammen, habe mein Studium kurz vor dem Abschluss abgebrochen und bin einfach mit auf Tournee gefahren. Ich brauchte irgendeine Aufgabe und so fing das irgendwie auch alles an. Plötzlich hab ich dann Gitarrenbau gelernt.


Richtig als Ausbildung? 
Nein, ich glaube, eine richtige Ausbildung gibt’s dafür gar nicht. Wäre mir jedenfalls nicht bewusst. Ich bin einfach zu Sandberg Guitars gegangen und habe für ein paar Monate dort Gitarren gebaut. Ein paar Jahre später habe ich das Ganze vertieft und bin nach Tel Aviv um für B&G Guitars Halbakustikgitarren zu bauen. Auch das war wieder so ein Zufall: Ich war in Israel im Urlaub und treffe dort jemanden von B&G, der sagt: „WAS? Du kannst Gitarren bauen? Ich brauch ganz dringend jemanden! Kannst du nicht bleiben und hier arbeiten?“ Und plötzlich hab ich wieder Gitarren gebaut und bin ein Jahr in Israel geblieben. 

Wie hat damals dein Umfeld reagiert?
Meine Eltern haben es gar nicht verstanden. Die waren richtig sauer. Das kannste mir glauben! Ich kann’s irgendwo auch nachvollziehen, wenn man Jahre lang studiert und das dann nicht zu Ende führt… Heute mögen sie es umso mehr, weil sie es mittlerweile besser verstehen und dadurch auch selbst den ein oder anderen Vorteil genossen haben: „Ach Lisandra, heute ist übrigens Udo Lindenberg in der Stadt, kannst du uns nicht mal auf die Gästeliste setzen? Du kennst doch den Gitarristen.“ Jetzt nutzen sie halt diesen kleinen, coolen Bonus auch mal aus.

Sie haben mich auch schon oft bei Shows besucht, gesehen, was ich mache und am Ende gesagt, dass sie richtig stolz auf mich sind.

Wie bist du dann nach Tel Aviv dahin gekommen, hier mit Künstler*innen auf Tour zu gehen?
Meinen ersten Backlinerinnen-Job hatte ich bei den Madsen, das muss so 7 oder 8 Jahre her sein. Da lief das einfach über eine Empfehlung. 
Und als ich mit den Madsen unterwegs war, kam plötzlich eine andere Band auf mich zu: „Hey, kannst du das nicht auch für uns machen?“ Und dann hatte ich irgendwann ’ne wilde Nachricht von Olli Schulz auf meiner Mailbox: „Hey hier ist Olli, Ich brauch `ne Backlinerin, Wilko sagte du bist cool. Komm‘ mal vorbei und lass uns auf Tour fahren.“ 

Was war bei deinen ersten Touren das Schwierigste für dich? Hast du dich unter Druck gesetzt gefühlt, ging vieles schief? 
Es war schwierig … Nein, eigentlich war es einfach total wahnsinnig. Ich hatte null Vorgeschichte, ich hab nicht mal selbst Gitarre gespielt. Ich war einfach so beeindruckt von dieser ganzen Tournee-Welt, dass ich eben mein Studium hingeschmissen habe und irgendwie versuchte, meinen Platz darin zu finden. Und auf einmal stehst du auf einer Bühne und sollst die Gitarren stimmen und es darf kein Fehler passieren und du musst den Aufbau machen, das erste Mal vor dem Publikum die Gitarren anspielen, um den Line-Check zu machen. Der Tontechniker ruft: „Spiel mal ein G“, doch: „Wo zur Hölle ist nur das G auf der Gitarre?! “ Ich konnte nur E und A und halt Gitarren bauen, aber kein G. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken, es war mir einfach total peinlich. Leute gucken dich an und du weißt, es darf nix schief gehen und dann findest du nicht mal ein G auf der Gitarre.

Aber die Idee oder den Gedanken, selbst auf der Bühne zu stehen, gabs nie? 
Dazu spiel ich leider immer noch viel zu schlecht Gitarre. Ich glaube, es hat schon seine Berechtigung, warum ich neben und nicht auf der Bühne stehe.
Mittlerweile bin ich allerdings nicht mehr nervös vor den Shows. Jetzt ist es eine Art Gewohnheit geworden, es spielt keine Rolle, wie viele Leute da vorne stehen oder ob ich einen Line-Check machen muss, ein G spielen soll oder wie viele Songs wir an dem Abend spielen. Es ist inzwischen so viel Routine dahinter, dass ich einfach mit einer gewissen Ruhe und Ausgeglichenheit auf die Bühne gehen kann.

Es ist ja auch eine große Vertrauenssache, oder? 
Ja, das ist es. Die erste Show mit einer neuen Band zum Beispiel ist für mich immer noch die schwierigste. Das hab ich vor allem bei Olli Schulz gelernt. Bei unserer allerersten gemeinsamen Show sind wir einfach, ohne nur einmal im Vorfeld geprobt zu haben, zu einer Doppelshow nach Hamburg gefahren. Vor Ort konnte ich dann erstmalig seine mit Edding auf ein Stück Papier gekritzelte Setliste mit ihm besprechen. Dass diese jedoch nicht ganz fehlerfrei und auch nur eine Interpretation von dem war, was wir wirklich machen, habe ich schnell herausgefunden, als ich zu fast jedem Song mit der falschen Gitarre, dem falschen Tuning und dem Capo am falschen Bund vor ihm stand. Ich sage dir, das hat mich richtig fertiggemacht!

Er macht auf der Bühne ja super viel Freestyle…
In der Tat. Und ich wusste bis dato auch einfach nicht, worauf ich mich da eingelassen hatte. Ich bin heulend von dieser Bühne runtergegangen. Am nächsten Tag sind wir dann auf Tournee gefahren und es gab nie wieder solch ein Chaos.

Was war die größte Produktion, bei der du bis jetzt mitgewirkt hast?
Von der Größe der Produktion und des Teams sind es wahrscheinlich die Broilers gewesen oder Carlos Santana. Das waren riesige Teams, viele Trucks, ein eigenes Catering und wir spielten in großen Hallen und Stadien. Vom Gefühl her jedoch empfand ich die Zusammenarbeit mit Olli, Gisbert, Kat, Milliarden und den anderen vielen kleineren Bands als etwas Großes und Großartiges. Dort herrscht einfach ein ganz anderes Gefühl von Zusammenhalt. Es ist schon fast familiär und die Arbeit lässt auch mal kleine Späße zu oder ein spontanes «Um-die-Wette-stagediven». Diese Art von Tourneen machen mir eigentlich am meisten Spaß.

Am Ende spielt es gar keine Rolle, wie viele Leute die Shows anschauen.

Kannst du dir deine Aufträge mittlerweile aussuchen?
Worauf achtest du da? 
Ich will tatsächlich keine Hallen und Stadien-Tourneen mehr machen. Das ist mir im Laufe der Jahre alles so unsympathisch und riesig geworden. Manche Crewmitglieder lernst du dabei nicht einmal kennen, weil dir oft die Zeit dafür fehlt. Hingegen freue ich mich jedoch immer, wenn mal eine Band anfragt, welche auch noch richtig coole Musik macht. Da gibt es noch so einige, für die ich gerne mal arbeiten würde.

Wie oft bist du unterwegs? Machst du auch zwischendurch noch andere Sachen? 
Ich habe immer eine recht große Frühjahrstour und eine im Herbst. Diese sind dann jeweils ungefähr 3-8 Wochen lang. Im Sommer sind wir dann an den Wochenenden auf Festivals unterwegs und das war es dann tatsächlich auch schon. Zwischendrin verdiene ich noch etwas Geld bei örtlichen Produktionen.

Also kannst du gut davon leben? Machst du dir Sorgen um die Zukunft?
Ja, wenn ich ausgebucht bin, kann ich sehr gut davon leben. Zukunftsängste stellen sich meistens nur dahingehend ein, dass eine Familie oder eine Partnerschaft mit dem Job sehr schwierig zu vereinbaren sind. Wenn ich irgendwann mal eine Familie gründe, kann ich schlecht sagen: „Hey, ich geh‘ jetzt mal ein paar Wochen auf Tournee. Ciao, Tschüss, viel Spaß zu Hause.“

Ich denke, ich werde später nochmal was ganz anderes machen müssen. 

Willst du dann im Musikbereich bleiben? 
Ich würde sehr gerne noch mal studieren. Dann aber Dramaturgie und Regieführung, um bei einer Fernseh- oder Filmproduktion mitwirken zu können. Ich arbeite bereits jetzt schon öfters bei Schweizer TV-Produktionen und den Swiss Music Awards zum Beispiel. Das gefällt mir eben auch.

Hast du eine Geschichte, die du immer wieder erzählst, weil sie so grausam oder witzig oder stumpf war? 
Uff, da hab‘ ich so einige. Meistens erzähle ich auch nur die witzigen, aber eine grausame fällt mir sogar spontan ein: Als ich 2015 mit Marcus Miller auf Tournee war, bekam ich plötzlich 40 Grad Fieber. Da mein Kollege bereits ausgefallen und auf dem Rückweg nach Hause war, musste ich also die Backline mit dem Sprinter von Venue zu Venue fahren. Bei einer Europatournee sind das jedoch auch oft große Distanzen und so kam ich bei der Fahrt von Belgien nach Prag mit Fieber und Schüttelfrost ganz schön an meine Grenzen. Ich dachte irgendwann nur noch «Ich schaff das alles nicht mehr» und die Tour ging noch zwei Wochen weiter. Das ist so eine der schlimmsten Erinnerungen an das Tourleben, ansonsten mag ich es eigentlich sehr gerne. 


Ist das generell ein Problem, dass man in ständiger Angst lebt, krank zu werden, es nicht wuppen zu können? 
In den letzten Jahren bin ich auf Tournee vielleicht so drei oder vier Mal krank geworden. Hauptsächlich war es jedoch mein Rücken, der mich plagte, weshalb ich inzwischen das Tourmanagement der Backline vorziehe. Da muss man einfach weniger Cases verladen. Aber ansonsten ging es eigentlich. Unangenehm sind dann eher Brüche oder ein Bandscheibenvorfall. Selbst mit einem gebrochenen Steißbein war ich schon auf Tour. Das ist dann richtig schlimm, weil man es trotzdem machen muss. Kurzfristig Ersatz zu finden, ist schwierig und ich bin natürlich auch auf das Geld angewiesen. Im normalen Leben mit einem normalen Job und festen Arbeitszeiten würde man sich dann einfach krankschreiben lassen.

Hast du das Gefühl das du abstumpfst, was so Musik, Festivals und Konzerte angeht? Das du das selbst nicht mehr genießen kannst?  
Zu einem gewissen Teil, ja. Wenn ich von einer Tournee wiederkomme und wir zum Beispiel vier Wochen unterwegs waren, würde ich danach definitiv kein Konzert besuchen wollen. Dann will ich erst mal nur zu Hause sein, in meinem eigenen Bett schlafen, meine Ruhe genießen und einfach mal keine laute Musik hören, – dann brauche ich mal Ruhe um mich herum. Nicht einmal das Radio oder Spotify wird angeschaltet. Aber ich fahr trotzdem privat jedes Jahr auf drei oder vier Festivals als Gast und hab immer wieder große Lust darauf.

Hast du manchmal das Gefühl, es ist schwer, sich durchzusetzen? Vor allem als Frau, in einer eher männlich besetzten Branche?
Auf Tournee fällt es mir tatsächlich leicht, mich durchzusetzen. Ich komme rein, mache sofort Scherze mit den Leuten, lache mit ihnen und bin einfach immer freundlich. Das hat mich bisher am weitesten gebracht. Dann sind direkt alle nett zu mir, die allgemeine Stimmung ist gut und die Techniker helfen mir dann auch gerne, die ganzen Cases auf die Bühne zu tragen. 

Aber es gab auch Bands, die nicht mit mir arbeiten wollten, weil ich eine Frau bin. Wenn dir eine namhafte Band sagt: „Wie wir hörten, machst du einen tollen Job, aber wir nehmen leider keine Frauen mit auf Tournee“, dann schmerzt das schon, da es sich dann nicht einfach nur um eine Schwäche, an der man arbeiten kann, handelt. Weißte was ich meine? Ein G anspielen konnte ich lernen. Eine Frau zu sein, kann ich nicht verändern. Das beschreibt natürlich auch nicht alle Bands. Nein, ich habe viele tolle Chancen von ganz fantastischen Bands erhalten. Und einige schätzen es sehr, Frauen im Team zu haben, da sich dieses oft raue Tour-Klima schlagartig verändert. Es wird viel harmonischer.
Insgesamt glaube ich einfach: Man muss es probieren. Und sollte sich von solchen Geschichten nicht abschrecken lassen.

Johannes Jacobi

Hallo, mein Name ist Johannes und ich hatte irgendwann mal die Idee zu diesem Projekt hier. Wenn ich Morgens zu meinem Zelt wanke, es hier und da nach Urin riecht, wenn eine kleine Gruppe von Leuten in ihrem Camp beim letzten Bier noch Britney Spears hört, während im Nachbarcamp zwar schon alle auf ihren Stühlen eingepennt sind, aus dem Ghettoblaster aber trotzdem noch lautstark Heavy Metal läuft – dann finde ich das romantisch. So romantisch sogar, dass ich irgendwann angefangen habe, neben eigenen Veranstaltungen noch für Festivals zu arbeiten. Und so romantisch, dass ich irgendwann unbedingt genau diese Momente festhalten und zeigen wollte. Denn diese Dinge machen Festivals für mich aus.