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Ein Roadmovie über nachhaltiges Touring & Events

ÓN THE ROAD


Nachhaltigkeit ist glücklicherweise auch in der Musikindustrie in den letzten Jahren immer mehr zum Thema geworden. Wie ein nachhaltigeres Touring und ressourcensparendere Festivals möglich werden, hat die Band HAIÓN, zusammen mit vielen Partner*innen, in einer 2020 erschienenen Dokumentation aufgezeigt.

text Isabel Roudsarabi
fotos HAIÓN 

lesezeit 4 Minuten

„Jede Veranstaltung ist unterschiedlich. Dementsprechend ist die Frage immer: ‚Was willst du ändern?‘ Und die Frage […] hängt davon ab: ‚Was kannst du ändern?'“ Jacob Bilabel, Gründer der Green Music Initiative erklärt zu Anfang des Roadmovies, das das fünfköpfige Sound Kollektiv HAIÓN bei ihren Festivalgigs im Sommer 2019 begleitet, dass es keine Pauschallösung für Nachhaltigkeit gibt. Es sei immer eine Frage des Teams, eine Auseinandersetzung mit den eigenen Ressourcen und Möglichkeiten, die sich eine Band oder die Organisierenden von Festivals und Konzerten zunächst stellen müssten. Erst dann sei eine Überlegung, wie die eigene Veranstaltung nachhaltiger werden kann, möglich. Ein paar Jahre könne die Umsetzung größerer Projekte dann schon mal dauern: „Was wollen wir in fünf Jahren für eine Geschichte erzählen? Und wie stellen wir heute sicher, dass wir in fünf Jahren da ankommen?“, so Bilabel.

Vorbilder finden

Der von der Initiative Musik und der Triodos Bank co-finanzierte Film führt durch einen Touringsommer der Band und lässt dabei unterschiedlichste Akteur*innen aus Festival- und Musikbranche zu Wort kommen. Milky Chance Sänger Clemens Rehbein erzählt von den Schwierigkeiten nachhaltigen Merch zu produzieren und ihrem aktuellen Projekt milkychange.com, einem Blog über nachhaltiges Touring, der als Blaupause für andere Künstler*innen dienen soll. Fuchs & Hirsch Festivalberater Robert Stolt betont außerdem die Wichtigkeit für Veranstalter*innen, zu sehen, dass sich mit Nachhaltigkeit sogar Umsätze generieren lassen. 

Was die Macher*innen der Dokumentation vor allem zeigen wollten: Vorbilder, die beispielsweise in Sachen Energie oder Anreise-Management schon einiges richtig machen und bei denen man sich gerne Good Practises abschauen darf, gibt es bereits. So steht auf dem Hamburger FUTUR 2 Festival zum Beispiel eine Fahrrad-betriebene Bühne und für den Rest der Veranstaltung verwendet man hauptsächlich Solarstrom. Das Fuchsbau Festival in Lehrte setzt unterdessen auf gemeinsame Busanreisen, statt PKW Parkplatz. Aber nicht nur der ökologische Aspekt wird beleuchtet. Um Nachhaltigkeit in ihrer Gesamtheit zu verstehen, geht die Doku auch auf den sozialen Aspekt ein. Viele Veranstaltende versuchten bereits, ihre Gelände und Onlinepräsenz barriereärmer zu gestalten, erzählt Jonas Seetge, Sprecher des Arbeitskreis Festivalkombinat der LiveKomm und Höme-Geschäftsführer.

Markus Blanke vom Rocken am Brocken Festival erweitert den Begriff sogar noch: „Inzwischen ist es schon so, dass wir uns da sehen, dass ein Festival die Aufgabe hat, nicht zu belehren, aber vielleicht Richtungen vorzugeben. Deswegen haben wir vor drei Jahren das Awarenessteam auf dem Festival implementiert.“ Auch Diversity sollte auf Veranstaltungen eine Rolle spielen, das meint auch Künstlerin MADANII.

Egal welche Einkommensschicht, welches Geschlecht oder welche Herkunft: Festivals sollten Orte für alle sein.

In dieser Dokumentation geht es also um die Frage, was konkret getan werden kann, um nachhaltiger zu veranstalten, als Band/Künstler*in zu touren oder als Besucher*in nachhaltiger zu agieren. Von der ökologischen Nachhaltigkeit, über soziale Nachhaltigkeit (Diversity, Awareness, Bankwesen…) bis hin zum Thema der mentalen Gesundheit, das gerade für tourende Künstler*innen von großer Relevanz ist, versucht die Produktion, möglichst alle Aspekte wenigstens kurz anzureißen. Das Ergebnis: 30 Minuten in denen wir viel von dem erfahren, was bereits umgesetzt wird und wie man es in Zukunft noch besser machen kann. Alle, die sich also für die eigene Veranstaltung oder das eigene Projekt inspirieren lassen möchten, oder sich einfach vom aktuellen Stand in der deutschen Musikbranche ein Bild machen, wird die Dokumentation mit Sicherheit abholen.

Unterlegt mit atmosphärischen Festival-Snippets regt der im November im Rahmen der Future of Festivals Konferenz premierte Film nicht nur zum Nach- und Umdenken an, sondern ist auch noch was für’s ästhetische Auge und hilft, sich auch in einer Open Air-armen Zeit ein bisschen ins Festivalfeeling zu versetzen.

Isabel Roudsarabi

Hallo, ich bin Isi. Seit ein paar Jahren verbringe ich meine Sommer am liebsten zwischen Zeltstädtchen, Bühnen und an der Schlange vorm Dixiklo, manchmal in der Produktion, manchmal, um später etwas über diese zauberhaften Ereignisse zu berichten zu können. Zwischen Weinschorle, Trichtern (kann ich nicht, ist aber immer lustig, wenn andere davon kotzen), dem Trällern großartiger Evergreens (beispielhaft zu nennen wäre hier das gesamte Repertoire des High School Musical Casts), und ungemütlichem Zelt-Sex sind Festivals Utopie und Freude und immer wieder Orte, an denen wir uns neu erfinden können oder genau so bleiben, wie wir sind. Sie sind Zuflucht und Save Space und ganz viel Liebe. Ende 2017 habe ich angefangen ein bisschen was für Höme zu schreiben. Irgendwie bin ich dann nach Berlin gezogen und jetzt bin ich hier.