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Erinnerungen vom Wilde Möhre Festival 2019

Mehr-Möhre


Was ist ein Festival ohne Musik? Was erlebt man, wenn man sich abseits der Bühnen den anderen Programmpunkten widmet, die mittlerweile einen wachsenden Anteil der Festivallandschaft ausmachen?
Unsere Redakteurin Verena hat sich beim Wilde Möhre Festival neugierig auf das schier endlose Angebot an sogenannten Side-Events gestürzt, und dabei (fast) einen Tag ohne Musik verbracht.

text Verena Simon
redaktion Jonas Rogge
fotos Danilo Rößger

Anfang August 2019. Eine laue Sommerbrise weht mir um die Nase, während ich mich, mit Zettel und Stift bewaffnet, über das Programm der Wilden Möhre hermache, die ich in ein paar Tagen besuchen werde. Schnell werden aus einem Zettel mehrere Zettel, Buntstifte und Textmarker gesellen sich zum Kuli, schnell male ich Pfeile, unterstreiche ich Wörter, Daten, Zeiten: Ich mache mir einen Plan für den Festivalbesuch, und mache dabei einen großen Bogen um das Musikprogramm eine schräge Vorstellung.

Am Samstagmorgen steige ich mit dem Fahrrad in den Regionalzug und fahre nach Altdöbern, der nächstgelegenen Haltestelle zum Möhre-Gelände. Der Zug ist brechend voll, mein Fahrrad hat kaum Platz, aber ich habe mir fest vorgenommen, den Weg zum Festival auf zwei Rädern zu bestreiten und ein wenig Natur einzufangen. Dort angekommen, trete ich also in die Pedale, durchstreife kleine Dörfer und fahre auf den Landstraßen vor mich hin. Nur einmal werde ich vom Shuttlebus, der die anderen Besucher*innen zum Festival bringt, überholt. Nach gut einer halben Stunde bin ich da. 

Ein schnurgerader Weg geht von der Landstraße ab und führt mich durch einen lichten Wald direkt ins Herz des Möhre-Territoriums.

Festivalgäste kommen mir zu Fuß und auf Leihfahrrädern entgegen, zum nahegelegenen See ist es ein gutes Stück in die andere Richtung. Ich fahre Slalom, halte direkt vor dem Eingang und sondiere die Lage. An einer kleinen Hütte kann ich mir mein Festivalbändchen abholen. Ich bin froh, dass mir auch ein Programmplan in die Hand gedrückt wird. So finde ich schneller zu den Orten, die ich suche, denn: Ich habe ein straffes Programm vor mir, das mir in Form meiner farbigen Kritzeleien entgegenspringt. Das Schwierigste daran ist, mich zu entscheiden. Viele der unzähligen Veranstaltungen überschneiden sich. Wie sollte es auch anders sein: In das klassische Festival-Dilemma gerät man auch abseits des Konzertprogramms.


Ich schlendere eine Runde über das Gelände, mache Orte aus, die ich heute noch aufsuchen werde, ich arbeite mich langsam vor, Schritt für Schritt. Meiner keine-Musik-Mission versuche ich dabei treu zu bleiben. Mich interessiert heute nicht, wer wann wo auftritt. Mich interessiert heute nur, wer wann wo spricht oder diskutiert über positive Psychologie zum Beispiel, oder Demokratie ohne Grenzen, über Impfungen oder den Klimawandel. Mich interessiert auch, wer wann wo einen Workshop leitet, zu kreativem Schreiben beispielsweise, oder zum ökologischen Fußabdruck oder – auch interessant – zum Schlösserknacken. Ich gehe heute dorthin, wo botanische Stempel zum Einsatz kommen, wo Wiesenwurzel-Upcycling betrieben und Henna gemalt wird, wo Bücher gebunden werden, wo impulsives Theater gespielt wird, wo Yoga gemacht wird, wo meditiert wird und wo eine Kakao-Zeremonie stattfindet.

Ich hole mir tiefe Einblicke in die Liebe und in die Kunst des Loslassens. Vielleicht nehme ich auch noch an einer Exkursion teil.

Und eigentlich interessieren mich auch das Kino- und Ausstellungsprogramm, ich fürchte nur, dafür bleibt mir keine Zeit.

Bevor mich die Überforderung überkommt, eile ich rasch zur Kakao-Zeremonie, die ich gerade noch erwische. Ein dampfender Becher wird mir in die Hand gedrückt und ich werde mit einem Lächeln in den Tag geschickt. Beschwingt starte ich in den Programm-Marathon. 

12:32 Der erste Workshop, an dem ich teilnehmen möchte, findet auf dem Camping-Gelände statt, das Thema lautet „Nicht normal?“. Es geht um psychische Erkrankungen. Hier soll „in ungezwungener Atmosphäre über ernste Themen gesprochen werden können“, wie die Initiator*innen mit Nachdruck wiederholen. Wir alle sitzen auf Teppichen, wir sind auf Augenhöhe, und wir sprechen inmitten von Zelten, Duschen und Essensständen über unsere Erfahrungen: über Stigmatisierung, Tabus, Verharmlosung, gesellschaftliche Missstände, Aufklärung. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre, eine verständige eine, die solche offenen Gespräche erst möglich macht. Ich gehe mit dem Gedanken, dass ein Festival ein guter Ort dafür ist.



13:53 Inmitten von Bäumen treffe ich auf einen großen Kreis aus Menschen, eigentlich zwei Kreise, einer richtet sich nach innen, einer nach außen. Immer zwei Menschen stehen sich gegenüber. Eine Art Speed-Dating denke ich zuerst und merke schnell, dass dieser Gedanke stimmt und zugleich gar nicht stimmt. Nach und nach wird aufgerückt, der innere Kreis wandert immer eine Person weiter. Wer sich gegenübersteht, schaut sich zunächst tief in die Augen; über so viele Sekunden, dass es kaum auszuhalten ist. Es macht etwas mit mir. Nach den tiefen Einblicken ist Zeit für ein paar Worte, wir erzählen uns, was wir am anderen wahrgenommen haben. Ich höre Sätze wie: „Du kannst sehr herzlich sein“; „Du strahlst Wärme aus“; „Ich glaube, dass du sehr liebevoll bist.“

Wertschätzung, Wohlwollen und Mitgefühl wabern durch die aufgeladene Luft.

Eine andere Art der (Nächsten)Liebe. Und spätestens jetzt wird mir klar, wie anders die Erfahrungen auf einem Festival sein können, wenn man sich abseits der Musikbühnen bewegt.

14:43 Ich nehme mir kurz Zeit, um meine Erlebnisse zu verarbeiten. Und um etwas zu essen. Vor dem Handbrotstand lausche ich dem Gespräch vor mir: „Jetzt noch ein bisschen Yoga, danach ein bisschen Schreiben, das ist doch perfekt!“ Schreiben! Der Schreibworkshop kommt mir gerade gelegen. Ich ziehe mich mit meinem Handbrot und einem Blatt Papier, das ich aus einem Schulheft herausreißen darf, in eine schattige Ecke zurück und überlege mir wahllos Synonyme zu dem Wort Liebe und zu allen Wörtern, die mir dazu einfallen. Die Welt hat zu viele Worte. Das Schreiben hilft, sie zu sortieren.

15:15 Verkörperte Ökologie. Weil ich zu spät dran bin, kann ich nur noch beobachten. Ich sitze am Rand des Geschehens und schaue einer Gruppe dabei zu, wie sie auf dem Boden kniet, ab und an bemerkenswerte Bewegungen macht und sich die Hände mit roten und blauen Strichen anmalt. Was genau dahintersteckt, bleibt mir verborgen.


16:00 Dieses Mal bin ich auf die Minute pünktlich, um in einem Zirkuszelt eine neue Zukunft zu entwerfen. Ich kann allerdings nur einen kleinen Beitrag leisten, denn parallel werden an einem anderen Ort Bücher gebunden, und da möchte ich unbedingt dabei sein. Ich wünschte, ich wäre Hermine Granger und hätte dieses Zeitdings. Dann könnte ich an mehreren Orten gleichzeitig sein und würde nichts verpassen. Wenigstens das Beamen hätte doch mittlerweile mal jemand erfinden können. Diesen Gedanken werfe ich noch in die Zukunfts-Entwicklungs-Runde, bevor ich weiterziehe.

16:42 Das Buchbinden ist bei viel zu vielen Festivalbesucher*innen viel zu beliebt. Lange schaue ich nur zu – was spannend ist -, aber selbst an der Reihe zu sein, macht dann doch mehr Spaß. Wenigstens weiß ich vom Zusehen schon, was ich tun muss, und so komme ich schnell voran und bin mit meinem Ergebnis zufrieden. Ich stecke das Büchlein ein und setze meinen Weg fort zum Henna-Malen.

Unterwegs bleibe ich dann aber doch an einer der Bühnen kleben.

Die Musik ist gerade einfach zu gut, ich muss bleiben. Während ich lausche, wandere ich in Gedanken zurück zu den Erlebnissen der letzten Stunden. Was ich hier und heute schon alles erlebt, erfahren, gesehen, gesagt, gestaltet, gemacht, ausprobiert habe  ganz schön viel. Und ganz schön gut. Man könnte sicherlich die gesamte Festivalzeit so verbringen, von Programmpunkt zu Programmpunkt huschen und alles mitnehmen, was geht. Ganz ohne Musik geht es dann aber doch nicht. Muss es aber ja auch nicht. Musikfestival bleibt Musikfestival. Nur die Wilde Möhre, die ist eben mehr, die Mehr-Möhre.

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