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Kann inhaltlicher Anspruch zum Problem werden?

Das Fuchsbau Festival im Interview


Es gibt sie. Die Ausnahmen. Die besonderen Orte und die besonders gut kuratierten Inhalte. Es gibt diese außergewöhnlichen Festivals. Festivals die mehr zu sagen haben. Festivals mit echtem Anliegen, über das Konzerterlebnis und Beeryoga hinaus. Es gibt sie.

interview Johannes Jacobi
redaktion Laura Seime
fotos Sascha Krautz, Isabel Machado Rios, Helge Mundt, Jan Helge Petri, Kevin Münkel, Louisa Stickelbruck, Marcel Wogram, Tonje Thielsen

Das Fuchsbau Festival in Lehrte bei Hannover ist nach einjähriger Pause zurück und positioniert sich noch klarer, noch lauter und inhaltlich noch feiner. Mit Apparat als hierzulande selten gesehenen Festivalheadliner und mit einem Programm rund um Diskurs, Literatur und Performance.

An einem der mit Festivals überfülltesten Wochenenden des Jahres, bietet das Fuchsbau eine klare Alternative für alle, die von einem Festival mehr erwarten.

Im Interview mit Jannis Burkardt und Christoffer Horlitz vom Fuchsbau e.V. sprechen wir über die Schwierigkeiten, starke Inhalte kommuniziert zu bekommen, über die einjährige Pause, über die Themen in diesem Jahr und über den Ansatz des Fuchsbau Festivals im Gesamten.



Hallo ihr Lieben. Danke, dass ihr euch die Zeit für ein paar Antworten nehmt. Könnt ihr einleitend bitte das Fuchsbau Festival in ein paar Sätzen zusammenfassen?
Jannis: Fuchsbau bedeutet, in ein dreitägiges Festival einzutauchen, das einer riesigen Performance gleicht. Performance deswegen, weil jeder Teil des Festivals dramaturgisch durchdacht wird – vom Einstieg in den Shuttlebus bis hin zum Konzert von Apparat auf der Mainstage. Ein dem Festival übergeordnetes Thema setzt den Rahmen jedes Jahr neu für das Erleben von Diskussionsrunden, Kunstausstellungen, Performances und Konzerten.
In kurz: Ein Festival das mehr will, als den morgendlichen Kater auf dem Campingplatz.

Gebt uns mal einen detaillierten Einblick, was einem bei euch alles begegnet.
Christoffer: Wir reden dieses Jahr zum Beispiel über die Kommerzialisierung unserer Gefühle durch Konzerne wie Tinder und lassen Diskussionsrunden in einem Kochstudio stattfinden. Eine Museumskuratorin gibt Führungen durch einen regionalen Supermarkt und gemeinsam mit der jungen norddeutschen philharmonie haben wir ein Stück erdacht, das sich mit Spotify-Algorithmen und Klassik auseinandersetzt. Ob Kunstinstallationen in den Industriehallen unseres Geländes oder durchtanzte Nächte unterm Sternenhimmel; tagsüber einfach in den See vor unseren Eingangstoren springen; einer Lesung lauschen oder unseren Secondhand Merchandise Pop-Up Store besuchen – Fuchsbau sind drei Tage im Grünen mit knapp 100 Programmpunkten auf fünf Bühnen, von mehr als 400 Ehrenamtlichen organisierten.



Im vergangenen Jahr habt ihr zum ersten Mal seit Beginn des Fuchsbaus pausiert. Wie kam es zu der Entscheidung?
Jannis: Seit sieben Jahren setzen wir nach jedem Festival alles auf Null. Wir denken Produktion sowie Programm komplett neu und geben uns viel Raum, um das wechselnde Leitthema zu erarbeiten. Das Design wird jedes Mal entsprechend der Thematik auf alle Ebenen des Festivals übertragen. Als gemeinnütziger Verein, bei dem alle neben Studium und Arbeit das Festival organisieren, bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Und Atmen ist eigentlich eine jute Sache. Wir wollten uns Zeit nehmen und den Druck des Marktes ignorieren. Keine Pause zu nehmen oder sich selbst immer hintenan zu stellen, sollte keine Normalität sein. Unsere Ideen und die Energie für Neues kommt immer aus den jeweiligen Umwelten aller Teammitglieder.

Aber wenn keine Zeit mehr bleibt, seine eigene Umwelt wahrzunehmen, dann sollte man einen Gang zurückschalten.


War das rückwirkend betrachtet die richtige Entscheidung und wie wirkt sich die Pause auf das Festival 2019 aus?
Jannis: Wir haben die Pause alle ganz individuell genutzt: Ein paar haben wirklich Urlaub gemacht oder den Sommer am See verbracht. Manche hatten Zeit für ein Auslandssemester oder den Besuch von anderen Festivals. Es wurden neue Projekte in die Welt gesetzt und einfach mal weniger gearbeitet. Dennoch konnten wir es auch nicht sein lassen, komplett aufs Fuchsbau zu verzichten: Wir haben eine Konferenz organisiert, die tagsüber aus Workshops und Arbeitsphasen für das Team bestand und abends aus offen zugänglichen Panels, Konzerten und Vorträgen. Das hat unsere interne Teamstruktur auf ein ganz neues Niveau katapultiert und Zeit für die wichtigen Fragen gegeben: Wie sieht ein barrierefreies und anti-diskriminierendes Festival aus; wie schaffen wir es, uns einen Stundenlohn auszuzahlen, der nicht bei 15 Cent liegt; wie können wir Nachwuchs für das Projekt gewinnen und wie geht’s uns eigentlich?

Das Fuchsbau Festival steht sowohl für vielversprechende musikalische Neuentdeckungen, wie auch für ungewohnte Tiefe bei der Wahl der restlichen Programmpunkte. Für Menschen, die noch nie bei euch waren: Wie darf man sich das vorstellen – was gibt es bei euch?
Christoffer: Im Endeffekt geht es ja bei Festivals immer darum, mit anderen Menschen für eine bestimmte Zeit in einen Ort einzutauchen und Neues kennen zu lernen. Beim Fuchsbau gibt es quer durch die verschiedenen Disziplinen – sei es Performances, DJ-Sets oder Workshops – speziell zum jeweiligen Jahresthema Ausgewähltes zu sehen. Jeder einzelne Programmpunkt steht auch in einer Beziehung zu allem anderen, was bei uns stattfindet. Wir versuchen z.B. bestimmte Ideen genauso in einem Film, wie in einer Diskussionsrunde aufzugreifen. Unser Augenmerk liegt dabei darauf, Künstler*innen und Denker*innen auf die Bühne zu bringen, die eine Haltung haben – und im Zweifelsfall genau deswegen in der Zukunft noch viel mehr Aufmerksamkeit erlangen werden.



Für das Fuchsbau Festival 2019 seid ihr mit dem Slogan “Das radikale Festival von Nebenan” gestartet. Auf was bezieht ihr euch damit und ist der Slogan auch auf im Bezug auf die inhaltliche Ausrichtung zu verstehen?
Christoffer: Radikal sind wir auf jeden Fall in unseren Inhalten:

Wir diskutieren Kapitalismus, Solidarität und wie wir unseren Alltag politisieren können.

Als Kunstfestival passiert das allerdings in einer anderen Ästhetik, als manch eine*r kennt oder erwarten könnte. Gleichzeitig ist unser politischer Anspruch an uns selbst radikal. Wir haben nicht nur keinen Bock auf Diskriminierung, sondern erarbeiten das Festival und den Verein als hierarchiefreie Orte für post-koloniales, queer-feministisches Denken.

Euer diesjähriges Motto ist “Supermarkt”. Wie kam es dazu und an welchen Stellen hat das Einfluss auf die Programmplanung?
Christoffer: Jede*r hat eine emotionale Verbindung zu Supermärkten, auch wenn sie so alltäglich erscheinen.

Beim Fuchsbau denken wir anhand von Supermärkten unseren Alltag durch:

Was für eine Ästhetik wird benutzt, um uns Dinge zu verkaufen und wie verändert sich die Ästhetik von Protest? Was für Situationen in unserem täglichen Leben stehen symbolisch für riesige Verknüpfungen, in denen wir uns solidarisch zeigen wollen (oder nicht können)? Wir denken also das gesamte Festival unter dieser Fragestellung: Vom Einlass, über die Essensstände bis hin zum Kunstprogramm.

Festivals werden heute (leider) oft ausschließlich am musikalischen Programm gemessen. Bekannte Acts sind meist der einzige Schlüssel zu ausreichend Ticketverkäufen. Wie geht ihr damit in der Kommunikation um, bzw. wie versucht ihr dieses Problem zu umgehen?
Christoffer: Wir experimentieren seit Jahren mit verschiedenen Programmvarianten. Wir haben immer auch ein paar größere Namen dabei – die jedoch trotzdem links vom Mainstream zu finden sind. Das Fuchsbau funktioniert mehr als Gesamtpaket denn als Abfolge von Namen auf einer Bühne. Daher vermitteln wir mit unserer Website zum Beispiel auch kein klassisches Festivalerlebnis, sondern ein Gefühl dafür, dass hier experimentiert wird und dass es ein aufregendes und durchmischtes Programm gibt.

Gerade habt ihr eine Art Hilferuf veröffentlicht und auf sinkende Förder-Einnahmen und den damit verbundenen benötigten Support der Gäste hingewiesen. Wie kann man sich den Prozess hinter den Kulissen vorstellen – wie und warum habt ihr euch für diesen, intern sicher viel diskutierten, Schritt entschieden?
Jannis: Das Team war sich relativ schnell darüber einig, diesen Schritt zu gehen, was auch mit der Ideologie des Vereins zusammenhängt. In der freien Wirtschaft ist das Modell einfach: Friss oder stirb, verkauf dein Produkt, erziele Gewinn und wenn die Zahlen nicht stimmen, dann hör auf. Für einen gemeinnützigen Verein, der gesellschaftspolitische Arbeit betreibt, gilt diese Rechnung nicht. Wir sind auf öffentliche Fördergelder angewiesen und müssen auf Honorare verzichten, um zumindest mit einer Null im Finanzierungsplan aus dem Jahr zu gehen. Schnell ist der Wert einzelner Programmideen und die Vision des Festivals deutlich höher als der finanzielle Gewinn. Das heißt, man fängt an, bei sich selbst zu sparen, um das Projekt finanziell zu ermöglich, was von außem kaum wahrzunehmen ist. Jedoch ist das die Realität vieler Festivals und anderer kultureller Projekte.

Politik, Kultur und Kunst sind immer ein Prozess der gesellschaftlichen Teilhabe, also wollen wir unser Projekt auch dementsprechend nach außen tragen. Publikum, sowie Gesellschaft müssen in den Prozess involviert sein, ein Teil des Festivals sein – wenn nicht, dann bleibt es ein ökonomisches Produkt aus dem Hause Live Nation. Der Weg an die Öffentlichkeit soll natürlich dem Festival helfen, stattzufinden, ist aber zugleich auch ein Warnschuss, dass sich soziokulturell ausgerichtete Veranstaltungen nicht mehr finanzieren lassen.

Wenn die Zukunft nur noch aus Line-Up-Festivals mit möglichst viel Bierabsatz besteht, bei denen Yoga als kulturelles Rahmenprogramm verkauft wird, dann prost.

Welche Kosten kommen zusammen, die von außen nicht zu erkennen sind und warum schaffen es andere Festivals eurer Größe ohne Fördergelder?
Jannis: Wir arbeiten seit Jahren an Fuchsbau als einem nachhaltigen und diversen Festival. Das produziert natürlich auch Ausgaben.

Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen oder verschiedenen Gender-Identitäten eine Plattform zu bieten, bedeutet zum Beispiel auch angemessene Gagen zu bezahlen oder eine passende Infrastruktur zu bieten, damit sich alle frei und sicher fühlen.

Ökotoiletten; ein nachhaltiger Supermarkt; subventionierte Fernbusse für eine vergünstigte Anreise aus verschiedenen Städten; ein eigener Wertstoffhof für den anfallenden Müll – all solche Konzepten sind natürlich auch ein Faktor. Zugleich wollen wir die Ticketpreise günstig halten, um die Barriere, am Festival teilzunehmen so gering wie möglich ausfallen zu lassen.

Wie fielen die Reaktionen aus und könnt ihr bereits sagen, ob es was gebracht hat?
Jannis: Wir haben wunderschöne Liebeserklärungen erhalten und viele Spenden von verschiedensten Menschen, die unsere Vision teilen. Der Post hat auf jeden Fall geholfen, die Aufmerksamkeit auf eine unterfinanzierte freien Szene zu lenken. Die Ticketverkäufe haben sich auch leicht nach oben bewegt aber unser Ticketserver ist noch nicht heißgelaufen.



Wie erklärt ihr euch eure aktuelle Situation? Man sollte annehmen, dass euch die Bude eingerannt wird – aber scheinbar sucht die Mehrzahl der Festivalbesuchenden hierzulande lieber den Einheitsbrei und scheut den Diskurs oder wenigstens das Unbekannte?
Jannis: Diese Frage stellen wir uns natürlich jeden Morgen beim Aufwachen. Uns begegnen tagtäglich Menschen die von dem Konzept begeistert sind, unser Festival seit Jahren besuchen oder neu für sich entdecken. Die Erklärung ist komplex und könnte einen Roman füllen. Auf dem Festival 2017 durften wir drei Tage Dauerregen auf unserer Haut spüren und das haben sicher einige Besucher*innen nicht vergessen. Wir haben ein Jahr Pause gemacht, was vielleicht eine kleine Aufmerksamkeitsdelle verursacht hat. Allgemein ist der Markt für kleine Festivals komplett übersättigt. Vor allem aber muss man unser Konzept erstmal kommuniziert kriegen. 

Die Balance zwischen inhaltlicher Tiefe, einem etwas aufregenderen Grafikdesign und einem diversen Line-Up in verschiedenen kulturellen Sparten – das alles kollidiert mit dem gewohnten Bild von Campingplatz, Bierbong und großen Namen auf der Bühne.

Wir gehen mal weiterhin davon aus, dass das Fuchsbau Festival 2019 ein Erfolg wird. Deswegen: Auf was freut ihr euch in diesem Jahr ganz besonders?
Christoffer: Ich saß neulich mit Colin Self zusammen und wir haben bei einem Kaffee die Performance ‘Siblings’ auf dem Festival durchgesprochen. Ein lokaler Chor und Streicher*innen aus Hannover begeben sich mit Colin auf eine kleine Reise in neue Ideen, wie wir füreinander dasein können: queere Verwandtschaft und Freundschaft,. All das passiert als eine große Party, die unsere Mainstage abreißen wird.
Im Diskursprogramm freue ich mich ganz doll auf eine Runde über die Verschränkungen zwischen Kapitalismus, Race und natürlich Supermärkten. Die Debatte um die Markthalle 9 in Kreuzberg oder Biomärkte in Hannover zeigt, wie explosiv die Mischung ist.

Abschließend: Was sind für euch rückblickend zwei, drei Höhepunkte seit Gründung des Festivals bis heute? Worauf seid ihr ganz besonders stolz oder was war völlig überraschend großartig?
Christoffer: Das Fuchsbau ist immer dann am besten, wenn geplante Projekte während des Festivals leicht aus dem Ruder laufen. Wir haben vor ein paar Jahren Angelika Kallwass als “Streitschlichterin” in einem Ideen-Slam gehabt. Was als Schnapsidee begann wurde zu einem meiner liebsten Momente – Frau Kallwass feiert das Festival und hat ihre gesamte Gage gespendet. Andererseits bin ich immer überrascht, wenn wir Grenzen übertreten und die Besucher*innen einfach am Ball bleiben. Zum Beispiel in den Kontrasten zwischen ernsten Inhalten und der Möglichkeit loszulassen, im Konzert oder bei einem Bier in der Sonne.

Vielen Dank für eure Zeit. Wir sehen uns im August!




Festivalfinder

Fuchsbau Festival 2019

09. – 11. August – Lehrte


Alle Infos zum Festival


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