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Jugend macht Festival:

Das Daughterville im Interview


Poetry Slam, Kunst, Kultur und eine kleine Auswahl an Newcomer Bands und Hamburger Locals – das Daughterville bot dieses Jahr bereits zum sechsten Mal ein Open Air vom aller Feinsten.

interview & fotos Isabel Roudsarabi
redaktion Johannes Jacobi

Auf dem MS Dockville Gelände in Wilhelmsburg entstand eine bunte DIY-Landschaft, geschaffen von Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren. Das Projekt, entstanden durch das Programm „POP TO GO – unterwegs im Leben“ des Bundesverband Pop e.V., arbeitet eng mit lokalen Institutionen wie dem Bürgerhaus Wilhelmsburg, Lüttville e.V., RockCity Hamburg e.V. und natürlich dem Dockville Veranstalter Kopf und Steine zusammen. Mit der Unterstützung einiger Mentoren und Mentorinnen lernen die Kids, wie es sich anfühlt ein Festival zu konzipieren und zu organisieren, welche Hürden es zu überwinden gilt und was es bedeutet, in einem Team auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten.

Roxy (17), Ben (16) und Lares (14), allesamt noch in der Schule und das erste Jahr in der Crew, erzählen einen Tag vor der Veranstaltung von Motivation und Mentoring, Ängsten, Wünschen und Zwanglosigkeit.

Wie seid ihr dazu gekommen, beim Daughterville mitzumachen?
Roxy: Ich streite mich immer mit meiner Mom darüber. Ich sage, sie hätte mich darauf aufmerksam gemacht, sie sagt, das sei ganz sicher nicht so gewesen. Vor ein paar Jahren war ich als Besucherin hier, aber hab mich immer nicht getraut, mitzumachen. So ganz allein in eine neue Gruppe ist immer uncool. Nächstes Jahr mache ich allerdings Abi und dann wird es viel zu stressig beides zu machen, also dachte ich, wenn dann jetzt.

Ben: Bei mir war das so, dass ein paar von meinen Freunden aus der Schule letztes Jahr schon hier waren und dann haben sie mich mehr oder weniger dazu bewegt, mitzumachen.

Lares: Mein Vater, der Kontakte zum Daughterville hat, hat mich gefragt, ob ich mitmachen will, weil er wusste, dass bald ein Treffen zum „Kick-Off“ kommt. Da bin ich einfach mal hingegangen und fand es ganz cool.

Wie organisiert ihr euch denn eigentlich? Wie oft trefft ihr euch und welche Aufgaben übernehmt ihr?
Roxy: Wir treffen uns immer montags oder dienstags und besprechen am Anfang immer, was es zu tun gibt. Dann sagt jeder, wo er oder sie schon weitergemacht hat und weiß, was da abgeht. Immer so, wie man Zeit, Lust und vielleicht auch ein bisschen Wissen hat. Ich habe am Anfang eher beim Booking geholfen, später auch viel mit der Geländegestaltung und der Podiumsdiskussion, die es dieses Jahr gibt, zu tun gehabt.

Ben: Also ich glaub in den letzten Jahren war das Team noch ziemlich stark separiert in Booking, Produktion und so. Das hat sich dieses Jahr ein bisschen aufgelöst. Wir haben immer noch bestimmte Personen, die sich für Aufgaben mehr verantwortlich fühlen. Beim Booking zum Beispiel, da haben wir 2 Leute, die sich primär drum kümmern. Ich habe mich besonders mit dem Thema PR auseinandergesetzt. Ansonsten machen wir da mit, wo es gerade etwas zu tun gibt.

Und welche Rolle nehmen eure MentorInnen ein?
Roxy: Jeder von den vieren hat sein Gebiet, in dem er sich auskennt. Josh macht eher so Werbung und Design, mit Leona haben wir die Geländegestaltung geplant. Jacob und Alena machen eher Booking, auch von Initiativen und Foodtrucks.

Ben: Unsere Dozenten haben uns nicht nur angeleitet, sondern sich auch primär um die Finanzen gekümmert. Damit hatten wir eigentlich gar nichts zu tun.

Ihr seid jetzt seit Montag auf dem Gelände. Wie sieht ein normaler Tag bei euch aus?
Lares: Die letzten Tage haben wir uns immer so gegen 14 Uhr auf dem Gelände getroffen, uns erstmal zusammengesetzt und geguckt, was an dem Tag auf dem Gelände gebastelt oder gestaltet werden muss. Dann haben wir uns in Gruppen zusammengefunden, jeder wie er will, und sind das dann angegangen.

Roxy: Jeder auch zeitlich wie er kann. Wenn jemand länger Schule hatte, geht das natürlich auch klar. Das hat sich immer ganz gut ausgeglichen mit Leuten, die früher gehen mussten oder die später kommen. Heute, am Freitag, wurden wir den ganzen Tag freigestellt und waren alle um 10 auf dem Platz.

Wie sieht eure Gefühlslage ein Tag vor dem Festival aus? Fühlt ihr euch überfordert oder habt ihr einfach nur Bock?
Ben: Überforderung würde ich jetzt nicht sagen. Wahrscheinlich kommt morgen die große Panik, da noch echt viel gemacht werden muss. Aber im Endeffekt werden wir das alles hinkriegen. Aufgeregt ist man auch schon irgendwie, dadurch dass wir das ja auch noch nie gemacht haben und Roxy und ich morgen auch bei der Podiumsdiskussion auf der Bühne stehen.

Lares: Ich glaube, das ist eher so ‘ne gespannte Vorfreude.

Roxy: Das ist ein ganz anderes aufgeregt als ich das vom Theater kenne, wo man ja tatsächlich Lampenfieber hat. Es ist eher ein absolut gespannt sein, aber auch für mich zumindest mit absolut Stress verbunden. Ich bin schon richtig durch.

Was werden eure Aufgaben beim Festival an sich sein? Also wenn‘s losgeht und alles aufgebaut ist?
Lares: Ich hab‘ mich ja im Vorfeld schon um die Hauptbühne gekümmert und das Design übernommen. Beim Festival wird es den ganzen Tag meine Aufgabe sein, die Künstler und Bands dort zu koordinieren.

Roxy: Wir haben einen festen Schichtplan. Ein paar haben eine feste Aufgabe, ich bin zum Beispiel eher so ein bisschen frei: am Anfang Springer, irgendwann stehe ich am Merchstand, dann kommt die Podiumsdiskussion.

Ben: Bei mir ist es so, dass ich der Ansprechpartner für die Fotografen bin und die am Anfang noch einweisen muss. Ich glaube aber, dass ich dadurch während des Festivals vermutlich nicht allzu viel zu tun haben werde. Deswegen werde ich wohl auch so ein bisschen hin und her springen.

Wie war das bei euch das letzte Jahr über: Gab es Zeiten, in denen ihr gar keine Lust mehr hattet? Und gab es bei euch schon diesen Moment, in dem ihr realisiert habt, was ihr hier auf die Beine stellt?
Roxy: Ich hab‘ das immer noch nicht realisiert. Die Vorstellung, dass das morgen hier alles fertig ist, dass wir alles, was wir gebastelt haben, aufhängen, dass die Leute kommen und sich das angucken, was wir uns über dieses ganze Jahr ausgedacht haben, das ist schon echt crazy.

Ben: Im April habe ich dann schon gemerkt, dass das alles gar nicht mehr so weit weg ist, dass wir so super viel Zeit gar nicht mehr haben, gerade wenn wir uns nur so ein- bis zweimal pro Woche treffen. Dazu kam, dass in manchen Wochen super viel zu tun war, in anderen eher weniger.

Lares: Wir haben auf der Website so einen Timer, wie viele Tage es noch bis zum Festival sind und da sah ich immer, dass es so viele ja doch gar nicht mehr sind, aber trotzdem kann man es noch gar nicht so realisieren.

Was habt ihr gelernt oder was nehmt ihr an Fähigkeiten jetzt mit?
Lares: Es gab einmal einen Workshop über alternative Werbemaßnahmen, das war eigentlich ganz lehrreich. Da haben wir uns überlegt, wie man aus Ideen, die teilweise total unlogisch klingen, etwas entwickeln kann, das wirklich realisierbar ist.

Ben: Da hatten wir auch super viele Ideen, die aber alle nicht umgesetzt wurden.

Roxy: Da hab‘ ich letztens auch drüber nachgedacht.

Lares: Ich finde, man hat vor allem gelernt was bei einem Festival hinter den Kulissen abläuft. Wie viel da eigentlich geplant werden muss, wie viel Arbeit da reingesteckt wird für nur, in unserem Fall, einen einzigen Tag. Aber am Ende ist es natürlich immer cool, wenn man das Ergebnis sieht, was man da geschafft hat.

Roxy: Also ich hab‘ auf jeden Fall gelernt, wie ich Siebdruck mache. Ich bin ein absoluter Siebdruck Profi. Auch fand ich es irgendwie ganz interessant, mit den Künstlern zu schreiben. Man kennt das ja, wenn man sich fürs Praktikum bewirbt. Da ist das alles unglaublich förmlich, aber mit den Bands und deren Vertretungen schreibt man sich immer mit “Du” an. Das ist irgendwie so ‘ne ganz lässige andere Welt.


Warum sollen die Leute auf euer Festival kommen?
Ben: Es ist wirklich was Besonderes. Es hat nicht diesen kommerziellen Zwang oder irgendeine Professionalität, die da an den Tag gelegt werden muss.

Roxy: Zum einen ist es schön, dass alles self-made ist, dass wir da viel Herzblut reingesteckt haben. Ich finde es auch immer netter, wenn man auf eine Veranstaltung kommt und sieht, dass die Organisatoren sich Mühe gegeben haben.

Lares: Hier kann man ein Festival für vergleichsweise wenig Geld erleben.

Roxy: Es ist einfach auch ein cooles Beispiel dafür, was man als Jugendlicher schon erreichen und auf die Beine stellen kann. Klar haben wir auch vier Dozenten, die uns viel unter die Arme gegriffen haben, aber wir machen hier ja alles selber, das Booking, das Catering und so weiter. Ich zumindest fand es sehr impressiv, als ich das erste Mal als Besucherin hier war, mit dem Bewusstsein, dass das alles Leute in meinem Alter sind, die das planen. Während man eigentlich in der Schule sitzt und sich fragt, wann man in seinem Leben mal irgendwas auf die Reihe bekommt.
Jetzt sind wir hier, morgen kommen die Besucher und haben hoffentlich alle Spaß. Irgendwie ist das Festival wie so sein eigenes Baby.

Worauf freut ihr euch morgen am meisten?
Roxy: Ich glaube, ich werde es absolut cool finden, die Künstler kennenzulernen und die Stimmung Backstage mitzuerleben. Das ist ja etwas, was man sonst nicht so mitbekommt und daher schon ziemlich spannend.

Lares: Da ich ja das Stagemanagement auf der Hauptbühne übernehme, finde ich es ganz cool, den Blickwinkel von der Bühne aus zu haben. Das ist ja nochmal was ganz anderes als aus dem Publikum.

Ben: Ich würde mich da glaub ich auch so ein bisschen Roxy anschließen. Aber auf was ich mich am meisten freue, und was auf dem Daughterville auch noch recht neu ist, ist unsere Newcomer Bühne.

Roxy: Es ist ganz cool, dass wir Bands, die noch nicht so groß sind, ‘ne Chance geben können, mehr Reichweite zu bekommen und den Leute zu zeigen, was sie draufhaben.

Habt ihr Ängste und Wünsche, wenn ihr an morgen denkt?
Roxy: Wetter. Ich hab‘ ein bisschen Angst, dass es anfängt zu regnen und die Leute dann keine Lust mehr haben. Und auch generell, dass keiner vor der Bühne absolut abgeht.

Ben: Ich hoffe auf eine Kleine Fee, die ankommt und unsere Bändchen doch noch Rosa macht. Wir hatten eine Abstimmung und da haben die meisten für Gelb gestimmt.
Aber sonst hoffe ich einfach, dass genügend Leute hier sind, die sich auch gut verteilen und nicht immer alle an der Hauptbühne stehen.

Lares: Ich hoffe in erster Linie natürlich, dass alles so klappt, wie wir uns das vorstellen. Aber auch wenn nicht, dass wir dann gute Lösungen für alles finden.


Wie würdet ihr das Daughterville mit ein paar Begriffen beschreiben?
Roxy: Süß.

Lares: Spaßig.

Ben: Zwanglos.

Roxy: Kulturell und intellektuell.

Ben: Lokal.

Gibt es etwas, das ihr noch unbedingt loswerden wollt?
Roxy: Erstmal wäre es natürlich cool, wenn nächstes Jahr wieder ganz viele Leute mitmachen.
Meine Angst vom Anfang, dass man immer sehr viel arbeiten muss, hat sich nicht bestätigt. Jeder kann jederzeit sagen, wenn‘s einem zu viel wird und dann Aufgaben abgeben. Es sind alles sehr hilfsbereite Menschen hier.

Ben: Ich würde gerne die Besucher animieren, mal ein bisschen mehr aus sich rauszukommen und nicht nur vor der Bühne zu stehen, sondern sich zu bewegen.

Roxy: Stimmt, man kann auch schon um 1 Uhr mittags ordentlich tanzen.

Lares: Ich wünsche einfach allen, dass sie Spaß haben.

Roxy: … Klingt, als hättest du es in ein Freundebuch geschrieben.

Mehr Infos zum Daughterville findet ihr hier: daughterville.de

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