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Sexismus auf Festivals

Journey into Safe Space


Bei all den aktuellen Dramen auf der ganzen Welt dürfen wir eine Sache nicht vergessen: Auch vor diesem Jahr war schon vieles scheiße. In unserer Festivalwelt sind Catcalling, sexistische Übergriffe und sexuelle Gewalt leider immer noch Alltag. Wir haben mit vielen Betroffenen gesprochen und gemeinsam ein buntes Bild gezeichnet, wie Festivals endlich und endgültig zum Safe Space werden können.

text Leonie Ruhland
redaktion Isabel Roudsarabi
fotos Sebastian Hofer, Till Petersen

lesezeit 7 Minuten

Entspannt laufe ich über den sanften Rasen. Die Sonne strahlt, das Wasser glitzert, um mich herum ertönt ein Chor aus freudigem Lachen und angeregten Unterhaltungen. Neben mir steht ein großes Schild: „Yes means yes. No means No.“ Schon am Eingang wurde mir ein Flyer in die Hand gedrückt und ein Typ mit dunklen, schwarzen Locken erklärte mir die Hausregeln: Respekt, Toleranz, Bewusstsein. Für jeden Gast nimmt er sich die Zeit. Alle hören aufmerksam zu. Als ich mich dann mit meinem dicken Backpack und einer Tasche voll Nahrungsmittel zum Campingplatz schleppte, lief mir eine junge Frau entgegen und bot ihre Hilfe an: „Ich sehe, du bist allein unterwegs. Schau mal, wir tragen diese leuchtenden Stirnbänder, damit erkennst du uns auch nachts. Komm immer rum, wenn du Unterstützung brauchst!“ Sie wollte mir sogar helfen, mein Zelt aufzubauen.

Jetzt sitze ich inmitten dieser Menschenmasse. Da sind große, kleine und vernarbte Brüste, speckige Bäuche, flache Pos, kleine und große Pimmel, ein nackter Körper im Rollstuhl, weiße und braune Vaginas, krumme Rücken, ein fehlendes Bein. So viele schöne Körper.

Ich muss lächeln und blinzle gegen die Sonne. Auch ich bin nackt. „Hey du“, spricht mich ein etwas breiterer Typ an, der außer seinem bunten Propellerhut ebenfalls nichts anhat. Ich schrecke aus meinem Tagtraum hoch. „Hi!“, ich erwidere sein Lächeln. „Ich hab mich bloß gefragt, ob du vielleicht ein bisschen Gesellschaft magst?“, sagt er freundlich und schaut mir in die Augen. „Ach, du, gerade nicht so“, antworte ich ebenso freundlich. „Okay“, er lächelt noch immer. „Kein Problem, falls du deine Meinung änderst, weißt du ja jetzt, wie du mich finden kannst“, er zwinkert mir zu und tippt an seine Mütze.

Leider zu schön, um wahr zu sein

Wie gut klingt das in einem (weiblichen) Ohr? Ziemlich gut, oder? Leider ist das eine Wunschvorstellung, entsprungen aus den Erfahrungen und Träumen diverser Menschen, die von Sexismus auf Festivals betroffen sind. Wie schaffen wir es also, dass Festivals ein Safer Space für alle wird? Können wir das überhaupt? Ein Festival ganz ohne Sexismus im Patriarchat, in dem wir leben, ist per Definitionem unmöglich. Dazu muss sich erst die Gesellschaft ändern. Aber vielleicht können wir zumindest einen guten Weg hin zur Utopie einschlagen.

Ich habe Besucher*Innen, Künstler*Innen, Booker*Innen, Veranstalter*Innen, Supporter*Innen und alle möglichen anderen Menschen hinter den Kulissen eines Großevent gefragt, was für sie Sexismus auf Festivals bedeutet*:

[Triggergefahr]
Männer bewerten vorbeilaufende Frauen mit hochgehaltenen Zahlen nach ihrem Aussehen. Vor Toiletten richten sie eine Durchgangssperre ein, durch die sie Frauen nur vorbeilassen, wenn sie „Tanga oder Titten“ zeigen. Auf der Tanzfläche tanzen sie Frauen ungefragt an. 

*dies sind Berichte aus einer anonymen Umfrage. 

„Während ich auf der Tanzfläche tanze und knutsche, fasst mir eine männlich gelesene Person an den Hintern. Ich drehe mich um und stelle ihn zur Rede. Er behauptet, ich hätte mir das eingebildet und sagt, wie süß er meine Partnerin und mich fände.“

Beim Monis Rache werden versteckte Kameras in DIXI® Klos – auf der Fusion in eine Dusche – platziert, die Videos verkauft Henning Franke an Pornoseiten. Frauen, die an einen Zaun pinkeln, werden angestarrt, geschubst, fotografiert. Techniker*Innen müssen sich Sprüche anhören wie:

„Vorsichtig mit der Technik, die ist nicht billig. Also anders als du”, oder beim Kabelverlegen: „Ja, da auf den Knien siehst du gut aus.”.

Musiker wollen weiblichen, erfahrenen DJs die Technik erklären, generell werden Frauen konstant unterschätzt. Die Musik-Acts sind überwiegend männlich.  Das ist nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus dem Alltag von FLINT** auf Großevents. Auffällig ist, dass ausschließlich männliche Personen kritisiert werden. Natürlich existiert in der Realität auch Sexismus seitens FLINT-Personen. Statistisch sowie empirisch ist sexistisches Verhalten jedoch ein deutlich männliches Problem. 

** FLINT bedeutet Female, Lesbian, Inter, Non-binary, Trans.

Dänemark zeigt, wie es anders gehen kann

„Festivals sind Spiegel der umgebenden Gesellschaft“, sagt Christina Bilde, Sprecherin des Roskilde, das oft als sehr kritisch, tolerant und sicher rezipiert wird. Aufgrund sich häufender Berichte über sexistische Übergriffe, beschäftigen sich die Veranstaltenden seit 2015 explizit damit, Diskriminierungsvorfälle zu sammeln, anzuerkennen und Konsequenzen zu ziehen. „Das ist nicht nur ein Festival-Problem, es ist ein kulturelles Problem“, sagt Bilde, die Festivalveranstalter*Innen nichtsdestotrotz in einer Verantwortungsrolle sieht. Deshalb wurden in den letzten Jahren einige Maßnahmen ergriffen:

Das komplette Team wurde zum Thema Sexismus gebildet. Eine deutliche Antidiskriminierungs-Message wurde in die Öffentlichkeit getragen, überall auf dem Gelände hängen Leuchtreklamen mit Aufschriften wie „seid nett“ oder „achtet aufeinander“

Es gibt jetzt mehr und saubere Toiletten und weitere Pipi-Schnecken zum Hinknien für Personen mit Vagina.

Dunkle Orte werden besser beleuchtet. Durch eine Kooperation mit acht Organisationen verschiedener Schwerpunkte zum Thema Sexismus und sexuelle Gewalt entstand ein Quizspiel und 120 Freiwillige liefen über den Campingplatz und sprachen mit Gästen über Sexismus und Sexualität. 

Das A&O: Selbstreflexion und klare Haltung

All diese Maßnahmen sind auch auf meinem Traum-Festival umgesetzt worden. Den Veranstaltenden war wichtig, dass sich Betroffene jederzeit unterstützt fühlen. Alle Gäste mussten sich ihre Regeln beim Ticketkauf erst durchlesen, bevor sie zahlen konnten. Sie haben auf die Haltung ihrer Partner*Innen, ihrer Crew sowie sämtlichen auftretenden Künstler*Innen geachtet und sich dabei auch um ein diverseres Booking bemüht. Gagen haben sie transparent für alle gestaltet. 
Außerdem gibt es jetzt ein starkes Awareness-Team, das sich unterschiedlichen Aufgaben widmet: Deutlich sichtbar laufen die einen herum und sprechen mit Gästen über Sexismus und individuelle Erfahrungen. Andere sind vorrangig für Betroffene ansprechbar und halten die Augen offen nach übergriffigem Verhalten oder Gesundheitsrisiken. Wieder andere diskreditieren explizit sexistische und rassistische Outfits. Daneben hat man unterschiedliche Safe Spaces eingerichtet, wie dem Nackt-Strand oder einem Camp nur für FLINT. Manche Orte folgen einer „No Shirt No Service” Regel. Am liebsten würden sie die zwar abschaffen, aber sie wissen, dass es leider immer noch genug Menschen gibt, die sich mit Nacktheit nicht wohlfühlen können und für die das gar bedrohlich wirkt. 

Benehmt euch doch einfach!

Solche Konzepte wären ein guter und wichtiger Anfang. In der Realität muss dafür leider bis nach Dänemark gereist werden. Denn in Deutschland machen sich traurig wenige Festivalveranstaltenden Gedanken über solche Dinge. Nicht einmal das von linken Gruppen veranstaltete und als politisch bekannte Fusion-Festival hat eine umfangreiche Anti-Sexismus Struktur. In einigen Organisationen wurde Awareness erst im letzten Jahr überhaupt Thema – ein Konzept, das sich an akut Betroffene jeglicher Diskriminierungsformen richtet und nach deren Bedürfnissen agiert.

Manchmal wirken die Bemühungen leider mehr als eine Art antisexistisches Greenwashing, als tatsächliches Bedürfnis, zu handeln.

Nicht nur auf kommerziellen Riesen-Festivals wie dem Rock im Park können Männer kritiklos in Penis-Kostümen oder in pinken Westen mit der Aufschrift „Triebtäter“ herumlaufen. Das hat nichts mehr mit Hedonismus zu tun. Dabei könnte es so einfach sein. 

„Ich habe das Gefühl, man reagiert, wenn es Vorfälle gab und das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist“, sagt Niloufar Behradi, Gründerin der „Female Task Force“, die Festivals aus weiblicher Sicht analysieren und deren Sexismen nicht nur aufdecken, sondern auch Änderungsideen vorschlagen. „Leider ist das für viele aber kein Aufwand, den sie sich leisten würden“, erklärt sie. Dabei müsse vor allem an die Gäste appelliert werden: Männliche Besucher müssen anerkennen, dass ihr Verhalten im Suff-Zustand für viele andere bedrohlich wirken kann. Auch auf einem Festival müssen alle darauf achten, keine Grenzen zu überschreiten. 

Toleranz und Rücksichtnahme

In meinem Traumfestival bewege ich mich vom Nacktstrand weg. Ich ziehe vorbei an vielen kleinen Zelten, in denen gerade Workshops stattfinden: Allyship, Kritische Männlichkeit, Intersektionalismus, Awareness, Kink und BDSM, Queerness und viele andere, gesellschaftskritische Themen werden hier angeboten. Musik ertönt, auf der nächstliegenden Bühne dreht eine sehr knapp bekleidete Frau  ihre Platten an. Der Floor ist voll, doch es herrscht kein Gerempel, alle lassen sich ihren Raum. Weil ich auf’s Klo muss, gehe ich vorbei. Das Festival ist sehr gut ausgestattet mit DIXI®- und Kompost-Klos, mit Pissrinnen und Pinkelecken zum Sitzen, sogar mit ein paar richtigen Toiletten. Alles ist gut beleuchtet und wird regelmäßig gereinigt.

Nach meinem Stuhlgang wandere ich zum Queerzelt. Dort läuft gerade eine Trans-Show. Die Stimmung ist heiß, das Klima auch. In der hinteren Ecke führt ein Tunnel weg vom Geschehen und zu einem Darkroom. Am Eingang steht ein Mann mit schwarzem Harness und Choker um den Hals und erklärt die Regeln. Für viele ist das ein komplett neues Terrain. Ich stelle zugegeben etwas positiv überrascht fest, dass niemand argwöhnisch oder verächtlich den Interessierten gegenüber wirkt. Manche unterhalten sich mit dem Darkroom-Beauftragten, doch niemand geht rein, ohne sich auch tatsächlich ausprobieren zu wollen. 

Was alle, wirklich alle Festivalveranstaltenden tun können

„Ich lade Leute dazu ein, sich in diesen Räumen sicherzufühlen. Das klappt nicht, wenn andere - als Zuschauer - unterhalten werden wollen.“ Demetris Darras war Darkroom-Beauftragter auf vielen Events und Leiter des Awareness-Teams auf dem Whole. Das sexpositive Festival im Osten Deutschlands ist bekannt für eine gut funktionierende Awareness. Darras ist Sexismus insbesondere bezüglich Sexualität bekannt. Jungs fühlten sich von Frauen in knappen Outfits irritiert oder gereizt, Frauen hingegen verurteilen andere Frauen, wenn sie mit Fremden rummachen. Und auch Schwule zeigten Frauen gegenüber oft Ablehnung. Auch das sei Sexismus. Nacktheit finde viel Objektifizierung, Sexualität viel Scham. Dabei ist Sex so natürlich wie Scheißen. Ein Awareness-Team müsse deshalb proaktiv sein, konstruktiv und vor allem sichtbar, meint Darras. 

Er könne zwar niemanden verurteilen, die auf Festivals keine kritischen Workshops anbieten möchten. Da würden die Veranstaltenden ihr Publikum und deren Interessen schon am besten kennen. 

„Aber ich kann sie dafür verurteilen, es nicht dazu einzuladen, einander zu respektieren. Ich kann sie dafür verurteilen, wenn sie keine Teams stellen, die sich verantwortlich fühlen, wenn es unschöne Vorfälle gibt.“

Und natürlich wäre es sinnvoll, wenn gerade kommerzielle Festivals Weiterbildungen in beispielsweise Allyship oder Konsens anbieten würden. 

Eine wahre Utopie

Es ist inzwischen mitten in der Nacht, ich sitze in meinem Camp zwischen meinen Nachbarn: eine Gruppe netter Jungs, die mich zum Essen eingeladen haben. Wir unterhalten uns über vergangene Festivals und wie Sexismus damals noch so ein großes Thema war. Respektvoll fragen sie mich über meine Erfahrungen und wie ich die Veränderungen sehe. Ich erzähle ihnen, dass ich mich vor allem darüber freue, wie scheinbar in einem Schneeballeffekt wirklich jede*r Einzelne gelernt hat, auf die Grenzen des Gegenübers zu achten und das eigene Verhalten zu reflektieren. Denn das ist im Grunde die Quintessenz von sozialem Verhalten. Und wie schön es ist, zu beobachten, dass wir inzwischen auch außerhalb der Events eine deutliche Veränderung in der Gesellschaft spüren. Denn „ein Festival ist ein Ort für Utopien, der im Grunde perfekt dafür gedacht ist, gesellschaftliche Ideale vorzuleben.“***

*** Die Gedankenspiele eines Traum-Festivals ergeben sich aus den Aussagen der anonymen Umfrage. Ich habe hier diverse Wünsche und Anregungen daraus verarbeitet. Das darin vorkommene Zitate im letzten Absatz ist die Aussage einer Bookerin. 

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Dieser Artikel stammt aus der ersten Ausgabe unsere Printmagazins. Das Magazin könnt ihr hier nicht mehr kaufen.

Leonie Ruhland

Vor allem Goa- und Technofestivals haben es Leo angetan. Daneben setzt sie sich passioniert für Themen wie Gender Equality und Awareness ein und spricht darüber in einer eigenen Radiosendung. Ihre Autorinnen-Loyalität teilt sie allerdings auch mit der taz oder anderen netten Redaktionen.