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Jenseits von Millionen 2018

Das Gefühl kleines Festival


Kleinere Festivals gibt’s mittlerweile wirklich viele und die sind eine willkommene Abwechslung zu riesigen Festivals wie dem Hurricane, Rock am Ring oder dem Deichbrand. Wir waren auf dem Jenseits von Millionen und haben mal ausgecheckt, was für Unterschiede es so mit sich bringt, wenn ein Festival nicht 70.000, sondern nur 800 Besucher hat.

text Nina Martach 
redaktion Henrike Schröder
fotos Nina Satorius & Nina Martach

Klimaanlage und Helene Fischer, statt schwitzigem Körperkontakt im Shuttlebus

Der Name sagt’s ja schon: Das Festival findet jenseits der Millionenstadt Berlin statt, in dem kleinen Dorf Friedland in Brandenburg – mit der Bahn von Berlin ganz easy zu erreichen. 

Am „Bahnhof“ in Friedland stehen wir nicht wie erwartet mit hunderten von Menschen an, um dann bei 30 Grad im überfüllten Shuttlebus zu viel Körperkontakt mit den anderen Festivalbesuchern zu haben. Mit uns zusammen steigen noch ca. sechs weitere Leute aus dem Zug, die offensichtlich das gleiche Ziel haben. Der Shuttlebus steht schon bereit und da der nächste Zug erst in einer halben Stunde ankommt, sind wir die einzigen Mitfahrer. Der Busfahrer lädt eigenhändig unser Zeug in einen Anhänger und fährt uns im klimatisierten Bus mit schlechter Radiomusik zum Zeltplatz. Ziemlich entspannt fürs erste, finden wir. Am Zeltplatz geht’s genau so weiter. Kein stundenlanges Warten an der Bändchenausgabe. Wir brauchen lediglich zwei Minuten und kaufen am Eingang direkt noch ein paar Tomaten von Bauern aus der Umgebung – für einen Euro. In Gedanken bereiten wir uns nämlich schon darauf vor, die nächsten Tage nur noch teures Junkfood in uns reinzustopfen.


Erholungsurlaub auf dem Zeltplatz

Wir sind relativ früh da und der Zeltplatz ist noch so gut wie leer. Kennt man so gar nicht. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es das Wochenende über so leer bleiben wird. Bei 800 Besuchern wird so ein riesiger Acker halt nicht voll. Wir finden das gut, denn wer kennt’s nicht: nach ein paar Bier ist es nicht mehr so einfach, jede einzelne Zeltschnur im Blick zu behalten. Ein anderes Zeltplatz-Pro über das wir selber verwundert sind: Nachts ist es hier leise. Fast schon erschreckend leise sogar. Aber irgendwie auch geil, wenn man tatsächlich mal schlafen will. Klingt jetzt erstmal irgendwie langweilig aber ein weiterer Vorteil der ganzen Zeltplatzsituation ist, dass die Leute ausnahmslos unfassbar lässig sind. Man lernt sich super schnell kennen und sieht sich so oft wieder, dass man irgendwann gefühlt jeden kennt. Anders als auf großen Festivals, auf denen man meistens nur seine eigenen Leute und die unmittelbaren Zeltnachbarn öfter als einmal sieht. 

Innerhalb kürzester Zeit werden wir in das Camp unserer Nachbarn aufgenommen, die ein paar Meter weiter zelten. Zwei Stunden später ziehen wir mit all unserem Zeug spontan rüber. Platz ist ja genug. Und die Zeit wird ab jetzt durchgehend mit den neuen besten Freunden verbracht.

Auf ein paar Bier mit dem Bürgermeister von Friedland

Das Jenseits von Millionen findet nicht auf einem riesigen, staubigen oder matschigen Acker statt, sondern ein paar hundert Meter entfernt vom Zeltplatz auf der Burg Friedland. Bevor wir uns die ersten Bands angucken, kehren wir direkt auf dem Gelände in die Burg-Schänke ein, wo wir auch schon vor dem ersten Bier nicht mehr alleine am Tisch sitzen. Ein Mann mit weißem Hemd, Lederweste und einem Glas Rotweinschorle von ungewöhnlichen Ausmaßen setzt sich zu uns. Während des Gesprächs stellt sich heraus, dass er ist nicht nur der größte Fan des Festivals, sondern auch der Bürgermeister von Friedland ist. Zusammen trinken wir überdimensionale Weinschorlen und Bier und schnacken über Musik, das Line-Up und was sonst noch so in Friedland geht. Den Bürgermeister sehen wir an dem Wochenende noch öfter – entweder am Brett oder direkt vor der Bühne – genauso wie den Wirt der Burg-Schänke, der uns nach dem ersten Abend auch schon mit Namen kennt. Wir gehen hier nämlich nicht ausschließlich hin um eine Abwechslung vom Zeltplatzbier zu haben, das eine Temperatur nahe dem Siedepunkt hat, sondern auch um eine Grundlage mit ordentlicher Hausmannskost zu schaffen. 



E dove c’è Pizza Mario?

Das kulinarische Angebot auf dem Festival selbst ist super klein. Kein Wunder, denn alles an diesem Festival ist klein. Da gibt es auf größeren Festivals schon einiges mehr an Auswahl zu gleichen Preisen. Pizza Mario, Handbrot und Frittenstände sucht man hier lange. Das bewahrt zwar vor der nächtlichen Fressattacke, die meistens einem gewissen Pegel geschuldet ist, ist aber oft einfach genau das, was man auf so einem Festival dann sucht. Naja, dafür gibt‘s ja noch die Burg-Schänke, die bis in die Nacht geöffnet hat. Also alles gut. Die Tomaten vom Zeltplatz dienen dann doch noch der Vitaminzufuhr zwischendurch.

Wenn die Kirche zur zweiten Stage wird

Kleines Festival bedeutet auch kleines Line-Up. Immerhin geht das Jenseits von Millionen, wie viele andere kleinere Festivals, auch nur zwei Tage. Die Bandauswahl ist trotzdem nicht zu unterschätzen. Man merkt, dass sich beim Booking wirklich Gedanken gemacht wurde. Eine Charlotte Brandi, die in einer Kirche vor 30 Leuten spielt, kann nämlich mitunter sehr viel mehr Gefühl auslösen, als eine halbherzig performende Retropop-Queen auf einem Electro-Festival. 

Aber auch, wenn es manchmal ganz cool sein kann, bei einem Konzert mehr als 20 cm² Platz für sich zu haben, fällt beim Jenseits von Millionen die geringe Anzahl der Besucher schon auf. Zwischen Bühne und Menge sind immer mindestens drei Meter des klassischen Sicherheitsabstands, der bei kleinen Konzerten gerne freiwillig eingehalten wird (und bis heute irgendwie unerklärlich ist). Vor allem tagsüber kommt nicht besonders viel Stimmung auf. Aber spätestens als am Samstagabend beim Jenseits-Finale Gurr auf der Bühne stehen, wird der Sicherheitsabstand über Bord geworfen und der Festivalplatz wird tatsächlich noch richtig voll – so wie es sich für einen ordentlichen Festivalabschluss gehört. 


Indieparty im Jugenclub

Insgesamt ist so ein kleines Festival im Gegensatz zu den großen schon um einiges entspannter – allein schon, weil es unmöglich ist, seine Leute zu verlieren und diese Tatsache viel Zeit und Nerven spart. Genauso wie das Nicht-Anstehen-Müssen vor den Klos und den Bierwägen – eine Win-Win-Situation! Das Festivalfeeling, wie man es von  großen Festivals kennt, bleibt zwar irgendwie aus, dafür legen sich eine Entspannung und Unaufgeregtheit über das Festival, die man gerne noch mit nach Hause nimmt. 

Die Mischung aus unbekannteren und meist kleinen Bands ist perfekt, um neue Musik kennenzulernen und das kleine Line-Up sorgt dafür, dass man nicht den ganzen Tag gestresst von Bühne zu Bühne jagt, um wenigstens ein paar Minuten einer Band sehen zu können. Gefeiert wird im Anschluss an die Konzerte noch bis morgens in einem kleinen Jugendclub irgendwo zwischen Festivalgelände und Zeltplatz, mit den Leuten, die man ja eh mittlerweile gefühlt ewig kennt – genauso wie die 15 Jahre alten Indie Hits, die hier aus dem Macbook kommen.

Auch wenn große Festivals definitiv ihren Reiz haben: Wer mal Bock auf ein Festival hat, nach dem man sich nicht eine Woche danach noch wie tot fühlt, sollte auf jeden Fall den Kleineren auch mal eine Chance geben. 


Festivalfinder

Jenseits von Millionen 2019

02. – 03. August – Friedland, Brandenburg


Alle Infos zum Festival

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