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Von der Arbeit in einer Parallelwelt und notwendigen Kompromissen

Interview mit einer Festivalschaffenden


 
 

interview Leonie Ruhland
redaktion Jonas Rogge
fotos Katharina König, Damien Wüthrich

Ein Gespräch über die Liebe zur Kreation, die Probleme von kleinen Festivals und einem Freundeskreis, der sich durchschlägt, und dabei einiges auf die Beine stellt.

 

Katharina König ist Soziologiestudentin und will von ihrem Leben mehr, als einen trostlosen nine-to-five Job. Besonders gerne baut die 30-Jährige neue Welten auf – und macht das inzwischen mit gleich drei Projekten. Die Plattenfreunde Neukölln beglückten in den letzten Jahren mit dem eigenen Festival Zu einer Zeit… in Gardelegen. Mit Fernab ist Katharina sowohl auf Festivals als auch in Clubs unterwegs, in denen das Kollektiv ihre ganz persönliche Spielwiese gestaltet. Und dann gibt’s noch die Mooqui Marbles

Katharina, erzähl mal, warum machst du so gerne Festivals?
Puh, gute Frage. Das Tolle ist ja, dass es eine komplette Parallelwelt ist. Ich habe alle Möglichkeiten, bin absolut frei in der Umsetzung – wir können Neues schaffen, verwirren, frei fantasieren. Also die Umsetzung einer neuen Realität. Und ich lerne total viele Skills: ich weiß jetzt, was wie viel Strom zieht, ich kann Treppen bauen, mit Holz und Werkzeugen umgehen. Es ist also sowohl das Erschaffen, das dann auch bespielt und erlebt wird, als auch der Erschaffungsprozess, den ich so super toll finde. Das ist auch unser Urlaub, unsere Freizeit – das, was wir lieben, miteinander zu tun.

Eben ein unbeschriebenes Blatt, auf dem du eine neue Welt erschaffst.

Du sprichst von uns. Dabei sprichst du unter anderem von den Plattenfreunden Neukölln. Was ist das?
Plattenfreunde Neukölln haben sich so Ende 2015 gegründet und bestehen aus einer Gruppe von Soziologiestudis und zwei anderen Kollektiven, die schon vorher Partys organisiert haben. Das sind die KMS (Karl-Marx-Straße) und Freude mit Freunden. Nachdem Freude mit Freunden 2015 bereits ein kleines Festival für ca 150 Leuten organisiert hatte, dachten wir, das kann größer werden. Dafür mussten wir aber etwas gründen.

Ihr wart aber sehr spät dran…
Genau. Da haben wir herausgefunden, dass es am schnellsten geht, wenn man einen Sportverein gründet. Also wurden wir ein Tischtennisverein. Wir spielen tatsächlich gern Tischtennis. Plattenfreunde war dann einfach passend – weil das ja sowohl für Tischtennisplatten als auch Musikplatten gilt. Witzigerweise dachte mein Bruder bis letztes Jahr noch, dass es um Plattenbauten geht.

Und dann habt ihr zum ersten Gardelegen Festival geladen.
Dann ging alles super schnell. Wir haben die ganze Struktur organisiert und beschlossen, das erste kleine Fest als Sommerfest zu feiern. Was völlig unproblematisch mit der Größe und auch rechtlich legal ist. Jeder Gast hat sich über eine Fördermitgliedschaft an der Finanzierung beteiligt. Das war auch ein Vorteil des Vereins: Dadurch waren alle etwa 500 Gäste versichert. Es war schon wichtig, dass wir uns da nicht als Festival positioniert haben: Es war ein Sommerfest und wir haben auch Tischtennis gespielt.

Wie ging’s dann weiter?
Wir wollten es vergrößern, auch weil wir ein bisschen mehr Budget haben wollten, um mehr machen zu können. Das war aber grenzwertig für’s Vereinswesen und es war klar, wenn wir das nochmal als Festival gestalten wollen, müssen wir es offizieller machen. Das wird dann deutlich teurer, denn dann müssen Bundesstraßen gesperrt, das Rote Kreuz und das Bauamt eingeschaltet werden und du hast ganz andere Brandschutzmaßnahmen. Das war eine schwierige Entscheidung, auch in Bezug auf Ticketpreise. Wir haben uns dann nach viel Diskussion auf 1500 Gäste geeinigt. Das hat zwar auch super viel Spaß gemacht, aber letztendlich war es meiner Meinung nach doch zu groß, weil einfach das Familiäre ein bisschen verloren geht.

Ist das nicht oft so mit kleinen Festivals? Also diese Diskrepanz zwischen dem Wunsch familiär zu bleiben und dem Bekanntheitsgrad bzw. auch der Notwendigkeit größerer Kapazitäten?
Ja, vielleicht sind das so Dinge, die für ein paar Jahre bestehen und dann wird was Neues gegründet. Also vielleicht ist das nichts, was als Institution bleibt, sondern wo es einfach eine Grenze gibt. Es gibt ja auch überall so kleine Pop-Up Festivals, die ich sicherlich nicht alle kenne.

Vielleicht ist das das Wesen von dieser Branche, in der wir drin stecken.

Ist so ein Abbau nicht auch immer total traurig?
Ja, schon. Vor allem weil man jedes Jahr wieder an gleicher Stelle alles abreißt und wieder aufbauen muss. Das war auch ein bisschen frustrierend. Aber tatsächlich, da der Prozess uns auch so wichtig ist, geht’s. Wir versuchen so wenig wie möglich wegzuschmeißen, es gibt aber dennoch Berge an Müll am Ende und ich empfinde eher das als frustrierend.

Ihr hört jetzt erstmal auf.
Naja das ist so ein bisschen die Frage. 2019 machen wir kein Festival, sondern besinnen uns auf unsere Wurzeln: Uns geht’s darum, etwas füreinander zu organisieren, für uns und unsere Freunde, miteinander zu sein. Deswegen planen wir gerade quasi so einen Plattenfreunde-Urlaub, wo wir nur das machen und uns am Ende nicht unser Wohnzimmer eingerannt wird. Denn so fühlt es sich ja doch manchmal an.

Du bist noch in einem anderen Kollektiv, das kein komplettes Festival, aber mitunter Festival-Floors gestaltet. Erzähl mir davon.
Beim Fernab Kollektiv ist es uns absolut wichtig, dass wir nicht nur eine Party machen, zu der Leute kommen, konsumieren und dann wieder gehen. Also konsumieren in jedem Sinne, ne? Musik, Getränke, was auch immer, kommen und gehen – aber irgendwie kein Teil der Party sein. Fernab gestaltet Partys und Festivalfloors, bei denen wir eine komplette Story, eine Art Thema, einen roten Faden konzipieren. Die letzte Party war zum Beispiel angelehnt an das Grand Budapest Hotel. Die Künstlerinnen und Künstler wurden als Teile der Hotelbelegschaft vorgestellt, wir hatten einen Raum als Casino dekoriert, einen anderen als Swimmingpool. Es gibt Spiele, die die ganze Nacht durchgespielt werden – hier z. B. Roulette. Künstler*innen kreierten Postkarten, die du aus dem Club verschicken konntest, an einer Rezeption mit Schauspieler*innen, bei denen du Nachrichten hinterlassen konntest. Wir versuchen immer, die Gäste mit einzubinden und mit Künstler*innen und DJs machen wir vorher ein Dinner, damit ein Gruppengefühl entsteht. Ein rundes Paket also.

Wie könnt ihr das personell und finanziell stemmen?
Wir sind knapp 20 Leute und machen alles unentgeltlich, das haben wir auch von Anfang an direkt definiert, das ist uns super wichtig. Denn wir sind zu viele Menschen mit zu vielen Aufgaben und wir wollen auf keinen Fall in die Situation kommen, irgendwas gegeneinander aufzuwiegen und zu entscheiden, wer da jetzt Geld bekommt und wer nicht. Bei Fernab ist es deshalb auch so, dass bei eigenen Veranstaltungen die Künstler*innen ebenfalls keine Gage bekommen. Die fernabis spielen immer wieder mal im Rahmen von Showcases, auf denen es dann doch ein bisschen Kohle gibt. Wir waren zum Beispiel schon in Wien und gerade steht Hamburg im Raum.

So eine Party geht dann den ganzen Tag?
Genau, also etwa 24 Stunden. Derzeit meist in der Rummelsbucht, weil wir uns mit den Besitzern einfach super gut verstehen, da gut eingebunden sind und wir ja auch eine bestimmte Größe brauchen. Mittlerweile wird die Bucht uns auch schon fast zu klein. Aber da hängt unser Herz dran, die haben uns auch als erstes die Möglichkeit gegeben, so etwas zu machen.

Ihr werdet auch für Festivals gebucht.
Tatsächlich bekommen wir inzwischen mega viele Anfragen, über die wir dann diskutieren müssen. 2018 hat uns eine Bekannte spontan angefragt, ob wir den Secret Floor im FKK Bereich auf der Fusion beschmücken und bespielen wollen. Das war für uns total krass, wir hätten uns niemals so früh für die Fusion beworben. Da haben wir aber auch nicht selbst, sondern eine Crew aus Frankreich hat uns da was richtig Fettes hingebaut. Unsere Aufgabe war wirklich nur, unseren Drive und unser Gefühl reinzubringen. Wir haben unseren Kiosk aufgebaut, den wir immer dabei haben, Tee verkauft und chillige Mucke gemacht.

Wenn ihr so einen Floor plant, wie läuft das?
Erstmal schauen wir, was sich die Festivals vorstellen: Sollen wir einfach mit unserer Jurte kommen, ’nen Teppich ausrollen und unseren kleinen Kiosk aufbauen? Das kriegen wir mittlerweile schon mit sechs Leuten in nur drei Tagen hin. Ansonsten ist es ein total geiles Brainstorming: Was hat das Festival für ein Motto und was für eine Geschichte können wir damit erzählen? Das ist eigentlich auch die geilste Phase. Beim Zugvögel letztes Jahr war unser DJ Pult ein riesengroßer Vogel, der mit seinem Flügel den kleinen Kiosk umarmt hat.
Dann gibt’s eine Aufteilung – ohne Hierarchien – aber eben konzeptionell. Wir haben Leute, die gut schreiben können, andere, die Grafiken machen. Die stellen Entwürfe in die Gruppe und wir finden meistens alles geil. Das ist auch das coole an Fernab – alle sind mega begeisterungsfähig, im Grunde lässt sich jede Idee auch umsetzen. Jede*r hat unterschiedliche Kompetenzen, die auch krass anerkannt und respektiert werden. Auf der anderen Seite können aber auch alle außerhalb der Kompetenzen ihre Anmerkungen loswerden und niemand kriegt den Kopf abgerissen.

Und du?
Meine Aufgabe ist so ein bisschen den Überblick zu verschaffen: Was haben wir an Material, was brauchen wir? Wir haben hier in Neukölln ein Lager. Dann ist zu planen, was wir für den Kiosk mitnehmen wollen und was uns dafür fehlt. Wir müssen wissen, wo das Holz herkommt – ist das schon auf dem Festival? Und was haben wir überhaupt für ein Budget?

Das kommt von der Festivalorganisation.
Ja, das ist super wichtig. Wir sprechen über das Budget und auch was passiert, wenn wir mit dem Kiosk Plus machen. Bei kleinen Festivals geben wir auch noch was ab, weil wir es nicht fair finden, wenn wir ein Plus machen, das Festival aber mit seinen Kosten struggelt.

Für euch privat bleibt dann auch nichts übrig.
Ne, eben. Wir schlagen uns alle irgendwie durch. Ich denke, das ist wohl auch unsere Generation oder unsere Blubberblase an Leuten, die alle total motiviert sind, super Skills und meiner Meinung nach auch so eine krasse Sozialkompetenz haben.

Alle sind sehr selbstreflektiert und suchen in dieser Gesellschaft ihren Platz, hadern aber damit: Was wollen wir eingehen, wie wollen wir uns einschränken – oder eben auch nicht.

Wir sind alles Leute, die im Prinzip gerade an dem Punkt stehen, an dem wir kompromissbereiter sein müssen. Also nicht, dass wir jetzt alle einen festen Job brauchen, aber wir müssen eben schauen, wie wir den Festivalkram mit der Arbeitswelt vereinbaren können.

Du hast noch ein drittes Kollektiv.
Ja, Mooqui Marbles. Das war etwa vor einem Jahr, da hat Kathi, die das Château Perché Festival gegründet hat, einfach drei Weitere an einen Tisch geholt. Jule ist von Luftschloss und war viele Jahre an der Wilden Möhre beteiligt. Eve war von Anfang an bei den Plattenfreunden dabei. Und wir dachten: Geil, wir wollen ein Mädelsprojekt starten und wir hatten irgendwie Bock auf House, Disco und Hip Hop. Das entwickelte sich dann so ein bisschen als kleine Booking Agentur – hauptsächlich für Freunde. Am 18.4.2019 hatten wir eine erste Veranstaltung im Mensch Meier, in dem wir einen Floor gestalteten. Das ist dann genauso herzlich und alles wie meine anderen Projekte, aber vielleicht nicht so hippiemäßig und in kleinerem Rahmen. Durch weniger Mitglieder auch eine kürzere Entscheidungsspanne und so. Derzeit sind wir damit aber eher an kleineren Projekten dran.

Ihr seid vier Frauen – muss man das dann schon als feministisches Projekt bezeichnen?
Wir feiern vor allem Frauen, wollen Frauen auch pushen und dadurch dass wir Frauen sind passiert das auch automatisch, aber wir würden uns jetzt nicht als ultrafeministisches Kollektiv bezeichnen.

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