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Interview mit dem Norden Festival 2021

"Es ist so ein bisschen Harakiri."


Das Norden Festival in Schleswig befindet sich gerade im Aufbau, da funkt den Veranstaltenden die Pandemie dazwischen. Wir blicken gemeinsam mit ihnen zurück auf die Herausforderungen der letzten Monate, aber auch auf Zuversicht und Perspektivwechsel.

text Christina Gilch
redaktion Henrike Schröder 
fotos Norden Festival - Nora Berries, Lucas Martens, Ronja Hartmann

lesezeit 8 Minuten

"the nordic arts festival" - so lautet passenderweise der Untertitel der Veranstaltung, ganz im Norden Deutschlands. Aber auch im Programm spiegeln sich die Worte wieder: Durch die Neustart Kultur Förderung, die die Veranstaltenden für 2021 erhalten haben, stellen sie ausschließlich Künstlerinnen und Künstler aus Hamburg und Schleswig-Holstein auf die Bühnen. In einem normalen Jahr sind aber auch viele Acts aus den nördlichen Ländern dabei.

Am Tag als der neue Stufenplan für Schleswig-Holstein veröffentlicht wird und das Norden Programmheft druckfrisch aus der Presse kommt, treffen wir Marno Happ und Manfred "Manni" Pakusius zum virtuellen Interview.

Moin ihr beiden! Schön euch zu sehen. Vielleicht starten wir damit, dass ihr euch mit ein paar Sätzen vorstellt.  
Marno:
Hier sitzen Marno und Manni. Wir sind Veranstalter des Norden Festivals, das es seit 2018 gibt. Wir konnten unser Festival bisher in zwei Auflagen durchführen und mussten im letzten Jahr pandemiebedingt absagen. Nun sind wir sehr froh, wie sich alles entwickelt und dass wir davon ausgehen können, in diesem Jahr die dritte Auflage zu veranstalten.  
Manni: Aber ich glaube, deine Frage ging noch so ein bisschen zurück, oder? Marno, was hast du bislang gemacht und wo kommst du her? Das interessiert natürlich die Lesenden.

…wenn du magst. Du muss natürlich nicht.
Marno: 
Aber es ist kein Geheimnis. Ich bin seit inzwischen über 15 Jahren in der Branche und organisiere unterschiedlichste Veranstaltungen. Ich habe in einer großen Hamburger Agentur die Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann gemacht und dabei auch Manni kennengelernt. Er war damals Geschäftsführer, ich der Azubi. Das war sozusagen der Start. Und nach ein, zwei weiteren Stationen in anderen Agenturen, habe ich mich relativ schnell selbstständig gemacht. Seit 2012 haben wir zusammen eine Agentur, mit der wir ganz unterschiedliche Veranstaltungen durchführen. Ein Schwerpunkt war dabei jedoch schon immer Nachhaltigkeit und die Koppelung an den jeweiligen Standort, damit wir einen Mehrwert für diese Region liefern. Das hat sich als roter Faden durchgezogen.


Manni: Ich bin schon seit 25 Jahren in der Veranstaltungsbranche. Ich bin ausgebildeter Kaufmann und bin einfach über die Lust am Feiern, am Live-Event und all diesen Sachen rund um Veranstaltungen dazu gekommen. Damals gab es die Ausbildung zum/zur Veranstaltungskaufmann/-frau noch nicht, deshalb habe ich mich über Märkte und Straßenfeste da rein gearbeiteten. Irgendwann habe ich mich dazu entschieden in eine Veranstaltungsagentur zu gehen und bin relativ schnell Partner geworden. Vor knapp 10 Jahren bin ich da raus, weil es immer nur noch größer, schneller, weiter geworden ist und der Geschäftsführer der Altonale geworden. Dort war ich einer der Mitbegründer und habe das einige Jahre gemacht, bevor ich mir eigentlich eine Auszeit gönnen wollte. Und dann kam diese Idee vom Norden. Marno hatte da auch Bock drauf und seitdem machen wir das. 2016 hatten wir die Idee und 2018 hat das erste Festival stattgefunden.

Wie viele Leute mischen denn bei euch so mit? 
Marno: Wir haben ein Kernteam von sechs Mitarbeiter:innen inklusive uns. Dazu kommen die unterschiedlichsten Sparten auf dem Festival – Musik, Kino, Literatur, Straßentheater, Kunst, Street Art – die jeweils von verschiedenen Mitarbeitenden extern kuratiert werden. Für die kulturellen Sparten haben wir uns einen Fachmann oder eine Fachfrau dazu geholt. Da kann ich ganz offen sagen, dass wir wirklich mit unserem Traumteam arbeiten und viele sich für wenig Geld engagieren, weil wir ja im dritten Jahr auch noch keine schwarzen Zahlen schreiben können.  

Wie geht's euch eigentlich ganz aktuell und wie habt ihr die letzten Monate erlebt?
Manni: Im Grunde genommen geht es uns wirklich ganz gut. Wir sind ja nicht nur ein Festival, sondern haben auch eine Veranstaltungsagentur – auch wenn wir seit Januar 2020 keine Veranstaltung mehr durchgeführt haben. Natürlich war es ein Schock, als wir im März absagen mussten. Wir waren zu diesem Zeitpunkt bereits komplett durch mit dem Programm und hatten unser Programmheft, inklusive aller Sponsoren und Unterstützenden, fertig. Die haben uns zur Absage jedoch direkt zurückgemeldet, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, weil sie auch im nächsten Jahr wieder mit dabei seien. Das hat uns natürlich Sicherheit gegeben. Dazu haben unsere Besuchenden so gut wie keine Tickets zurückgegeben. Für mich fühlt es sich immer so an, als wären es nur 10 Leute gewesen, wahrscheinlich waren es am Ende 30 – aber eben nicht viele. 

Es gab also die Optionen das Ticket zurück zu geben oder es für die nächste Ausgabe zu behalten?  
Manni: Genau, viele haben sogar aus Solidarität nochmal Merchandise gekauft. Von daher ging es für uns einfach weiter. Und dann kam der Winter, in dem wir immer einen Weihnachtsmarkt veranstalten. Dafür konnten wir Förderhilfe in Anspruch nehmen, was uns wirklich über diese Durststrecke gebracht hat. Das war in jedem Fall unser Anker.

Anschließend haben wir uns weiter zum Thema Förderung informiert und uns für Neustart Kultur beworben. Dort haben wir erfreulicherweise ein Projekt in der kleinsten Stufe des Förderprogramms für Festivals durchbekommen.

Im Zuge dessen haben wir uns Gedanken gemacht, was für ein Projekt wir überhaupt machen wollen. Es musste ja sozusagen ein Festival im Festival oder ein Projekt im Festival sein. Da war es für uns naheliegend, dass wir ausschließlich Künstlerinnen und Künstler aus Hamburg und Schleswig-Holstein, die natürlich ebenso arg betroffen waren, eine Bühne bieten. Ich denke das wird richtig nett und offenbar glauben das die Leute auch, denn nach der Veröffentlichung des Programms haben wir nochmal richtig Tickets verkauft. So haben wir unsere Kapazitätsgrenze schon fast erreicht.

Wie und mit welchen Kapazitäten könnt ihr denn im Moment überhaupt planen?
Manni: Wir haben in erster Linie auf uns geguckt und überlegt, welche Kapazität wir mindestens brauchen, damit wir uns nicht ruinieren – also nicht noch mehr ruinieren als wir es dieses Jahr eh nochmal machen. Es wird trotzdem kein „Hurra“-Jahr und wir werden mit dieser Ausgabe noch kein Geld verdienen. 2.500 Leute am Tag ist die Grenze. Dabei orientieren wir uns an anderen Veranstaltungen und gucken uns die aktuellen Regelungen an. Schleswig ist ja eine Modelregion, deswegen haben wir mit den Leuten vor Ort gesprochen. Bei uns würde aktuell eine Person 10qm Platz bekommen.
Marno: Das galt in Schleswig-Holstein im letzten Jahr als Vorgabe. 
Manni: So hangeln wir uns – damit wir nicht wahnsinnig werden – an den ganzen verschiedenen Informationen entlang. Wir versuchen uns Eckpfeiler zu bauen, von denen wir glauben, dass wir damit richtig liegen. Aber wer weiß schon, was richtig ist?

Es ist so ein bisschen Harakiri.

Also ein Balanceakt aus „was brauchen wir“ und „was ist erlaubt“. Und dabei muss man ständig flexibel sein?
Marno: Absolut. Es war von Anfang letzten Jahres bis jetzt ein totales Auf und Ab der Gefühle. Inzwischen können wir allerdings sehr optimistisch sein, gerade mit den neuen Beschlüssen, die für Schleswig-Holstein verkündet worden sind. 
Manni: Eine wichtige Sache, die uns dabei bestärkt hat, unseren Optimismus zu bewahren war der Rückenwind von Schleswig. Wir kannten dort anfangs niemanden und haben ganz klein angefangen. Dieser Prozess des Etablierens, bei dem wir einfach mit vielen Leuten sprechen mussten, hat dazu geführt, dass sie uns vor Ort total lieb gewonnen und sehr unterstützt haben. Die Stadt hat es als Geschenk wahrgenommen, dass dort ein internationales Festival stattfindet. Und jetzt in der Pandemie haben sie uns wirklich getragen. Die Apotheke vor Ort baut zum Beispiel das Testzentrum auf und kümmert sich eigenständig um alles. Hier wird wirklich eine ganze Stadt zu einem Festival. Für uns war das die halbe Miete, dass wir da so viel Power kriegen.


Trotzdem bleibt es natürlich eine Herausforderung und ihr übernehmt ja am Ende auch viel Verantwortung. Gab es trotzdem nie den Punkt an dem ihr gesagt habt „das ist alles viel zu viel, vielleicht blasen wir alles ab“?
Marno: Naja, wir hinterfragen es die ganze Zeit. Wir müssen ja auf der einen Seite wirtschaftlich arbeiten, damit wir uns nicht ruinieren. Und auf der anderen Seite sind wir ja noch in der Aufbauphase des Festivals. Das ist natürlich schwierig. Aber die Entwicklung des Festivals ist ganz klar zu sehen und auch, dass wir damit hoffentlich langfristig Erfolg haben werden. Also nein, den Gedanken abzusagen hatten wir nie. 
Manni: Sehe ich genauso. Und wir haben ja gegenüber 2020 den Vorteil, dass es die drei Faktoren Testung, Impfung und Registrierung gibt, welche uns wirklich helfen.  
Marno: Ja, und einen Stufenplan, der uns ganz konkrete Zahlen bietet, mit denen wir arbeiten können.

Könnt Ihr denn aus diesem ganzen Wahnsinn und der Herausforderung auch etwas Positives ziehen, dass es vielleicht ohne Corona nicht gegeben hätte? Also für euch und für das Festival? 
Marno: 

Corona ist ja ein bisschen das Brennglas, das Sachen aufzeigt die man nicht mehr so machen möchte, gerade wenn es um den Bereich Nachhaltigkeit geht.

Manni: Und für das Festival selber haben sich auch positive Veränderungen ergeben: Unser Programm Nordpop ist dazu gekommen und wir haben ein paar Sachen verändert und verbessert. Außerdem haben wir einen Kulturverein rund um das Festival gegründet. Solche Sachen sind passiert, weil einfach die Zeit dafür gegeben war. Aber gerade wenn man mit Künstler*innen spricht, weiß ich man oft gar nicht was man sagen soll. Das ist einfach echt hart, wenn jemand normalerweise 100 Lesungen im Jahr macht und jetzt klingelt zwei Mal pro Monat das Telefon.

Jetzt haben wir ein bisschen zurückgeschaut, vielleicht wagen wir auch noch einen kleinen Ausblick. Es sind ja noch ein paar Wochen bis es so richtig los geht. Was denkt Ihr wie werden die nächsten Wochen sein? Was ist euer persönlicher Ausblick oder vielleicht auch Wunsch? 
Marno: Jetzt, wo das Programmheft gedruckt ist, geht es nur noch um Dinge wie Detail Absprachen mit Künstler*innen oder das Buchen der Logistik. Das ist daily business für uns. Wir werden jetzt versuchen, ein paar schöne, freie Tage mit der Familie zu haben und dann stimmen wir uns langsam aufs Festival ein. 
Manni: Wir haben zum Glück schon alles gebucht, weil wir Angst hatten, dass wir zum Beispiel Toilettenwagen oder Bühnenaufbauten gar nicht bekommen, weil so viele Veranstaltungen in den Herbst gerückt sind. Dieser Vorlauf kommt uns jetzt zugute. Beim Festival selber bekommen wir oft gar nicht so viel mit, aber vorab beim Aufbau ist alles sehr entspannt und das Zusammensein mit dem Team an diesem tollen Ort macht einfach super viel Spaß. Darauf freue ich mich besonders. 

Für mich ist immer wieder ein Highlight, dass wir als internationales Festival Leute einladen, die man vielleicht vor 10 Jahren schon einmal gesehen hat und dann wieder trifft. So schaffen wir eine Plattform zur Vernetzung.

Wir arbeiten mit 9 nordischen Ländern zusammen und schaffen es damit auch mal deutsche Acts auf ausländische Festivals zu bringen. Auch auf dieser Eben versuchen wir Synergien zu nutzen und uns gegenseitig zu unterstützen. 

Marno: Stimmt! Dazu kommt natürlich der musikalische Mehrwert, die kulturelle Vielfalt und spannende Künstler:innen. Schweden ist ja auch sehr bekannt für seinen Musikexport. Das ist einfach eine tolle Welt, auf die man da zurückgreifen kann.

Gibt es denn auch einen Notfallplan, gerade was die Auftritte der internationalen Künstler:innen betrifft, oder seid ihr gerade ganz zuversichtlich? 
Marno: Die Sorge gibt es auf jeden Fall, dass es kurzfristig Reisebeschränkungen geben wird. Wir würden im Notfall versuchen, es mit Künstler:innen aus dem norddeutschen Raum zu kompensieren. 
Manni: Da muss man kein Prophet sein. Es wird solche Momente geben. Aber wahrscheinlich haben dafür auch alle Besuchenden Verständnis. Ausfallende Künstler:innen buchen wir dann direkt ins nächste Jahr. Uns ist wichtig, dass wir mit den Künstler:innen in Kontakt sind, gerade wenn es neue Regeln gibt.


Noch ein wichtiger Punkt: Neben dem Kontakt zu Auftretenden, wie geht ihr mit den Besuchenden um?
Manni: Wir haben versucht immer umfassend zu informieren und bekommen sehr viel Lob für unsere Kommunikation – welches ich definitiv an unser Team aussprechen muss. Damit haben wir es geschafft, nie eine Lücke entstehen zu lassen. 
Marno: Es gibt ja zwei Möglichkeiten: Entweder man duckt sich weg und wartet, bis es wieder etwas zu tun gibt, oder man geht offensiv auf die Leute zu und erzählt, was wir gerade tun und wie wir die Zukunft planen. Letzteres haben wir versucht und ich glaube, das hat vielen geholfen, alles einordnen zu können. 

Ich glaube ihr seid mit eurer Erfahrung und eurer positiven Einstellung sehr gut gewappnet für alles was kommt. Möchtet ihr noch irgendetwas loswerden? 
Manni: Wir sind gerade sehr zuversichtlich, aber es ist natürlich immer bescheuert, wenn du keinen Einfluss hast. Wenn du sagst, jetzt habe ich alles vorbereitet, die Torte ist gebacken, der Tisch gedeckt, alle sind eingeladen…
Marno: …und dann darf keiner kommen. So ging uns das die letzten eineinhalb Jahre. Aber jetzt sieht es so aus, also ob wir die Party endlich wieder schmeißen dürfen. 

Festivalfinder

Norden - the nordic arts festival 2021

26. August - 12. September – Schleswig


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