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Über Inklusion & Barrierefreiheit

Das PULS Open Air im Interview


Wenn nicht nur eine Gebärdendolmetscherin auf der Bühne tanzt, sondern auch PULS-Moderatorin Ari Bosse’s Musik in Körper-Bilder verwandelt und wenn es sogar eine Servicenummer für Menschen mit Behinderung gibt, dann, ja dann, befinden wir uns auf dem PULS Open Air 2019.

interview Christina Gilch
redaktion Isabel Roudsarabi
fotos Christina Gilch, Hans Martin Kudlinski, Johanna Schlüter

Immer mehr Festivals machen sich darüber Gedanken, wie sie inklusiver arbeiten können, also mehr Menschen den Zugang zu ihrer Veranstaltung ermöglichen. Das PULS Open Air in Bayern ist Vorreiter in Sachen Barrierefreiheit: Die Organisator*innen schaffen Angebote und Maßnahmen, die es leichter machen, sich auf dem Gelände frei zu bewegen.

Wir haben uns nicht nur vor Ort umgeschaut und den Verantwortlichen ein paar Fragen gestellt, sondern auch Menschen mit Einschränkungen gefragt, wie sie denn auf dem Festival zurechtkommen. Alexander Wolff von der Amont GmbH und Mit-Veranstalter des PULS Open Air hat uns Rede und Antwort gestanden.

Wie kommt es dazu, dass ihr als eines der ersten Festivals besonders viele Angebote für Menschen mit Behinderung bietet? 
Wir wollen ein Festival für alle sein. Da gehört es dazu, die gewohnte Perspektive auch mal zu wechseln und zu überlegen: Haben wir denn an alle gedacht? In diesem Prozess hat uns Elnaz Amiraslani mit ihrer Erfahrung im Diversity-Management begleitet. Wir haben auch Glück, dass die barrierearme Infrastruktur auf dem Gelände viel ermöglicht und wir einiges „nur“ optimieren mussten.

Wie war das Feedback zu euerem Angebot beim oder nach dem Festival? Welche Erfahrungen habt ihr in diesem Jahr gesammelt?
Unser Angebot wurde sehr gut angenommen – die Service-Hotline stand kaum still.
Die Nachfrage hat sich z.B. auch an der Sichtbarkeit von Rollstuhlfahrer*innen gezeigt. Wir hatten am zweiten Tag deutlich über zehn Rollstuhlfahrer*innen auf dem Gelände, drei davon ohne Begleitung. Das zeigt uns, dass die Gäste uns vertrauen und sich bei uns wohl fühlen. Es waren taube Gäste da, die noch nie zuvor auf einem Konzert mit Gebärdensprache waren. 

Wenn 7.000 Menschen in der Arena in Gebärdensprache klatschen – das war für die tauben Gäste und uns schon ein sehr magischer Moment.

Insgesamt haben wir unglaublich positives Feedback bekommen!

Seid ihr zufrieden oder habt ihr in der Praxis Stellen entdeckt, die ihr noch weiter verbessern möchtet?
Das Feedback der Gäste mit Behinderung und auch deren Begleitung ist für uns unentbehrlich. Wir haben selbst viel dazu gelernt, z.B. welche Herausforderungen barrierefreies Camping mit sich bringt. Das wollen wir auf jeden Fall nächstes Jahr optimieren.
Auch das „BuddySystem“ wollen wir mehr ausbauen, so dass sich Gäste mit und ohne Behinderung noch mehr begegnen.

Kannst du mir kurz erklären, was passiert, wenn man diese Servicenummer anruft, die überall auf dem Festival aushing? Wen erreiche ich da?
Das Serviceteam war zu den Öffnungszeiten erreichbar und zu dritt unterwegs.
Eine*r hat immer Rufbereitschaft, nimmt die Anrufe entgegen, begrüßt neue Gäste und behält den Überblick über das Gelände.
Die beiden anderen sind mobil unterwegs, z.B. mit einem Gast, der allein anreist und Hilfestellung beim Zeltaufbau braucht oder über den Schotterweg von A nach B muss.
Ein beliebter Service war, dass unser Inklusions-Team auch mal für unsere Gäste in die Schlange anstand, um Getränke und Essen zu holen, da unsere Gastro-Infrastruktur noch nicht barrierefrei ist. Immer wieder wurde positiv erwähnt, dass es vor allem hilfreich war, vorab und vor Ort eine zuverlässige Ansprechperson zu haben.

Wie habt ihr euch vorab vorbereitet und wie groß ist euer Team? Habt ihr euch externe Unterstützung geholt, z.B. durch Beratung oder Ähnliches?
Das WirKümmernUns-Team um Elnaz Amiraslani war natürlich eine große Unterstützung und hat uns vieles abgenommen.
Unsere besten Berater*innen waren aber natürlich auch die Gäste mit Behinderung, die schon 2018 dabei waren und mit deren Feedback wir die diesjährigen Maßnahmen bedarfsorientiert planen konnten. Wichtig war vor allem, dass alle Festivalbereiche von Einlass über Camping bis Gastronomie sensibilisiert waren.

Ich habe mich auf dem Festival mit Stefan unterhalten. Anstatt am ausgewiesenen Rolli Platz am Anfang der Tribüne zu sitzen, stürzt er sich mit seinen Freunden mitten ins Getümmel vor der Kugelbühne. Beim Auftritt von Giant Rooks beobachte ich, wie er über die Köpfe der Menschenmenge hochgehoben wird. Er hat mir erzählt, wie er sich auf dem  PULS Open Air zurecht findet:  
„Hier komme ich super zurecht. Das PULS ist noch viel familiärer als die großen Festivals. Ich bin zum zweiten Mal hier und mit der Hilfe meiner Freunde kann ich mich gut bewegen. Ich habe auch das Orga-Team darin unterstützt, das Hilfsangebot aufzubauen.“ 

Alexander, kannst du mir dazu noch ein bisschen mehr erzählen?
Ja, zu Stefan haben wir den Kontakt gehalten und sein Feedback aktiv in Maßnahmen umgesetzt. Steve hat uns zwar mit seinem Stagediving auch mal kurz Herzrasen beschert, aber am Ende hat er allen gezeigt: 

Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert.

Als ich auf meinem Rückweg aus dem Bühnengraben einen Sicherheitsbeauftragten frage, ob die abgesperrten Plätze oft in Anspruch genommen werden, erzählt er mir, dass die Rollstuhlfahrer*innen eigentlich alle direkt vor die Bühne wollen. „…eben mittendrin sein. Und das klappt auch ganz wunderbar. Meistens hat jeder eine Scharr Freunde um sich oder zumindest eine helfende Begleitperson. Wir müssen oft gar nicht tätig werden.“ 

Gab es vorab ein Briefing für alle Mitarbeiter auf dem Festival?
Ja, eine wichtige Maßnahme war es, alle Festivalgewerke schon in der Planungsphase einzubinden, zu informieren und vor allem zu sensibilisieren.

Was sind die größten Probleme oder Hürden für euch?
Tatsächlich die Finanzierung aller Maßnahmen. Wir wollen natürlich nächstes Jahr einiges ausbauen und weiter optimieren, auch weil wir mit noch mehr Gästen mit besonderen Bedürfnissen rechnen. Leider lässt sich das aber nicht ökonomisch gegen-finanzieren und wir werden in absehbarer Zeit auf öffentliche Förderung angewiesen sein. Wir sind aber zuversichtlich, dass sich bayerische Partner*innen finden, die unsere bisherige Eigeninitiative unterstützen werden.

Denkst du, ihr könnt als gutes Beispiel für andere Festivals voraus gehen oder gibt es sogar schon Festivals, die auf euch zukommen und euch um Hilfe bitten?
Auf jeden Fall! Wir wollen unbedingt andere Festivals dazu motivieren, inklusiver zu arbeiten und stehen für einen Austausch gerne zur Verfügung.
Bayernweit nehmen wir tatsächlich eine Vorreiterrolle ein, das wurde uns schon mehrmals mitgeteilt. Das macht uns natürlich sehr stolz und motiviert uns.

Gibt es sonst noch etwas, dass du gerne erzählen möchtest?
Was wir gelernt haben: Zu einer inklusiven Gesellschaft beizutragen ist gar nicht schwer und betrifft uns alle!

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Weitere Infos und Hilfe für Gäste mit Behinderung: https://pulsopenair.de/info und Kontakt unter: inklusion@pulsopenair.de oder +49 (0) 157 38 79 55 55.

Festivalfinder

PULS Open Air

05. – 06. Juni – Schloss Kaltenberg, bei München


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