Magazin

Ein Gespräch mit Micha Fritz von Viva con Agua, nicht über Gott, aber die Welt

„Ich habe fast jegliche Distanz in meinem Leben verloren“


Auf einem Panel der Most Wanted: Music geht Viva con Agua Gründer Micha Fritz, zusammen mit Singer-Songwriterin Antje Schomaker und Octopizzo-Gründer Henry Ohanga, der Frage nach, inwiefern Musik ein Katalysator für gesellschaftlichen Wandel sein kann.

text Lara Gahlow
redaktion Isabel Roudsarabi
fotos Robin Jonasch, Papa Shabani, Viva con Agua, Till Petersen

lesezeit 10 Minuten

Unsere Redakteurin Lara hat schon vorab mit ihm darüber gesprochen. Herausgekommen ist ein Dialog über Michas Welt – ein Kosmos aus zivilgesellschaftlichem Engagement und einer guten Portion Skepsis gegenüber den politischen Maßnahmen, die seiner Ansicht nach gerade eine ganze Branche vergessen. Außerdem erzählt Micha, warum soziale Medien ein (zweischneidiges) Schwert sind und man im Anzug keine geile NGO gründen kann.

Das Interview ist im Rahmen der Most Wanted: Music entstanden. Die Konferenz findet am 4.11. online statt. Alle Infos gibts hier!

Hallo Micha! Du sprichst bei der Most Wanted: Music ja über Musik als Katalysator für sozialen Wandel. Was prädestiniert deiner Meinung nach die Musikindustrie gegenüber anderen Branchen dazu, Katalysatoren eines sozialen Wandels zu sein? Oder tut sie das überhaupt?
Absolut! Also Musik, aber auch Kunst, Kultur und vielleicht auch Sport begeistern einfach Menschen und inspirieren sie zum Denken: Zum Umdenken, zum Neudenken, zum Andersdenken. Deswegen ist Musik meines Erachtens nach so elementar wie kaum ein anderer Industriezweig. Und es ist schon eine Schande – ja ich muss wirklich sagen Schande – was gerade passiert: Dass Kunst, Kultur und Musik vergessen werden, genau so, wie ihre handelnden Akteure, die einfach keine saubere Lobby haben. Wenn du dir anschaust, was die Autoindustrie für einen Aufschrei gemacht hat – oder nehmen wir auch Lufthansa oder die Deutsche Bahn – die eine ganz andere Mitarbeiter*innenzahl haben. Ich glaube, die Deutsche Bahn ist so bei 9.000 Mitarbeiter*innen und die Kulturszene ist bei einer Millionen.

Da ist eine Diskrepanz, die absolut ungerechtfertigt ist und die uns auch richtig weh tun wird, weil Kunst und Kultur einfach ein Menschenrecht sind. Das ist kein Luxus, den man einfach mal abstellen kann.

Man kann nicht einfach sagen: „So, wir haben jetzt eine Pandemie, da ist das kurz nicht wichtig und wenn die vorbei ist, holen wir das alles wieder raus.“ Worauf haben denn die meisten Leute während der Pandemie geschaut? Sie haben zu den Künstler*innen geschaut, vielleicht sogar hier ihre Orientierung gesucht, nicht in der Politik! Und dann ist das, was du da kaputt machst, nicht einfach wiederbelebbar. Du kannst nicht einfach einen kulturellen Defibrillator herausholen und dann packst du den einmal drauf und alles ist wieder gut. Es wird gravierende kulturelle Einschnitte geben, weil einfach Organismen, Menschen und Unternehmen nicht die Kapazitäten und finanziellen Ressourcen haben, diese Phase zu überleben. Was ist mit den kleinen, jungen Bands? Was ist mit all den Innovationen, die dort entstehen?

Hast du denn Ideen, wie sich die Musik-, Kunst- und Kulturindustrie politisch mehr Gehör verschaffen kann? 
Gut, also wie macht man politischen Druck? Über Lobbyarbeit und letztendlich auch über sowas wie Streiks. Man muss sich ja nur mal vorstellen, es würde zwei Tage lang kein Radio Musik spielen, zwei Tage lang kein Fernsehprogramm geben. Keiner postet auf Instagram, keiner entertaint. Dann hättest du hier Brandherde!

Wir vergessen einfach den Wert, den Kulturschaffende uns bieten und erwarten, dass wir auf den sozialen Plattformen unterhalten werden – erstmal ohne einen finanziellen Return.

Und da braucht es einen Dialog. Im Normalfall würde mir das auch reichen, aber momentan braucht es auch finanzielle Unterstützung für die Menschen, weil du sie sonst verlierst. Die gehen in irgendeinen anderen Zweig und suchen sich einen anderen Job – wenn sie einen finden. Und trotzdem sind die meisten Künstler*innen ja sehr kreative Menschen, die sich anpassen. Die kommen irgendwie durch, die kennen harte Zeiten. Wir sind das Land der Dichter und Denker – aber dann müssen wir uns auch um diese Dichter und Denker kümmern. 

Die Most Wanted steht dieses Jahr unter dem Motto „Togetherness“. Welche Akteur*innen müssen da jetzt zusammenarbeiten, um dort einen Wandel herbeizuführen?
Das ist natürlich eine hart komplexe Nummer. Du brauchst für die „alte“ Veranstaltungsbranche saubere Hygienekonzepte, du brauchst aus meiner Sicht aber eben auch neue Konzepte. Ich meine, wie soll das weitergehen? Wir von Viva con Agua sind groß geworden mit dem Sammeln von Pfandbechern auf Festivals. Dazu die erste Frage: Gibt’s nächstes Jahr Festivals? Zweitens: Gibt es die Ehrenamtlichen noch? Gibt’s noch Pfandbecher? Oder ist Teil des Hygienekonzepts, dass es die eben nicht mehr gibt. Solche Fragen muss man sich stellen, wenn man da nicht blauäugig reingehen will. Ich habe da leider auch keine Lösung, ich weiß nur um den Wert.

All das, was Viva con Agua leisten konnte – ungefähr drei Millionen Menschen mit sauberem Trinkwasser versorgen, in acht Ländern aktiv sein, mehrere Social Businesses gründen – all das fußt auf dem kreativen Saatgut der Kultur, der Kunst, der Musik
und der Inspiration.

Das heißt, ich bin selbst maximaler Nutznießer dieses Saatguts mit dem Viva-con-Agua-Kosmos und ich weiß: Das hätte keine andere Industrie mit befeuern können.  Du kannst halt nicht einfach sagen: Lass mal mit geilen Politiker*innen eine NGO gründen. Also kannst du auch, aber die wird halt anders. Die wird halt Anzug, die wird „Lass mal bei der EU einen Antrag stellen“, aber damit wirst du kein zivilgesellschaftliches Engagement stärken. Damit wirst du nicht aus dem St. Pauli-Stadion eine Kunstgalerie machen, die mit 17.000 Besucher*innen eines der größten Kunstfestivals Deutschlands zu Gast hat. Du wirst auch kein soziales Klopapier gründen – und das alles aus sich heraus, ohne Geld. Das ist ja das Kreative, was Künstler*innen schaffen: Sie kreieren Werte ohne Geld. Es geht nicht darum, dass man sich ohne Veranstaltungen mal nicht selbstbeweihräuchern kann, sondern es geht um den Roadie, um den Lichtmann – um alle Menschen, die hinter der Bühne arbeiten und die man vielleicht gar nicht sieht.

Wo man all die Kulturschaffenden momentan vielleicht noch ein bisschen sieht, ist auf den sozialen Medien. Hier werden momentan auch viele Formate entwickelt und genutzt – du selbst gehst auch live. Die Pandemie ist ja auch bei weitem nicht das einzige Problem, mit dem wir uns gerade konfrontiert sehen. Welche Potentiale bieten sozialen Medien für ein grüneres, oder besseres Morgen? 
Das ist eine gute Frage! Für mich sind soziale Medien wie ein Messer. Du kannst damit jemandem ein geiles Abendessen zubereiten oder du kannst jemanden abschlachten. Das hängt von deiner Motivation ab. Auf deine Frage bezogen: Man muss sich erstmal den CO²-Impact von einem Social-Media-Dienst anschauen, bevor man sagt, dass das alles CO² spart. Die Server, die Instagram, Facebook, YouTube, Twitch und wie sie alle heißen haben, sind gigantisch. Natürlich muss sich die Eventbranche wie jede andere Industrie fragen, wie man versuchen kann, carbon neutral zu agieren. Und carbon neutral ist ja nicht das einzige – es geht übergeordnet darum, einen positiven Impact in dieser Welt zu generieren. Darum geht’s in meiner Welt.

Das bedeutet, so wenig Scheiße wie möglich zu machen. Und das bedeutet, so wenig CO² wie möglich zu produzieren. Und wenn man es produziert, dann muss man es eben kompensieren.

Zu Beginn hast du ja schon gesagt, dass sich viele junge Menschen an Musiker*innen, die sie online verfolgen können, orientieren. Welche Verantwortung haben Personen des öffentlichen Lebens, wenn es um Themen wie Nachhaltigkeit geht?
Auf der einen Seite tendiere ich dazu, zu sagen: Genau die Gleiche wie jeder andere auch. Denn warum, nur weil das nun Personen des öffentlichen Lebens sind, sollten sie mehr Plan von Nachhaltigkeit haben? Auf der anderen Seite muss man natürlich auch sagen, dass diese Menschen, mit dem Privileg, ein Sprachrohr zu sein, auch an viele Annehmlichkeiten des Lebens kommen. Du kriegst von Firmen Sachen geschickt, die du nicht brauchst, aber doch vielleicht haben möchtest, wirst ein bisschen hofiert. Und mit Privilegien steigt immer auch die Verantwortung. Und deswegen glaube ich schon, dass Künstler*innen da nochmal eine andere Verantwortung haben, aufmerksam zu machen. Zum Beispiel Milky Chance, die sich wirklich um CO²-Kompensationen bemühen und eine Sustainability Managerin eingestellt haben. Natürlich musst du dir das auch leisten können. Aber da sieht man, dass das darüber hinaus geht, mal einen „Fridays for Future“-Post zu machen. Ich kann dir auch eine Reihe von Musiker*innen nennen, die gesagt haben, sie wollen sich das mal live vor Ort anschauen mit Viva con Agua, damit sie wirklich sehen, was der Impact von unseren Bechern ist.  Das ist für mich das Wichtigste: Dass Menschen sich wirklich mit den Dingen auseinandersetzen und verstehen, was dahintersteckt. Aber natürlich leidet auch irgendwann die eigene Kunst darunter, wenn du dich den ganzen Tag mit soziopolitischen Themen auseinandersetzt, weil du natürlich auch Ruhe und Entspannung brauchst.

Wenn man sich nur mit Themen wie rechter Gewalt oder Genitalverstümmelung auseinandersetzt, wird’s auch irgendwann schwierig, einfach Musiker oder Künstlerin sein zu dürfen. 

Schaffst du es denn noch, da eine Distanz zu bewahren? 
Nein, ich habe fast jegliche Distanz in meinem Leben verloren. Das klingt jetzt schlimmer, als es ist. Aber wenn du dich mit dem Sozialen beschäftigst, dann hört das ja nicht auf. Wir haben mit dem Wasser ja ein sehr liebevolles Thema, das jeder versteht. Zum Vergleich: Unser Thema ist ja auch Sanitärversorgung, was schon viel dreckiger ist. Oder bleiben wir bei dem Thema Genitalverstümmelung – wenn ich mich jeden Tag damit beschäftigen würde, dann würde mein Leben anders wirken. Dann würden Musiker*innen auch nicht so einfach aufspringen und das Thema unterstützen, weil es natürlich brutal ist. Der Kampf gegen Faschismus und Rassismus ist ja auch so schwer, weil du dich die ganze Zeit mit faschistoidem Gedankengut auseinandersetzen musst. Und im Antifaschismus steckt eben das Wort „Faschismus“ drin und das kriegst du da auch nicht raus. Das heißt, du hast den Kampf gegen etwas. Da ist das natürlich ein Gamechanger, wenn wir uns für etwas engagieren. Deswegen geht der größtmögliche Dank und die größte Anerkennung raus an Menschen, die sich tagtäglich auch gegen etwas einsetzen, weil das einfach anstrengender ist. 

Und wie bekommt man Unternehmen, aber auch Künstler*innen und vor allem Privatpersonen dazu, sich trotzdem mit diesen Themen auseinanderzusetzen und Stellung zu beziehen?
Es ihnen leicht machen. Keep it simple, sexy and social. Das ist auch das A und O, warum Viva con Agua das geworden ist, was es ist: Weil es einfach ist. Du kannst einfach deinen Pfandbecher spenden. Du kaufst eh Wasser. Warum? Weil uns in den 70er- und 80er-Jahren die Werbeindustrie vorgegaukelt hat, dass du schöner und intelligenter wirst, wenn du Mineralwasser trinkst. Das ist alles Bullshit, das ist alles Werbung. Trinkt Leitungswasser! Aber wenn du dich entscheidest, ein Wasser zu kaufen, dann kauf halt ein soziales Wasser. Und da gibt es in Deutschland einfach nicht viele. Es gibt in Süddeutschland noch eins, das aus einem Kloster kommt, was ich prinzipiell gut finde, auch wenn ich jetzt nicht so der Christ bin.

Wir müssen einfach Unternehmen schaffen, die einen Mehrwert für die Gemeinschaft generieren.

Es kann nicht sein, dass Global Player keine Steuern zahlen und somit keinen Gemeinwert schaffen!

Ich würde vielleicht noch ergänzen, dass es wichtig ist, sich zusammenzutun, Netzwerke zu gründen. Das macht ihr mit Viva con Agua ja schon von Anfang an sehr gut. Wie kriegt man es hin, nicht allein an einer Front zu kämpfen? 
Absolut. Einer der wichtigsten Impulse kam, weil wir vier Gründer Freunde sind. Wir sind zusammen aufgewachsen und hatten schon dieses Netzwerk der Freundschaft. Dann kam natürlich über St. Pauli ein Fußballnetzwerk hinzu und ein Netzwerk über Künstler*innen und Aktivist*innen, die gleich am Start waren wie Bela B oder Fettes Brot. Dann kam der nächste Freundeskreis aus Berlin, Kiel, Osnabrück und so weiter, die dann auch Viva con Agua gemacht haben, weil sie es bei uns gesehen haben. Und genau da muss man ran: Es braucht Netzwerke! Am Ende ist ein Netzwerk da, um dich zu unterstützen, wenn es dir schlecht geht und da sind wir jetzt auch wieder beim Positiven von Social Media. Man muss auf Social Media den Menschen nur ganz klar sagen, was man braucht und dann helfen sie auch.

Und auch da wieder: Man muss es ihnen einfach machen. Man muss ihnen sagen, wie.
Und es ist nicht immer nur einfach, Geld zu spenden. Für viele ist das nicht immer drin. Das Einfachste ist, wenn sie inspiriert und bereichert werden, mit einer Erfahrung, einer Idee, einer Freundschaft. Das schätzen sie dann, in dem sie sich engagieren. Ob das jetzt ein Abgeben von Ressourcen ist – denn Zeit ist ja auch eine Ressource – oder von Ideen, das ist egal. 

Um nochmal den positiven Spirit des „Sich für und nicht gegen etwas Engagierens“ aufleben zu lassen: Was sind denn deine Wünsche für die Zukunft? Für Viva con Agua, aber auch gesamtgesellschaftlich? 
Für Viva con Agua glaube ich, dass wir diesen brutalen Einbruch des Umsatzes und damit auch der Spenden kompensiert bekommen, weil das ist schon gravierend: Anstatt 6 Millionen jetzt vielleicht so 3,3 Millionen Euro. Ich weiß die genauen Zahlen jetzt noch nicht, aber es ist schon ungefähr die Hälfte. Das heißt, es geht ans Eingemachte. Und das wäre dann auch mein Wunsch für alle anderen: Dass die ganzen geilen Organisationen, Musiker*innen und Kulturschaffenden diese Pandemiezeit überstehen und dabei unterstützt und abgefedert werden, damit, wenn wir in einen Zustand zurückkehren – und ich sage jetzt bewusst nicht normal, denn normal war ja auch nicht nur geil – wir die Impulse auch nutzen können, die Corona uns gegeben hat. Also zum Beispiel weniger zu Fliegen. Manche Meetings sind wichtig, da geht es um die persönliche Bindung. Das hat Bela B in den Tagesthemen ganz richtig gesagt, unsere Fans müssen sich reiben aneinander, unsere Fans müssen sich riechen. Man muss sich manchmal reiben, man muss sich manchmal riechen, aber eben nicht immer. Und ich glaube, da hat die Businesswelt langfristig gelernt, dass man Homeoffice machen kann. Ich würde mir einfach wünschen, dass viele positive Errungenschaften aus dieser Zeit weiterentwickelt werden. 

Wir sind durch viele Themen durchgerattert – hast du noch etwas, dass du gerade ergänzen möchtest? 
Danke, dass ihr das trotz dieses Wahnsinns weitermacht! Das ist ja nicht nur eine Extrameile, das sind ganz viele Extrameilen.

Image

Lara Gahlow

Lara organisiert das Rocken am Brocken mit, arbeitet als freie Journalistin und Kulturmanagerin und hat mal einen Artikel über Pide geschrieben. Sie möchte Veränderungen in der Festivalbranche anstoßen und abbilden und träumt von einer nachhaltigeren und fairen Kulturlandschaft.  

Mehr von Lara:

Festivalfinder

Most Wanted: Music

3. – 5. November – Online


Alle Infos zum Festival
YouTube
Facebook


Teile den Beitrag