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“I want to see Ukraine’s victory”

Sziget 2022 ist politisch und trägt Shein


Artists mit dem Minivan zur Bühne bringen und Tickets beim Einlass kontrollieren – das waren József Kardos erste Aufgaben als Volunteer beim Sziget Festival. Seit 1999 arbeitet er fest beim ungarischen Festival und ist seit 2015 Programmdirektor. Autorin Henrike hat mit ihm über den Krieg in der Ukraine, Kunstwerke als Selfie-Point und die Werte des Festivals geredet.


text Henrike Schröder
redaktion Isabel Roudsarabi
fotos Till Petersen

lesezeit 12 Minuten

25 Künstler*innen werden auf dem großen weißen Plakat im Zelt der ukrainischen Organisation Music Saves UA im Bereich der NGO Island aufgeführt – mit Name und Foto. Unter der Überschrift “Artists you will not find at festivals because they defend Ukraine“ sieht man die ukrainischen Künstler*innen, die statt Konzerte zu geben, ihr Land verteidigen – oder verteidigt haben und dabei umgekommen sind, wie der Sänger und Schauspieler Pasha Li. Daneben hängt ein kleiner Din-A4 Zettel mit den ukrainischen Künstler*innen, die in diesem Jahr beim Sziget auftreten, dazwischen Fotos von Schulabsolvent*innen, die statt zu feiern in ihren Schärpen vor zerbombten Häusern und ausgebrannten Panzern posieren und ein weiterer Zettel, auf dem dickgedruckt steht:

“Russia is stealing our youth, our cities and leaves us with memories”


Sie sei froh, hier zu sein, erzählt eine der Organisatorinnen. Aber die Konzerte könne sie nicht richtig genießen. Jeden Moment könnte die Air Alert App dröhnend signalisieren, dass es in ihrer Heimatregion einen Luftangriff gibt, dass bei ihrer Familie der Krieg angekommen ist. Scheiße. Wie soll man sich mit so einem Thema beschäftigen, während ein paar Meter weiter gerade Lewis Capaldi auf der Hauptbühne steht und Konfetti in die Luft schießt?

Ein Festival zwischen Coachella-Vibe und Aktivismus

Im konfetti-gesprenkelten Bereich vor der Hauptbühne ist man auf dem Sziget angekommen, das auch der Instagramkanal des Festivals abbildet. Im Sekundentakt posieren junge Menschen vor dem Disney-gebrandeten Riesenrad, die ihre Arme alle auf die gleiche Art in die Luft recken. In den Bäumen hängen vereinzelt Lampions und über allem liegt eine trockene Staubschicht, die es schwer macht zu atmen. Nur in der neuen, erhöhten H&M VIP-Area auf der linken Seite scheint die Luft ein bisschen besser. 





In diesem Jahr konnte man sich den VIP-Status auf dem Festival erstmals erkaufen.

Dafür musste lediglich ein Teil des Zeltplatzes weichen. Die in der neuesten Shein-Festival-Kollektion gekleideten Frauen haben hier den besten Blick auf Justin Bieber, Dua Lipa, Calvin Harris und Kings of Leon. Wie gut, dass (Ultra-) Fast-Fashion-Marken wie Shein und H&M ihre Kleidung nicht in Europa, sondern größtenteils in Asien produzieren. So fallen die menschenunwürdigen Bedingungen, wegen denen die Arbeiter*innen oftmals sieben Tage die Woche für elf Stunden am Tag arbeiten und trotzdem nicht genug Geld zum Leben haben, nicht in den Verantwortungsbereich der europäischen Island of Freedom und können auf dem Gelände getrost ignoriert werden. Dieser Ausschnitt des Sziget würde es einem so einfach machen, das Festival als osteuropäischen Coachella-Abklatsch abzutun. Allerdings hätte man damit nur einen kleinen Teil des Festivals abgedeckt. 

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Der Krieg in der Ukraine wird nicht nur auf der NGO Island thematisiert. Auf der “Before I die…”-Tafel, auf die Besuchende des Festivals jedes Jahr ihre Wünsche für die Zukunft schreiben, steht hinter dem Zusatz “I want to…” “See Trump in jail,” “Eat a crayon” und “see Ukraine’s victory.” Und auch die ukrainische Flagge scheint in diesem Jahr präsenter als die anderer Nationalitäten. Im Gespräch erklärt Programmdirektor Jòszef Kardos, warum das so ist.

Programmdirektor Jòszef Kardos

Wurde in diesem Jahr beim Festivalprogramm ein besonderer Fokus auf die Ukraine gelegt?
József Kardos: Absolut. Wir unterstützen die Spendenkampagne von Music Saves Ukraine, die Spenden sammeln, um die Ukraine wieder aufzubauen und Flüchtlingen zu helfen. Ein QR-Code zu der Spendenaktion findet man auf dem Sziget Pass. Außerdem haben wir in diesem Jahr zehn ukrainische Acts auf dem Festival. Die Jahre zuvor waren es eher 1-2 Acts, aber dieses Jahr haben wir uns sehr viel Mühe gegeben, der Ukraine mehr Raum zu geben. Und das war gar nicht einfach, weil es für die Künstler gerade sehr schwierig ist zu reisen. Die Band Kazka hat zum Beispiel 1 ½ Tage gebraucht, um mit Zug und Bus aus Kiew herzukommen. Am Sonntag spielen sie auf der Hauptbühne. Und um auf die Situation in der Ukraine aufmerksam zu machen, wird die Sängerin außerdem eine Rede halten. 


Wird das Thema Krieg durch weitere Performances aufgegriffen?
József: Auf dem Theatre-and-Dance Field gibt es eine Tanzperformance – Forces von Leslie Mannès, Thomas Turine und Vincent Lemaître. Ich habe das Stück gesehen, als der Krieg gerade anfing. In dem Stück tanzen sechs Frauen eine sehr ausdrucksstarke Choreografie. Und ich hatte das Gefühl, dass es eine sehr starke Anti-Kriegshaltung ausdrückt. Deswegen habe ich die Künstler gebeten, das Stück für unsere Outdoor-Bühne zu adaptieren und noch stärker auf den Krieg zu beziehen, um die Aufmerksamkeit auf die tragische und schreckliche Situation in der Ukraine zu lenken. Am Montag haben wir eine weitere besondere Theaterperformance zum Thema Migration. So viele Menschen sind momentan gezwungen, wegen Krieg, Erderwärmung, Hungersnot oder wegen fehlender Möglichkeiten, ihre Heimat zu verlassen. Kamchàtka Liberandum aus Barcelona thematisieren das auf der Hauptbühne zwischen zwei großen Konzerten. Es dauert nur 10 Minuten, aber ist sehr beeindruckend. 





Ich finde es interessant, dass diese Slots auf der Hauptbühne genutzt werden, um tagesaktuelle Themen anzusprechen. 
József: Das ist uns sehr wichtig. Das Sziget ist sehr bekannt. Wir haben eine sehr große Reichweite über Social Media und natürlich kennen mehr Leute das Festival als wir Besucher hier haben. 

Deswegen ist es sehr wichtig, dass wir für unsere Werte eintreten. Und die haben sich seit der ersten Ausgabe 1993 nicht verändert. Seitdem setzen wir uns für Menschenrechte ein und sprechen uns gegen Rassismus, Homophobie und Fremdenhass aus.

Außerdem ist es sehr wichtig für uns, über die Erderwärmung und andere Probleme, die uns in der Zukunft begegnen werden, zu sprechen. Deshalb wollen wir diesen Themen zwischen Konzerten Zeit auf der Hauptbühne einräumen.

Was ist in diesem Jahr für dich das wichtigste Thema?
József: Alle diese Themen sind relevant, aber da der Krieg in der Ukraine sehr aktuell ist, ist das für uns das wichtigste.

Denn wir hassen diesen Krieg und wir hassen, dass ein Diktator die ganze Welt bedroht – und das in unserem Nachbarland. Tausende Menschen sterben jeden Tag. Das können wir nicht ignorieren und dabei können wir auch nicht stumm bleiben.

Wir müssen etwas dagegen tun und ich hoffe, dass wir das mit unseren Statements schaffen. Wir wissen natürlich, dass wir damit nicht alle erreichen, aber ich glaube, die meisten jungen Leute verstehen und wissen, dass das nicht die Zukunft ist, die sie sich für sich selber und ihre Kinder wünschen. Deswegen müssen wir uns um unsere Umwelt kümmern. Und das liegt in unser aller Verantwortung – nicht nur in derer der Politik. 

Das Rahmenprogramm hinter den Werbebannern

Freedome presented by Mastercard stage, Ticketswap Party Arena, Music Box presented by Marie Claire und dropYard powered by BOLT – beim Sziget gibt es kaum eine Konzertbühne ohne Branding. Die größte Ausnahme bildet dabei ausgerechnet die Hauptbühne. Die Main Stage dedicated to Dan wurde nach dem Promoter und Booker Dan Panaitescu benannt, der 2016 bei einem Autounfall starb. Und auch das kulturelle und politische Programm bleibt größtenteils vom offensiven Branding verschont. Im Tent Without Borders etwa wird Besuchenden die Möglichkeit gegeben, sich mit Immigration, Interkulturalität und Menschenrechten auseinanderzusetzen und sich mit nationalen und internationalen NGOs auszutauschen. 

Und was gibt es sonst noch abseits der Konzertbühnen?  
József: Wir haben das Theatre-and-Dance Field für das Theater- und Tanzprogramm, das Magic Mirror Zelt für LGBTQ- und Gender-Themen, den Traveling Funfair, sowie den Cirque du Sziget für familienfreundliche Unterhaltung und das Global Village mit einem Weltmusikprogramm. Diese Venues liegen alle sehr nah beieinander, abseits von den lauten Hauptbühnen und sind damit während des Festivals am entspanntesten. Am anderen Ende der Insel befindet sich außerdem das Art Village mit unterschiedlichen Galerien, Kunstinstallationen und Workshops. Hier können Besucher selber etwas gestalten – zusammen mit den Künstlern. Das ist sehr beliebt. Da das Festival sechs Tage andauert, suchen die Besucher nach Aktivitäten – neben Musik, Feiern und Trinken. Dafür ist die Venue perfekt.  

Es ist sehr ruhig dort, weil sich die Leute sehr darauf konzentrieren, was sie tun.
József: Genau. Und in der Nacht ist das der lauteste Teil des Festivals, weil daneben, im Colosseum und in der Party Arena die Partys mit elektronischer Musik sind. Das Programm am Tag und in der Nacht ist hier sehr gegensätzlich.

Wird die ausgestellte Kunst auf dem Festival überhaupt als Kunst wahrgenommen? Das eine Kunstwerk scheint eher als Selfie Point genutzt zu werden.
József: Es ist beides: ein Kunstwerk und ein Selfie Point. Und das ist wiederum gut für den Künstler, weil man damit über Social Media seine Kunst unterstützt. 

Natürlich nutzen die Besucher Social Media und wir folgen dem Trend und haben auf dem kompletten Gelände mehrere Möglichkeiten geschaffen, schöne Fotos zu machen.

Sziget ist ein internationales Festival mit Besuchern aus 60 verschiedenen Ländern. Wir wollen alle ansprechen und haben deswegen die Zäune am Eingang mit den Flaggen der unterschiedlichen Länder verkleidet. 

Mit der passenden Begrüßung in der Landessprache… 
József: Genau. Es gibt viele Besucher, die vor der Flagge ihres Landes Selfies machen. Damit wollen wir zeigen, dass Sziget ein internationales, europäisches Festival ist. 

Sziget ist kein ungarisches Festival und darauf sind wir stolz.

Unsere Besucher kommen von überall her und das hört man, wenn man über das Gelände läuft durch die verschiedenen Sprachen, die gesprochen werden. Es gibt in Europa viele gute Festivals, aber deutsche Festivals haben vor allem deutsche Besucher und belgische Festivals belgische Besucher. Menschen kommen zum Sziget, weil sie das Gemeinschaftsgefühl suchen – ungeachtet des kulturellen Hintergrundes, der Hautfarbe und der sexuellen Orientierung.   




Na, was denn jetzt?

2022 ist Sziget beides: ein Mainstream-Festival, das Besuchenden mit Pinterest-Inspo-Pinnwänden zum perfekten Festival-Style die passenden Motive für ihren Insta-Feed bietet. Es ist aber auch ein Festival, das die europäische Festival-Utopie der Island of Freedom mit Werten unterfüttert – und das von Performances über Workshops und Diskussionsrunden bis hin zu zufälligen Gesprächen beim Schlendern über die NGO Island. Letzteres verkauft vermutlich keine Tickets. So richtig drängelig voll ist es beim Sziget nämlich nur dann, wenn man vor der Hauptbühne steht. Trotzdem entscheidet sich das Festival jedes Jahr aufs Neue, dem kulturellen und politischen Rahmenprogramm einen großen Teil der Island of Freedom einzuräumen und zeigt damit eine Ambivalenz auf, die man auf dem Festival nicht so leicht ignorieren kann: Kann man sich als strahlenden Verfechter der europäischen Werte verkaufen, wenn man gleichzeitig Marken wie H&M, Tiktok und Disney auf das Festival bringt und die Kritik an diesen einträglich ignoriert? 


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Henrike Schröder

Henrike schläft lieber in Hotels als in Zelten, ihre Begeisterung für Festivals hat sie aber trotzdem schon häufig unter Beweis gestellt, unter anderem als Redakteurin beim Festivalguide. Außerdem ist sie einer der Gründe, warum unsere Texte nicht aussehen, als wären sie von Grundschüler*innen geschrieben.

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Sziget 2023

10. - 15. August – Budapest, Ungarn


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Henrike schläft lieber in Hotels als in Zelten, ihre Begeisterung für Festivals hat sie aber trotzdem schon häufig unter Beweis gestellt, unter anderem als Redakteurin beim Festivalguide. Außerdem ist sie einer der Gründe, warum unsere Texte nicht aussehen, als wären sie von Grundschüler*innen geschrieben.