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Hurricane 2019

Einmal und nie wieder - Warum mich das Festival nicht überzeugt hat

Das Hurricane ist für viele Menschen, ebenso wie sein Zwillingsevent Southside im Süden, seit Jahren eine feste Institution des Festivalsommers. Oft als Einstiegsfestivals genutzt, geht man halt irgendwann nur noch hin, weil man es schon immer macht. Traditionen werden hier Jahr für Jahr geboren oder weitergepflegt, alte Freundschaften aufgefrischt. Ich war 2019 zum ersten Mal dort, ganz ohne Melancholie oder alter Verbundenheit. Die Neugier und vor allem das Line-up haben mich in den Norden gezogen.
Warum es das erste und das letzte Mal für mich war…

text Celina Riedl
redaktion Sebastian Bondrea
fotos Till Petersen

Das Hurricane Festival – ein Ort, der die Gemüter spaltet. Für die einen, ein traditionsreiches Festival, dass sie schon seit Jahren immer wieder besuchen. Für die anderen eher ein einmaliger Ausflug. Wir waren im letzten Jahr dort und haben die Veranstaltung aus beiden Blickwinkeln betrachtet. HIER geht es zu Teil 1.

Bei der Veröffentlichung des Line-ups glänzten meine Augen – The Cure, Foo Fighters, Tame Impala, Bloc Party oder The Wombats, um nur einige meiner Favoriten vom Hurricane 2019 zu nennen.
Das Festival in Scheeßel holt sich jedes Jahr eine beachtliche Liste an Musiker*innen und Bands auf die Bühnen. Für einen stattlichen Preis von 159 Euro Minimum ist das aber auch zu erwarten. Damit lockt das Event jedes Jahr mehr und mehr Gäste an, 2019 waren es rund 68.000.


Aller Anfang ist schwer

Nach der Ankunft am schönen Scheeßeler Bahnhof folgt eine halbe Weltreise zum Festivalgelände, wo man mich mit dröhnender Zeltplatzmusik aus zwanzig tragbaren Boxen empfängt. Von System of a Down, über 187 Straßenbande bis hin zu My Heart will go on in der Bad Flute-Version ist alles zu hören und hilft nicht gerade dabei, sich zwischen dem Chaos der Platzsuchenden und der bereits stark alkoholisierten Gäste zurechtzufinden. Während ich mich frage, wie es möglich ist, sich am Tag vor dem ersten Festivaltag schon eine mittlere Alkoholvergiftung anzutrinken, versuche ich mich an den jetzt schon nicht mehr erkennbaren Wegmarkierungen entlang zu hangeln und erreiche schließlich das Camp meiner Freunde.

Die erste Runde Bierpong wartet schon und ich beschließe, mich von allem mal nicht so stressen zu lassen. Bis es anfängt zu regnen und alles unter Wasser steht. Eine Freundin erreicht uns nach dem fünften Versuch auf dem Handy – sie steht mit ihrem Auto seit Stunden in der Schlange zum Parkplatz. Nichts geht mehr, weder vor noch zurück. Die Wiesen, die als Parkplatz dienen, haben sich mittlerweile in hässliche Matschfallen verwandelt.
Einige Stunden und einige Kilometern Laufweg später sind nun alle unterm Pavillon versammelt und die ersten Dosenravioli werden serviert. Unterhalten ist schwierig, da das Nachbarcamp beharrlich darauf besteht, ihre Dauerschleife von Geh mal Bier hol’n samt campeigenem Chor noch ein wenig fortzuführen.

Durchatmen, sage ich mir, und freue mich auf die Konzerte am nächsten Tag.

Einschlafen ist trotz Ohropax eine echte Herausforderung, aber irgendwann lullt einen auch Mickie Krauses engelsgleiche Stimme in den Schlaf. 

Neuer Tag, neues Glück. Der Regen ist Geschichte und die Sonne knallt auf den Campingplatz, sodass man schon schwitzt, bevor es überhaupt los geht. Den Festivalauftakt macht für uns dieses Jahr Frittenbude als geheimer Special Guest auf der Wild Live Stage. Die Bühne ist noch Teil des Campinggeländes und lädt zu fliegenden Bierdosen im Takt zu Mindestens in 1000 Jahren ein.

Weiter geht’s dann aufs Festivalgelände und damit zu langen Schlangen vor den Bierständen. Die hohen Preise sind keine Überraschung, zusammen mit dem ewigen Anstehen aber machen sie die Lust auf ein Bier ein wenig kaputt. Nicht anders sieht es bei den Foodtrucks aus, die zwar Pommes mit Trüffelmayonnaise, Cheesecake am Stiel und gegrillte Käsesandwiches versprechen, deren Preise mich aber in den finanziellen Ruin treiben würden. Also doch wieder „schnell“ zurück zum Campingplatz und eine Dose aufgemacht, bevor man dann die nächste Band verpasst.

Sound Top – Hygiene Flop

Musikalisch wiederum lässt einen das Hurricane weder am ersten noch an einem der anderen Tage im Stich. Papa Roach, Parkway Drive und Die Toten Hosen bringen die Menschen zum Pogen und Tanzen. Wessen Herz für deutsche Musik fernab von Genregrenzen schlägt, wird mit Leoniden, Bosse, Bilderbuch oder Trettmann nicht enttäuscht. Den Abschluss des Tages machen Tame Impala mit einer funkelnden Lasershow, welche die Gäste anschließend zurück ins Bett oder zum Weiterfeiern auf den Zeltplatz schickt.

Nach einem kurzen Blick auf die Duschschlange beschließe ich, den Schweiß und Dreck auf meiner Haut zu ignorieren und einfach nach dem Wochenende meinen Schlafsack zu waschen. Am Zeltplatz ereilt mich zusätzlich eine frohe Botschaft: Der Akku des Ghettoblasters vom Nachbarcamp ist leer. Glücklich über die Ruhe sinke ich in den Schlaf, die einzigen Geräusche kommen von weit entfernten Betrunkenen, die sich selbst ein Schlaflied singen.


Gestärkt vom ersten Instantkaffee am nächsten Morgen beschließe ich, die Mission Duschen auf mich zu nehmen und bereue augenblicklich, dass ich gestern Nacht nicht geduldig genug war. Die Schlange ist noch länger und dazu praller Sonnenschein und weit und breit kein Schatten. Leider gibt es nur eine Waschanlage für den gesamten Campingabschnitt. Also heißt es erstmal warten und hoffen, dass ich mein Ziel erreiche, bevor ich einen Hitzschlag bekomme. Bereits auf dem Weg zurück zum Camp bin ich genauso nassgeschwitzt wie vorher und ich spiele mit dem Gedanken, das Duschen für die nächsten Tage einfach sein zu lassen.

Weit und breit kein Sonnenschutz

Ein Frühstück und eine Ganzkörperbehandlung mit Sonnencreme später brechen wir auf Richtung Festivalgelände. Unterwegs wollen wir kurz am Wifi-Spot halt machen, was sich luxuriöser anhört als es tatsächlich ist. Nicht jedes Handy kann sich damit verbinden, der „Spot“ ist eine hölzerne Säule mit Banner mitten auf dem Gelände ohne jegliche Sitzmöglichkeit oder Sonnenschutz. Klar, auf WhatsApp und Instagram kann man für ein paar Tage auch mal verzichten. Aber da die wenigsten Funknetz auf dem Gelände haben, ist ein kurzer Kontakt zur Außenwelt zwischendurch mal ganz schön. Aber wirklich kurz, sonst verbrennt man leider in der Sonne.

Während Frank Turner auf der Bühne performt, knallt sie zwar immer noch runter, aber das Konzert macht es wieder weg. Mal kurz ein bisschen schwitzen, denk ich mir beim Tanzen. Kann mir ja danach Wasser holen gehen. Den Gedanken hatten leider auch alle anderen und drängen nach dem Auftritt zur Wasserstelle. Vom Durst gezeichnet, versuche ich geduldig zu bleiben. Andere zeigen sich da deutlich egoistischer und so bekomme ich mehrmals einen Ellenbogen in die Seiten. Endlich abgekühlt, quäle ich mich zurück durch die Menge und warte auf meine Freunde, die immer noch in der Kloschlage stehen.

Auf zum nächsten Konzert, dessen Anfang ich schon verpasst habe.

Ich versuche dagegen meine Blase zu ignorieren. Auf zum nächsten Konzert, dessen Anfang ich schon verpasst habe. Der Rest des Tages hält für mich ein paar wunderschöne Konzerte bereit und als dann die Sonne untergeht – perfekt inszeniert während Hennig May auf der Forest Stage Es tut mir leid Pocahontas“ schreit – ist auch das Tanzen kein Kampf gegen den Kreislaufkollaps mehr.

Vorher aber lässt Bloc Party ein wenig Nostalgie aufleben, nur damit wir kurz darauf zu einem Gute-Laune-Lied nach dem anderen von The Wombats umherspringen. Nach AnnenMayKantereit liefert Macklemore wie immer eine Show ab, bei der selbst die, die nur Thriftshop aus dem Radio kennen, eine ordentliche Party erleben. Samt Licht- und Filmshows, Backgroundsänger*innen und diversen Outfits läutet der Rapper die Nacht ein und schickt die Fans in Euphorie weiter zu Mumford & Sons, die für den Abschluss des Abends sorgen. 

Ein wenig Planung im Vorfeld hätte sich angenehm ausgewirkt…

Der letzte Festivaltag ist angebrochen. Bierpong zum Frühstück, alles wie gehabt. Wir erkunden anschließend ein wenig das Gelände. Unser Campingabschnitt grenzt direkt ans „Grüner Wohnen“ und ein kurzer Blick über den Zaun zeigt uns das vermeintliche Paradies: Musik, die gerade so laut ist, dass die Zeltnachbarn nicht permanent gefoltert werden. Saubere Camps, auf denen nicht bei jedem Schritt eine leere (oder volle) Bierdose unter den Füßen zerquetscht wird. Nachtruhe, von der ich auf meinem Zeltplatz nur träumen kann. Dabei ist dieser Luxus nicht teurer als ein normales Ticket – man muss sich nur vorher rechtzeitig anmelden und ein paar wenige Regeln beachten.


Im Anschluss machen wir einen kleinen Ausflug zum Combi Supermarkt, einem riesigen, klimatisierten weißen Zelt. Wir holen uns ein paar Snacks und etwas zu Trinken, bevor es zu den ersten Konzerten geht. Nach Royal Republic und Wolfmother brauche ich allerdings erstmal eine Pause – die fröhlichen Moshpits haben den staubigen Boden vor der Bühne so sehr aufgewirbelt, dass man zwischenzeitlich nicht einmal mehr die Bands gesehen hat. Hustend beneide ich die Leute, die daran gedacht haben, sich ein Bandana vor Mund und Nase zu binden.

Vergeblich suche ich mal wieder nach Schatten und erspähe nur Foodtrucks und Bierstände in weiter Ferne. Das OTTO-Haus oder der Truck von Jack Daniel’s sind auch keine Optionen, da ich mir nicht irgendwelche Newsletter aufschwatzen lassen will.

Versöhnlicher Abschluss dank The Cure und Foo Fighters

Nachdem auch der letzte Staub aus meinen Lungen verschwunden ist, geht es auf die River Stage zu Interpol und im Anschluss zu The Cure, eines meiner persönliches Highlights des Wochenendes. Über zwei Stunden lang bringen Robert Smith und Co. Jung wie Alt zum Tanzen und Mitsingen.
Die letzte Energie, die noch in den Knochen steckt, wird dann bei den Foo Fighters verbraucht, die mir einen krönenden Abschluss des Festivalwochenendes bereiten. Neben altbekannten eigenen Hits liefern sie ihren Fans auch durch Cover von Queen, Ramones oder David Bowie eine kleine Reise in die Vergangenheit.

Kaputt, aber noch im Rausch der Musik, tänzeln wir zurück zum Zelt. Während viele andere schon abreisen, lassen wir uns Zeit und fangen am nächsten Morgen in aller Ruhe das Packen an.

Eine unglaublicher Menge Müll

Je mehr Menschen gehen, desto mehr ekele ich mich vor ihnen. Beim Blick auf die Hinterlassenschaften bricht mein Ökoherz und ich frage mich, ob diejenigen, die nicht nur ihre kaputten Stühle, leeren Bierdosen und halbvollen Gaskartuschen, sondern auch Essensreste, benutzte Kondome und körperliche Absonderungen auf der Wiese liegen lassen, auch zuhause so in ihrem eigenen Dreck leben. Vielleicht ist es ihnen auch egal, wie viel Müll in der Umwelt landet oder dass Helfende losziehen und hinter ihnen herräumen, sobald sie abgereist sind.

Am Ende wird aus der verschwenderischen Art der Gäste allerdings das Beste gemacht: Während sich die Campingplätze immer weiter leeren, laufen Helfer*innen umher und sammeln noch funktionstüchtige Zelte, Isomatten und Schlafsäcke ein, die an Bedürftige gespendet werden. Auch übrig gebliebene Konserven werden dankend angenommen und landen so schon mal nicht im Müll.

In Zukunft ohne mich

Nach vielen weitern Stunden, die wir auf dem Weg zum Parkplatz und anschließend in der Autoschlange verbracht haben, verlassen auch wir das Hurricane und ich freue mich mehr denn je auf eine Dusche und mein eigenes Bett. Schon auf der Heimfahrt weiß ich: Auch wenn die Konzerte wunderschön waren und ich endlich einige Künstler*innen erleben durfte, die ich schon ewig sehen wollte: Im nächsten Jahr komme ich nicht wieder.

Ich gehe stattdessen lieber auf kleine Festivals oder besuche Konzerte der Bands, die ich unbedingt sehen möchte. Wen Mega-Festivals wie das Hurricane nicht abschrecken, dem empfehle ich allerdings, Möglichkeiten wie das „Grüner Wohnen” zu nutzen. Denn bei aller Liebe zu Festivals – nach drei Tagen voller lauter, betrunkener Menschen und dröhnender Ghettoblaster-Mukke um dich herum kannst du selbst die Konzerte nicht mehr wirklich genießen.

Festivalfinder

Hurricane 2021

18. – 20. Juni – Scheeßel


Alle Infos zum Festival


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