Magazin

Über Energien & Einsamkeit

Im Gespräch mit tINI auf dem EPIZODE Festival in Vietnam


 
 

text & foto Marco Lehmbeck
redaktion Isabel Roudsarabi

lesezeit 20 Minuten

Von Berlin über Kopenhagen, Doha und Ho-Chi-Minh-City erreiche ich Phu Quoc nach 27 Stunden Reise. Es ist der 5. Januar 2019. Die Weihnachts- und Neujahrsdekorationen baumeln noch vor den Läden in der tropischen Sonne. Es sind 32 °C in Vietnam. Hochsaison.

 

Phu Quoc ist die größte Insel Vietnams und liegt im Südwesten an der Grenze zu Kambodscha. Per Fähre erreicht man sie aus der Küstenstadt Rach Gia, am besten jedoch per 50 Minuten Flug von Ho-Chi-Minh-City. Nicht unbedingt ein Ort, der einem auf der Weltkarte der elektronischen Musik als erstes einfällt. 

Ich bin schon einmal hier gewesen. Vier Jahre ist das her. Ich erinnere mich an gutes Seafood, an Strandbars, an einen Vergnügungspark ohne Besucher, an die Hundefleischverkäufer auf den Dörfern und an gigantische Bauprojekte, die ganze Inselteile neu strukturierten und mit Betonpalästen zupflasterten. Doch schon beim Landeanflug bemerke ich, dass aus den Baustellen längst schicke Hotelanlagen geworden sind, die sich an den Stränden aneinanderreihen. Dahinter erheben sich die tiefgrünen Hügel des Nationalparks. Mein Flieger schwebt über all das hinweg, senkt sich, setzt auf. 

Über dem Gepäckband bewirbt ein Banner das Epizode Festival. Zwölf Tage elektronische Musik auf vier Bühnen. Das Line-Up ist hochkarätiger besetzt als so manches Festival in Technoeuropa: Nina Kravitz, Ricardo Villalobos, Peggy Gou, … – tINI, die ich für Höme Unfiltered interviewen und zu ihrem Gig begleiten werde, finde ich nicht auf dem Banner. Doch das sagt mehr über die hohe Qualitätsdichte des Line-Ups aus, als über den Bekanntheitsgrad meiner Interviewpartnerin. 

tINI hat mit allen gespielt: Carl Cox, Richie Hawtin, Sven Väth, … die Liste ließe sich beliebig weiterführen. 

Was irgendwann in München mit den Turntables und Hip-Hop-Platten ihres Bruders begann, setzte sich zunächst in Hamburg und vor etwa 10 Jahren dann in Berlin und Ibiza fort, wo sie den meisten wohl durch ihre erfolgreiche Partytreihe tINI & the Gang ein Begriff sein dürfte. Aktuell spielt tINI knapp über 100 Shows im Jahr. Gerade erst, im Oktober 2018, hat sie ihre zweite EP Human Lung Chair released, was gleichzeitig den Start ihres neu gegründeten Labels Part of the Gang bedeutete.
Aber all das findet man ja bereits im Internet. Wir wollen es genauer wissen. Wie ist es, ständig unterwegs zu sein? Um die Welt zu jetten, mit dem Druck umzugehen? Wie fühlt es sich an, seinen Körper durch permanente Nachtschichten an gesundheitliche Grenzen zu bringen, wenn man beispielsweise wie tINI spontan ein 31 Stunden Back-2-Back auf einem Festival spielt? 


Es ist vormittags am 7. Januar, Festivaltag 11. Mit dem Moped geht es die überdimensionierte Inselstraße entlang. Links und rechts der Straße werden Durianfrüchte und Suppen angeboten. Die Händler schlafen auf dem Moped liegend im Schatten. Das Novotel, in dem tINI untergebracht ist, liegt auf der Westseite der Insel, ein nagelneuer Tourismuskomplex bestehend aus Appartements, Hotelanlagen mit Außenpool, künstlich angelegten Gärten und mit Blick auf den thailändischen Golf. 

Ich klopfe an Zimmertür Nummer 200. tINI begrüßt mich überraschend herzlich und bittet mich herein. Der Raum ist im Boutique-Stil eingerichtet. Ein Zimmer, wie es sie baugleich auch in Wien oder Frankfurt gibt – minimalistisch und modern. Einzig die Palmen vor dem Balkon erinnern an Südostasien. Während tINI es sich auf dem Bett bequem macht, schaue ich mich um. Offene Koffer, Tonträger, USB-Sticks, Geld in verschiedenen Währungen, Hygieneartikel, ein Buch von Bukowski auf Spanisch.


tINI: Was du auch immer bei mir finden wirst, sind Räucherstäbchen. Mich wundert, dass du es noch gar nicht gerochen hast. 

Jetzt wo du es sagst. 
Es erinnert mich an Zuhause. Ich glaube auch an die energetische Qualität der Räucherstäbchen und allgemein an Energien ganz extrem. Ich bin nicht der Super-Spiri, aber für mich hat sich das bewährt. Ich zünde auch immer Räucherstäbchen an, bevor ich spiele. 

Auch vor deinem Auftritt später? 
Ja. Meine Schwägerin ist mit meinem Bruder auch hier [auf der Insel; Anm. d. Red.]. Sie macht ihre Räucherstäbchen selber, nach bestimmten Bestandteilen: Damiana, Zimtrinde, Kopal. Alles hat bestimmte Eigenschaften.
Sie hat mir für’s Auflegen Räucherstäbchen gemacht, die habe ich immer in meiner Tupperdose dabei. Auch im Club, wenn ich zum Beispiel meine eigene Party veranstalte – tINI & the Gang. Ich glaube an die reinigenden Eigenschaften und im Nachtleben sind viele schlechte Energien unterwegs. 

Ich bin einfach empfindlich, was Energien angeht. Wenn ich irgendwo hinkomme, dann spüre ich manchmal schon zu viel. Mit den Stäbchen schaffe ich mir meinen Safe Space. Man arbeitet als DJ auch hauptsächlich mit Energien. Für manche ist ein DJ jemand, der Musik spielt, aber das hat bei mir ein anderes Level erreicht, ich gehe ganz anders an die Sache heran und denke nicht: „Welcher Track reißt jetzt die Arme in die Luft?“ Für mich ist es schöner, wenn die Leute die Augen geschlossen haben und tanzen. Für mich geht es darum, dass sie etwas spüren, dass sie merken, dass da noch etwas anderes ist, als nur in einem Club zu stehen und sich abzuschießen. 


Autopoetische Feedback-Schleife – Hast du das schon mal gehört?
Nee. 

Das beschreibt in der Theaterwissenschaft das Phänomen, dass sich die Qualität des Stückes oder die Tagesform des Schauspielers auf das Publikum auswirkt und entsprechende Reaktionen hervorruft. Wenn das Publikum schlecht reagiert, spielt der Schauspieler noch schlechter. Ist das Publikum gut drauf, spielt der Schauspieler immer besser. So schaukelt sich das hoch. 
Das ist wirklich total so. Ich habe Abende gehabt, an denen ich vor tausenden von Leuten stand, zum Beispiel auf Ibiza im Magnesia, und ich hatte eine komische Laune. Ich kam einfach nicht rein und war so angespannt, dann hat sich das auf die Leute übertragen. Das hat mich dann wiederum noch angespannter gemacht. Die Musik war die gleiche wie sonst, das Set war gut, aber der ganze Club war angespannt, weil ich so angespannt war. Das habe ich schon tausend Mal erlebt. Umgekehrt natürlich auch. 

Wenn ich in the zone bin und an nichts denke, völlig frei bin und die Musik sich selber findet, dann spüren die Leute das. Dann öffnest du irgendwas.

Schaffst du dir einen Safe Space am Anfang, indem du dir zum Beispiel die ersten Lieder vorher zurechtlegst? 
Nee, gar nicht. Das haben mir mal ein paar Leute geraten: „Pack‘ deine liebsten Songs an den Anfang.“ Ich kann das nicht. Ich mag das nicht, mich so vorzubereiten. Das habe ich die letzten 15 Jahre nicht gemacht, warum jetzt anfangen? Es hängt auch viel davon ab, was derjenige vor mir spielt. Wie ist die Energie im Raum? Es ist eine spontane Entscheidung. Von da an geht’s dann. Die Tracks finden sich von ganz alleine. Ich habe da überhaupt keine Worte für, was da manchmal passiert. Ich kann auch im Nachhinein überhaupt nicht sagen, was ich gespielt habe. Wenn ich lange Sets spiele, ist das instantly ausgelöscht in der Sekunde, in der es vorbei ist. Da denke ich mir auch immer: Wow. Woher kommt das? Wer leitet mich da? Das ist manchmal schon etwas spooky, in a good way. Eine Art Out-Of-Body-Experience, wenn man sich wirklich selber abgibt und nur als Bindeglied zwischen Musik und Leuten fungiert.

Allerdings bin ich auch nach 15 Jahren immer noch aufgeregt vor einem Gig. Das hat nie aufgehört. Ich bin meistens kurz vorher super angespannt. Ich habe manchmal wirklich eine totale Schockstarre, so, dass ich 30 Minuten nicht reden kann. Vor allem wenn das so große Shows sind. Timewarp und solche Sachen, oder Panorama-Bar im Berghain. Da ist dann schon immer einen Tag davor absolutes „Aaaargh!“. Ich habe mir am Anfang gedacht, vielleicht hört das irgendwann auf, aber jetzt denke ich eher: Wenn das irgendwann aufhört, bin ich innerlich tot. 

Aber ein Ende ist sowieso nicht in Sicht. Du hast gerade dein Label gegründet.
Ja, Part of the Gang. Und ich habe auch endlich mal wieder einen EP-Release gemacht. Ich mache eigentlich hauptsächlich alles alleine, abgesehen von meinem Booking und solchen Sachen. Ich versuche alles so aufzubauen, dass es von mir allein handle-bar ist, mit so wenigen Leuten wie möglich dazwischen, weil ich meine eigene Vorstellung davon habe, wie Dinge zu laufen haben oder wie das Outcome sein soll.
Ich plane sogar eine eigene kleine Agentur. Aber nicht mit mir selber. Die Idee von tINI & the Gang ist, dass man Artists fndet, die noch nicht auf dem Radar sind. Die ursprüngliche Idee war, Artists, die sonst nie auf Ibiza spielen würden, aber gute Musik machen und unbedingt dort gehört werden sollten, dorthin zu bringen. Dieses tINI & the Gang-Konzept ist übertragbar auf alles. Das Label ist auch nicht festgelegt auf einen Style. Auch die DJs, die ich buche: Jeder Einzelne hat seinen eigenen Sound.

tINI besteht also aus drei Teilen: Produzieren. Auflegen. Business.
Bisher war es hauptsächlich tINI als DJ. Jetzt, 2019, sind es schon 10 Jahre, seitdem mein Album rausgekommen ist. Da war ich auch echt faul danach. Naja, faul nicht, aber wenn man so viel auflegen kann auf einmal – das ist ja genau das, worauf man hinaus will als DJ – und dann nur on the road ist, dann bleiben halt andere Sachen auf der Strecke. Ich werde oft gefragt: „Bist du lieber DJ oder Produzentin?“ Auf jeden Fall lieber DJ. Mir wurde mal gesagt, ich wäre eine Rampensau. Mir macht es nichts aus, auf einer Bühne zu stehen, weil es mir in dem Moment nicht bewusst ist. Ich habe mal auf einem Festival vor Sven Väth gespielt, das waren so 20.000 Leute. Ich merke das dann erst hinterher und denke: Boah, krass.

Ist dir das alles zusammen nicht irgendwann zu viel?
Es ist tatsächlich ein interessanter Move, sich mit Label und Agentur noch mehr Arbeit aufzuladen, aber ich plane, dieses Jahr [2019, Anm. d. Red.] weniger Shows zu spielen und auch einmal im Monat ein Wochenende frei zu machen. Das ist bisher viel zu kurz gekommen. Ich glaube, ich habe in den letzten zehn Jahren keinen richtigen Urlaub gemacht. Zwei Wochen weg ohne Auflegen gab’s nicht, glaube ich.
Wobei ich das Auflegen auch nicht so als Arbeit sehe. Mir macht es ja Spaß. Aber mit den ganzen Sachen, die ich jetzt anstehen habe, muss ich schon ein bisschen besser in meiner Zeiteinteilung werden und auf jeden Fall auch Sachen abgeben. Das ist klar
.

Dass du das alles bewältigst, ist das eher deiner Disziplin geschuldet oder weil es dir Spaß macht?
In erster Linie klappen nur Sachen bei mir, die mir Spaß machen. Wenn mir das alles zu viel wird, würde ich es auch lassen. Es gab Zeiten, in denen ich viel zu viel aufgelegt habe.

Es gab einen Sommer, da hatte ich 21 Gigs in einem Monat. Danach habe ich mich klinisch tot gefühlt. Aber es hat halt Spaß gemacht.

Aber die Abstriche, die man macht: Man ist wenig zuhause, man sieht die Freunde nicht oft. Und jetzt bin ich wieder in einer Beziehung. Da schaue ich, dass ich mehr zuhause bin oder meine Freundin auf Tour mitnehme.

Dann läuft es insgesamt also gut für dich?
Es ist schon erstaunlich, wie gut eigentlich alles läuft, ja. Aber manchmal bin ich schon nahe am Nervenzusammenbruch. Das ist zwar vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ich gehe gerne an meine Grenzen, weil ich eben auch denke, dass ich mich mit dem Job, den ich habe, so glücklich schätzen kann, dass ich mich nur ungern beschwere oder jammere, weil es echt schlimmer sein könnte. [lacht]
Über die Jahre lernt man auch überall jemanden kennen und es ist egal, wo ich hinkomme, ich habe irgendwie Freunde oder mindestens Leute dort, über die ich mich freue, sie wiederzusehen.

Ich werde oft gefragt: „Wie stellst du dir das später vor, Kinder, Familie und alles?“ Dass ich nicht bis in Alter von 70 Jahren 100 Shows im Jahr schmeiße, ist auch klar.
Daher kommt die Idee, mein Label und eine Agentur anzufangen, weil man dann das Aufgebaute irgendwann abgeben kann, auch die Erfahrung. Vor allem will ich es anders machen, als die Agenturen, die Künstler nicht so gut behandeln.

Hast du überhaupt noch eine feste Wohnung, wenn du so viel unterwegs bist?
Ja, in Berlin. Der Plan wäre, dass die nicht ständig leer steht, weil ich momentan wirklich fast nie in dort bin. Am schönsten fänd‘ ich’s natürlich, mehrere kleine Zuhause zu haben, aber ich weiß nicht, ob sich das irgendwann mal so einpendelt. Ich bin auch wirklich gerne irgendwie verteilt. Das macht mir wenig aus. Ich habe zwar relativ viel Zeug, aber ich habe extrem viel ausgemistet in den letzten Monaten. Platten wegschmeißen kann ich aber gar nicht. Sogar die beschissenen behalte ich noch und horte sie.

Da fällt mir gerade auf, dass ich auch mal meine Platten durchgehen muss. Ich weiß gar nicht, was ich dabei habe. Scheiße, ich habe wirklich noch gar nichts sortiert.

tINI springt vom Bett und zieht ihren Plattenkoffer heran. Die Vinyls fliegen durch ihre Hände. Ein kurzer Blick auf das Cover, dann landet die Platte entweder vorne im Koffer oder in den hinteren Reihen. Die Aussortierten wirft tINI aufs Bett.


Ist es denn schon ein bisschen stressig jetzt?
Wir müssen ja bald los schon, damit man nicht ganz so spät da ist. Ich finde es immer unhöflich, wenn man so spät kommt. Es ist ja auch gut, wenn man vor Ort mitkriegt, wie so die Stimmung ist.

Nach was gehst du jetzt beim Sortieren?
Nach Musikrichtungen. Obwohl … schwierig zu sagen … Intensität? Ich habe eigentlich immer so leichtes Chaos und fnde dann manchmal nichts. Das ist dann natürlich scheiße. [lacht]
Eine Stunde sind so ungefähr 16 Platten, würde ich sagen. Dann hat man auch immer seine Lieblingsplatten, die unbedingt gespielt werden wollen. Und ich habe immer zu viel dabei. Das liegt aber auch daran, dass ich noch drei weitere Gigs im Anschluss habe.

Dann musst du also schon für die Anschlusstermine mitplanen?
Ja, so ungefähr. Ich habe allerdings überhaupt keine Ahnung, was ich in Tokio spielen werde.
Ich hätte vielleicht alle Records noch mal auswendig lernen müssen. Das ist die Sache mit den neuen Platten, wenn ich dann unterwegs vergesse, wie die sich anhören.

Nimmst du deine Sets immer auf
Nee. Ich sollte mir das mal angewöhnen, glaube ich. Ich habe aber sogar in meinem Vertrag stehen, dass nicht aufgenommen werden soll. Nicht weil ich Angst vor einem schlechten Mix habe, sondern wegen des Gesamtpakets einer Nacht, der ganzen Stimmung. Dann hörst du das Set, aber das spiegelt gar nicht den Moment so wieder, wie er war. Weißt du was ich meine?

Ja, klar.
Du hörst nicht, wie die Leute darauf reagiert haben. Dabei geht es auch nicht darum, dass man die Leute schreien hören muss. Ein Mix spiegelt halt wirklich auch nur die Musik wider und nicht sowas Energetisches.
[tINIs Handgriffe werden schneller. Mit den Fingern gleitet sie sich durch die Vinyls wie durch Karteikarten.]
Oh man, hier ist wirklich alles durcheinander!

Während tINI sortiert, gehe ich auf den Balkon, von welchem man über die Hotelanlage bis zum Meer sehen kann. Ein paar Touristen laufen in Badehose oder Bikini mit geschultertem Handtuch zum Strand. Es ist ruhig an diesem Mittag. tINIs Auftritt beginnt in etwa zwei Stunden. Im Innern des Zimmers wird es hektischer.

tINI: Scheiße, wo sind meine Kopfhörer? Neeeeein!!! Wo sind meine Kopfhörer? Fuck.

tINIs Kopfhörer sind offenbar beim Silvester-Gig in Barcelona vor wenigen Tagen verloren gegangen, vielleicht wurden sie geklaut. „Das kommt schon mal vor.“, sagt sie. Wie wir feststellen, haben wir soeben auch den Artist-Shuttle zum Festival verpasst, also ruft tINI den Veranstalter an.

Das nächste Shuttle kommt erst in einer Stunde – zu spät für den Auftritt. Wir beschließen meinen Roller zu nehmen. Fast schon aus dem Hotelzimmer raus, eilt tINI zurück, um ihren USB-Stick zu holen.

tINI: Entschuldige, normalerweise bin ich nicht so verbimmelt. Eigentlich bin ich echt durchorganisiert. [lacht]

In der Hotellobby treffen wir auf ein paar befreundete DJs und Bekannte. Man umarmt sich und wünscht viel Glück für den Auftritt. tINIs Playtime ist für den Nachmittag auf der Shell Stage angesetzt. Mit zwei Plattenkoffern steigt tINI aufs Moped. Mit einer Geschwindigkeit von höchstens 75 BPM schleichen wir über die Inselstraße der Festivallocation entgegen, dem Sunset Sanato Beach .





Der Gig liegt einen Tag zurück. Wir sind wieder in der Hotelanlage, diesmal jedoch auf einer Lounge-Garnitur am Strand. Von der Sitzgruppe nebenan klauen wir uns ein Kissen und bestellen frischen Watermelon-Juice, eine Cola und Cappuccino, dazu frische Frühlingsrollen.

Wie fandst du’s gestern?
Voll gut. Es war besser als erwartet.

Hast du mit weniger Leuten gerechnet?
Ja, auf jeden Fall dachte ich, es werden weniger, weil es war ja wirklich heiß und das Ende vom Festival. Es kamen auch extra Leute angereist, z.B. aus Australien. Später als ich dann fertig war, kamen ein paar auf mich zu und meinten: „Ey, we are your fans from China.“ Ich hab da noch nie gespielt. Das fand ich so abgefahren. Die kamen sicher nicht nur, um mich zu sehen, aber es gab auch welche, die haben gesagt: „You are the reason, why we came over.“ Das ist einzigartig an diesem Festival, die Kombination von Leuten, die von überall herkommen.

Ich habe auch die absolut süßesten Fans. Das ist unglaublich. Normalerweise gibt es immer Hater, die irgendetwas scheiße finden und das dann posten. Aber ich bekomme nie irgendwelche Hate-Nachrichten – gar nicht! Und auch wenn sie nach einem Foto fragen, respektieren die Meisten meine Privatsphäre. Das ist bei der Nina [Kravitz, Anm. d. Red.] auch schon mal anders. Die muss fast mit Bodyguards auf die Bühne gebracht werden. Die wird sonst lebendig zerfleischt wie in einem Piranha-Becken.


Als du gespielt hast, habe ich Leute gesehen, die live-streamen und dir das Telefon ins Gesicht halten. Stört das?
Ich fnd’s schade. Ich fände es gut, wenn es wieder mehr Handy-Verbot gäbe auf den Parties. Aber ich verstehe es natürlich, dass ist immer gute Promotion für die Events. Es stört aber schon irgendwie den Vibe.

Geil war der Moment, als sie das Mädchen im Rollstuhl hochgehoben haben.
Ja, das waren so Superfans aus Korea. Sie hatte sich den Knöchel gebrochen oder so. Das war auf jeden Fall ein Moment.

Gestern meintest du, das Worst-Case-Szenario wäre, wenn wenig Leute da sind.
Ja, wobei ich das immer viel zu persönlich nehme. Es gibt so viele Gründe dafür, wenn es mal nicht so voll ist im Club, aber ich neige immer dazu, das sofort auf mich zu beziehen. Als DJ haben wir keine Stechuhr, die sagt, jetzt höre ich Musik und dann höre ich auf und bin wieder ich. Das verwächst alles. Die Trennung zwischen dem Beruf als DJ und Privatperson fällt super schwer. Wenn mich die Leute anjubeln, dann jubeln sie tINI, die DJane, an und nicht die Privatperson. Ich denke, das ist der Fehler. Einige Leute projizieren das Anhimmeln auf ihre eigene Person.

Wenn da super tINI-Fans sind, gehe ich deswegen nicht mit erhobenem Haupt nach Hause. Das bleibt im Club. Umgekehrt fällt es mir schwieriger. Wenn jemand tINI nicht so gut fand oder der Club nicht voll war, dann nehme ich mir das super zu Herzen. Dann geht mir das nah und dann geht es mir auch ein paar Tage schlecht. Dann denke ich darüber nach, warum war das jetzt leer? Genauso wenn die Leute gelangweilt rumstehen.

Ich könnte auch ein Arsch sein und die Fans würden mich immer noch lieben. Das darf man nicht mit einbeziehen in sein Selbstwertgefühl. Aber umgekehrt und dadurch, dass es eben etwas Kreatives ist und mit so viel Liebe und Passion gemacht wird – ich steck halt einfach alles rein, wenn ich spiele – und wenn dann eine Kritik kommt, ist es hart. Das ist nicht so, wie in anderen Jobs. Wenn da irgendwas scheiße läuft, gehst du nach Hause und hast da deine Familie und alles ist okay. Bei mir zieht alles immer mit. Ich hatte auch Phasen mit Anxiety, also Angstzuständen. Das lag sicher auch daran, dass ich zu viel aufgelegt habe und immer nur unterwegs war, immer am Anschlag. Das ging soweit, dass ich vor Gigs Panikattacken bekam.


Ist dir denn eine Show in Erinnerung, von der du sagen würdest, dass das der schlimmste Gig war, den du jemals gespielt hast?
Die schlimmste Show meines Lebens war eigentlich ganz am Anfang, 2003. Meine liebe Freundin Anna hat damals ein DJ-Duo gehabt mit meiner Ex-Freundin Melanie. Da hatten wir so Gigs im tiefsten Osten. Einmal waren wir in einer Adventure-Autobahn-Pension-Raststätte mit angeschlossenem Motto-Club. Der eine Raum hatte das Motto Ägypten, so mit Sphinxen und allem. Richtig schlecht. Da lief dann Hip Hop und ein bisschen R’n’B. Der Besitzer war so schmierig und der Club war leer. Wir haben für zwei oder drei Leute gespielt. Dann ging es um die Bezahlung. Wir wurden ins Büro gerufen und dann wurde die Tür hinter uns abgeschlossen: „Setz dich doch mal hin auf meinen Schoß!“ Und wir so: „Was geht hier ab?“ Es war echt Horror. Es hieß: „Wir wollen euch nur die Hälfte zahlen.“ Aber unsere Gage war ja auch nix. Und die Hälfte von nichts gibt es nicht. Es war einfach alles sehr bizarr. Die Pension. Die ganze Erfahrung.

Ihr wurdet am Ende aber nicht vermöbelt?
Nee, wir mussten uns aber auf weniger Geld einlassen. Wir waren halt nur zwei Girls, da haben wir uns gedacht, wir machen jetzt keinen Aufstand, weil wir kennen dort niemanden und sind in the middle of nowhere

Wenn wir verschwinden, weiß keiner warum oder wie.

Gibt es auch einen Gig, an den du besonders gerne zurückdenkst?
Da gibt es so viele. Aber einer, der immer rausstechen wird, waren die 31 Stunden Auflegen beim Sunwaves Festival. Das war ungeplant. Ich hatte vier Stunden Set-Time mit Bill Patrick. Wir haben angefangen und dann gespielt und gespielt und gespielt. Es war die ganze Zeit voll. Irgendwann waren es 26 Stunden. Mir ist das gar nicht aufgefallen. Wir haben durchgespielt Back-2-Back, jeder eine Platte.
Irgendwann drehe ich mich um und meine: „It’s so weird. Wasn’t it dark and daylight? How long are we playing?“ „26 hours.“ Und ich so: „Whaaat?“ Ich konnte es nicht glauben, wirklich. Ich war so schockiert. Ich war die ganze Zeit nicht an meinem Telefon und hab dann erstmal meinen Freunden geschrieben. Und die so: „Ja, wir haben es schon bei YouTube gesehen.“ Dann meinten wir so: „When should we stop?“ Und alle bei Stage One so: „No, no! You don’t stop! We are open end.“

Ich hab wirklich durchgetanzt und wohl vier Kilo verloren – und dann in der 30. Stunde habe ich einen Barhocker gebraucht. Irgendwann kam jemand mit einer riesigen Pizza an. Ich hab zwei Stück gegessen und dann hat der ganze Kreislauf runtergefahren. Es ging darum, dass wir wirklich nur so lang spielen, wie wir Spaß haben. Und das war unfassbar. Die Energie war so geladen. Es war unglaublich.


Gibt es manchmal Momente, in denen du denkst, dass das, was du da machst nicht ganz so gesund ist?
Absolut. Das ist dann, wenn man den Absprung nicht schafft und noch in der After Hour landet. Aber sonst: Ich rauche nicht. Ich trinke in Maßen. Ich habe nie Kater und auch einen relativ resistenten Körper. Ich werde nie krank oder sonst wie. Ich versuche die Gigs so auszuwählen, dass die Reise angenehm ist und dass ich genügend Zeit zum Schlafen habe. Aber es gab auch Zeiten, wo Gigs so ungünstig lagen, dass ich quasi drei Tage ohne Schlaf unterwegs war. Das zerrt schon extrem. Generell lebe ich aber wirklich gesund. Ich mache viel Sport als Ausgleich und esse nicht so viel Müll. Das ist so eine Mindset-Sache, finde ich. Wenn man ständig denkt, „Oh Gott, hoffentlich werde ich nicht krank“, dann passiert es eh.
Ich glaube, ich habe in meiner ganzen Laufbahn nur fünf oder sechs Shows gecancelt. Feierzeiten gab es natürlich auch. Jetzt, mit 37, teilt man seine Kräfte dann anders ein.

Inwiefern spielen Drogen eine Rolle?
Für mich war es immer wichtig, dass ich das Auflegen nicht mit den Drogen in Verbindung bringe. Klar gab es das auch, dass man mal high gespielt hat. Ich habe aber auch einfach so viele schlechte Beispiele gesehen, die dann nicht mehr spielen konnten, ohne dass sie irgendwas ballern. Kokain ist zum Beispiel ein totaler Seelenräuber für mich. Ich brauche eigentlich echt nichts. Ich halte immer am längsten durch von allen, auch ohne. Ich will nicht so eine alte verravte Schachtel werden, die irgendwie in den After Hours hängt und den Absprung nicht geschafft hat.

In Südostasien gibt es keine Technoszene, die mit der in Europa vergleichbar ist. Umso erstaunlicher ist das Line-Up des Epizode Festivals. Glaubst du, Festivals sind in der Lage, musikalische Subkulturen in ein Land wie beispielsweise Vietnam zu transportieren?
Ich finde das schon super. Gerade auch hier. Ich glaube, das Epizode wird sich weiterhin vergrößern, was natürlich gut und schlecht ist. Aber ich bin sicher, das nächstes Jahr noch mal deutlich mehr Leute kommen werden. Es ist aber auch wirklich schön hier.

tINI dreht sich und macht ein Foto vom Sonnenuntergang, der den Horizont und das Meer in ein tiefes Orannge taucht. Unsere Getränke werden geliefert. Statt dem bestellten Cappuccino bekommt tINI einen Kaffee, trinkt ihn aber trotzdem.

Gehst du auch mal als Gast auf Festivals?
Ja, Sonar oder Primavera. Ich würde auch auf andere Festivals gehen, aber das überschneidet sich halt meistens mit meinen Gigs. Ich höre auch total gerne andere Musik und schaue mir andere Bands an. Auf dem Melt! habe ich mir zum Beispiel Portishead angeschaut. Oder Little Dragon auf dem Sonar.


Gestern meintest du, die Fusion wäre auch ein Festival, auf dem du gerne spielen würdest?
Ja, klar. Garbicz auch. Ich würde immer gerne jegliche Festivals mitnehmen, weil das schon immer etwas anderes ist und man auch immer mal einen anderen Eindruck kriegt. Du hast einfach ein gemischteres Publikum. Das ist anders als im Club, wo die Leute meist nur für eine Musikrichtung kommen. Das ist viel interessanter. Das krasseste, wo ich war, das war Coachella. Und Lightning in a Bottle, da habe ich letztes Jahr gespielt. Das war so Hippie-mäßig, wo die Leute halt überall campen. Total schön. Oder in Europa zum Beispiel Hout. Es gibt auch so viele verschiedene kleine, wo viel Liebe zum Detail drin steckt. Da bin ich dann immer hellauf begeistert.

Auf der Fusion 2018 gab es ja diesen Vorfall mit Konstantin von Giegling. Hast du das mitbekommen?
 Ja, ja.

Was sagst du dazu?
Ich finde, man muss gaaaanz doll aufpassen, was man da draußen sagt. Bei Ten Walls war es die gleiche Story.

Gut, bei Konstantin war es nicht homophobia, aber da waren es jetzt, sagen wir mal, nicht gerade feministische Aussagen. Jeder darf denken, was er will. Das finde ich auch wichtig, aber ich weiß nicht, ob alles unbedingt kommuniziert werden muss. Das war so ein bisschen ein Schuss ins Aus für ihn, ähnlich wie die Ten Walls Geschichte. Ich bin selber homosexuell. Ich habe Glück, denn ich habe deshalb nie einen Nachteil gehabt. Auch keinen Vorteil. Aber es gibt wirklich Leute, die einen Struggle damit haben, die sich beschweren, dass das alles schon wieder zu viel wäre, weil es jetzt ganze Festival Line-Ups nur mit Queeren oder Homosexuellen gibt und das sei auch ausgrenzend.

In einem Interview mit der Groove 2017 hatte der DJ Konstantin vom Label Giegling mit kontroversen Aussagen zu Frauen in der DJ-Szene eine Sexismus-Debatte ausgelöst. Sein Set auf der Fusion 2018 musste abgebrochen werden, weil eine Personengruppe vor dem DJ-Pult demonstrierte. Dabei kam es auch zu Flaschenwürfen bzw. dem Werfen von anderen Gegenständen.

Wer mehr zu den Hintergründen erfahren möchte, kann sich auf DJ-Lab.de oder bei VICE einen guten Überblick verschaffen.

Aber nach all den Jahren, die wir ausgegrenzt wurden oder kein Gehör gefunden haben, da ist es schon okay, dass es jetzt mal anders ist.

Aber jeder darf da seine eigene Meinung zu haben. Das ist auf jeden Fall ein heikles Thema. Ich kenne das natürlich auch, dass die Presse gerne noch mal Dinge vermischt. Aber manchmal gibt es kein Zurück. Da werden Sachen gesagt und dann musst du dafür gerade stehen. Konstantin ist eigentlich super nett und da fand ich es eben dann auch etwas schade, sowas zu hören.

Ist dir Sexismus im Musikkontext bereits persönlich begegnet?
Ich habe nie Probleme gehabt, weil ich eine Frau bin.
Ich wurde eigentlich immer eher wie ein Dude behandelt und war ja auch mit allen Großen unterwegs, mit Carl
Cox, mit Loco Dice oder mit Sven Väth und mit Richie Hawtin. Ich glaube nicht, dass die mich ausgewählt haben, weil ich eine Frau bin. Klar, vielleicht war es cool, um die Frauenquote ein bisschen hoch zu bringen, aber ich wurde gebucht, weil ich da gute Stimmung und eine coole Show gemacht habe und wahrscheinlich lustig zum Abhängen bin. Das jetzt Frauen gebucht werden, weil sie Frauen sind, was soll ich dazu sagen? Ich bin immer pro auf jeden Fall. Es ist schon so, dass die Line-Ups super Männer-überladen sind, aber das ändert sich ja gerade alles. Ich sehe wirklich einen positiven Wandel, bei dem viele Frauen gerade mitmischen – siehe Nina Kraviz oder Peggy Gou, Amelie Lens und Charlotte de Witte und so weiter. Die reißen gerade richtig ab. Die Festivals werden endlich ein bisschen frauenlastiger.

Gibt es Unterschiede zwischen Shows im Club und denen auf Festivals?
Das kommt auf Festival und Bühne an. Hier ist man am Beach und die Leute sind im Urlaubsmode. Im Club ist es eher das Ende ihrer Arbeitswoche, an dem sie ausgehen und sich ausgiebig abfeiern. Ich mag beides gern, aber es ist schon ein Unterschied, weil die Leute mit einem anderen Vibe herkommen.

Überhaupt die ganzen Orte, an die man als DJ kommt. Ich nehme mir jedes Mal vor, mehr Zeit mitzubringen. Dieses rein raus ist immer so schade. Du siehst nur den Weg vom Flughafen zum Hotel, vom Hotel zum Club und dann wieder zum Flughafen, dabei warst du eigentlich an den geilsten Orten. Ich habe jahrelang in London gespielt und kannte London gar nicht, weil ich immer nur so kurz da war, nie wirklich was angeschaut. Das ist dann halt schade.

Aber für mich gilt: Happiness is only real, when shared. Ich kann mich auch echt super gut allein beschäftigen. Aber wenn ich die Wahl habe: Bleibe ich jetzt noch fünf Tage und schaue mir was an oder fahre ich Heim und sehe meine Freundin? Dann ist die Entscheidung eigentlich einfach.

Die letzten zwei Jahre war ich Single, da war es etwas leichter. Jetzt sind die Prioritäten ein bisschen verlagert. Das ist gut und schlecht. Es fällt defnitiv schwerer von Zuhause abzureisen.

Hast du dich in der Zeit, die du alleine getourt bist, manchmal einsam gefühlt?
Früher war es so. Das war auch der Grund, warum ich angefangen habe, mit Tourmanager zu reisen. Ich brauche keinen Tourmanager, der irgendwas für mich regelt, aber es war absolut der emotionale Support.
Dann hast du irgendwelche komischen Fahrten, oder man versteht sich mit den Leuten vor Ort nicht gut. Das ist inzwischen Gott sei Dank alles nicht mehr so.

Aber als ich angefangen habe und überall das erste Mal war und noch nichts und niemanden kannte, keine Homies in den Städten hatte, da war es schon recht oft einsam.

Klar war es schön, Erfolg zu haben, aber man sitzt halt immer wieder alleine im Hotelzimmer und denkt: „Was mach‘ ich denn jetzt?“

Ich brauche niemanden, der mir den USB-Stick einsteckt. Und meine Plattentasche trage ich auch selber gerne. Aber der emotionael Support ist gut und wichtig.
Wie gesagt, auf dem Trip jetzt war ich so gut wie gar nicht alleine. Ich habe auch weltweit Internet. Früher konntest du dich nicht einfach so connecten. Roaming hätte dich umgebracht. Ein Handy zu haben, mit dem du ständig Kontakt mit deinen Liebsten halten oder
facetimen kannst, das hat alles komplett verändert für mich. Die Connection reißt nicht ab, nur weil ich jetzt zwei Wochen in Asien bin. Ich habe auch keine Angst mehr beim Traveln. Am Ende des Tages funktioniert jeder Flughafen gleich. Ich glaube, die Leute, denen etwas passiert, das sind die Leute, die die ganze Zeit Angst haben, dass etwas passiert.

Du wirkst wie jemand ohne Allüren und total auf dem Boden geblieben. Hast du das Gefühl, dass das bei anderen DJs abhanden kommt?
Ja. Ich sehe das viel gerade in meiner Szene, wo dann so eine gewisse Arroganz entwickelt wird. Ich finde aber ein erfolgreicher DJ definiert sich nicht nur über seine Musik. 

Man ist ja nicht nur erfolgreich, wegen der Musik die man spielt. Es ist eher das Gesamtpaket.

Ich bin einfach eine zugängliche Person und liebe den Menschenkontakt. Bei tINI & the Gang bin ich auf der Tanzfäche und vergebe Sticker, quatsche mit allen, stehe an der Tür, begrüße die Leute. Aber das tue ich nicht, weil ich denke, ich muss das jetzt machen. Es gibt immer wieder Leute, wo ich sehe, dass sie ihre Platten abkleben, damit kein anderer sie spielen kann. Und die dann auch so eine gewisse Arroganz mit sich bringen. Sowas schüchtert mich total ein. Da fühle ich mich automatisch kleiner, obwohl es dazu gar keinen Grund gibt, denn jeder macht was anderes. Jeder ist so, wie er ist, einzigartig. Es gibt keine zweite tINI.

Dieses Gehate in der Szene fnde ich so schlimm. Und die Gang [tINI & the Gang, Anm. d. Red.] ist deshalb so ausgerichtet, dass genau diese Leute keinen Platz da fnden. Ich suche mir die Leute, die ich release auch eher nach dem Charakter aus und dann erst, ob die Musik passt. Ich meine, als Label verkauft man keinen Charakter, sondern Tracks, aber die Leute, die ich einlade, dürfen mir kein schlechtes Gefühl geben. Dadurch, dass ich so hypersensibel bin, spüre ich einfach die Schwingungen von jemandem, der hinter mir steht. Egal, ob das jetzt Neid oder Missgunst ist, oder einfach nur ein: „Ich würde das jetzt anders machen.“ – ich nehme das einfach wahr und ich mag das überhaupt nicht.

Am Ende des Tages steht die Frage: Warum kommt man zusammen? Was ist der Grundgedanke von einem guten Event?

Hast du schon mal ans Aufhören gedacht?
Man denkt natürlich insofern darüber nach, als dass man vielleicht mit 70 nicht mehr irgendwo stehen will. Aber who knows? Das ist ja meine Passion. Ich bin ja nicht DJ geworden und will dann in Rente gehen. Eigentlich habe ich eher Angst davor aufzuhören, denn diese Momente, wenn du so eine Magie mit den Leuten hast, das macht schon irgendwie süchtig. Das gibt mir so viel. Das sind dann die Momente, für die ich lebe. Das klingt so cheesy, aber wenn du dastehst und kriegst einfach nur Gänsehaut – in dem Moment passt dann alles.

Eigentlich ist es die absolute Definition vom Im-Hier-Und-Jetzt-Sein, wenn du beim Auflegen bist und hast diese Interaktion mit den Leuten. Da denkst du nicht daran, was du gestern gemacht hast oder was morgen passiert, oder welche E-Mail noch wartet.

In dem Moment bist du so präsent. Ich glaube, dass ist das, was es so magisch macht.

Ich versuche es auch mit Meditation, doch selbst da drifte ich ab. Ich glaube, dass mich das Auflegen ins absolute Hier und Jetzt holt. Auf allen Dimensionen. Nicht nur im Weltlichen. Das ist manchmal schon extrem spirituell. Es ist wirklich, als würdest du so eine andere Ebene betreten. Damit aufhören? Wahrscheinlich wird es irgendwann mal so sein, …. obwohl … nee, eigentlich würde ich überhaupt nicht aufhören wollen.

Da bleibt nur, dir zu wünschen, dass es so toll weiter geht.
Ja, was ich früh gelernt habe, ist Dankbarkeit. Man fängt so schnell an mit Beschwerden wie „Mein Flug ist verspätet“ oder dies das. Ich nenne das immer Champagne-Problems, weil das ist wirklich Jammern auf hohem Niveau. Da muss man sich immer mal wieder zurechtrücken. Gerade wenn man in andere Länder reist und sieht, unter welchen Umständen manche Leute dort arbeiten. Das Beispiel hast du ja immer. Da kommt auch mein Slogan „It could be worse“ her. Es könnte einfach immer schlimmer sein und das gibt dem Ganzen dann etwas Positives. Ich könnte echt aus der beschissensten Situation noch was Gutes ziehen. Wenn mehr Leute noch etwas dankbarer wären, oder sehen würden, was sie eigentlich alles schon haben, anstatt den Fokus immer darauf zu legen, was sie nicht haben, dann wären da draußen auch weniger Attitüden unterwegs.


Dankbarkeit und Demut also.
Ja, das klingt schlimm, fast schon ein bisschen nach Kirche. Aber der Grundgedanke ist komplett richtig. Wer hat denn so ein Leben? Mein schlimmster Tag ist immer noch der beste Tag in jemandes anderen Leben.

Als hätte er auf den Abschlusssatz gewartet, kommt der Kellner und räumt die leeren Gläser ab. Am Horizont schaut nur noch ein Zipfel der Sonne wie ein Postkartenmotiv aus dem Meer. Die Urlauber haben sich am Strand aufgereiht und machen Fotos, die Pärchen unter ihnen schießen Selfies.
Wir räumen unsere Sachen zusammen und schlendern durch die Anlage zurück zur Hotellobby. Rund um den Pool flackern schon Kerzen und Tiki-Fackeln. In unserem Smalltalk geht es um Vietnam und tINIs anstehende Gigs in Japan und Südkorea, dann kommt sie doch noch mal auf einen Punkt zurück, der ihr wichtig ist.

tINI: Die meisten meiner Freunde waren schon da, bevor ich als DJ groß geworden bin. Es verunsichert extrem, wenn du nicht weißt, warum die Leute nett zu dir sind. Ich gehe immer davon aus, dass es so ist, weil ich selbst nett zu den Leuten bin, also sind sie auch nett zurück. Aber manchmal kommt der Hintergedanke: Shit, manche Leute wollen auch nur etwas von einem.

Es hat auch viel mit Unsicherheiten zu tun und einschüchternden Egos. Diese Seite kriegen viele überhaupt nicht mit. Du bist ein erfolgreicher DJ, du reisst 110 Shows im Jahr, machst Geld, bist happy und man sieht auf Instagram immer nur, dass du irgendwo hier in der Sonne bist und da unter einer Palme, dort eine fette Party. Aber hinter den Kulissen? Das ist wahrscheinlich bei jedem anders, aber das ist nicht immer nur lustig. Gerade wenn man nicht so eine super starke Mentalität hat. Das ist dann vermutlich eher die empfindliche Künstlerseele. Es kommen auch immer mehr DJs raus, die zugeben, dass sie Depressionen haben.

Über Alle Farben gab es dazu Artikel. Von Avicii gar nicht zu sprechen.

Tiga hat auch mal einen richtig interessanten Post gemacht. Du wirst da angejubelt im Club ohne Ende und kommst nach Hause oder sitzt alleine im Hotelzimmer und bist so: „Boah, Hilfe!“Das muss man auch erstmal verarbeiten. Bei Vielen kommen dann natürlich Alkohol, Drogen und exzessives Was-auch-immer mit dazu. Dieses Angehimmelt werden, das aber nichts mit der Realität zu tun hat, mit deinem normalen Leben. Wenn du Brötchen kaufen gehst, schreit auch keiner: „Kann ich mal ein Autogramm haben?“

Hast du da eine richtige Strategie?
Auch, ja. Ich gehe am liebsten da hin, wo mir so ein Verhalten um die Ohren fliegen würde und gesagt wird: „Hey, so und so bist du.“ Was aber schwierig ist, wenn man jeden dritten Tag eben nicht Zuhause ist. Viele von den Leuten im Nachtleben würden mir das nie ins Gesicht sagen.

Ganz engen Kontakt zu halten, ist da wichtig. Es ist mir am allerwichtigsten, zu wissen, dass meine engsten Freunde mich wieder gerade rücken: „Was hälst du hiervon?“ „Was hälst du davon?“ „Mir geht es gerade so oder so.“ Extrem ehrlich mit allem umzugehen und das Feedback dann auch annehmen können: „Hier warst du irgendwie scheiße.“ „Du bist gerade irgendwie super weit weg, wir hören nichts von dir.“

Ich habe wirklich Gott sei Dank einen ganz ganz wahnsinnig schönen, guten, engen Freundeskreis, die sich schon lange alles mit angeschaut haben und auch Kritik geben. Ich glaube deswegen bin ich jetzt relativ gesund unterwegs. Also in jeglicher Hinsicht. In Mind und Body. Das ist mein Reset.
Einfach ein Wochenende im Monat frei machen und dann fliege ich entweder zu meinen Freunden oder zu meiner Family oder kümmere mich um meine Freundin. Also dass man nicht lost geht. Damit man da nicht so weggetragen wird. Das geht super schnell. Es verleitet ja auch. Man ist dann nur noch im Rave und es gibt so viele, die sich durch das Kokain verabschiedet haben und komplett größenwahnsinnig geworden sind. Und dann haben sie nur noch Freunde aus dem Nachtleben. Klar erzählen die dir dann alles, was du hören willst. Leute, die dir dann ins Ohr quatschen: „Du bist der Beste“, dies das jenes.

Die erzählen dir alles, geben dir alles, oder nehmen dir alles. Als unsichere Person ist es sehr einfach sich dem hinzugeben.

Es ist eben schön, jedes Wochenende irgendwo zu sein oder wenn jeder mit dir abhängen will, aber dann dieses 2nd Guessing: „Wer sind meine echten Freunde?“ „Sind die nur nett, weil sie gerne auf meiner Party spielen würden?“ Da will ich gar nicht drüber nachdenken, weil dann sitzt du wirklich nur noch da mit Paranoia. Das ist mein großes Thema: „Wer bin ich außerhalb des DJ-Daseins?“

Wir gehen durchs Restaurant in die Hotellobby. Im Hintergrund singt ein Vietnamese auf einer Karaokebühne ein Lied für seine Freundin. tINI und ich verabschieden uns. Vielleicht bis auf Ibiza, vielleicht bis in Berlin. Vom Parkplatz aus sehe ich sie auf dem Außenflur in Zimmer 200 verschwinden. Ich steige auf’s Moped und fahre über die Inselstraße in Richtung Zentrum. Es ist bereits dunkel. Die Straßenhändler sind verschwunden. Die riesigen Werbebanner für das Epizode hängen noch. Das Festival geht nur noch wenige Stunden, also gebe ich Gas.

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