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Höme Unfiltered

Maeckes im Interview


Maeckes erzählt uns im Interview beim Deichbrand Festival 2018 von Highlights, (Miss-) Erfolgen, und dem Gefühl, Musiker zu sein.

interview Isabel Roudsarabi
fotos Till Petersen
text
Johannes Jacobi
redaktion Tina Huynh-Le

Wenn deutscher Rap sich etwas traut, ist das Resultat oft nicht mehr als eine Endlosschleife an Rechtfertigungen gegenüber denjenigen, die irrwitziger Männlichkeit und dem harten Leben auf deutschen Straßen eher weniger abgewinnen können. Selten hingegen hat jemand den Mut, Musik mit thematisch belangvolleren Inhalten aufzuladen oder musikalisch auch mal bewusst einen anderen Weg zu wählen – ohne Angst vorm Verlust der Credibility.

Maeckes zeigt als Teil der Orsons und als Solo-Artist wie Musik ohne diese Angst klingen kann. Er hat es über die Jahre geschafft, sich außerhalb besagter Endlosschleife zu verwirklichen, eine Alternative zu bieten und uns dabei zu helfen, über den Tellerrand zu schauen. So sehr er sich damit als Angriffsfläche in Kommentarspalten positioniert, so sehr hilft er damit einer weit größeren Zahl an Menschen außerhalb der Virtual Shitshow.

Aus reinem Eigeninteresse also haben wir uns mit ihm beim diesjährigen Deichbrand Festival getroffen und einen Tag mit ihm verbracht. 100 Fotos und ein von den Toten Hosen überbrülltes Gespräch später gibt es Höme Unfiltered mit Maeckes als Resultat. 

Spaß haben!



Das erste Mal quasi diese Welt betreten, die man sonst nur aus der Ferne kannte.

Erinnerst du dich vielleicht an deine ersten Festivalerfahrungen? Also das erste Festival, das du als Gast besucht hast und das erste, bei dem du selbst auf der Bühne standest und was das für ein Gefühl für dich war? 
Eins der ersten größeren, die ich gespielt habe, war glaub ich in Stuttgart das Hip Hop Open: Maeckes & Plan B. Und das war für uns zum ersten Mal: Okay, wir dürfen auf der Bühne spielen. Und Savas hat da gespielt und da hab‘ ich Savas auch kennengelernt. Man hat so Rapper kennengelernt und das erste Mal quasi diese Welt betreten, die man sonst nur aus der Ferne kannte. Das weiß ich noch. Und das Feedback war gut und es war so krass.

Wie viele Leute waren da?
Weiß nicht, ein paar Tausend. Aber das war schon krass, von den Jugendhäusern, die man davor gespielt hat oder Jams und so.

Und als Gast? Gehst du überhaupt privat auf Festivals?
Ich hab‘ diese Festivalkultur überhaupt nicht mitgenommen. Ich hab‘ dasselbe gemacht mit Freunden, aber nie um irgendwelche Bands zu sehen, sondern eher sowas wie am Skateplatz rumhängen und dann bleibt man halt dort und hat eigentlich den selben Lifestyle aber ohne diese Massen. Ich war nie ein Fan von Massenveranstaltungen, ganz ehrlich.

Ist dir dann ein kleines Festival lieber zum Auftreten, wie das Südufer, wo ihr gestern gespielt habt? Oder vor einer Masse wie hier beim Deichbrand? 

Der Mensch will immer mehr und größer. Nicht immer ist es gut. Ich glaub die Tendenz ist schon, dass man möglichst viel will und all diese Energie haben. The sky is the limit.

Aber ohne zu vergessen, dass das nicht alles bedeutet. Es können auch ganz viele Menschen da sein und man fühlts trotzdem nicht so und es können ganz wenig da sein und es ist perfekt. Deswegen mag ich eigentlich beides. Kann beides super und beides kacke sein.

Ist das Gefühl schon ein anderes? Ob da jetzt 300 Leute stehen oder 3000? 
Ich glaube, es ist schon ein anderes. Das Gefühl ist anders. Ich könnt’s dir nicht genau beschreiben.

Wie wichtig ist dir bei einem Auftritt das Festival an sich? Ist es jetzt mega nice für dich, dass du auf dem Deichbrand spielst?
Ich find‘ man spürt ’nen Vibe. Man spürt ’nen Vibe von den Leuten, die es machen. Man spürt ’nen Vibe von der Region, in der man ist. Und das alles ergibt ein Gefühl zu so ’nem Festival. Und wenn das jetzt ist: “Amazon-Apple-Festival”, also man würd’s auch spüren, wenn das ’ne reine Veranstaltung ist, die kein Herz hat und nur darum geht, schnell abzufertigen und nur die größten Bands und möglichst viel Geld zu generieren. Dann könnt man das glaub ich auch spüren. Ob der Staff da Bock drauf hat, also ob die sich auch wohl fühlen. Hier zum Beispiel hat sich’s immer gut angefühlt. Mit den Orsons war ich einmal da und wir konnten nicht spielen wegen Wind und Wetter. Solo war ich glaub ich vor zwei Jahren da, das war schön.



Manchmal ist das wie bei einem Klassentreffen.

Was wäre dein das Best Case Scenario an einem Festivaltag? Also wenn alles perfekt läuft, wie läuft es dann ab?
Man war nicht überlang mit der Anfahrt beschäftigt durch irgendwelche Staus oder so…

Wie lange seid ihr heute gefahren?
Seit heute morgen um 10. Quer einmal 832 Kilometer durch Deutschland. Man rechnet um wo man da hinfahren könnte und im Urlaub wär und dann fährt man doch nur vom Süden in den Norden. Aber deswegen sag ich das jetzt nur. 

Eigentlich braucht es gar nicht so viel. Es reicht wenn schon alle da sind. Oft reisen wir einzeln an und dann freu‘ ich mich, wenn die anderen dann antanzen und man weiß: “Okay, alle sind da, alle haben’s geschafft”. Das ist irgendwie ganz gut. 

Sonst wenn man so ’nen Raum hat, wie hier, wo man sich zurück ziehen kann, das ist eigentlich auch immer erstmal recht gut. Sonst freut man sich sehr, viele andere Leute zu treffen. Manchmal ist das wie bei einem Klassentreffen. So ’ne Mischung einfach aus der Möglichkeit, sich zurück zu ziehen und aber auch genau dem Gegenteil, mit allen überall immer auf einmal sein. Wenn das Verhältnis stimmt, dann ist das gut. Wenn man ankommt.

Und wie ist das so, wenn du auf einem Festival morgens oder tagsüber ankommst und noch Zeit vor deinem Auftritt hast? Gehst du dann auch nochmal übers Infield oder chillst du lieber?
Ich mag das ganz gerne, übers Infield zu gehen. Aber auch je nach Stimmung. Also manchmal kommt man schon von anderen Gigs und will nur so: “Bleibt alle weg. Ich will nur irgendwo in einem einzelnen Raum eingefliest werden”. Aber eigentlich mache ich’s voll gern, ein bisschen davon zu sehen. Auch gerade tagsüber, mit all dem Irrsinn und all den lustigen Sachen, die da passieren. 



Ich bin oft an Auftrittstagen davor wie so ’ne Qualle.

Bist du denn überhaupt noch nervös vor deinen Auftritten oder ist das mittlerweile Alltag? Hast du vor irgendetwas Angst, das schiefgehen könnte?
Nee, vorm Schiefgehen hab‘ ich überhaupt keine Angst. Ich bin auch nicht so krass nervös davor, also dass ich so verrückt werd‘ vor Nervosität. Ich merk‘ aber, wie so ’ne leichte Nervosität langsam ansteigt über den Tag. Ne Minimal-Nervosität und auch eher eine körperliche. Also gar nicht, dass mein Geist sagt: “Oh shit, oh shit.” Sondern dass ich merk‘, dass mein Körper anders angespannt ist und sich schon vorbereitet irgendwie. Und ich bin oft an Auftrittstagen davor wie so ’ne Qualle. Ich… ich häng einfach so, es ist so, als hätte ich keinen Knochen im Körper bis kurz vorm Warmmachen. Und das ist irgendwie auch gut, ich muss mir die Energie sparen. Oder ich mach’s automatisch glaub ich. 

Gibt’s ein Highlight aus den letzten Jahren? Ein Moment, der dich total geflasht hat oder sehr berührt? 
Ich muss kurz nachdenken. Mein Gedächtnis ist sehr, sehr schlecht. Immer dieses: “Such mal einen Moment raus”,… und man merkt sich das so unfassbar schlecht. 

Vielleicht fällt dir ja im Laufe des Interviews noch was ein und dann darfst du das gerne nochmal anmelden.

Ah, warte, ein Moment fällt mir gerade ein, wo was schiefgegangen ist und dann aber… ach ich fang einfach an zu erzählen. Wir haben auf einem Festival gespielt, ich weiß gar nicht mehr genau welches. Da haben die das Podest von meinem Bassisten nicht richtig verschraubt und im Intro ist es in sich zusammengebrochen quasi und seine Bassbox ist ihm hinten drauf geflogen – alles ist ihm zu Füßen in einen Minigraben auf dem Podest geflogen. Alles ging aus, der ganz Sound ging aus. Meine Soundfrau hat uns im Inear gesagt: “Hey, wir müssen abbrechen. Wir haben ein Riesen Problem.” Wir haben zu dem Zeitpunkt als erstes Lied, das erste Lied von meinem Album gespielt, das heißt: “Der Misserfolg gibt mir Unrecht”. Ich fand das so perfekt. Wir haben dann mit den Leuten geredet und es irgendwie überbrückt und dann ging’s weiter, hat dem keinen Abbruch getan. Nach dem Gig, hingen wir mit der Band rum und haben gedacht, wie perfekt es war, dass das da passiert ist und das wir das gerne so inszenieren würden. Eigentlich war es das beste Mal “Der Misserfolg gibt mir Unrecht”, wenn alles kaputt geht. 

Für die nächste Tour, die hieß: “Die Stunde zwischen Tilt und Gitarre”, die hab‘ ich letzten Herbst/Winter gespielt, da hab‘ ich das so gemacht und im Intro quasi alles kaputt gehen lassen. Inspiriert von dem Crash damals. 

Nice! 

Ist denn so ein Misserfolg genau so wichtig wie Erfolg? Ist es wichtig mal auf die Schnauze zu fallen, damit man irgendwas Cooles kreieren kann?
Man muss es als Möglichkeit akzeptieren. Das Leben wird nie eine Win-Compilation sein. Man soll trotzdem danach streben, Erfolg zu haben und das zu verwirklichen, was man will und Wünsche, die man hat, zu erfüllen. Aber man muss den Misserfolg und den Unwunsch auch akzeptieren, das gehört dazu. Und dann ist alles gut. Erfolg ist sicher wichtiger. Misserfolg gibt’s eh. Sobald zwei irgendwo teilnehmen, hat der eine einen Misserfolg.

Was wäre denn dann dein Worst Case für einen Festivaltag? Vom Misserfolg geprägt?
Nicht spielen. Alles aufbauen, Soundcheck machen, sich hinten bereit machen, sich drauf einstellen, dass es losgeht und dann gesagt bekommen, dass wir nicht spielen könnten.

Wie war das vor zwei Jahren mit den Orsons auf dem Hurricane/Southside, als es das Unwetter gab und ihr nicht auftreten konntet?
Ich hab‘ solo am Donnerstagabend quasi diese Early Bird Show eröffnet und da war noch alles klar.  Dann am nächsten Tag hätten wir mit den Orsons auf dem Southside spielen sollen und das ist schon ins Wasser geflogen. Dann sind wir alle hochgefahren mit dem Nightliner zum Hurricane und auf dem Weg dort hin wurde das abgesagt. Irgendwo in der Mitte von Deutschland wurde uns das gesagt und alle sind verstreut wieder nach Hause gefahren. Das war schon krass nervig. Das war schon ein ziemlicher Misserfolg. Aber ich war der Headliner vom Southside, weil niemand mehr nach mir gespielt hat.

Dann hatte es ja sogar fast noch was Gutes.

Letztes Jahr bist du dann beim Watt en Schlick Festival knapp dran vorbei geschrammt. Da musstet ihr ja früher aufhören.
Ja stimmt, wegen Nachtnebel oder wie die es genannt haben. Aber später ging’s dann weiter, da haben Bilderbuch noch gespielt.

Ich träum‘ ja auch immer schon davon, selber ein Festival zu machen.

Welche Headliner kommen denn so zu deinem Traumfestival? Ohne Abbruch hoffentlich.
Muss ich irgendwas beachten? Also muss es finanziell erfolgreich sein?

Geld spielt keine Rolle!
Nur die Bands, die ich gern sehen würde?

Genau.

Ich würde… Also die Tindersticks würden da spielen. Muss jetzt kurz überlegen, welches Spektakel ich da sehen will. Kann ich in der Zeit zurück und mir Pink Floyd von dort rauspicken? Die würd‘ ich, glaub ich, gern nochmal angucken. Nirvana auf ’nem Festival sehen wär‘ bestimmt auch geil. Ich glaub, ich würd‘ viele Freunde auch einladen. Vielleicht Tristan Brusch als Eröffnung und auch Headliner. Es wär‘ nur eine Band und man säuft drumherum. Young Fathers, die würden vielleicht noch spielen. Und vielleicht noch zwei Leute, die Beef haben, die so Slots hintereinander bekommen. 

Wie viele Leute würden kommen? 
3000 Leute. Ich träum‘ ja auch immer schon davon, selber ein Festival zu machen, mit einem Freund von mir, der auch aus derselben Kleinstadt kommt, aus der ich komm‘. Kornwestheim. Wir träumen immer schon vom Kornwestival. Es gibt so einen Freizeit Park, wo wir auch beide als Kids rumhingen und gekifft haben und so und das wär‘ ein super Gelände. Und erst haben wir überlegt, es dürfen nur Bands spielen, die einen Kornwestheimer drin haben, um das so ganz komisch lokal zu machen. Und dann wären’s auch nur ein paar Bands. Also zu dem damaligen Zeitpunkt wären das die Orsons gewesen, weil ich da drin bin. Mein Mitveranstalter des Kornwestivals Äh Dings, der auch bei mir in der Band spielt, der hat auch ganz viele Bands, die hätten da gespielt: Laserboys, An Early Cascade. Aber wir öffnen’s vielleicht ein bisschen. Ich hoffe, es wird stattfinden. Und im Endeffekt, wenn ich mein Traumfestival beschreiben würde: Das ist das Kornwestival, da sind vielleicht so 3000 Leute, da spielen die Laserboys, da spielt Tristan. So Freunde hoch und runter.

Aber plant ihr das wirklich oder ist das nur so ’ne Rumspinnerei?
Es ist jetzt noch nicht konkret, aber wir wünschen es uns immer sehr und ich hoffe, dass es noch konkret wird. 

Wir werden auf jeden Fall da sein!


Was ist so das Erste was du nach einer Tour oder einem Festivalauftritt machst? 
Recht wenig. Ich hör‘ mich in meinen sozialen Gefilden um, wer was macht, wer mit wem rumhängt oder ob irgendjemand eh grad wo ist, das check ich ab. Aber sonst bin ich auch einfach froh, nach Hause zu kommen und echt sehr, sehr wenig zu tun. 

Und essen. Nicht selber kochen, sondern irgendwo noch schnell was essen gehen.

Gibt’s Unterschiede zwischen ’ner Club/ Hallenshow und ’ner Festivalshow? Sowohl vom Feeling als auch von der Vorbereitung?
Hm… ja. Ich versuch’s kurz zu beschreiben. Ich glaub‘, für Festivals versucht man’s zu öffnen, man guckt sich die Tracklisten an und es ist alles möglichst offen und bei Clubshows mag ich das sehr, das zu schließen: Einen geschlossenen kleinen Kosmos zu erschaffen, der nur auf dieser Tour ist, der auch für Fans, die sich lang damit beschäftigen, kleine Feinheiten mit dabei hat, der vielleicht gerade noch so funktioniert für jemanden, der nichts damit zu tun hat und einfach dahin kommt. Da soll’s gerade so funktionieren und für Fans soll’s perfekt funktionieren. Und bei Festivals ist es genau andersherum. Da soll’s perfekt für Jedermann funktionieren und gerade noch so sollen die Fans noch ’nen kleinen Extra-Happen haben.

Was macht ihr dann anders?
Liedauswahl, Abfolge, wie Übergänge oder auch so Gimmicks sind, die ich mir auch gern immer wieder neu überleg‘. So vielleicht.

Ich hab keinen Tag in meinem Leben gearbeitet.

Auf dem Hip Hop Open und dem Splash! hast du ja auch mal die Moderation gemacht, ist schon ein bisschen länger her…
Nee, nur Splash!, das Hip Hop Open hab‘ ich nicht moderiert.

Ah okay. Und dann hast du ja vor zwei Jahren bei der “Wilden Maus” von Josef Hader noch eine Mini-Rolle gehabt. Wie anstrengend ist dein Leben? Wenn du neben der Musik noch so viele Nebenprojekte hast?
Hm, wie beantwortet man das am besten? Das klingt alles so, als würde meine Oma jetzt die Frage beantworten, aber wenn man das, was man gerne tut, macht, dann ist das nicht so anstrengend als wenn man das nicht mag, was man macht. Moderation war wirklich nicht so ganz meins, das hätte man mal weglassen können. Aber ich möchte wirklich so viel machen und wenn ich spür‘, dass da was rauskommt, was interessant ist oder mir auch einfach nur Spaß macht, dann ist es für mich nicht anstrengend. Also ich muss wirklich ein riesen Pensum machen, um all das zu machen, was ich mir ausgemalt habe und erst danach merk‘ ich’s, dass ich mich wieder völlig über… Nach dem letzten Album auch, bin ich am Stock gegangen und musste mich erstmal drei Monate wieder einsammeln. Aber so in dem Moment merk ich’s nicht, das kommt mir nie anstrengend vor. Ich mein‘, ich nehm‘ ein weißes Blatt Papier und schreib da irgendwas drauf und überleg mir irgendwas und damit kann ich meinen Kühlschrank füllen. Wie soll das anstrengend sein? Oder wie soll ich da undankbar sein? Ich hab‘ keinen Tag in meinem Leben gearbeitet. Aber ich hab‘ jeden Tag meines Lebens gearbeitet.

Schön, sehr kitschig, aber schön.
Voll, sag‘ ich ja: Oma-Antwort.

Apropos Kitsch: Du hast mal in einem Interview gesagt, dass du es nicht so nice findest, wenn man einfach das, was man auf dem Herzen hat, aufschreibt, weil es dann schnell sehr kitschig wird. Wie viel von deinem Leben steckt denn in deinen Songs?
Alles und nichts. Es braucht einen wahren Kern, sonst spürt man, dass das nicht echt ist.

Wenn da kein wahrer Kern ist - man merkt nicht, was es genau ist - aber als Hörer merkt man, irgendwas stimmt da nicht. Und es kann nur ein kleiner Fetzen sein oder ein Detail, wenn man irgendwas beschreibt, was man irgendwo in echt gesehen hat, aber das merkt man. Wenn das alles irgendwas ist, dann spürt man das. Wenn alles purste Emotion ist, dann kann man nicht damit umgehen als Zuhörer und man schämt sich fremd oder man will sofort explodieren oder zerweinen oder findet's lächerlich oder sonst irgendwas. Und da das richtige Maß zu finden, ich glaube darum geht's oft, wenn man irgendwas kreiert, besonders als Musiker.

Mit dem letzten Album war ich immer in so einem Hin und Her, in so einer Hin-und-Her-Springerei, in so einer Doppelbödigkeit. Ich glaub‘, viel mehr war von mir drin als ich es zugegeben hab‘ oder als ich es breit getreten hab‘ in der Öffentlichkeit. Aber ich war auch in einem Absicherungsmodus. In einem Panzer. Und da war viel mehr drin und in dem Panzer. Vielleicht fühlt sich meine nächste Platte viel näher an und es ist viel weniger drin. Deswegen – das Maß machts.

Hat das irgendeinen Sinn gemacht?

Ja, die Message ist auf jeden Fall rübergekommen!


Wie streng bist du denn mit dir selber, gerade als du an deinem Album gearbeitet hast?
Sehr streng. Viel zu streng. Ich versuch‘, weniger streng zu werden.


Wenn aus deiner Musik keine Karriere entstanden wäre, hättest du trotzdem noch weiter gemacht? Oder kannst du dir vorstellen, was du stattdessen gemacht hättest?
Es gibt sehr viel, was ich gern tun würde. Musik war nie zwingend das Vehikel dafür. Das hat sich so ergeben, aber es war immer mehr Schreiben, Ideen finden. Und es hätte auch immer zwischen zwei Buchdeckel passen können, auf ’ne Duschgel Rückseite oder wo auch immer. Ich hab‘ mich nie als Musiker verstanden. Ich werd‘ jetzt erst, nachdem ich das schon 10 Jahre mache, langsam zum Musiker.

Aber du fühlst dich schon wohl in der Rolle, bist da jetzt ein bisschen reingewachsen?

Ich mein, ich hab' das mein halbes Leben gemacht. Voll, ich hab's immer ... Ich hör' grad Campino im Hintergrund, wie er mir sagt, dass es ein geiles Festival wird. Ich freu' mich, ich glaub', das wird ein geiles Festival... Ähh, was wollt' ich sagen?

Ja, also ich bin reingewachsen. Das ist das, was ich mach‘. Ich glaub man redet dann auch immer so: “Oh, ich hab‘ mich nie als Musiker gefühlt, weil ich mir irgendwas anderes bliblablub…”

Ich hab‘ mich dafür entschieden, ich mach’s, also bin ich Musiker. Fertig.

Hat ja auch ganz gut geklappt.

Und die obligatorische letzte Frage: Wie gehts jetzt für dich weiter? Was steht so auf dem Zettel in den nächsten Monaten, Jahren?
Ich schreib‘ gerade sehr viel. Ich schreib gerade in alle möglichen Richtungen. Ha – Cliffhanger. Lassen wir das so unkonkret. Ich hab‘ ne ganze Zeit gar nicht mehr geschrieben, nach dem letzen Album und jetzt wieder sehr viel, mach‘ wieder verschiedenste Sachen. Und da entsteht hoffentlich irgendwas und das wird dann vielleicht auch rauskommen und dann bin ich vielleicht auch wieder damit unterwegs. Was auch immer es ist.

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