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Höme Unfiltered

Die Donots im Interview über 25 Jahre Wachstum


Wenn man als Band eine 25-Jahre-Geburtstags-Tour spielt, dann ist klar, dass es eine Geschichte zu erzählen gibt, die nur die allerwenigsten Bands erzählen können. In dem besonderen Fall der Donots aber, ist die Geschichte noch ein klein wenig einzigartiger, komplizierter und beeindruckender. Keine andere Deutsche Band kann von sich behaupten, 25 Jahre lang stetig gewachsen zu sein. Während andere kommen und gehen, während links und rechts Hypes entstehen und verpuffen, stehen die Donots heute auf eindrucksvollen, von Hand betonierten Grundpfeilern, die so leicht nicht mehr einzureißen sind.

text & interview Johannes Jacobi
fotos Till Petersen
redaktion
Christina Gilch, Jens Grabietz

Wenn das Publikum bei Rock am Ring nach der Donots Show nicht mehr aufhört zu singen und wenn beim Highfield aus einer „Ersatz für eine andere Band“-Show, der triumphalste Festival Auftritt des Sommers wird, dann ist klar, dass die Donots inzwischen fast ganz oben angekommen sind. Aber eben nur fast – denn fertig sind die Donots noch lange nicht. Werden sie auch niemals sein.

Wir haben die Band einen kompletten Tag lang beim Großefehn Open Air fotografisch begleitet und sie danach für ein ausführliches Interview beim RockHeart Festival getroffen.

Kein Gespräch über ihre Musik, kein Phrasengedresche und keine austauschbaren Bilder aus dem Bühnengraben. Viel mehr ein Zeitdokument, eine Geschichte über falsche Entscheidungen am Anfang, über Durchhalten, Grenzerfahrungen, das eigene Ego und das Leben selbst.

Bewusst wurde hier nicht gekürzt. Die Lesedauer beträgt ca. 15 Minuten.

Ingo Knollmann, Alex Siedenbiedel und Jan-Dirk Poggemann im Gespräch über 25 Jahre Donots.



Könnt ihr euch an die Zeit erinnern, in der ihr das erste Mal mit dem Gedanken gespielt habt, dass Musik vielleicht eine Karriere sein könnte? In was für einer Lebensphase habt ihr gesteckt?

Ingo: Wir haben das niemals mit der Intention gestartet, dass das länger Bestand haben wird als ein halbes Jahr. So weit haben wir damals nicht gedacht. Wir standen alle auf die gleiche Mucke und haben Songs von Bad Religion oder The Clash gecovert. Das war für uns eher so ein „Wie kriegen wir die Zeit totgeschlagen“-Ding.

Klar träumt wahrscheinlich jeder mal davon, irgendwann auf einer großen Bühne zu stehen. Aber das war nicht der Antrieb damals. Wir hatten halt in Ibbenbüren, im Jugendzentrum Scheune, immer eine Bühne wo wir spielen konnten wann wir wollten. Da haben im Grunde Kids für Kids die Shows selber organisiert und die ersten 2 Jahre haben wir gefühlt fast nur da als Haus-und-Hof Band gespielt. … Und so richtig geschnuppert, dass da mehr gehen könnte, haben wir, als wir beim Bizarre-Festival ‘98 auf der Visions-Bühne gespielt haben. Wir hatten eigentlich nur bei diesem Bandcontest mitgemacht, weil wir gratis Green Day und The Cure sehen wollten und dann haben wir den gewonnen und hinterher gab es ein Angebot von Gun-Records, so einem Label von der BMG. Das war auch direkt das erste Mal, dass ein Video von uns im Fernsehen lief.


Könnt ihr Euch noch an den Moment erinnern, bevor das alles passiert ist? Dass ihr euch vor dem Bandcontest zusammengesetzt habt und euch gedacht habt “Vielleicht könnte das was werden, wenn wir richtig Gas geben”?
Jan-Dirk: Ne, das gab es nicht. Dass wir den Plattenvertrag gekriegt haben, hatte ja eigentlich mit diesem Contest auch nichts zu tun. Irgendein A&R hatte uns vorher schon bei einer anderen Show gesehen und hat dann sein Chef zum Bizarre mitgenommen. Der kam dann nachher an, so richtig geil und typisch, wie in einem Film, mit Hut und Sonnenbrille, als völlig zwielichtiger Typ:

Ich hab da eine Plattenfirma. Wir machen euch ganz groß. Nächstes Jahr spielt ihr auf der Hauptbühne.

Wirklich solche Sprüche. Und wir so “jaja, neee, also wir würden auch gerne hier weiter im Zelt spielen und außerdem gehen wir jetzt The Cure angucken, tschüss.” Also das haben wir nie so richtig ernst genommen. Wir wollten so viel es geht spielen und haben dann zum ersten Mal Festivalluft geschnuppert. Wir haben den Contest fertig gespielt, unsere Sachen eingeladen und ab da bin ich die ganze Zeit auf dem Gelände rumgelaufen. Irgendwann, während der Siegerehrung, war ich knüppel-voll auf so einer VIP-Tribüne, weil ich das so unfassbar fand, dass ich mit meiner scheiß Band da drauf durfte, habe dann Cocktails getrunken und The Cure geguckt. Das war das Größte. Dann bin ich zurück zu den Jungs, habe denen erzählt, dass ich gerade The Cure gesehen habe und die erzählten mir auf einmal, dass wir den Contest gewonnen haben. Ich hab es in dem Moment gar nicht kapiert. Seitdem ist eigentlich alles so geblieben.

Zu dem Zeitpunkt wart ihr wahrscheinlich alle noch in der Schule, oder?
Jan-Dirk:
Genau. Es hieß dann:

„Plattenvertrag, ja oder nein“, und das war das einzige Mal, wo es so eine Art Gespräch mit den Eltern gab, wie es jetzt aussieht und dass es anscheinend ein bisschen ernster werden könnte.

Wenn du mit 20 dein Studium für ein oder zwei Jahre unterbrichst, ist das okay. Deswegen haben wir gesagt “Wir probieren das mal und wenn es gut ist, ist es gut, wenn nicht haben wir alle sowieso damit gerechnet, dass wir in einem Jahr weiter studieren.“ Bis heute ist dem nicht so. Aber das war nie der große Masterplan.

 



Wie kann man sich danach dann eure Touren vorstellen zu der Zeit?
Ingo: Das war wahrscheinlich irgendwann die Pocketrock-Tour oder kurz danach. Das war das erste Mal, dass wir im Nightliner gefahren sind, mit zwei Ami-Bands im Bus. Da haben wir gedacht “Pass auf, du bist noch ganz schön grün hinter den Ohren.” Das war alles ganz geil, aber ist uns auch ganz schön um die Ohren geflogen. Wir haben zum Beispiel das erste Mal mitbekommen, dass es Bands gibt, die untereinander auch mal Beef haben.

Jan-Dirk: Direkt am ersten Abend hat sich die Hauptband beim Einladen geprügelt, während wir oben im Bus stolz Playstation gespielt haben.

Und auf dem Weg von einem Tourstop zum nächsten sind wir an einem Puff vorbei und beide anderen Bands sind da direkt rein. Wir dachten “Vielleicht macht man das so”, sind mit ins Foyer unten reingekommen, haben uns einen Kaffee aus dem Automaten gezogen, sind direkt wieder raus und haben weiter Playstation gespielt. Das war noch nie so unser Ding, dieser Rockstar-Scheiß.
Ingo: Wir haben hier kontrolliertes Chaos, weil wir nie die Typen für turbo-harte Drogenexzesse oder dergleichen waren.
Jan-Dirk: Es geht ja auch nie gut.
Ingo: Genau. Das ist dann lustig, sich das mit anzugucken, aber wir selbst wollten lieber langlebig und sinnvoll – und das Chaos gibt’s auf der Bühne.


Es ist ja schon sehr beeindruckend, dass nach 25 Jahren immer noch ein Wachstum stattfindet. Ihr habt nach 20 Jahren das erste Mal die Halle-Münsterland ausverkauft. Während so viele Bands kamen und wieder verschwunden sind, hattet ihr einen positiv-langsamen Wachstum. Denkt ihr darüber nach?

Jan-Dirk: Das zieht sich. Garde letztes Wochenende sind wir beim Highfield-Festival super kurzfristig für Bad Religion eingesprungen. Mittwoch-Abend kam die Anfrage und am nächsten Morgen haben wir gesagt “Okay, GO!“ Dann mussten wir gucken: Es gab natürlich keine Busse mehr und wir mussten uns eine Crew zusammenleihen. Den Tourmanager von Gloria und die Crew teilweise von den Broilers, damit wir irgendwie klar kommen. Dann spielen wir diese Show und wissen selbst nicht was da passiert ist, aber plötzlich war da so eine unglaubliche Stimmung, da bekomme ich jetzt schon wieder Gänsehaut.

Die Leute hörten nicht auf zu singen. Wir waren völlig im Arsch und haben auf der Bühne geheult.

Das zu erleben – als kurzfristiger Ersatz für Bad Religion – und dennoch rasten die Leute so aus, das war großartig. Das zeigt uns, wie richtig und schön es ist, dass wir das machen dürfen.

Ingo: Es gibt immer wieder Bands, die diesen Hype über Nacht erleben. Feine Sahne zum Beispiel. Das ist der absolute Wahnsinn und ich freu mich riesig für sie. Das ist aber auch mit einer Menge Druck verbunden, die dann in diesem Fall speziell auf Monchi liegt. Die Ikonisierung ist schon krass. Wir haben so was in der Richtung nicht gehabt, wir sind eher die Marathon-Läufer. Einige Leute machen einen Sprint und haben von jetzt-auf-gleich einen Vorsprung und wir laufen steady, die ganze Zeit in unserer eigenen Geschwindigkeit und kommen auch ins Ziel. Das ist ein schönes Gefühl.

Wie läuft das beim Wachstum mit der Crew? Kommen dann auf einmal ein Haufen Leute rein, die ihr nicht kennt?
Ingo: Ne, alles was bis heute passiert ist, ist für uns Family-Business und darüber bin ich auch sehr glücklich. Du sitzt am Ende des Tages mit 14 Leuten in einem Bus, wenn du nur mit irgendeinem den kleinsten Beef hast, oder irgendeine Marotte von jemanden nicht magst, dann wird das ganz schnell zu eng. Wir haben immer geschaut, dass das tendenziell unsere besten Freunde sein können. Das ist am Ende eine Gemeinschaft und das ist doch auch das aller Beste: Wenn du mit Anfang 40 immer noch das Gefühl von Klassenfahrt oder Kindergeburtstag im Bus hast und dich freust, als wäre es dein erstes Konzert.

Dieses Gefühl darf niemals alt werden, dieses Gefühl darf niemals Routine werden.

Auf Tour bewegt man sich ja in einer ziemlichen Blase. Man verliert die Connection nach Hause und die Freunde rufen nicht mehr an, weil man eh nie da ist. Wie geht ihr damit um?
Ingo: Es sind schon verschiedene Realitäten, da wir nicht den klassischen 9-to-5 Job haben. Es ist ja nicht so, dass wir mit einer Stempeluhr auf die Bühne gehen und wenn du dann abstempelst, bist du nicht mehr der Typ aus der Band. Dazu sind wir ja auch noch unser eigenes Label, das heißt, wir haben auch noch diesen ganzen Business-Teil am Arsch. Das machen wir gerne, aber wenn du sieben Band-Kinder hast, dann springst du immer wieder in kaltes Wasser: Du kommst von einer Tour wieder und denkst dir “Yeeees!” und morgens um sieben springst du in kaltes Wasser, weil das Kind mit dir Milch trinken und zur Kita gebracht werden möchte.

Dann hast du eine mega geile Woche und bist total im Family-Ding drin und Donnerstagabend springst du dann wieder in einen Nightliner, jemand stellt eine grüne Vase vor dich hin und sagt “so, jetzt geht’s aber los.” und dann bist du wieder in einem ganz anderen Leben.

Damit musst du auch erst mal umgehen. Damit müssen vor allem auch die anderen Leute umgehen lernen. Wir sind ja diejenigen, die diese Realität leben und es ist für andere Leute und Freunde so, dass man nie da ist. Die treffen sich ja meistens am Wochenende miteinander, weil die unter der Woche arbeiten. Für uns ist es genau umgedreht.


Und Ego-mäßig? Gab es eine Phase, in der ihr euch dachtet, dass es euch irgendwie mitreißen könnte? Diese ganze Euphorie, dass dich tausend Leute anschreien…
Jan-Dirk: Ich glaube, ehrlich gesagt, nie bei uns. Das ist auch das Ding, warum wir so funktionieren und seit 25 Jahren so gut miteinander auskommen: Keiner von uns hat so einen Ego-Kack. Ich würde auch nicht verstehen warum.

Wir sind uns schon bewusst, dass wir das riesen Glück haben, diesen Job machen zu dürfen. Das ist eigentlich ja schon fast eine Frechheit. Wir haben aus Langeweile probiert Instrumente zu spielen, haben uns durch drei Jahre lang Dauer-Scheune-Spielen irgendwann so ein bisschen aus dem Kreis raus bewegt und machen das jetzt seit 25 Jahren. Wie viele Bands in Deutschland, die davon leben können, gibt es? Das ist Wahnsinn, dass uns das passiert ist. Da muss man einfach nur dankbar und happy sein. Wenn man dann auf die Arschloch-Schiene geht und sagt, dass man der Größte ist…

Was ist das Dümmste, das jemals ein Promoter zu euch gesagt hat?
Jan-Dirk: “Da geht jeder mit einem Kleinwagen aus der Nummer raus.” Ich meine, wenn schon, dann kann man doch zumindest sagen, dass man mit einem Hummer oder Panzer raus geht, aber doch nicht mit einem Kleinwagen.

Ingo: Schön auch, wenn du bei Labels die neue Platte vorspielst und mal abklopfst was so geht. Wenn die sich dann, wie in so einem schlechten Film, zu dritt vor dir aufbauen und alle gleichzeitig übermäßig grooven und nicken und danach noch einer beginnt den Song nachzupfeifen, um zu zeigen “Ich hab das die ganze Zeit im Kopf.” Es ist so widerlich.

Jan-Dirk: Das glaubst du nicht. Wir haben uns da ja zum Glück immer wieder rausgekämpft aus der Plattenfirmen-Sache. Ich will das natürlich nicht verteufeln und wir leben ja auch davon, aber in der Musikbranche, wahrscheinlich wie in jeder anderen Branche, gibt es heftige Haiopais. Das kann man sich nicht vorstellen.

Ingo: Wir haben ‘98 diesen Deal mit Gun-Records unterschrieben und uns für vier Alben verpflichtet. 2004 kam dann die “Got the Noise”-Platte raus und die hätte für uns im Nachgang so auch schon nicht mehr stattfinden müssen. Unsere Formel Donots 1.0 hatte sich dort totgelaufen. Uns war mit dem Erscheinen der Platte klar, wir möchten da keine weitere Platte machen, hatten aber noch zwei Optionen offen. Da war für uns persönlich klar: Wenn wir da noch eine weitere Platte machen müssen, dann lieber gar keine Platte mehr. Das war der einzige Moment in diesen 25 Jahren, an dem wir uns gesagt haben “So wichtig ist uns das nicht”.

Jan-Dirk: Es hat an dem Zeitpunkt einfach keinen Sinn mehr gemacht unter dem Namen Donots so weiter zu arbeiten.

Ingo: Dann haben wir zwei Jahre gebraucht, um uns anwaltlich aus dem Deal rauszuklagen.

Das endete dann darin, dass wir noch eine Best-Of rausbringen mussten und als wir 2006 beim Taubertal Open Air gespielt haben, kam unser damaliger Manager mit dem Aufkündigungsvertrag zur Tür rein. Wir haben unterschrieben und an diesem Tag mehr gefeiert als an dem Tag, an dem wir den Deal seiner Zeit unterschrieben haben.

Kurze Unterbrechung: Jan-Dirk muss kurz Weg, um Guido zu filmen, wie er einen Kollegen der Band Rantanplan tätowiert. Seinen Platz auf der Bank im Bus nimmt jetzt Alex ein.

Ingo: Seitdem sind wir unsere eigene Plattenfirma und hatten hier und da immer mal wieder Joint-Ventures. Mittlerweile sind wir komplett bei uns, mitsamt Vertrieb und das fühlt sich einfach super an.

Höme: Das ist wahrscheinlich noch so eine Komponente warum es so lange funktioniert. Wahrscheinlich im richtigen Moment geschaltet und gesagt “So nicht, lieber so!”
Ingo: Wir sind schönerweise Control-Freaks und hatten von der Pike auf immer das DIY-Ding am Start. Die ersten beiden Platten haben wir selbst rausgebracht, ich hab das Booking gemacht und eigentlich haben wir, egal bei welchem Label wir gerade unter Vertrag waren, die Sachen immer selbst angeschoben.

Die Labels waren vornehmlich die, deren merkwürdige Ideen wir ausbremsen mussten.

Alex: Weil es ja auch so ein bisschen unser Baby ist, sind wir besonders achtsam was damit passiert. Das wussten wir früher nicht so richtig und haben es Anfang der 2000er versucht in die Hände von “Profis” zu legen. Da haben wir gemerkt, dass Profis auch Fließbandarbeiter sind und nicht so sehr mit Liebe dabei. Immer wieder sind wir dabei gelandet, dass mehr Herz wichtiger ist, als mehr Geld.

Gab es abgesehen von diesem Label-Ding noch andere, eher ungeile Momente als wake-up-call?
Alex: Es hatte sich die erste Hälfte der 2000er ein bisschen totgelaufen. Für uns war es anstrengend, weil diese Grabenkämpfe im Hintergrund abliefen. Nach der Entscheidung es selber zu machen, brauchten wir dann auch erst mal Zeit, um Boden unter die Füße zu bekommen. 2006 bis 2008 haben wir nicht viel live gespielt und auch bei den Touren, die es dann gab, beispielsweise der Coma-Chameleon-Tour 2008, waren nur 100 bis 150 Leute pro Abend da. Da haben wir gelernt, dass das nicht alles Gott-gegeben ist, was wir seit Jahren machen.

Ingo: Ein bisschen wie: “Das hatte jetzt alles seine Zeit, vielleicht ist jetzt wieder Zeit zum Job suchen und nur am Wochenende Musik machen – oder diese Band aufzulösen.” Das konnten wir aber nicht, weil wir dieses unbändige Verlangen danach hatten, das weiter zu machen.

Alex: Als unser Schlagzeuger ein Kind bekam und uns klar wurde: Selbst, wenn wir jetzt gerade einen Monat auf Tour waren, mit jeden Tag Konzerten, was können wir uns auszahlen? Das war so ein Punkt wo wir darüber nachgedacht haben, ob wir das noch beruflich machen können. Da hatten wir aber gerade die Firma gegründet, unser Album „Coma Chameleon“ war fertig und wir haben uns gesagt, dass wir daran glauben. Eben mit mehr Herz und weniger Geld. Ich meine, das denken sicher öfter mal Leute und es geht trotzdem schief und wir haben Glück gehabt, dass ein Song wie “Stop the Clocks” auf der Platte war. Das war dann das erste und fast auch einzige Mal, dass es für uns viel Radio Air-Play gab.

Ingo: Auf einmal hatten wir die Situation, dass Radios die Donots von sich aus auf die Playlists packten. Kurz vorher, sind wir noch nach Schweden zu unserem damaligen Lieblings-Videoregisseur geflogen und haben das Video zu “Stop the Clocks” gedreht. Alle Leute meinten, was für ein geiler Kunstgriff es wäre, dass nur zwei Leute von uns im Video zu sehen sind, dabei hatten wir einfach keine Kohle und konnten kein weiteres Flugticket bezahlen.

Alex: Das letzte Geld was wir überhaupt noch hatten, waren für diese zwei Flugtickets und für diese Übernachtung in Stockholm. Der Regisseur hatte uns ein Zwei-Zeilen Drehbuch geschickt: “Ihr tragt Hunde auf den Armen und lauft in Unterhosen durch den Wald.” - Ende. Wir dachten uns “Geil, wir kommen rüber.” Es hat insgesamt alles nicht mal 1.000 Euro gekostet, aber das war halt alles was noch über war.

Ingo: Und dann ging es auf einmal wieder los. In der Talsohle angekommen haben wir auf einmal gemerkt, dass doch wieder was gehen kann. Ab da hatten wir wieder das Vertrauen, es mit unserem eigenen Label irgendwie wuppen zu können.

Was für Venues habt ihr zu dem Zeitpunkt gespielt?
Ingo: Die guten Venues war sowas wie in Hamburg das Knust.
Alex: Und nicht mal das war ausverkauft.
Ingo: Dann hat das aber peu à peu wieder Fahrt aufgenommen.

Alex:
Wir wussten aber, dass wir wieder mehr live spielen müssen, egal wo. Da kannst du Leute begeistern. Deshalb ist es für uns so wichtig, auf Festivals spielen zu dürfen.

Ingo: Deswegen wurde ja eingangs das Highfield oder Rock am Ring erwähnt: Da singen die Leute noch, wenn du schon weg bist. Das ist das, was wir immer ganz gut konnten. Wir sind nicht die geilste Band der Welt, wir zocken nicht ultra geil zusammen, ich bin kein ultra geiler Sänger, unser Songwriting hat sich in unserem Kosmos gut gefunden, ist knackig und kompakt. Aber was wir immer konnten, ist sack-ehrlich sein und wir können die kleinsten Bühnen, wie die größten Bühnen, zu egal welcher Tageszeit spielen. Die Leute merken, dass du mit Leidenschaft dabei bist.

Du bist in diesen 60 Minuten deine eigene Lieblingsband. Du spielst in der Band, die du dir immer vorgestellt hast und dann auch noch auf so großen Bühnen.

Natürlich sind wir Live auch gewachsen und es ist dieses „wir können alles machen“-Ding entstanden. Ich liebe, dass die Jungs das Vertrauen in mich haben, genau wie ich in sie. Dass du scheiß Ideen haben kannst, wo andere sagen würden „Boah ey was für ein Quatsch, lass uns das nicht machen“.

Wir haben neulich in Alzey in einem Schloss Innenhof gespielt. Ein wunderschönes Festival und es war die Nacht der Blutmondfinsternis. Wir waren total angesickt davon, dass die Schlossmauern den Blick auf den Mond nicht freigegeben haben. Scheißegal, wir gehen raus und gucken uns mit dem Publikum zusammen die Mondfinsternis an, zocken einfach Akustik weiter und dann gehen wir zurück und spielen das Konzert zu Ende.

Jede normale Band hätte gesagt, „dir fliegt das ganze Konzert um die Ohren, hör auf damit.“

Alex: Das war dann wirklich so, nach 50 Minuten Konzert: “ja wir wollen jetzt alle mal den Mond sehen, wir gehen jetzt alle mal raus auf die Verkehrsinsel”. Es war so ein geiler Moment, einfach unter freiem Himmel, in so einer Kleinstadt, auf der Verkehrsinsel, unter einer Ampel, mit so vielen Leuten drum rum. Es war voll das Happening und nach einer viertel Stunde ging es wieder rein für die 2. Hälfte des Konzertes.

Aber gibt’s die andere Seite auch noch, dass ihr ab einer gewissen Größe das Gefühl habt ihr verliert die Verbindung zum Publikum oder im Publikum sind zu viele Leute, die nicht alle Meinungen von euch teilen oder…
Alex: Ich glaube, dass man sich vom Publikum entfernt passiert eher, wenn man so ein oder zwei Radiohits hat und zu groß wird. Dann hast du viel Rein-raus-Publikum, dass ein, zwei Hits hören will. Das hat man ja oft genug bei Bands erlebt, dass dann der Segen eines Hits auf einmal auch Fluch wird und man rennt dem als Band hinterher.

Ja du kriegst Musik Touristen.
Ingo: Ja, genau. Das ist das Beste Wort, das ich seit langem gehört hab.
Alex: Dann waren wir zum Glück also noch nie so richtig erfolgreich.

Naja schon wieder diese Art erfolgreich: Ihr seid mit dem langsamen und vor allem sehr lang anhaltenden Wachstum ja sehr einzigartig in Deutschland. Das ist ja der bestmögliche Grundpfeiler für Erfolg.
Alex: Das glaube ich total. Die Idee brachte und bringt auch mit sich, dass nie einer aus der Band abgedreht ist, weil auf einmal so viel Kohle da gewesen wär. Wir leben normale Leben, sozusagen. Im Prinzip hat nicht mal einer ein geiles Auto.
Ingo: Ey, mein Ford ist schon geil!
Alex:  …Aber auch schön verbeult.
Ingo: Na das ist ja nicht meine Schuld, das waren ja die anderen.
Alex: Keiner hat irgendwie eine mega fancy Eigentumswohnung oder ein fettes Haus. Aber alle sind happy mit dem, keiner denkt “oh mir fehlt irgendwas Materielles im Leben.”

Weil es diese krassen Ausschläge nach oben nicht gab. Wenn es die gegeben hätte, müsste man erst mal wieder kalibrieren?
Alex: Wahrscheinlich. Um dieses Bild nochmal aufzugreifen, wo tierisch gerannt wurde und alle außer Atem und im Arsch sind. Wir rennen halt nicht und alles ist immer normal und cool geblieben.

Was ist denn das worst case Szenario aus persönlichem Empfinden? Also bei nem Festival Auftritt. Was muss alles schief gehen, dass es scheiße ist?
Ingo: All das, wo sich so tausend Bands tausendfach drüber beschweren, ist totale Koketterie und die sollen alle in den Arsch gehen. Diese Befindlichkeiten, die einige Leute haben, weil irgendwas im Catering nicht da ist, oder weil das Zelt nicht auch noch einen Blick nach hinten hat. Was soll der Scheiß?!

Alex: Bands, die mit Tellern schmeißen und ihr Backstage Zelt umhauen…

Gibt’s was, dass ihr gerne in Euren Rider schreiben würdet, aber Euch nicht traut?
Alex: Ich trink ja keinen Alkohol, aber ich habe die Jungs gefragt “Gibt’s da so ein Bier das ihr jeden Tag, sehr gerne trinken würdet?“ und dann kamen wir irgendwie auf dieses Peroni Bier. Aber alle waren gleich so „ja das ist aber sau teuer, das können wir eigentlich nicht machen“.
Ingo: Genau, kannst du den Veranstaltern nicht antun. Ne, wir haben eigentlich alles was wir brauchen. Die einzigen Befindlichkeiten sind so und so viele Vegetarier und Veganer. Der Rest ist fun&games.

Kurze Unterbrechung: Guido und Jan-Dirk kommen zurück.
„Hast du ihn jetzt tätowiert?“
„Ja und das Beste ist: Beim Haare abrasieren habe ich ihn schon halb verletzt.“


Gibt’s aus den Jahren eine meist erzählte Geschichte?

Wir empfehlen, die folgende Geschichte über den „Budapester-Knie-Biss“ in voller Länge anzuhören – und stellen aus diesem Grund keine Textversion der Geschichte zur Verfügung. Viel Spaß!

Da kann man eigentlich wirklich nicht mehr viel hinzufügen. Ich stell die letzten zwei Fragen trotzdem noch. Die letzte Zeit zwischen eurer ersten gemeinsamen Show bis heute in einem Satz zusammengefasst.
Ingo: “Was. Zur. Hölle.” mit Punkten, nicht mit Fragezeichen.
Man kann es nicht besser zusammenfassen, weil wenn du nüchtern darüber nachdenkst, haben wir jetzt ungefähr 1100 Konzerte gespielt – in fast 25 Jahren, was mehr als die Hälfte unseres Lebens ist. Was zur Hölle aber auch, was haben wir uns damals dabei gedacht und wo sind wir dann gelandet. Was zur Hölle auch, was für ein Privileg ist das, dass wir das überhaupt machen dürfen und…

…was zur Hölle ist denn überhaupt möglich, wenn sich fünf Leute auf eine Bühne stellen und denken sie könnten Musik machen und dann drehen auf einmal fucking 50.000 Leute vor der Bühne durch. Das ist etwas, was dir niemals ganz klar werden kann und darf.

Alex: Ja und dass man doch jeden Tag glücklich und dankbar darüber sein muss, dass man das machen darf und kann. Das war auch gut zwischendurch zu wissen, dass das nicht so ist, weil wir die geilsten Typen sind, sondern weil gerade alles gut passt, dass wir Spaß dran haben und vor allem ein paar Leute Spaß dran haben. Wenn man morgens so aufwacht und denkt “ey krass, die Wohnung, die Miete, das bezahle ich davon, dass wir das machen was uns Bock macht – und die Brötchen, die ich kaufe, die darf ich auch deswegen kaufen. Und keiner von uns wär sich zu fein, was auch immer für nen Job zu machen”.

Wie ist es mit Ängsten? Habt ihr irgendwelche Ängste und Sorgen? Gerade auch mit Kindern jetzt?
Ingo: Klar! Aber es darf auch gar nicht anders sein. Wir haben einen Song auf der Karacho drauf, der heißt „Du darfst niemals glücklich sein“ und das ist im Grunde genommen eine Liebeserklärung an alle meine Lieblingsbands.

Alex: Ich muss mal eben meine Familie zurückrufen.
Ingo: Klar, wo wir gerade bei dem Thema sind…

Ein Künstler darf niemals satt sein. Ich freue mich total, wenn es Leuten gut geht, wenn die mit ihrer Musik Geld verdienen können. Aber dieses kleine Quäntchen Verzweiflung, diese kleine Zukunftsangst, dieser Weltschmerz oder auch dieses “Was zur Hölle mache ich hier eigentlich gerade, steht das auf sicheren Beinen?”: Das Gefühl darfst du niemals verlieren. Du darfst niemals das Gefühl bekommen, dass das was du da gerade machst, das was einige Leute Kunst nennen, was du selbst aber im Grunde genommen einfach nur Glück nennst, das darf niemals normal werden. Du darfst niemals das Gefühl haben „ich hab ausgesorgt“, weil dann hast du nichts mehr zu sagen. Da zitiere ich unseren lieben Freund Thees Uhlmann „Alles das was man macht, muss ne Mischung aus Angst und Bier sein“. Es gibt keine bessere Beschreibung dafür. Du musst immer vor irgendetwas fliehen, du musst immer auf ein Ziel zu rennen, dass du möglicherweise niemals erreichst, aber du willst das unbedingt haben. Du musst immer das Gefühl haben, dass du im Worst-Case auf Leute zurückfallen kannst, die dich immer auffangen werden…

...und du musst auch immer das Gefühl haben, dass es da draußen genug Arschlöcher gibt, für die es sich lohnt, denen ins Gesicht zu sagen, dass sie Arschlöcher sind. Das ist für mich das ‚Mission Statement‘ von dieser Band. Wenn nichts mehr davon da wäre, dann gibt’s keinen Grund Musik zu machen.

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