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Höme erzählt

Hin und wieder Trompete gegen Trichter tauschen


Höme erzählt… von den wunderbarsten Momenten, den witzigsten Geschichten und traurigsten Abschieden, davon, was für uns alle Festivals bedeuten.

Im dritten Teil dieser Reihe berichtet Grafik-Neuzugang Lena von ihrem besten Festivalmoment auf dem Deichbrand Festival im Jahr 2016.

text Lena Dierkhüse
redaktion Isabel Roudsarabi
fotos Fabio Diekmann, Sophia Göken, Lena Dierkhüse

lesezeit 4 Minuten

Alle Festivalbesuchenden haben ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Die Besten erlebt man meistens nicht alleine. Meine Crew und ich hatten im Sommer 2016 unseren bisher schönsten Festivalmoment, weit abseits der Hauptbühne, mit vielen alten und neuen Freund*innen.

Wenn man seit einigen Jahren auf Festivals fährt, ist es kaum verwunderlich, dass sich irgendwann eine Gruppe festigt, mit denen man sich zusammenschließt, und ein Open Air nach dem anderen abklappert. Im Laufe der Zeit sind zu unserer Kerngruppe immer mehr Freund*innen und Bekannte dazu gekommen und, nach Jahren sommerlicher Eskapaden, sind wir nun zu einem großen, eingeschworenen Team gewachsen. Dementsprechend planen wir meistens schon im Winter unsere Festivalsaison und kaufen fleißig Early-Bird Tickets, damit wir, trotz unterschiedlich hoher Einkommen, das folgende Jahr zusammen genießen können.


Jedes Jahr gehen wir also gemeinsam unsere Terminkalender durch und wägen ab welches große Festival uns zeitlich am besten passt. Wir vergleichen die Line-ups und entscheiden, welche Must-See-Live-Acts es dieses Mal sein sollen. 2016 landeten wir so auf dem Deichbrand Festival. Der Sommer stand vor der Tür und, nach dem Bereisen verschiedener kleinerer Festivals, trafen wir unsere Vorbereitungen für unser diesjähriges großes.

Nach Staus auf der Autobahn, langen Schlangen und brennender Sonne bauten wir, trotz aller Anstrengung, voller Vorfreude unser Camp auf, und freuten uns auf das erste kalte Bier danach. Die Festivaltage zogen dahin. Lange Nächte, wenig Schlaf, viel Musik, überteuertes Essen und Bier auf dem Gelände, und trotzdem wache Augen.

Doch nach drei Tagen HalliGalli vor der Bühne und unter dem Pavillon hatten wir Samstag Nachmittag unseren Durchhänger.

Das Bühnenprogramm auf dem Festivalgelände sagte uns nicht zu, zumindest nicht so, dass wir den langen Weg dorthin auf uns nehmen wollten.

Zu unserem Glück befindet sich in unserer Gruppe eine kleine Band, die normalerweise nur lokale Auftritte in unserer Heimat spielt und sich dem Hobby Musik machen verschrieben hat. Wie der Zufall es will, sind wir anderen, die zwar musikinteressiert, aber leider nicht musikalisch genug sind, ihr größter Fanclub.

Das gute an der Band: Sie besteht größtenteils aus Blasmusikern*innen. So krochen vier aus der Gruppe an besagtem Nachmittag in ihre Zelte und präsentierten, zu unserer Überraschung, ihre, für diesen Fall extra erworbenen, Festivalinstrumente. Saxophon, Posaune, Trompete und Gitarre wurden für diesen Zweck billig ersteigert und konnten auf dem Campingplatz natürlich auch ohne Verstärker ordentlich Lärm machen.

Bei uns im Camp gestartet, sollten unsere Camp-Nachbar*innen nicht lange auf sich warten lassen. Was uns als kleine Freude innerhalb des eigenen Camps dienen sollte, entwickelte sich schnell zu einem richtigen Konzert auf dem Campinggelände. Um eine Zugabe nach der nächsten zu spielen, wurden wir mit Bier- und Raviolidosen bezahlt . Dem Gitarristen wurde das Bier während des Spielens oral eingeflößt und die Bläser setzten mitten im Stück ab, um Gleiches für sich selbst zu tun. Da nicht so viele Songs geprobt wurden, aber der Spaß des spontanen Konzerts noch lange nicht vorbei war, beschlossen wir uns zu mobilisieren um andere Camps in der Nähe zu beschallen. Unserer neu entstandenen Parade schlossen sich immer mehr Menschen an, die den Klängen der Blasmusik über den gesamten Campingplatz folgten. In einer Art Marschkapelle stolperten wir zusammen mit Fremden und Freund*innen auch an der Johanniter-Station vorbei, denen wir kurzerhand ein kleines Ständchen brachten. 

Ein selbsternannter Fernsehsender kam ebenfalls vorbei. Diese Gruppe hatte sich der Aufgabe verschrieben, das ganze Festival filmisch zu dokumentieren – hochprofessionell natürlich. Die selbstgebastelte Kamera (GoPro im Pappkarton) lastete auf den Schultern des Kameramanns, daneben quatschte ein junger Mann in ein aus Panzertape bestehendes Mikro. Beide versuchten hochambitioniert die Szene einzufangen und interviewten, so gut es eben ging, die Zuschauer*innen.

Während des Marsch wurden hin und wieder auch Trompete gegen Trichter getauscht und es wurde sich mal mehr und mal weniger virtuos am Instrument versucht.

Die Saxophonistin und der Posaunist stiegen dann improvisatorisch mit ein.
Mit den nun angesammelten 40-50 Menschen kam es natürlich immer mal wieder zu Pausen. Die entstanden meist genau dann, wenn der Song Tequila in Dauerschleife gespielt wurde und Camps von links und rechts auch mal den einen oder anderen Kurzen verteilten. Währenddessen bildete sich hin und wieder ein Menschenkreis, in dem spontane Moshpits zu sehr unpassenden Songs, wie Cantina Band oder Tetris, gestartet wurden. Bei I will survive sangen und schaukelten wir im Kreis und mittendrin fanden sich Paartänze zusammen, die, ohne auch nur einen Schluck aus dem Dosenbier zu verschütten, einen halben Discofox über die Bühne brachten. 

Gekrönt wurde dieses spontane Ereignis mit der Ankunft der berittenen Polizei, die uns nicht zurechtweisen wollte, sondern Aufnahmen von der absurden Szenerie machte und im Anschluss im Gleichmarsch das Ende unserer Polonaise bildete. 

Beendet wurde unsere Parade dann mit einem Gruppenfoto in unserem Camp, Applaus und dem daraus entstandenen Sprechchor: „Besser als Cro, besser als Cro!“, der während des Spektakels auf der eigentlichen Hauptbühne gespielt hatte. 

Unser kleines Nachmittagsprogramm dauerte gerade mal zwei Stunden und doch hat dieser Auftakt für die Geburt einer Tradition gereicht. Kein Festival wird nunmehr ohne Instrumente angetreten, wenn auch nur für ein oder zwei Stücke. Falls ihr also auf eurem nächsten Festival Klänge von Blasmusiker*innen und Tetris in Dauerschleife hört, seid ihr herzlich eingeladen, diesem Ruf zu folgen.

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Lena Dierkhüse

Bier trifft Gestaltung. Nie hätte ich, in meiner langjährigen Karriere als Festivalbesucherin, gedacht, dass sich das eine mit dem anderen verbinden lässt. Diesen Sommer habe ich mich einfach mal bei Höme gemeldet und direkt mein Perfect Match gefunden.

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