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Erinnerungen vom Cardinal Sessions Festival 2020

Handy weg und Sonnenbrille runter


Der lohnendste Kirchenbesuch seit langem: Das Cardinal Sessions Festival findet zum zehnten Mal in Köln und bereits zum zweiten Mal in der Kulturkirche statt – mit wenig Andacht aber ganz viel „Zooom!“.

text Henrike Schröder
redaktion Isabel Roudsarabi
fotos Chiara Baluch

Das Cardinal Sessions Festival ist zurück in der Kulturkirche und begrüßt die Gäste in Nippes mit Lichterketten-umwickelten Hulla-Hub-Reifen in den Bäumen und leuchtenden Vogelfiguren. Passend dazu versucht Lemonaid am Eingang einen Vogel aus Limonadenflaschen nachzubauen – mit mäßigem Erfolg. „Also wenn man es weiß, dann sieht man es schon,“ sagt jemand neben mir und greift sich eine Flasche vom Vogelfuß, während der Fotograf noch versucht ihn möglichst erkennbar zu fotografieren.


Drinnen spielt Benjamin Amaru mit seiner Band. Der junge Schweizer mit iranischen Wurzeln mischt melancholisch leichten Pop mit RnB und wurde damit bereits Anfang 2019 zum „SRF3-Best Talent“ erklärt. Während wabernde Lichtelemente mit der Kirchenbemalung verschwimmen, singt er mit ruhiger Stimme und spielt dabei mal Keyboard, mal Gitarre – das letzte Lied sogar ohne Band. Als perfekter Kontrast wird der Sound in der Lutherkirche mit Keir anschließend kraftvoller und dramatischer. Schon während der Brite die ersten Töne vom ersten Song „Probably“ singt, zieht er sich energisch die Jacke aus, bevor er theatralisch seine Hand in die Höhe streckt. 

Mit Lili verlagert sich die Bühne anschließend in die Mitte der Kirche: Ein enger Kreis mit einem Klavier, die Besucher*innen sitzen bis hinten zur Theke auf dem Boden. Und die Kölner Singer-Songwriterin schafft es mit ihren emotionalen Balladen doch noch, dass es in der Kirche ein wenig andächtig wird. Nach jedem Stück dreht sie sich schüchtern lächelnd um und als sie eigentlich durch ist, möchte sie niemand der Besuchenden gerne aus dem Kreis herauslassen, sodass sich Lili schließlich einfach dazu setzt.


Die 19-jährige Londonerin Arlo Parks stand einen Tag vorher noch beim niederländischen Showcase-Festival Eurosonic Noorderslag auf der Bühne. Nun singt sie unter der Kanzel der Lutherkirche mit ihrer weichen Stimme darüber wie scheiße es ist, sich in den besten Freund zu verlieben, von mentaler Gesundheit und gesellschaftlichen Missständen. Nicht umsonst wurde ihr smoother Pop von der BBC bereits als „Sound of 2020“ vorgestellt. Der Guardian bezeichnet sie als „Emo 2.0“, ihre Musik ist zugleich zart und soulig, sowohl pointiert, als auch poetisch in ihren Aussagen: der Soundtrack der „Super Sad Generation“.

Und als wollte sie das nochmal besonders herausstellen, holt sie am Ende ihres Auftritts schließlich ihr Handy aus der Tasche um ein Gedicht vorzutragen.

Mit „Grüß Gott“ betritt Drangsal als letztes die Bühne und freut sich über die Ehre an so einem heiligen Ort zu sein. Mit festlichem Blazer über einem T-Shirt, auf dem das Gesicht des Schweizer Sängers Dagobert in Überlebensgröße gedruckt ist, spielt er an diesem Abend ein Akustik-Set. Statt der elektrischen Verstärkung wird Drangsal von treuen Fans, die die ersten Reihen schon seit Beginn des Festivals ausfüllen, verstärkt. „Ich habe gehört, die Kirche wurde noch gar nicht entweiht. Nach diesem Lied schon…“, erklärt er und kündigt „Sirenen“ an. Niemand scheint sich über die Location an diesem Abend so zu freuen, wie er.

Als er den Refrain von einem neuen Lied spielt, ermahnt er noch: „Handy weg und Sonnenbrille runter. Wir sind in der Kirche“.

Und selbst als er schon dabei ist die ersten Takte von „Und du?“ zu spielen, bricht er hektisch ab und verkündet mit einer diebischen Freude in der Stimme: „Ich wollte doch noch was sagen! In diesem Lied geht es um gleichgeschlechtlichen Sex. Und wir sind in ‘ner Kirche und ich dachte so: Yeah.“ Und als zöge es Drangsal schon den ganzen Abend dort hin, erscheint er am Ende des Konzertes auf der Kanzel, die links über der Bühne schwebt, von wo er „1000 und eine Nacht“ singt während er sich breitbeinig auf dem Kanzel-Korpus räkelt. Neben den Versionen von Willi Herren, Nico Schwanz und Ross Anthony ist Drangsals wahrscheinlich die kraftvollste Interpretation des Klaus Lage Schützenfest-Klassikers – zumindest aber die am pathetischsten vorgetragene. 

Das Cardinal Sessions schafft es immer wieder einen spannenden Headliner mit vielseitigen Newcomer*innen in einer der zauberhaftesten Locations in Köln zusammenzubringen – und dabei für einen Ohrwurm zu sorgen, der noch Wochen später in meinem Kopf herumschwirrt – „Tausendmal berührt / Tausendmal ist nix passiert. / Tausend und eine Nacht / Und es hat Zoom gemacht.“
Viel Spaß damit!

Festivalfinder

Cardinal Sessions 2020

23. Juni – Stadtgarten Köln


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