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Die Verschmelzung von Kunst & Natur

Grün ist die Hoffnung


Die Natur feiert auf verlassenen Festivalgeländen gerade einen lange nicht dagewesenen Exzess. Ein grüner Tentakel schlängelt sich langsam um ein Stück Plastik. Ein Moos-Meer bewegt sich gemächlich in Richtung eines vergessenen Food-Trucks. Unzählige halbstarke Eichen schaffen es endlich, ihre dürren Körper über die Ein-Meter-Grenze zu recken und ihre Überlebenschance damit zu vervielfachen. Wie schön wäre es für die Natur, wenn diese Party für sie nie enden müsste? Und wie können wir die auferlegte Pause also nutzen, um bestehende Festival-Strukturen im Sinne der Nachhaltigkeit umzugestalten?

text Ann-Sophie Henne
redaktion Henrike Schröder
fotos Sascha Krautz, Till Petersen

lesezeit 6 Minuten

Stillstand bedeutet oftmals einen Wettbewerbsnachteil, ein Ausbleiben des Profits, bedrohte Existenzen oder eine innere Unruhe, die von hilfloser Langeweile angetrieben wird. Ein kollektiver, monatelanger Stillstand macht uns solidarisch, aber auch ängstlich, verzweifelt, vielleicht auch ein bisschen verrückt. Doch Stillstand steht auch für Erholung und Regeneration, dafür, neue Kraft zu schöpfen und kreativ zu werden. Die Natur ist dafür ein gutes Beispiel. Während das gesellschaftliche Leben stillsteht, sprießen Grashalme aus Löchern im Asphalt, Sonnenstrahlen streicheln leergefegte Autobahnen, Enten watscheln durch Fußgängerzonen, Grünspan wandert über menschengeformte Steingebilde, Metall und Kunststoff. 
Schlendert man in diesem Sommer über das Gelände des Artlake und des Feel Festivals, hat man die einmalige Chance, die Verschmelzung zwischen Kunst und Natur zu entdecken.

Ein bisschen wirkt das Ganze wie die große Versöhnung als letzten Akt eines selten aufgeführten Theaterstücks.

Auch für die Festivalszene kann der Stillstand eine Chance bedeuten. Nicht nur die Pflanzen, auch Festivalmacher*innen können diese Zeit als eine Phase des grünen Wachstums nutzen. Sie können dazu beitragen, dass die Natur nicht nur den Sommer ihres Lebens feiert, sondern auch nachhaltige Veränderungen innerhalb der Festivalstrukturen vorgenommen werden – die wiederum eine Menge Kosten sparen.


Wie könnten solche Veränderungen aussehen? Jacob Bilabel ist der Gründer der Green Music Initiative, einer Plattform, die Festivals und die Musikbranche für nachhaltige Forschungs- und Innovationszwecke miteinander vernetzt und unterstützt. Seiner Meinung nach liegt ein riesiges Verbesserungspotenzial in der Energieversorgung. Statt über einen eigenen Stromanschluss, werden die meisten Festivals über Generatoren, durch Benzin, Diesel oder Schweröl, mit Strom versorgt. Das sei nicht nur schädlich für die Umwelt, erklärt Bilabel, sondern auch sehr teuer:

"Der Generator muss immer auf die höchste Kapazität angesetzt werden, die auf der Bühne irgendwann erreicht werden muss. Die restliche Zeit läuft er dann nur auf 30 bis 40 Prozent."

Im Endeffekt laufe ein durchschnittlicher Generator von etwa 150 Stunden Festival nur etwa 10 Prozent der Zeit in der perfekten Auslastung, was viel zu viel Benzin verbrauche und zwei bis dreimal so teuer sei, als wenn man Strom aus dem Stromnetz beziehe. Verbessern könne man das mit einem vernünftigen Strommanagement: „Wenn man ein eigenes Stromnetz legt, hat man viel mehr Planungssicherheit vor Ort, schont die Umwelt und senkt die eigenen Kosten um ein Vielfaches”, erzählt Bilabel. Das niederländische Lowlands Festival setzt das bereits um und baut eine Solaranlage auf den Parkplätzen, wodurch die Stromnutzungsentgelte wegfallen.

Könnte ein Jahr Stillstand also wichtige Weichen für eine Festival-Zukunft im Sinne der Umwelt stellen? Es wäre zumindest wünschenswert, findet auch Bilabel. Um eine Alternative zu Generatoren zu schaffen, hat die Green Music Initiative im Rahmen eines europäischen Forschungsprojekts bereits an einem weiteren, vielversprechenden Projekt getüftelt: Brennstoffzellen-Generatoren, die mit Wasserstoff funktionieren. Diese hätten schon 2020 bei acht großen europäischen Festivals umgesetzt werden können. 

Sollten sie in der Praxis den Erwartungen entsprechen, könnte das die Energieversorgung auf Großveranstaltungen revolutionieren.

Dass die Pause als Chance für eine stärkere Orientierung hin zur Nachhaltigkeit genutzt wird, würde sich auch Jochen Bader, der Gründer des FUTUR 2 FESTIVAL, wünschen. Die Hamburger Veranstaltung funktioniert bereits energieautark, hat zur Müllvermeidung ein Mehrwegsystem für Flaschen und Geschirr etabliert und bietet statt Autoparkplätzen einen bewachten Fahrradparkplatz.  

Doch laut Jochen Bader gibt es immer Luft nach oben: „Dieses Jahr hätten wir einen Gastropiloten gestartet, der sich an dem innovativen Gastronomiekonzept des DGTL Amsterdam orientiert. Statt mit Foodtrucks oder externen Caterern zu arbeiten, stellt das DGTL Köche ein, die sich das ganze Jahr auf das Event vorbereiten und saisonale, regionale Waren verwenden. Damit senken sie den Footprint für ihre Speisen enorm.“ Das Futur 2 Festival will erste Maßnahmen in diese Richtung nun 2021 umsetzen.

Wie realistisch es tatsächlich ist, dass die Branche gerade die umsatzschwache Corona-Pause für große Umstrukturierungen nutzen wird, muss sich zeigen. Im Allgemeinen liegen jedoch fehlende Maßnahmen im Sinne der Nachhaltigkeit oft nicht darin begründet, dass Festivals daran kein Interesse hätten. Die Schwierigkeit, die eigenen CO2-Emissionen zu senken, fange schon bei der Komplexität des Messens an, erzählt der Futur 2 Gründer:

"Das ist immer der erste Schritt. Erst, wenn ich das Ausmaß meiner Emissionen verstehe, kann ich dafür kompensieren – oder direkt eine Innovation in meinen Strukturen vornehmen."

Das FUTUR 2 FESTIVAL hat für die eigene Messung verschiedene CO2-Gruppen erstellt, die alle am Festival beteiligten CO2-Verbrauchsposten abbilden: „Wir erfassen dabei zum Beispiel unsere Artists. In einem Formular geben sie an, woher sie angereist sind, welches Verkehrsmittel sie benutzt haben, und in welchem Hotel sie untergebracht sind. Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, wie viele es sind.“ Auch Dienstleister würden unter Berücksichtigung von Lagerorten, Transportstrecken und Fahrzeugen genauestens erfasst. Dasselbe gelte für Büroarbeiten und Laptop-Emissionen der Festivalmacher*innen. Um den CO2-Verbrauch des angefallenen Mülls zu errechnen, wird es schon etwas komplizierter: „Wir wiegen den angefallenen Müll und berücksichtigen die jeweilige Entsorgung. Restmüll muss in der Regel verbrannt werden. Hier verwenden wir dann durchschnittliche CO2-Werte pro Tonne Restmüll, die verbrannt wird.“ Eine weitere CO2-Kategorie bildet der Strom- und Wasserverbrauch während des Events. Zwar wird der Strom beim Futur 2 Festival durch Solaranlagen generiert, doch auch der Transport der Anlage müsse berücksichtigt werden.

„Gerade suchen wir nach Möglichkeiten, wie wir diese Learnings anderen Veranstaltern kostenlos zur Verfügung stellen können“, erzählt Bader. Das könnte für den Festivalsektor ein riesiger Mehrwert sein, denn momentan gibt es in Deutschland so gut wie keine Datenerhebung. „Es hat noch nie jemand gefragt, welchen Anteil an den deutschen Gesamtemissionen der Festivalsektor hat. Das Ganze ist völlig absurd“, findet Jacob Bilabel. 

„Man möchte bis 2050 nahezu klimaneutral sein und in den nächsten 10 Jahren etwa 30 Prozent CO2 einsparen, ohne dass man in unzähligen Sektoren überhaupt den Ist-Zustand kennt.“

Doch ist es nicht schon eine enorme – wenn auch mit viel Trauer verbundene – CO2-Ersparnis, dass dieses Jahr fast alle Festivals pausieren? Ja und nein, sagt Jacob Bilabel. „Dieses Jahr ist natürlich ein Spezialfall, weil generell weniger gereist und weggegangen wird. Aber dass Festivals als Klimakiller bezeichnet werden, ist nicht immer gerechtfertigt. Die Green Music Initiative hat das einmal überschlagen und herausgefunden, dass der durchschnittliche Festival-Fußabdruck pro Besucher pro Tag nicht deutlich höher ist als das, was sie zuhause emittieren würden.“ Wenn 20.000 Menschen zusammen Musik hören würden, verteile sich der hohe Stromverbrauch auf jeden dieser Menschen. Die Alternative für die meisten der Festivalgänger*innen sei in einem normalen Sommer oftmals eine Flugreise, unzählige Club-Gänge oder Fahrten in benachbarte Länder. Auch das hohe Müllaufkommen auf einem Festival unterscheide sich nicht signifikant von dem Müll der zu Hause zusammenkommt: 

„Menschen in der Stadt sehen ihren Müll einfach nicht. Auf dem Festival ist es so, als würde jeder Späti, jeder Supermarkt, und jedes Restaurant seinen Müll auf die Straße stellen. Ein Festival ist Urbanität unter dem Brennglas.“

Das bedeutet nicht, dass man im Festivalsektor nichts ändern muss – es bedeutet, dass wir gleichermaßen auch im Alltag etwas ändern müssen. Das kann uns ein zugemülltes Festivalgelände vor Augen führen, doch vielleicht schafft es ja auch der völlig friedliche Anblick einer Party ohne Menschen. 

Die Pause kann für Festivals, die sich nachhaltiger organisieren und strukturieren wollen, eine große Chance bieten – vor allem beim Thema Energie gilt das auch in finanzieller Hinsicht. Wer also die (Förder-)Mittel aufbringen kann, könnte diese Zeit für nachhaltige Veränderungen nutzen, deren Effekt weit über dieses Jahr hinaus reicht. 

Was sagen wir also der grünen Tentakel, dem Moos-Meer und den halbstarken Eichen, die auf Festivalgeländen weltweit den Sommer ihres Lebens verbringen? Sicher freuen sie sich schon über eine kleine, liebevolle Botschaft: „Erholt euch gut. Genießt bewusst. Werdet groß, wachst über euch hinaus. Wir versuchen solange, dasselbe zu tun."

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Dieser Artikel stammt aus der ersten Ausgabe unsere Printmagazins. Das Magazin könnt ihr hier nicht mehr kaufen.

Was Ann-Sophie an Festivals am besten gefällt, ist das Gefühl, Teil einer gesellschaftlichen Utopie zu werden. Annsi schreibt auch abseits von Höme viel über das Thema Nachhaltigkeit und reist gerne, zuletzt nach Indien. Sie liebt es, auf Festivals neue Erfahrungen zu machen und hat so zum Beispiel mal bei einem schamanischen Vergebungsritual mitgemacht.