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Glamping Angebote auf Festivals

Camping ohne Dreck ist wie Sex ohne Orgasmus


 
 

text Sonja Winkler
redaktion Tina Hyunh-Le
fotos Sascha Krautz, Dominik WagnerTill Petersen, Johannes Jacobi, Alexander Schneider

Der Campingplatz ist in der Parallelwelt, die jedes Festival darstellt, immer ein besonderer Ort. Er ist Schauplatz für eine Woche Anarchie auf dem Acker.

 

So unterschiedlich und individuell jedes Festival mit seinen Besucher*innen und Acts ist, so verschieden sind auch Atmosphäre und Geschehen eines jeden Campingplatzes. Doch fest steht, er ist ein Ort, an dem Freundschaften innerhalb von Sekunden entstehen, die abgedrehtesten Ideen ihre Umsetzung finden und jegliche Alltagssorgen für ein paar Tage ihre Schwere verlieren.

In den letzten Jahren aber, konnte man eine Veränderung beobachten, die es schnell zu einem eigenen Namen gebracht hat – das sogenannte “Glamping”, welches für “glamourous camping” steht.

Das bedeutet, die Veranstalter*innen bieten ihren Festivalbesucher*innen die ein oder andere raffinierte Möglichkeit, ihre normalen Campingzelte gegen komfortablere Behausungen einzutauschen – gepaart mit vielen Extras, die den Aufenthalt angenehmer gestalten sollen.

Natürlich wirft die ganze Angelegenheit eine Kontroverse auf, über die man sich gut und gern eine Weile streiten kann, entweder bei warmem Dosenbier im Campingstuhl oder eben auf der Rooftop Terrasse mit einem Gin Tonic in der Hand.

Doch die Frage ist: Wie genau sieht das Ganze dann in der Realität aus? Dafür habe ich mal ein bisschen gestöbert und unsere Favoriten im Bereich Glamping auserkoren.

Ich zeige euch, welche Special-Komfort-Highlights ihr euch für wie viel Geld erstehen könnt, wenn ihr in diesem Sommer die staubigen Wege des Campingplatzes verlassen wollt.


Wir fangen an mit einem der größten und bekanntesten Festivals in Deutschland – dem Hurricane. Neben normalen Camping Tickets für den regulären Zeltplatz bzw. Wohnmobilstellplätzen kann man in verschiedensten Abstufungen das eigene Festivalerlebnis optimieren.

Beispielsweise gibt es extern abgesperrte Gebiete, die liebevoll als Ruf der Eule und Wolfsrudel-Resort betitelt werden. In diesen wird versprochen, dass man seine Zeit auf dem Hurricane verleben kann, ohne auf die eigenen 4 Wände bzw. Zeltplanen verzichten zu müssen“. Für 329€ pro Person erhält man im Ruf der Eule Resort Annehmlichkeiten wie z.B. eigene Parkplätze, beleuchtete (geschmackvoll beleuchtet natürlich) Wege, WLAN, Stromanschluss, eine eigene Rezeption und das wahrscheinlich wichtigste für viele – wassergespülte Toiletten.

Wem das allerdings noch zu wenig ist, der sollte lieber limitierter Teil des Wolfsrudel-Resorts werden. Hier wird es schon etwas komplizierter, denn Ticketpreise und Qualität der Unterkunft sind in 5 verschiedene Kategorien unterteilt, die die griffigen Titel “Bronze”, “Silber”, “Silber Plus”, “Gold” und “Gold for 4” tragen.

Preislich steigt man im Bronze Camp mit 439€ ein und hört beim Gold-Package mit 559€ auf.

Kleine Anmerkung am Rande: 2 der vier Kategorien sind bereits restlos ausverkauft (Stand 13. März 2019).

Nur die aufmerksame Recherche erlaubt es, herauszufinden wofür man 200€ mehr ausgeben sollte: Der hauptsächliche Unterschied zwischen den einzelnen Kategorien besteht darin, wie groß die Zelte, wie weich die Matratzen und (natürlich am wichtigsten) wie geschmackvoll die Inneneinrichtung ist.

Doch für alle, die immer noch das Gefühl haben, dass da noch Luft nach oben ist, hält das Hurricane noch etwas ganz besonderes bereit. Denn die Veranstalter*innen haben den absoluten Traum einer jeden Glamperin bzw. eines jeden Glampers entwickelt – die Hurricane Platin Lounge. Allein beim Lesen des ersten Satzes bekomme ich schon feuchte Augen…

In der Platin Lounge gehörst Du zu unseren exklusivsten Gästen unter abertausenden Musikfans und Feierwütigen, die im neuen zweiten Stockwerk des Hurricane Lounge Towers den besten Blick über das Festivalgelände und auf die Bühne genießen können.

Während dann einer der exklusivsten Gäste des Festivals in der obersten Etage der Platin-Lounge sitzt, bekommt er natürlich neben kostenlosem WLAN, VIP Parkplätzen, einem kostenlosen Shuttle und Zugang zur Aftershow-Party auch eine gebührende Versorgung. Auch dafür haben die Leute vom Hurricane die richtigen Worte gefunden, sodass mir direkt schon wieder warm im Bauch wird.

“Selbstverständlich sind Drinks und Food inklusive, das bedeutet für Dich: schlemmen wie Gott in Scheeßel und Drinks bis der Morgen graut.” 

Das alles kann man sich für alle 3 Tage zum Preis von 589€ erstehen.

Weiter geht es mit dem Deichbrand Festival – auch hier wird allen, die Abschied vom staubigen Flunky-Ball und langen Dixi-Schlangen nehmen wollen, eine Alternative geboten.

Hier trägt das Camping 2.0 den schmissigen Titel Comfort Village. Das Ganze geht noch einen Schritt weiter, indem für alle Gäste dieser Attraktion eine Art Mini-Dorf errichtet wird. Parkplätze direkt neben dem Festivalgelände und verschieden große Behausungen für alle. Abgerundet wird es mit einem/r eigenen/r Campmeister*in, der/die  für alle Sorgen und Nöte zur Verfügung steht, einem kleinen süßen Kiosk mit Bier, Kaffee und Brötchen und selbstverständlich den zwei Ws: Wassertoiletten und WLAN.

Man hat die Auswahl für verschieden große Gruppen, die exotischsten Hütten zu finden. Zur Auswahl stehen:

→ der Schrebergarten für 449€
→ Tipi 499€
→ Holzhütte 649€
→ Iglu für 799€


Last but not least das Festival, was über seine Dauer hinweg wirkt und von vielen schon mehr als Lebensgefühl angesehen wird. Passend dazu auch der eindringliche Name für die Festivalerfahrung der besonderen Art – die Rock am Ring Experience. Dort wird den Gästen ebenfalls ein bunter Blumenstrauß an exklusiven Campingmöglichkeiten geboten.

Für den kleinen Geldbeutel gibt es bereits aufgebaute Easy-Tents für 349€ pro Person. Diese stehen auf dem Exclusiv-VIP-Campingplatz, der direkt neben der Hauptbühne liegt. Auch hier wird auf den liebsten Begleiter der Deutschen besonders Wert gelegt, denn für jeden Camper ist ein persönlicher Parkplatz eingerichtet direkt neben dem eigenen Camp.
Wem jedoch ein schnödes Zelt nicht genügt, der kann sich für 599€ pro Person in das Rockotel einmieten. Damit wird den Besucher*innen die Entscheidung zwischen dem All-Inclusive Hotelurlaub und dem Festivalbesuch diesen Sommer genommen, indem sie einfach beides bekommen.

Die Rock am Ring Experience geht jedoch noch über die Upgrades für das Campen hinaus, denn im Ticket zusätzlich enthalten sind gleichzeitig ein Fast-Lane Zugang zum Gelände und die exklusive Möglichkeit im ersten Ring vor der Bühne zu feiern. Das allerdings auch nur so lang, bis der Bereich voll ist, dann bekommen die stolzen VIP-Ticket Besitzer*innen auch mal am eigenen Leib zu spüren, wie es ist, eine oder einer unterabertausenden Musikfans und Feierwütigen” zu sein.


Wobei wir alle doch vereint sind in dem Willen einfach ein Wochenende lang ’ne schöne Zeit zu verleben, wie soll jeder für sich entscheiden.

Jetzt wisst ihr Bescheid, wie ihr diesen Sommer mal fernab von Luftmatraze, Ravioli und Dosenbier die Festivalsaison verleben könnt. Mir ist durchaus bewusst, dass es nachvollziehbare Gründe gibt, irgendwann nicht mehr auf dem Boden liegend die Nächte verbringen zu wollen.

Wer Kinder hat oder bereits jahrzehntelange Schlammschlachten bereits hinter sich gebracht hat, dem können gern auch auf einem Festival ein paar ruhige Nächte beschert werden.  Was ich jedoch klar sagen ist, dass die Art und Weise, wie den Besucher*innen die zusätzlichen Angebote präsentiert werden, suggeriert, dass man durch Extrazahlungen zu Festivalbesucher*innen 1. Klasse avanciert und ich bin der Meinung, dass lässt den Eindruck einer Zwei-Klassen-Feiergemeinde entstehen. Wobei wir alle doch vereint sind in dem Willen einfach ein Wochenende lang ’ne schöne Zeit zu verleben, wie soll jeder für sich entscheiden.
Ob es darin besteht, betrunken Lieblingslieder in der ersten Reihe zu gröhlen und den größten Raviolidosenturm der Welt zu bauen oder sich einmal durch das Cannapé-Angebot zu probieren und gespannt dem Headliner von sicherem Abstand aus zuzuhören, spielt keine Rolle. Jeder ist jedoch immer Teil der gleichen Parallelwelt.

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