Magazin

Geschmacksfragen beim Nürnberg.Pop Festival

Ein Interview über Booking und Bandbreite


 
 

text Johannes Jacobi
redaktion Tina Huynh-Le 
fotos Florian Trykowski, Christina Karl, Bing-Hong Hsiao

Ganz nach dem Vorbild des Hamburger Reeperbahn Festivals und des Isländischen Iceland Airwaves bringen David Lodhi und das Team des Nürnberg.Pop seit 2011 einmal jährlich das Beste vom Neusten in ebendiese Stadt. In über 20 Spielstätten gibt es ein Line-Up aus international, national und regional – geschmackssicher und zeitgemäß kuratiert und durch die abwechslungsreichen Locations passend in Szene gesetzt. Klingt köstlich? Ist es auch – und deswegen wollten wir im Interview wissen, wie die Musik nach Nürnberg kommt.

 


Bitte stell dich doch mal kurz vor. Name, Alter, wie lange bist du schon für das Booking zuständig und wie fing alles an bei dir?
Hi, ich bin David Lodhi und 44 Jahre alt. Das erste Mal ein Festival mitveranstaltet habe ich 1998. Das waren Zeiten, da haben wir den DJ für die Aftershow Party noch mit 2 Kisten Bier und einer Flasche Gin entlohnt – Geld hatten wir keines mehr. 2005 habe ich den Club Stereo in Nürnberg mit aufgemacht, aus dem heraus vieles von dem, was ich heute mache, entstanden ist. Auch das Nürnberg.Pop Festival, das andererseits maßgeblich vom Reeperbahn Festival beeinflusst ist. Da haben Tommy Wurm, der Nürnberg.Pop mitveranstaltet, und ich 2010 mit unserer Band Wrongkong gespielt und sind zum ersten Mal dem Charme des Clubfestivalprinzips erlegen. Die südliche Nürnberger Altstadt hat eine ähnlich hohe Dichte an möglichen Spielstätten. Ein Jahr später ging es dann auch schon los mit neun Venues und 24 Acts.

Drei Songs, die heute in deiner Playlist laufen?
 Coma – Les Dilettantes (Roosevelt Remix)
 Goat Girl – Cracker Dool
 GoGo Penguin – Transient State

Ein Song, der in diesem Jahr bisher besonders häufig bei dir gelaufen ist?
Reykjavíkurdætur – Tista

Wie würdest du das Rezept für euer Line-Up in einem Satz zusammenfassen? 
Wir versuchen, eine Balance aus schon bekannten Künstlern, internationalen Neuentdeckungen und der regionalen und jungen bayrischen Musikszene zu halten.

Was schätzt du, wie viele Bandbewerbungen bekommt ihr jedes Jahr? Hörst du alle durch und sind die für euer Line-Up überhaupt relevant?
Ich schätze, drei pro Tag sind es locker. Wir hören uns eigentlich schon alle Bewerbungen an, solange wir das Gefühl haben, es handelt sich nicht um irgendeine copy & paste Massenmail. Bewerbungen über soziale Netzwerke ignorieren wir, hauptsächlich aus genau diesem Grund. Den allergrößten Teil des Programms buchen wir mit Agenten, mit denen wir schon lange zusammenarbeiten. Manchmal ergeben sich daraus auch schöne Kooperationen, z.B. dieses Jahr eine gemeinsame Festivalbühne mit Landstreicher Booking, auf der wir drei Newcomer vorstellen. Ähnliches haben wir in den vergangenen Jahren auch schon mit Audiolith oder Melt! Bookinggemacht. Vor allem Bands aus Nürnberg und Umgebung haben auf jeden Fall die Möglichkeit, uns mit einer schönen Bewerbung und guten Songs zu überzeugen. In Sachen Bandbreite sind wir grundsätzlich ziemlich offen, wobei man sagen muss, dass Genres wie Metal, Punk oder Ska eher eine kleinere Rolle gespielt haben bisher.

Wie gehst du mit der Erwartungshaltung eurer Gäste um? Es ist ja unmöglich, es allen recht zu machen, aber trifft dich Gemecker und Kritik persönlich und hat es Einfluss auf euer Booking?
Ich glaube heutzutage braucht man grundsätzlich ein dickes Fell, wenn man einen Job macht, der oder dessen Ergebnis in irgendeiner Art und Weise öffentlichkeitswirksam ist. Die Anzahl der Menschen, die in den sozialen Medien gerade bei den großen Festivals nichts Besseres zu tun haben als unter jedem Post zu meckern, ist gefühlt ganz schön groß. Es ist aber andererseits auch wichtig, ernstgemeinte Kritik aus all dem rauszufiltern und in die eigenen Überlegungen zu integrieren. Man kann sich immer verbessern und das Feedback der Gäste ist die mit wichtigste Rückmeldung hierzu.

Einfluss auf unser Booking hat das aber nur bedingt. Alleine schon weil die größte Venue beim Nürnberg.Pop in den letzten Jahren eine 450er Kapazität war, sind uns Grenzen gesetzt, die manch einer nicht versteht, wenn er sich Bands aufs Festival wünscht, die normalerweise eine 1500er Kapazität spielen. Das heißt nicht, dass wir solche Bands nicht schon das eine oder andere Mal aufs Nürnberg.Pop holen konnten. Aber da muss dann schon viel zusammenpassen.

Gibt es so etwas wie deinen größten persönlichen Erfolg beim Booking der letzten Jahre? 
Wir haben viele Jahre lang versucht, The Robocop Kraus dazu zu überreden, beim Nürnberg.Pop aufzutreten. Das war dann echt großartig, sie 2016 live auf dem Festival zu erleben.

Wie viel Prozent eures Line-Ups für dieses Jahr sind schon bestätigt?
100 Prozent.

Kannst du schon mehr darüber erzählen? Was wird ganz besonders gut, worüber freust du dich bisher am meisten und was kommt noch?
In alter Tradition werden wir eine größere Bandrutsche erst nach Ende der bayrischen Sommerferien Mitte September veröffentlichen. Daher darf ich noch nicht alles verraten. Ich freue mich aber auch nicht über eine spezielle Band am allermeisten, sondern über ein entdeckungsfreudiges Publikum, das auch die kleinen Bands in den kleinen Venues entdeckt und genauso feiert wie die Headliner.

Drei Acts aus eurer Festivalvergangenheit, an die du dich besonders gern erinnerst?
– Wir hatten 2012 zum ersten Mal eine Kirche als Spielstätte beim Festival mit dabei. Dort ist unter anderem die österreichische Künstlerin Gustav aufgetreten, die gegen Ende ihres Konzertes zum Kirchenaustritt aufgerufen hat. Bei der Nachlese mit dem Pastoralreferent waren wir uns echt nicht sicher, was passieren wird. Der hat sich dann mit uns zwei Stunden über weltpolitische Themen unterhalten und danach gemeint, dass alles gut ist.

– Ein Jahr später haben Mighty Oaks in der oben genannten Kirche gespielt, nachdem sie den Sommer unter anderem auf Stadionbühnen mit Kings of Leon verbracht hatten. Der Sänger hatte nach dem letzten Song Tränen in den Augen und konnte kaum sein Handy halten, um noch ein Bild zu machen. Alle Anwesenden waren sich sicher, dass das ein Anfang war. Von irgendetwas.

– Vor zwei Jahren hatten wir aufgrund einer relativ kurzfristigen Bandabsage noch einen Slot frei und haben aufgrund von zwei Songs auf Soundcloud fünf junge Männer gebucht, mit langen Haaren, bunten Hemden, teils fiesen Schnurrbärten und einem auf diesen zwei Songs wahnsinnig groovenden Discoansatz. Wir waren uns gar nicht sicher, ob und wer sich am Ende dafür interessiert. Diese fünf jungen Männer hießen Parcels und haben nach Meinung der Gäste eines der besten Konzerte abgeliefert die Nürnberg.Pop je erlebt hat.


Welches war das erste Festival, welches du selbst besucht hast und was ist dir davon besonders in Erinnerung geblieben?
Das wird irgendetwas in Nürnberg gewesen sein. Ich vermute, es war vor mehr als 25 Jahren. Könnte das Klüpfel Open Air gewesen sein. Das Klüpfel ist ein Kinder- & Jungendhaus mit einem kleinen Konzertsaal, der damals auch aufgrund der Arbeit eines grandiosen Bookers legendär in ganz Deutschland war. Unter anderem haben da die Sportfreunde ihr erstes Nürnberg-Konzert gespielt, soweit ich mich erinnere. Jedenfalls haben die einmal im Jahr ein Open Air auf der Wiese vor dem Haus direkt am Wöhrder See gemacht. Ich war mit einer größeren Gruppe von Bekannten da und wir haben uns ziemlich schnell ziemlich hergerichtet und uns dann nach dem Prinzip „alle auf einen“ über Stunden hinweg wechselweise ins Wasser geschmissen. An irgendwelche Bands kann ich mich nicht mehr erinnern.

Drei Festivals, die dich inspirieren und deren Line-Ups wir uns unbedingt anschauen sollten?
 Iceland Airwaves
 Reeperbahn Festival
 Maifeld Derby

Drei Festivals, die du in der Vergangenheit selbst besucht hast?
 Iceland Airwaves
 MS Dockville
 Maifeld Derby

Drei Festivals, die du in der Zukunft noch besuchen möchtest?
 G! Festival 
 Øya Festival 
 Primavera Sound

Mit allem Geld der Welt, was wäre dein Traum-Act für euer Festival?
Ich hab mal auf dem Iceland Airwaves FM Belfast in einer 200er Venue gesehen und Krakftklubhaben, als sie schon groß waren, im Bayreuther Glashaus gespielt, das noch kleiner ist. In diesem Sinne fände ich es toll, wenn Bands, die eigentlich viel zu groß dafür sind, Bock auf kleine, intime Clubshows haben – auch im Rahmen von Nürnberg.Pop. Dann würde ich mir Sonic Youth, Portishead oder Arcade Fire wünschen.

Auf welchen Wegen findest du neue Musik?
Das ist ganz unterschiedlich. Dadurch, dass ich das ganze Jahr im Booking arbeite, bekomme ich viel Input von Agenten und lerne auf diese Art und Weise viele Bands kennen. Spotify und manch ein Laberabend über Musik in einer guten Kneipe tun ihr Übriges.

Zum Abschluss verrate uns doch noch bitte deine Geheimtipps für 2018. Welche Acts sollte sich niemand entgehen lassen?
Úlfur Úlfur mit Agent Fresco als Backing Band. Hoffentlich gibt´s das auch mal außerhalb Islands live zusehen. Außerdem glaube ich, dass Sevdaliza ganz groß wird und wünsche der gerade starken und großartigen Nürnberger Szene rund um A Tale Of Golden Keys, Me & Reas und The Green Apple Sea, dass es noch weit hinaus geht.

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