Magazin

Geschmacksfragen beim Jenseits von Millionen Festival

Ein Interview über Booking, Zeitreise und SchäpperDäpper


 
 

text Johannes Jacobi
redaktion Tina Huynh-Le
fotos Dennis Schnieber, Nina Sartorius

Mit dem passendsten aller Namen ausgestattet, beglückt uns das Jenseits von Millionen Festival seit 2005 mit liebevollen Line-Ups voll kleiner Indie-Perlen. Fernab vom Trubel der Stadt oder großen Festivals kann man hier zur Ruhe kommen oder auch die alten Magnet-Club Zeiten aus Berlin wieder aufleben lassen. Schon lange kein Geheimtipp mehr, fühlt sich aber trotzdem noch so an.

 

Wir wollten wissen, wie die Musik zum Festival kommt und wie es aktuell läuft – und das Booking-Team hatte die passenden Antworten.

Bitte stellt euch doch mal kurz vor. 
Tim, 25, seit diesem Jahr mitunter fürs Booking verantwortlich.
Julius, 32, dieses Jahr zum ersten Mal Teil der Arbeit fürs Festival.
Wolf, 35, über den Helferposten in den Verein gerutscht, wo ich dieses Jahr erstmalig am Booking mitarbeite. Ganz angefangen hat es bei mir aber im ZMF, wo ich Konzerte und Parties veranstaltet habe.

Drei Songs, die heute in eurer Playlist laufen?
Tim: Son Lux – Slowly / Postcards – Bright Lights / LA Salami – Jean Is Gone
Wolf: Okin Cznupolowsky – Wo ist das Schweinchen / Lily Allen – Trigger Bang / The Asteroids Galaxy Tour – Surrender
Julius: Khruangbin – Mr White / Quilt – Saturday Bride / Buttering Trio – Falafel

Ein Song, der in diesem Jahr bisher besonders häufig bei euch gelaufen ist?
Tim: Hannah Epperson – 20/20 (Amelia)
Wolf: Fazerdaze – Little Uneasy
Julius: Talking Heads – This is must be the place

Wie würdet ihr das Rezept für euer Line-Up in einem Satz zusammenfassen? 
Tim: Indie mit Ecken und Kanten – aus Berlin und aller Welt.
Wolf: SchäpperDäpper mit BlingBling.

Was schätzt ihr, wie viele Bandbewerbungen bekommt ihr jedes Jahr? Hört ihr die alle durch und sind die für euer Line-Up überhaupt relevant?
Tim: Um die 300 Anfragen sind es bestimmt. Wenn die E-Mail persönlich ist, höre ich oft kurz rein. Die Acts, die ich interessant finde, schlag ich dann dem Rest vom Booking Team vor. Ich will nicht behaupten, dass wir uns alles sofort anhören, aber es gibt immer mal ein Wochenende, an dem ich mich ein paar Stunden hinsetze. Viele Bands kommen über die Agenturen, aber es gibt immer wieder ein paar Perlen, die keiner von uns kannte und die uns eine persönliche Mail geschickt haben. Wir versuchen, allen zu antworten – auch wenn wir manchmal ein paar Monate brauchen.
Julius: „Zimt“ hat uns zum Beispiel über diesen Weg gefunden.
Wolf: Teilweise muss man sich aber fragen, ob die Bands sich das Festival, an das sie schreiben, überhaupt mal angeschaut haben.



Wie geht ihr mit der Erwartungshaltung eurer Gäste um? Es ist ja unmöglich, es allen recht zu machen, aber trifft euch Gemecker und Kritik persönlich und hat es Einfluss auf euer Booking?
Tim: Wir versuchen, unseren eigenen Geschmack hinten anzustellen, aber wir buchen auch nicht für jeden einzelnen Gast. Unser Ziel ist es, neue spannende Acts vorzustellen, ein paar feine Headliner einzuladen und immer auch ein paar Überraschungen dabei zu haben. Wichtig ist dabei die Frage: Kann ich mir die Band gut auf der Festivalbühne vorstellen, funktioniert das mit dem Publikum, gefällt und unterhält die Band?

Wolf: Da wir ein eher kleines, familiäres Festival sind, ist der Kontakt zu den Gästen sehr direkt und die Kritik/Wünsche sachlich und konstruktiv. Es sind auch nicht wenige Gäste, die „nur“ wegen der schönen Stimmung kommen und die das Line-Up gar nicht wirklich interessiert. Also können wir machen was wir wollen.

Julius: Ich sehe das Festival nach all den Jahren als eine homogene Masse bestehend aus Künstlern, Fans, der Location und dem Team. Da gibt es also insgesamt einen Rahmen, an dem wir uns orientieren, sodass kaum Gemecker aufkommen dürfte. Kommt in Zukunft aber Kritik, dann empfinde ich das als wichtig und hilfreich.

Wie viel Prozent eures Line-Ups für dieses Jahr sind schon bestätigt?
Tim: Wir sind seit April so gut wie fertig mit dem Booking. Die Tinte ist noch nicht überall getrocknet und wir halten uns noch die Möglichkeit offen, noch einen weiteren Slot freizumachen, wenn uns in den nächsten Monaten eine Band live total umhaut.

Könnt ihr schon mehr darüber erzählen? Was wird ganz besonders gut, worüber freut ihr euch bisher am meisten und was kommt noch?
Tim: Ich freue mich, dass wir dieses Jahr einige internationale Acts auf unserer Bühne haben werden. Aus UK werden uns „Cassia“ mit wunderbar tanzbarem Brit-Rock beehren. Und aus dem Libanon reisen „Postcards“ an, die verträumt melancholischen Folk spielen. Außerdem freue ich mich auf Florian von „Talking to Turtles“, der uns dieses Jahr wieder auf der Burg Friedland besuchen wird – diesmal mit seinem neuen Projekt „Das Paradies“.

Wolf: Es wird wieder besondere stimmungsvolle Konzerte in der Kirche geben und ordentlich Tanzbares auf der Burg. Am meisten freue ich mich auf das Gesamt-Flair und das Zusammensein mit Freunden. Da wird die Musik fast Nebensache.

Julius: Mein musikalisches Highlight wird Zimt, aber mehr noch freue ich mich auf die Veranstaltung im Gesamten. Ich weiß, dass wir ein Musikfestival sind, genieße aber genauso sehr die familiäre Stimmung, die Location und die Indie-Party-After-Hour. Wer noch die Parties des alten Magnet Clubs im Prenzlauer Berg gefeiert hat, wird sich pudelwohl fühlen auf der Jenseits Zeitreise.

Welches war das erste Festival, welches ihr selbst besucht habt und was ist euch davon besonders in Erinnerung geblieben?
Tim: Ich war 2012 und 2013 beim Greenville Festival, ein musikalisch bunt durchmischtes Programm mit einem ganzen Haufen Headlinern – aber nur ca. 4.000 Gästen. Nachmittags lag ich bei 32° im Schatten mit 300 anderen Menschen auf der Wiese vor der Hauptbühne und habe „Kellermensch“ gesehen, die eine Show abgeliefert haben – irgendwo zwischen Arcade Fire und einer Metalband, als würden sie vor 5.000 Menschen spielen, super beeindruckend. Und abends spielten dann die „Flaming Lips“ mit Konfettikanone, 10 Tänzerinnen und einer riesigen LED Wand mit psychedelischen Visuals. Das gesamte Publikum war eine sich liebende Masse. Und Am Sonntag nach „Nick Cave“ hat es dann angefangen, zu stürmen, sodass man an Camping nicht mehr denken konnte. Fast alle Gäste wollten gleichzeitig abreisen, haben sich mit dem ganzen Zelt in eine große Halle geflüchtet und wurden nach und nach klitschnass mit dem Shuttle zum Bahnhof gefahren.

Julius: Das war das Woodsrock im Norden Deutschlands, auf dem ich Die Sterne live sehen durfte.

Wolf: Immergut 2000. Abgesehen davon, dass wir im Wald gezeltet und an die Polizeischule gepinkelt haben, kann ich mich nicht an viel erinnern. Muss also gut gewesen sein.

Drei Festivals, die euch inspirieren und deren Line-Ups wir uns unbedingt anschauen sollten?
Tim: Maifeld Derby, Tauron Nowa Muzyka, Torstraßen Festival
Wolf: Immergut, Auerworld, Kölpinstock
Julius: Beaches Brew, Immergut, Torstraßenfestival


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