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Gartenromantik und Festivalkultur

Erinnerungen vom Orange Blossom Special


Wenn der Winter endlich vorbei scheint, steht das Orange Blossom Special Festival schon fast wieder vor der Tür. Genau der richtige Zeitpunkt also, in Erinnerungen zu schwelgen, sich zu freuen, wenn eines der wenigen Tickets ergattert wurde oder sich zu ärgern, weil es nicht geklappt hat. Ausverkauft ist das 23. OBS nämlich schon seit geraumer Zeit. Selbstverständlich. Denn keines ist wie dieses und wenige Erinnerungen haben uns so sehr durch die kalte Jahreszeit geholfen wie die aus dem Garten in Beverungen.

text Johannes Jacobi
redaktion Tina Hyunh-Le
fotos Jean-Paul Pastor Guzmán



Es ist Sonntag, 11:30 Uhr und der Garten der Glitterhaus Villa ist rappelvoll. Traditionell kommt jetzt der Surprise-Act und die Gerüchteküche ist seit Freitag am Brodeln. Bewusst wurden im Team falsche Informationen gestreut, die auf einen Act aus dem Ausland schließen lassen. Bewusst weiß hier niemand irgendwas und die wenigen Eingeweihten schaffen es, den klitzekleinen Backstage Bereich neben der Bühne bis zuletzt abzuschirmen. Was jetzt passiert, ist irgendwie fast schon witzig, denn auf der Bühne stehen auf einmal Kettcar. Die Band, die auf den meisten anderen deutschen Festivals zur Prime Time auf der Hauptbühne spielen würde, steht hier jetzt um 11:30 Uhr am Morgen im rappelvollen Garten der Glitterhouse Villa – auf einer sechs Meter breiten Bühne wohlgemerkt.

Bezeichnend steht dieses Szenario für den besonderen Stellenwert, den das Orange Blossom Special hierzulande genießt. Seit 23 Jahren geht es hier um dieselben Werte, dasselbe Gefühl. Es werden keine Kompromisse eingegangen und es geht ausschließlich um das ungefilterte Festivalerlebnis der 3.500 Gäste – und um Musik. Keine verrückten Zeltplatzparties, keine irrwitzig blöden Sponsoring-Aktionen, kein Glitzer, keine Modenschau. Stattdessen Armdrücken und Afterparty mit Familienfeier-Charakter im Stadtkrug.




Dabei hat das OBS etwas geschafft, was großen Seltenheitswert im deutschen Festivalmarkt besitzt: Ticketverkauf und ausverkauftes Festival, vollkommen unabhängig vom modernen Headlinertum. Wenn sich das halbe Land auf drei, vier Bands als „neuer heißer Scheiß“ einschießt und die meisten Line-Ups dadurch austauschbarer nicht sein könnten, ist das hier in Beverungen egal. Wichtiger ist hier die Reihenfolge der Acts, die richtige Stimmung zur richtigen Tageszeit. Es fühlt sich fast an, als wäre beim vergeben der Bühnenslots der jeweilige Stand der Sonne und die damit verbundene Stimmung mit einbezogen worden. Egal, ob die jeweilige Band bekannt oder unbekannter ist, es ist davon auszugehen, dass die Musik genau für diesen Moment wie die Faust aufs Auge passt. Und das ist jeder einzelnen Person vor der Bühne bewusst.




Also: Ein Festival mit seinen Wurzeln im Folk, heute mit lauter unbekannten Bands in einem kleinen Garten? Knapp daneben. Denn so viel Feingefühl und die beschriebene Kompromisslosigkeit haben sich im Markt herumgesprochen und ermöglichen es dem Veranstalter Rembert Stiewe, auch Bands einzuladen, die sonst ganz oben auf den Line-Up Postern der ganz großen Festivals stehen. Ob das nun am Samstag die Giant Rooks sind oder 2017 AnnenMayKantereit, die mancherorts über 100.000 Euro Gage auffahren, aber dann eben aus Überzeugung und purer Spielfreude trotzdem noch mal hier im Garten auftauchen – für einen minimalen Bruchteil ihrer eigentlichen Gage.

Ein guter Ort

Der Witz, den die Genialität von Kettcar um 11:30 Uhr morgens innehatte, ist vergleichbar mit der Skurrilität des Freitagabends beim OBS. Schon der Anblick des Nightliners auf der engen Dorfstraße ist befremdlich und viele Gespräche an diesem Mittag drehen sich um die Person, die mit eben diesem Nightliner angekommen ist: Casper. Ein Act, dessen Produktionskosten ohne Gage an einem normalen Abend wahrscheinlich die Gesamtausgaben des OBS übersteigen, wird also heute Abend auf der 6 x 6 Meter Bühne spielen. Vor einem Publikum, das zu großen Teilen sicher eher weniger mit Hip Hop anfangen kann. Und als wenn das alles nicht schon krumm genug wäre, entschuldigt sich Casper später gefühlt nach jedem zweiten Song demütig für seine Anwesenheit. Er ist sich im Klaren darüber, dass das hier für alle Beteiligten aus gegenseitigem Respekt passiert, dass das hier nicht seine Fan-Base ist und vor allem, dass das hier eben kein Hurricane Festival ist. Es wirkt fast so, als hat er noch einmal Bock auf seine Anfangszeiten, in denen horrende Gagen und Abertausende von Fans keine Selbstverständlichkeit waren. Zurück zu den Wurzeln, egal vor welcher Crowd, Hauptsache an guten Orten spielen.



Ein guter Ort. Das ist das OBS und das wird bereits wenige Minuten nach unserer Ankunft am Donnerstag schon klar. Hier ist jeder und jede willkommen – im Gegenzug wird aber auch ein gutes Miteinander eingefordert. Wir bewegen uns vorsichtig erforschend über das sich im Aufbau befindliche Gelände und werden immer wieder von verschiedenen Mitgliedern des Orga-Teams neugierig angesprochen. Wir sind neu hier, das merken scheinbar alle sofort. In keiner Sekunde allerdings fühlt sich das befremdlich an, fühlen wir uns fehl am Platz. Wir werden aufgenommen, herumgeführt und so behandelt, als wären wir jetzt eben Teil der freundschaftlichen Runde. Keine Selbstverständlichkeit, wie wir nach zig Besuchen auf anderen kleinen und großen Festivals wissen. Eigentlich sollten all diese Menschen hier zu gestresst sein, keinen Kopf für andere Dinge haben und nicht höchstsensibel auf alle fremden Menschen im eigenen Garten achten. Tun sie aber. Und genau das macht hier den Unterschied. Gefühlt jede zweite Person erzählt uns, dass sie hier mal bei Glitterhouse Records Praktikum gemacht hat und „so eben ins OBS Team gerutscht ist“. Daher also auch das gute Werteverständnis und der herzlich-respektvolle Umgang miteinander. Denn Glitterhouse Chef und OBS Veranstalter Rembert Stiewe steht für eben genau das – und ganz offensichtlich versteht er, dies weiterzutragen und auch jüngere Generationen mit seiner Arbeit und seinem Sein zu inspirieren.






Es müsste einfach immer Musik da sein.

Jeder der drei Abende endet um Mitternacht auf dieselbe Weise. Das letzte Konzert ist gespielt und noch während der Applaus anhält, wird diese aus Absolute Giganten bekannte, herzerwärmende Stelle eingespielt. Eingesprochen auf einen Song der Band Sophia – die passenderweise auch den Samstagabend beenden – steht dieser Audioschnipsel irgendwie exemplarisch für die Stimmung auf dem Platz und für dieses Festival im Gesamten.

Alle Anwesenden werden herzlichst in die Nacht verabschiedet – denn selbstverständlich gibt es hier keinen Technofloor zum Durchtanzen. Das Gelände schließt und wer Lust auf mehr hat, zieht noch in den Stadtkrug. Eine urige Kneipe im Stadtzentrum. Beverungen trifft auf Festivalgäste und auch der größte Teil des Orga-Teams treibt sich hier noch rum. Jacken am Garderobenständer aufhängen, dichtgedrängt, wippend, nippend neue Freundschaften schließen und dann ab zurück auf den totenstillen Zeltplatz. Dieser liegt auf einer Wiese direkt an der Weser, ist inzwischen in Nebel getaucht und im Vergleich mit anderen Festivals wirkt das Szenario absolut unheimlich. Keine laute, stumpfe Musik, alle sind am Schlafen. Gut so, denn morgen früh geht es um 11:30 Uhr weiter und der Garten wird bis auf den letzten Platz gefüllt sein. Gefüllt mit Menschen, die hier sind, um Musik zu hören, die hier sind, weil sie das Orange Blossom verstanden haben. Die hier sind, weil das Orange Blossom Special Festival sie verstanden hat.











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